Paul Gauguin

Ein Mann gibt seine Stellung an der Pariser Börse auf und verschwindet. Erst in die Bretagne, dann weiter, immer weiter, bis ans Ende der bekannten Welt. Paul Gauguin suchte nicht das Exotische, er suchte eine Sprache, die es noch nicht gab. In den Dörfern der Bretagne begann er, Farben von ihrer beschreibenden Funktion zu lösen. Rot wurde Erregung, nicht Blut. Grün wurde Wachstum, nicht Wiese. Der Postimpressionismus fand in ihm einen Künstler, der die europäische Bildtradition verließ, ohne je ganz anzukommen. Seine Bilder blieben Zwischenräume, offen nach allen Seiten.

Wichtige Werke und Ausstellungen

Sein Werk kreist um wenige Gattungen, vor allem um die Malerei, aber auch um Holzschnitte und Keramik. Wiederkehrend tauchen Figuren in Landschaften auf, ruhend oder wartend, selten handelnd. Die Themen wechseln zwischen religiöser Ekstase und stiller Beobachtung, zwischen bretonischer Frömmigkeit und polynesischer Mythologie. Eine Spannung durchzieht alles, die nie aufgelöst wird.

    • Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? (D’où venons-nous? Que sommes-nous? Où allons-nous?, 1897) – Museum of Fine Arts, Boston
    • Arearea (Le Amusement, 1892) – Musée d’Orsay, Paris
    • Die Vision nach der Predigt (Vision après le sermon, 1888) – National Gallery of Scotland, Edinburgh
    • Vahine no te tiare (Frau mit einer Blume, 1891) – Ny Carlsberg Glyptotek, Kopenhagen
    • Ta Matete (Der Markt, 1892) – Kunstmuseum Basel
    • Nafea faa ipoipo (Wann heiratest du?, 1892) – Verkauft 2015 nach Katar
    • Der gelbe Christus (Le Christ jaune, 1889) – Albright-Knox Art Gallery, Buffalo
    • Ia Orana Maria (Gegrüßet seist du Maria, 1891) – Metropolitan Museum of Art, New York

Paul Gauguins künstlerische Entwicklung

Die künstlerische Laufbahn Paul Gauguins gleicht einer Reise vom Zentrum der Zivilisation an ihre vermeintlichen Ränder. Geboren am 7. Juni 1848 in Paris, verbrachte er seine Kindheit teilweise in Peru bei den Verwandten seiner Mutter. Diese frühen Eindrücke einer fremden Kultur sollten später sein künstlerisches Schaffen prägen.

Lehrjahre und Frühphase

Gauguins Weg zur Kunst führte über Umwege. Nach seiner Rückkehr aus Peru und dem Tod seines Vaters Clovis Gauguin – der auf der Überfahrt verstarb, als Paul erst eineinhalb Jahre alt war – sowie nach dem Tod seiner Mutter Aline, wuchs er in Frankreich auf und arbeitete zunächst als erfolgreicher Börsenmakler in Paris. Die Malerei betrieb er anfangs nur als Sonntagsmaler, sammelte aber bereits impressionistische Werke und knüpfte Kontakte zu Camille Pissarro.

Dieser wurde sein erster Mentor und führte ihn in die Technik der gebrochenen Farben ein – eine Methode, bei der reine Farbtöne nebeneinander gesetzt werden, statt sie auf der Palette zu mischen. Sein Vormund Gustave Arosa, ein Kunstsammler, hatte bereits früh sein Interesse an der Malerei geweckt, während sein unehelicher Sohn Émile Marae a Tai, den er mit seiner tahitianischen Gefährtin Pau’ura a Tai hatte, später selbst künstlerisch tätig wurde.

Der radikale Bruch mit der bürgerlichen Existenz

1883 traf Gauguin eine Entscheidung, die sein Leben und die Kunstgeschichte verändern sollte: Er gab seine lukrative Stellung auf, um sich ganz der Malerei zu widmen. Diese Flucht aus der geordneten Welt der Börse führte zu finanziellen Nöten und zur Trennung von seiner dänischen Frau Mette und den fünf Kindern. Was als romantische Künstlerexistenz begann, entwickelte sich zu einem Leben am Rande der Gesellschaft.

Die Schule von Pont-Aven und die Geburt des Synthetismus

In der Bretagne, besonders im Künstlerdorf Pont-Aven, fand Gauguin ab 1886 zu seiner eigenen Bildsprache. Gemeinsam mit Émile Bernard entwickelte er den Synthetismus – eine Malweise, die Formen vereinfacht und Farben symbolisch einsetzt. Die bretonischen Bäuerinnen in ihren traditionellen Trachten, die karge Landschaft und die archaische Religiosität der Region inspirierten ihn zu Werken wie „Die Vision nach der Predigt“. Hier trennte er erstmals die Farbe vollständig von ihrer beschreibenden Funktion: Die Wiese leuchtete zinnoberrot, nicht weil sie so aussah, sondern weil diese Farbe die spirituelle Intensität der Szene ausdrückte.

Höhepunkte der Karriere und Meisterwerke

Die produktivste Phase seines Schaffens begann mit seiner ersten Reise nach Tahiti 1891. Gauguin suchte eine Welt jenseits der europäischen Zivilisation, ein verlorenes Paradies, das er in seinen Bildern neu erschaffen wollte. In Papeete angekommen, fand er jedoch eine bereits von der Kolonialherrschaft geprägte Gesellschaft vor. Dennoch – oder gerade deshalb – schuf er seine Vision eines unberührten Paradieses in leuchtenden Farben.

Paul Gauguins Zusammenarbeit mit Vincent van Gogh in Arles

Ein entscheidendes Kapitel war sein Aufenthalt bei Vincent van Gogh in Arles 1888. Neun Wochen lang arbeiteten die beiden Künstler zusammen, tauschten Ideen aus und malten teilweise dieselben Motive. Ihre unterschiedlichen Temperamente – Gauguins kalkulierte Kontrolle gegen van Goghs emotionale Intensität – führten zu produktiven Spannungen, aber auch zu jenem verhängnisvollen Ende ihrer Zusammenarbeit, das mit van Goghs Selbstverstümmelung endete. Diese Zeit prägte beide Künstler. Gauguin festigte seinen dekorativen Stil, während van Gogh seine expressive Pinselführung weiterentwickelte.

Der Einfluss des Japonismus auf den Bildaufbau

Die japanischen Holzschnitte, die seit den 1860er Jahren Europa erreichten, veränderten Gauguins Verständnis von Komposition grundlegend. Von Hokusai und Hiroshige übernahm er die Idee, Bildräume durch Farbflächen statt durch Perspektive zu strukturieren. Seine tahitianischen Frauen sitzen oft wie die Figuren in japanischen Drucken: im Profil oder in Dreiviertelansicht, umgeben von ornamental gestalteten Hintergründen. Diese Verschmelzung östlicher und westlicher Bildtraditionen machte seine Werke zu visuellen Brücken zwischen den Kulturen.

Spätwerk und die letzten Jahre auf den Marquesas

Nach seiner Rückkehr nach Frankreich 1893 und einer enttäuschenden Ausstellung seiner Südseebilder kehrte Gauguin 1895 endgültig nach Tahiti zurück. Seine letzten Jahre verbrachte er auf den Marquesas-Inseln, wo er 1901 in Atuona auf Hiva Oa sein letztes Atelier einrichtete. Trotz Krankheit und zunehmender Isolation entstanden hier bedeutende Spätwerke.

Holzschnitte und Druckgrafik

Neben der Malerei experimentierte Gauguin intensiv mit grafischen Techniken. Seine Holzschnitte der Noa Noa-Serie zeigten eine rohe, expressive Kraft, die sich von der Feinheit japanischer Drucke bewusst absetzte. Er schnitzte die Druckstöcke mit groben Werkzeugen und ließ die Maserung des Holzes sichtbar – eine Technik, die später die deutschen Expressionisten begeisterte. Diese Arbeiten waren keine Reproduktionen seiner Gemälde, sondern eigenständige Kunstwerke, die die Geschichten Tahitis in einer ursprünglichen, fast archaischen Formensprache erzählten.

Paul Gauguins Primitivismus zwischen Kunst und kolonialer Perspektive

Gauguins Suche nach dem „Primitiven“ muss heute kritisch betrachtet werden. Seine Darstellung der tahitianischen Frauen – oft minderjährige Mädchen, mit denen er Beziehungen einging – zeigt eine koloniale Perspektive, die die lokale Kultur romantisierte und gleichzeitig ausbeutete. Die Tahitianerin Teha’amana, die er mit 13 Jahren zur Gefährtin nahm, erscheint in seinen Bildern als exotische Traumgestalt. Diese problematische Vermischung von künstlerischer Vision und persönlicher Ausbeutung wirft Schatten auf sein Werk und fordert eine differenzierte Betrachtung seiner Kunst. Die zeitgenössische samoanisch-japanische Künstlerin Yuki Kihara setzt sich in ihren Arbeiten kritisch mit Gauguins kolonialer Perspektive auseinander und dekonstruiert seine exotisierenden Darstellungen polynesischer Frauen.

Stilmerkmale von Paul Gauguin

Gauguins unverwechselbare Bildsprache entwickelte sich aus der bewussten Abkehr von der naturgetreuen Wiedergabe. Seine künstlerische Revolution begann mit einer einfachen Erkenntnis: Farbe muss nicht beschreiben, sie kann erzählen.

Der Cloisonnismus, benannt nach der mittelalterlichen Emailletechnik, wurde zu seinem Markenzeichen. Wie bei einem Kirchenfenster trennte er Farbflächen durch dunkle Konturen voneinander – nur dass seine „Fenster“ nicht das Himmelreich, sondern irdische Paradiese zeigten. Diese Technik verwandelte dreidimensionale Szenen in flächige Kompositionen, in denen jede Farbe ihre eigene symbolische Bedeutung trug. Grün stand nicht mehr für Gras, sondern für Fruchtbarkeit; Rot nicht für Blut, sondern für spirituelle Erregung. Der Symbolismus durchzog seine Werke wie ein verborgener Code, der entschlüsselt werden wollte. Tahitianische Mythen vermischten sich mit christlicher Ikonografie, polynesische Götter trafen auf bretonische Heilige.

Techniken und Materialien

Die handwerkliche Seite von Gauguins Kunst zeigt einen Experimentator, der traditionelle Grenzen sprengte. Seine Ölfarben trug er oft unverdünnt auf, direkt aus der Tube, was den Bildern eine pastose, fast skulpturale Oberfläche verlieh.

Seine Palette bestand aus reinen, ungemischten Farben – Kadmiumgelb, Ultramarinblau, Zinnoberrot –, die er in breiten, flachen Pinselstrichen nebeneinandersetzte. Diese Technik erzeugte eine Leuchtkraft, als würde das Licht von innen aus der Leinwand strahlen. Im Gegensatz zu den Impressionisten, die ihre Farben optisch verschmelzen ließen, bewahrte Gauguin jeden Farbton in seiner Reinheit. Die Leinwände grundierte er oft selbst, experimentierte mit verschiedenen Untergründen, um bestimmte Farbeffekte zu erzielen. Manchmal ließ er die rohe Leinwand durchscheinen, nutzte ihre Textur als zusätzliches Gestaltungselement. Diese bewusste Rohheit, diese Verweigerung akademischer Glätte, machte seine Bilder zu Manifesten einer neuen Kunstrichtung.

Gauguins Einfluss und Vermächtnis

Gauguins künstlerisches Erbe reicht weit über seine eigenen Werke hinaus. Seine radikale Neuinterpretation von Farbe und Form legte das Fundament für die Kunstrevolutionen des 20. Jahrhunderts. Die Wirkung seiner innovativen Bildsprache zeigt sich in den bedeutendsten Museen der Welt, von der Berliner Nationalgalerie bis zum Museum of Modern Art in New York, wo seine Werke als Meilensteine der modernen Malerei präsentiert werden. Sein Einfluss erstreckt sich über verschiedene künstlerische Strömungen und inspiriert bis heute Künstlerinnen und Künstler weltweit zu einer kritischen Auseinandersetzung mit seinem komplexen Vermächtnis.

Die Farben in der Malerei als Wegbereiter des Expressionismus

Die deutschen Expressionisten der Brücke-Gruppe sahen in Gauguin ihren direkten Vorläufer. Ernst Ludwig Kirchner und Karl Schmidt-Rottluff übernahmen seine Idee, dass Farbe Gefühle transportiert, nicht Realität abbildet. Was bei Gauguin die spirituelle Erregung bretonischer Bäuerinnen war, wurde bei Kirchner zur nervösen Energie der Großstadt Berlin. Die leuchtenden Farbflächen, die Gauguin für seine Südseevisionen nutzte, verwandelten sich in den expressionistischen Händen zu Ausdrücken innerer Zerrissenheit.

Henri Matisse und die Fauvisten verdankten Gauguin den Mut zur reinen Farbe. André Derain malte die Themse in London nicht grau, sondern gelb und orange – eine direkte Folge von Gauguins Befreiung der Farbe. Pablo Picasso studierte Gauguins Primitivismus und entwickelte daraus seine eigene Revolution: Den Kubismus, der die vereinfachten Formen noch radikaler zerlegte.

Paul Gauguins Platz in der Kunstgeschichte

Paul Gauguin hinterließ der Kunstwelt ein doppeltes Erbe: einerseits die technische Befreiung der Farbe von ihrer abbildenden Funktion, andererseits die unbequeme Frage, wie künstlerische Genialität und ethisches Versagen in einer Person zusammenfallen können. Seine Großmutter mütterlicherseits Flora Tristan war eine bekannte feministische Schriftstellerin und Sozialistin, deren rebellischer Geist sich in Gauguins eigenem Leben widerspiegelte – allerdings richtete sich seine Rebellion nicht gegen Ungerechtigkeit, sondern gegen die Konventionen der europäischen Kunst und Gesellschaft.

Was bleibt, ist eine Bildsprache, die das 20. Jahrhundert prägte wie wenige andere. Die Fauvisten lernten von ihm den Mut zur unrealistischen Farbe, die Expressionisten die Kraft der vereinfachten Form, die Abstrakten die Möglichkeit, Emotion ohne Gegenstand auszudrücken. Gleichzeitig steht sein Werk exemplarisch für den kolonialen Blick, der fremde Kulturen als Material für europäische Sehnsüchte instrumentalisierte. Paul Gauguin starb am 8. Mai 1903 in Atuona auf der Marquesas-Insel Hiva Oa im Alter von 54 Jahren.

QUICK FACTS

  • 1848-1883: Geboren in Paris, Kindheit teilweise in Peru, Karriere als Börsenmakler in Paris, erste Kontakte zum Impressionismus durch Gustave Arosa und Pissarro
  • 1883-1886: Aufgabe der Börsenkarriere, Trennung von Frau Mette und den Kindern, erste Aufenthalte in der Bretagne
  • 1886-1890: Entwicklung des Synthetismus in Pont-Aven mit Émile Bernard, Zusammenarbeit mit van Gogh in Arles, Entstehung des Cloisonnismus
  • 1891-1893: Erste Reise nach Tahiti, Schaffung der bedeutendsten Südseebilder, Beziehung zur 13-jährigen Teha’amana
  • 1895-1901: Endgültige Rückkehr nach Tahiti, zunehmende Isolation und Krankheit, Fortsetzung der Noa Noa-Serie
  • 1901-1903: Umzug nach Atuona auf den Marquesas-Inseln, Konflikt mit Kolonialbehörden, letzte bedeutende Werke
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