Der Expressionismus

Die Welt um 1900 bewegte sich schneller, als die Menschen es verkraften konnten. Die Großstädte wuchsen, die Fabriken lärmten, die Menschenmassen drängten sich auf Boulevards und in Mietskasernen, und unter der glatten Oberfläche der bürgerlichen Ordnung brodelte eine Nervosität, die Philosophen, Ärzte und Künstler gleichermaßen beschäftigte. Die Malerei hatte bis dahin gezeigt, wie die Welt aussieht — im Impressionismus sogar, wie sie in einem bestimmten Lichtmoment erscheint. Aber eine wachsende Zahl von Künstlern fand, dass das nicht genügte. Sie wollten nicht mehr zeigen, wie etwas aussieht, sondern wie es sich anfühlt. Aus diesem Bedürfnis entstand eine Kunst, die verzerrt, übertreibt, schreit — und damit eine Wahrheit trifft, die der ruhige Blick des Impressionismus nicht erreicht hatte.

Girl with Cat (1910) - Ernst Ludwig Kirchner
Mädchen mit Katze (1910) - Ernst Ludwig Kirchner

Warum die Kunst zu schreien begann

Der Expressionismus entstand nicht aus dem Nichts. Seine Wurzeln reichen in das späte 19. Jahrhundert zurück. Edvard Munchs Der Schrei von 1893 — eine Figur auf einer Brücke, den Mund aufgerissen, die Landschaft um sie herum in Wellen aufgelöst — nahm vieles vorweg, was die Expressionisten zwanzig Jahre später radikalisieren sollten. James Ensor malte in Belgien groteske Maskengesichter und Skelettszenen, die die bürgerliche Fassade zertrümmerten. Beide zeigten, dass Malerei nicht abbilden muss, sondern innere Zustände sichtbar machen kann.

Auch die Fauvisten um Henri Matisse arbeiteten ab 1905 mit grellen, unnatürlichen Farben und einer freien Pinselführung, die das akademische Publikum schockierte. Aber der Unterschied zum deutschen Expressionismus ist bezeichnend. Die Fauvisten setzten Farbe als Mittel der Harmonie und der Lebensfreude ein — ihre Bilder strahlen Wärme aus, selbst wenn sie provozieren. Die deutschen Expressionisten setzten Farbe als Mittel der Erschütterung ein. Dieselbe grelle Palette, aber eine völlig andere Absicht. Paris feierte die Farbe, Berlin und Dresden schrien mit ihr.

Hinter diesem Schrei stand eine Krise, die weit über die Kunst hinausging. Nietzsche hatte das Ende der alten Gewissheiten verkündet, Freud die Abgründe des Unbewussten geöffnet, die Industrialisierung die Lebenswelt der Menschen innerhalb einer Generation grundlegend verändert. Georg Simmel beschrieb in seinem Essay Die Großstädte und das Geistesleben von 1903 die Reizüberflutung des Stadtmenschen, dessen Nervensystem den ständigen Eindrücken nicht mehr gewachsen sei. Diese Diagnose traf den Kern dessen, was die Expressionisten empfanden. In den Großstädten des Deutschen Kaiserreichs — Berlin, Dresden, München — entstand eine Atmosphäre aus Tempo, Lärm, Anonymität und sozialer Spannung, die viele Künstler als bedrohlich empfanden.

Der Impressionismus hatte die Oberfläche der Welt mit großer Sensibilität gezeigt, der Post-Impressionismus verschiedene Wege darüber hinaus geöffnet. Der Expressionismus ging einen Schritt weiter — er wollte nicht mehr die Welt zeigen, sondern das, was die Welt mit dem Menschen macht.

Brücke, Blauer Reiter, Wien

Der Expressionismus entfaltete sich nicht als einheitliche Bewegung, sondern in mehreren Zentren, die unterschiedliche Schwerpunkte setzten. Was sie verband, war die Überzeugung, dass die akademische Kunst am Ende war und dass nur ein radikaler Neuanfang die Malerei wieder lebendig machen konnte.

Die Brücke, 1905 in Dresden gegründet, war die rohere, urbanere, provokantere der beiden großen deutschen Gruppen. Architekturstudenten, keine Akademie-Absolventen — Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Max Pechstein suchten bewusst den Bruch mit der bürgerlichen Kunsttradition. Der Name „Brücke“ stand für den Aufbruch in eine neue Kunst, und die Gruppe verstand sich als Gemeinschaft, nicht als Verein. Sie lebten und arbeiteten zusammen, teilten sich Ateliers und Modelle und verstanden Kunst als Lebensform, nicht als Beruf.

Ein zentraler Impuls kam aus der Begegnung mit außereuropäischer Kunst. Afrikanische Masken, ozeanische Skulpturen, Objekte aus dem Dresdner Völkerkundemuseum — die Brücke-Künstler fanden darin eine Unmittelbarkeit und rohe Kraft, die der akademischen Malerei fehlte. Auch mittelalterliche Holzschnitte und Volkskunst beeinflussten ihre Bildsprache. Diese Suche nach dem „Ursprünglichen“ war zeitbedingt und aus heutiger Sicht nicht frei von kolonialen Projektionen, aber sie trieb die formale Erneuerung voran. Die kantigen Formen, die reduzierten Flächen und die harten Kontraste der Brücke-Kunst haben hier ihren Ursprung.

Nach dem Umzug nach Berlin 1911 wurden ihre Bilder städtischer, nervöser, aggressiver. Die Gruppe zerbrach 1913 an persönlichen Spannungen, aber die künstlerische Wirkung war zu diesem Zeitpunkt bereits unumkehrbar.

Der Blaue Reiter, 1911 in München von Wassily Kandinsky und Franz Marc gegründet, war internationaler, spiritueller und abstrakter. Wo die Brücke aus einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten bestand, war der Blaue Reiter eher ein loses Netzwerk, das deutsche, russische, französische und schweizerische Künstler zusammenbrachte. Der Name stammt von einer gemeinsamen Vorliebe Kandinskys und Marcs — Kandinsky liebte Reiter, Marc liebte Blau. Die programmatische Offenheit des Namens war Absicht.

Kandinsky entwickelte eine Theorie der Farbe als direktes Ausdrucksmittel für seelische Zustände. In seiner Schrift Über das Geistige in der Kunst von 1911 legte er dar, dass Farben auf die Seele wirken wie Töne in der Musik — unmittelbar, ohne den Umweg über den Verstand. Diese Überzeugung führte ihn schrittweise zur Abstraktion, zur Auflösung des Gegenstands zugunsten reiner Form und Farbe. Marc malte Tiere in leuchtenden Farben als Symbole einer unschuldigen, noch nicht von der Zivilisation verdorbenen Welt. Der Blaue Reiter Almanach von 1912, gemeinsam herausgegeben von Kandinsky und Marc, versammelte Texte und Bilder aus verschiedenen Kulturen und Epochen nebeneinander — Kinderzeichnungen, bayerische Volkskunst, afrikanische Skulptur, ägyptische Schattenspiele. Die Botschaft war klar — Kunst kennt keine Hierarchien, und Ausdruck ist universell.

In Wien entwickelte sich ein Expressionismus, der den Blick noch radikaler nach innen richtete. Während die deutschen Expressionisten oft die Gesellschaft, die Großstadt oder die Natur zum Thema machten, konzentrierten sich die Wiener auf den Körper und die Psyche des Einzelnen. Egon Schiele malte den menschlichen Körper in verzerrten, oft schmerzhaften Posen — dünn, verletzlich, sexuell aufgeladen, ohne jeden Schutz. Seine Figuren wirken wie enthäutet, als hätte man ihnen die gesellschaftliche Fassade abgezogen. Oskar Kokoschka schuf Porträts von einer psychologischen Schonungslosigkeit, die unter die Haut der Dargestellten zu blicken scheint. Seine frühen „psychologischen Porträts“ zeigen nervöse Hände, fiebrige Augen und Gesichter, die mehr verraten, als die Dargestellten zeigen wollten.

Der Wiener Expressionismus war weniger an Gesellschaftskritik interessiert als der deutsche und stärker an den Abgründen des Individuums — Körper, Sexualität, Verfall, Sterblichkeit. Dass Freud in derselben Stadt praktizierte und seine Patienten auf der Couch dazu brachte, das Verborgene auszusprechen, ist kein Zufall. Die Psychoanalyse und der Wiener Expressionismus teilen denselben Impuls — das Verborgene sichtbar zu machen, auch wenn es verstört.

Farbe als Waffe, Form als Ausdruck

Die Technik des Expressionismus war bewusst anti-akademisch. Wo die Akademien glatte Oberflächen, korrekte Proportionen und harmonische Farben lehrten, setzten die Expressionisten auf Verzerrung, grelle Kontraste und rohe Pinselführung. Eine expressionistische Straßenszene zeigt keine korrekte Perspektive, sondern eine Perspektive, die sich verzerrt, die kippt, die den Betrachter in die Enge treibt. Ein expressionistisches Porträt zeigt kein realistisches Gesicht, sondern ein Gesicht, das eine Empfindung trägt — Angst, Wut, Ekstase, Einsamkeit.

Die Farbe wurde vom Gegenstand gelöst und zum eigenständigen Bedeutungsträger. Ein Himmel konnte grün sein, ein Gesicht blau, ein Pferd rot — nicht weil die Natur es so zeigte, sondern weil das Gefühl es verlangte. Diese Befreiung der Farbe, die im Post-Impressionismus begonnen hatte, wurde im Expressionismus zur Methode. Die Farbe diente nicht mehr der Beschreibung, sondern dem Ausdruck. Sie war weniger Mittel der Darstellung als Mittel der Konfrontation. Ein expressionistisches Bild will nicht gefallen — es will treffen.

Auch die Zeichnung veränderte sich. Die akademische Linie — glatt, kontrolliert, elegant — wich einer nervösen, hastigen, oft groben Strichführung. Die Unsicherheit des Strichs war gewollt, weil sie die Unsicherheit des Daseins spiegelte. Perfektion galt als Lüge, Unvollkommenheit als Ehrlichkeit.

Der Holzschnitt wurde zum bevorzugten druckgrafischen Medium der Expressionisten, besonders bei der Brücke. Die Technik passte zur Haltung — grobe Schnitte, harte Schwarz-Weiß-Kontraste, kein Platz für Feinheit oder Nuance. Ein expressionistischer Holzschnitt wirkt roh, direkt, fast gewaltsam. Die Brücke-Künstler griffen damit bewusst auf eine mittelalterliche Technik zurück und stellten sich gegen die technische Perfektion der akademischen Druckgrafik. Der Holzschnitt ermöglichte außerdem eine breite Verbreitung — Grafikmappen, Zeitschriften und Almanache wie der Blaue Reiter Almanach von 1912 trugen die expressionistischen Ideen weit über die Ausstellungsräume hinaus.

Großstadt, Krieg und die menschliche Psyche

Die Themen des Expressionismus kreisen um die Erfahrung des modernen Menschen — eines Menschen, der sich in der Großstadt verliert, im Krieg zerbricht und in seiner eigenen Psyche keine Ruhe findet. Der expressionistische Mensch ist kein Held und kein Bürger. Er ist nervös, verletzlich, oft am Rand des Zusammenbruchs, manchmal ekstatisch, meistens allein.

Die Großstadt war das zentrale Motiv, besonders nach dem Umzug der Brücke-Künstler nach Berlin. Die Straßen, die Menschenmassen, das elektrische Licht, die Geschwindigkeit — all das erscheint in expressionistischen Bildern nicht als Feier der Moderne wie bei den Impressionisten, sondern als Bedrohung. Die Figuren sind kantig, isoliert, aneinander vorbeigehend. Die Perspektive ist instabil, die Räume beengend. Prostituierte, Nachtschwärmer und anonyme Passanten bevölkern diese Bilder — Menschen am Rand der Gesellschaft, in denen die Expressionisten sich selbst spiegelten.

Der Erste Weltkrieg wurde zur Zäsur. Viele Expressionisten meldeten sich 1914 freiwillig, getragen von einer diffusen Hoffnung auf Erneuerung und Reinigung. Marc und Macke fielen an der Front. Kirchner erlitt einen Nervenzusammenbruch und wurde aus dem Militärdienst entlassen. Beckmann erlebte den Krieg als Sanitäter und kam als anderer Mensch zurück. Dix meldete sich freiwillig, kämpfte vier Jahre lang und verarbeitete das Erlebte in Bildern von einer Brutalität, die bis heute erschüttern. Die Bilder der Nachkriegszeit sind härter, zynischer und politischer als die Vorkriegsbilder. Der Expressionismus verlor seine frühe Unschuld und wurde zum Spiegel einer traumatisierten Gesellschaft.

In der Weimarer Republik verschob sich der Expressionismus in Richtung Neue Sachlichkeit — eine kühlere, nüchternere Malerei, die die expressionistische Verzerrung beibehielt, aber mit einem sozialkritischen, fast reportagehaften Blick verband. Dix‘ und Grosz‘ Bilder der 1920er Jahre zeigen Kriegsversehrte, Prostituierte, korrupte Bürger und Profiteure — eine Gesellschaft, die zwischen Trauma und Exzess, zwischen Elend und Vergnügungssucht taumelte.

Frauen im Expressionismus

Frauen spielten im Expressionismus eine wichtige Rolle, auch wenn die Kunstgeschichte sie lange hinter ihren männlichen Partnern und Kollegen verschwinden ließ. Das lag teilweise an der Struktur der Bewegung — die Brücke war ein explizit männlicher Bund, der Frauen nicht als Mitglieder aufnahm, sondern als Modelle und Musen behandelte. Der Blaue Reiter war offener, und hier fanden Frauen auch als Künstlerinnen Raum.

Gabriele Münter, Mitglied des Blauen Reiters und langjährige Lebensgefährtin Kandinskys, entwickelte eine eigenständige Bildsprache mit klaren Formen und kräftigen Farben, die sich von Kandinskys Weg zur Abstraktion deutlich unterschied. Ihr Werk wurde lange im Schatten Kandinskys wahrgenommen — zu Unrecht, denn ihre Bilder haben eine Direktheit und Materialität, die seine theoretisch durchdrungenen Arbeiten nicht besitzen. Münter rettete während der NS-Zeit einen bedeutenden Teil des Blaue-Reiter-Bestandes, indem sie Bilder in ihrem Haus in Murnau versteckte — ein Akt, ohne den wesentliche Werke der Kunstgeschichte verloren wären.

Marianne von Werefkin brachte eine russisch-expressionistische Tradition in den Blauen Reiter ein und schuf Bilder von starker emotionaler Dichte. Paula Modersohn-Becker, die 1907 mit nur 31 Jahren starb, gehört zu den Wegbereiterinnen des Expressionismus — ihre Selbstporträts und Mutter-Kind-Darstellungen verbinden eine reduzierte Formensprache mit einer Intensität, die ihrer Zeit voraus war. Sie malte den weiblichen Körper mit einer Selbstverständlichkeit, die im deutschen Kulturraum ihresgleichen suchte. Käthe Kollwitz arbeitete vorwiegend in Druckgrafik und Skulptur und widmete sich den Themen Armut, Krieg und Trauer mit einer Konsequenz, die ihre Werke zu den erschütterndsten der gesamten Epoche macht. Kollwitz war keine Expressionistin im engeren Sinne, aber ihre radikale Formvereinfachung und emotionale Wucht stellen sie in den Kontext der Bewegung.

Der Expressionismus jenseits der Malerei

Der Expressionismus erfasste nicht nur die bildende Kunst, sondern auch Film, Theater, Architektur und Literatur. In jedem dieser Felder ging es um dasselbe — die Verzerrung der äußeren Form, um eine innere Wahrheit sichtbar zu machen. Dass der Expressionismus so viele Kunstformen gleichzeitig durchdrang, unterscheidet ihn von den meisten anderen Epochen des 20. Jahrhunderts und macht ihn zu einer der umfassendsten kulturellen Bewegungen der Moderne.

Im Film wurde Robert Wienes Das Cabinet des Dr. Caligari von 1920 zum Schlüsselwerk. Schiefe Wände, verzerrte Schatten, gemalte Kulissen, die jede räumliche Logik aufheben — der Film übersetzte die expressionistische Bildsprache in bewegte Bilder und schuf eine Atmosphäre des Unheimlichen, die in der Filmgeschichte ohne Vorbild war. Friedrich Wilhelm Murnaus Nosferatu von 1922 nutzte ähnliche Mittel für den ersten bedeutenden Horrorfilm der Geschichte. Fritz Langs Metropolis von 1927 erweiterte den Ansatz zu einer monumentalen Vision der technisierten Großstadt, in der Architektur, Masse und Maschine den Menschen zermalmen. Die Tradition des expressionistischen Films wirkt im amerikanischen Film noir der 1940er Jahre und im modernen Horrorfilm fort — Tim Burtons Ästhetik wäre ohne Caligari kaum denkbar.

In der Architektur experimentierten Erich Mendelsohn und Bruno Taut mit organischen, skulpturalen Formen, die sich von der rechtwinkligen Tradition lösten. Mendelsohns Einsteinturm in Potsdam, 1921 fertiggestellt, ist eines der wenigen gebauten Beispiele expressionistischer Architektur — ein Gebäude, das wie eine einzige fließende Bewegung wirkt. Taut entwarf utopische Glashäuser und farbige Siedlungen, die den Expressionismus als Programm für eine neue Gesellschaft verstanden. Die meisten expressionistischen Architekturentwürfe blieben auf dem Papier — ihre Radikalität war baulich kaum umsetzbar, aber als Vision wirkten sie auf spätere organische Architektur weiter.

Im Theater sprengten Regisseure wie Max Reinhardt und Leopold Jessner die naturalistische Bühne auf und arbeiteten mit stilisierten Kulissen, grellem Licht und ekstatischer Körpersprache. Die expressionistische Dramatik eines Georg Kaiser oder Ernst Toller stellte das Individuum gegen die Maschine, das Gefühl gegen das System — Stücke, die oft keinen konkreten Ort und keine konkreten Figuren hatten, sondern Typen und Zustände zeigten. Auch die Literatur war vom Expressionismus durchdrungen — Georg Trakl, Gottfried Benn und Georg Heym schufen eine Lyrik der Zerstörung, des Verfalls und der visionären Intensität. Der Expressionismus war keine reine Malerbewegung, sondern eine Haltung, die alle Kunstformen erfasste.

Das Ende und die Nachwirkung

Das Ende des Expressionismus wurde von außen erzwungen. 1937 organisierten die Nationalsozialisten in München die Ausstellung „Entartete Kunst“, in der über 600 Werke der modernen Kunst — darunter zahlreiche expressionistische Gemälde und Grafiken — als krank, zersetzend und undeutsch vorgeführt wurden. Die Ausstellung war bewusst als Gegenstück zur gleichzeitigen „Großen Deutschen Kunstausstellung“ im neu erbauten Haus der Deutschen Kunst konzipiert, die eine akademisch-realistische, ideologiekonforme Kunst zeigte. Die „Entartete Kunst“ wurde absichtlich schlecht gehängt, mit spöttischen Kommentaren versehen und in enge Räume gepfercht — die Inszenierung sollte die Werke lächerlich machen.

Die Ausstellung zog über zwei Millionen Besucher an — mehr als jede andere Kunstausstellung in der Geschichte. Ob die Besucher aus Neugier, aus Empörung oder aus heimlicher Sympathie kamen, lässt sich nicht eindeutig klären. Viele der gezeigten Werke wurden anschließend beschlagnahmt. Ein Teil wurde im Ausland verkauft, um Devisen zu beschaffen, ein Teil wurde zerstört. Insgesamt beschlagnahmten die Nationalsozialisten über 20.000 Werke moderner Kunst aus deutschen Museen.

Kirchner nahm sich 1938 in der Schweiz das Leben, erschüttert über die Nachricht, dass seine Werke aus deutschen Sammlungen entfernt worden waren. Beckmann emigrierte in die Niederlande, später in die USA. Kandinsky und Klee hatten Deutschland bereits verlassen. Nolde, der sich selbst als Nationalsozialist verstand, wurde trotzdem als „entartet“ eingestuft und mit Malverbot belegt — ein Widerspruch, der zeigt, wie willkürlich die NS-Kulturpolitik operierte.

Die Nachwirkung setzte nach 1945 ein. Der Abstrakte Expressionismus in den USA — Jackson Pollock, Willem de Kooning, Mark Rothko — übernahm die Idee, dass Malerei vor allem Ausdruck innerer Zustände sei, und radikalisierte sie in Richtung vollständiger Gegenstandslosigkeit. In Deutschland wurde der Expressionismus nach dem Krieg als die verfemte, unterdrückte Tradition rehabilitiert und in den Kanon der Museen zurückgeholt. Die Neuen Wilden der 1980er Jahre — Georg Baselitz, Anselm Kiefer, A.R. Penck — griffen die expressionistische Bildsprache bewusst wieder auf und verbanden sie mit neuen Themen.

Der Expressionismus hat die Vorstellung davon, was Kunst darf, dauerhaft erweitert. Dass ein Bild nicht schön sein muss, um wahr zu sein, dass Verzerrung eine Form von Ehrlichkeit sein kann, dass Farbe und Form Gefühle transportieren, die Worte nicht erreichen — all das geht auf den Expressionismus zurück.

→ Wichtige Künstler des Expressionismus auf einen Blick

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