William Blake

In der Westminster Abbey, zwischen den steinernen Monumenten mittelalterlicher Könige, verbrachte ein junger Lehrling Jahre damit, Grabmäler zu zeichnen. Die gotischen Linien, die er dort studierte, sollten später in ganz anderer Form wiederkehren. William Blake, der 1757 in Soho geborene Kupferstecher, bewegte sich zeitlebens abseits dessen, was seine Epoche unter Kunst verstand. Die englische Romantik fand in ihm einen Außenseiter, der Dichtung und Bild nicht trennen wollte. Seine Visionen galten den Zeitgenossen als Sonderbarkeit. Dass sie mehr waren, zeigte sich erst viel später.

Wichtige Werke und Ausstellungen

Das Œuvre bewegt sich zwischen illuminierten Büchern, Aquarellen und Kupferstichen. Prophetische Dichtung verschmilzt darin mit mythologischen Figurenwelten. Wiederkehrend sind kosmische Konflikte, der menschliche Körper als Ausdruck innerer Zustände, die Spannung zwischen Gesetz und Freiheit. Die Grenzen der Gattungen verschwimmen dabei absichtsvoll.

  • Der Uralte der Tage (1794) – British Museum, London
  • Albion (um 1793) – British Museum, London
  • Newton (1795–um 1805) – Tate Britain, London
  • Die Parabel von den klugen und törichten Jungfrauen (um 1799–1800) – The Metropolitan Museum of Art, New York
  • Die große rote Drachenfigur und die Frau, mit der Sonne bekleidet (um 1803–1805) – Brooklyn Museum, New York
  • Der große rote Drache und das Tier aus dem Meer (um 1805) – National Gallery of Art, Washington
  • Der Geist eines Flohs (um 1819–1820) – Tate Britain, London
  • Liebeswirbelwind (um 1824–1827) – Birmingham Museum and Art Gallery

William Blakes künstlerische Entwicklung

Die künstlerische Laufbahn William Blakes erstreckte sich über sechs Jahrzehnte und war geprägt von einer beständigen Suche nach neuen Ausdrucksformen. Seine Entwicklung führte ihn von der traditionellen Kupferstecherei zu einer völlig neuartigen Kunstform, die Poesie, Malerei und Drucktechnik miteinander verband.

Lehrjahre und Frühphase

Mit zehn Jahren trat Blake in die Zeichenschule von Henry Pars ein, wo er die Grundlagen der Kunst erlernte. Die entscheidende Prägung erhielt er jedoch während seiner siebenjährigen Lehre bei James Basire, einem angesehenen Kupferstecher der Royal Society und der Society of Antiquaries. Basire schickte den jungen Blake in die Westminster Abbey und andere gotische Kirchen Londons, um mittelalterliche Grabmäler zu zeichnen.

Diese intensive Auseinandersetzung mit der gotischen Kunst prägte Blakes ästhetisches Empfinden nachhaltig – die klaren Konturen, die spirituelle Intensität und die symbolische Bildsprache der mittelalterlichen Kunst sollten sein gesamtes Schaffen durchziehen. Seine präzisen Zeichnungen mittelalterlicher Monumente legten das Fundament für seine spätere künstlerische Sprache.

Künstlerische Einflüsse und Vorbilder in der Ausbildung

Nach Abschluss seiner Lehre 1779 schrieb sich Blake an der Royal Academy of Arts ein, wo er mit den Werken Michelangelo Buonarrotis und Raffael Sanzios konfrontiert wurde. Besonders Michelangelos monumentale Figurendarstellungen und dessen Behandlung des menschlichen Körpers als Ausdruck spiritueller Zustände faszinierten ihn. Gleichzeitig studierte er intensiv die Kupferstiche Albrecht Dürers, dessen präzise Linienführung und symbolische Bildsprache er bewunderte.

Diese drei Einflüsse – die spirituelle Intensität der Gotik, die körperliche Ausdruckskraft Michelangelos und die technische Präzision Dürers – verschmolzen in Blakes eigenem Stil zu etwas völlig Neuem.

Die Erfindung der Reliefätzung und erste prophetische Bücher

Um 1788 entwickelte Blake als Erfinder einer revolutionären Drucktechnik die Reliefätzung, die es ihm ermöglichte, Text und Bild auf derselben Platte zu vereinen. Anders als bei herkömmlichen Kupferstichen, wo die Linien in die Platte geritzt werden, ätzte Blake die nicht zu druckenden Bereiche weg, sodass Text und Bild erhaben stehen blieben.

Diese Technik verwendete er erstmals für seine „Songs of Innocence“ (1789), deren 31 illuminierte Platten Gedichte und Illustrationen zu einer untrennbaren Einheit verbinden. Jeder Druck wurde anschließend von Hand koloriert, wodurch jedes Exemplar zu einem Unikat wurde.

Höhepunkte der Karriere und die Entwicklung der persönlichen Mythologie

Die 1790er Jahre markierten den Beginn von Blakes ambitioniertesten Unternehmungen – der Schöpfung seiner eigenen mythologischen Welt. In Werken wie „The Marriage of Heaven and Hell“ (1790-93) und „America: A Prophecy“ (1793) entwickelte er ein komplexes System mythischer Figuren, die seine philosophischen und politischen Überzeugungen verkörpern.

Zentrale Gestalten dieser Mythologie sind Urizen, der tyrannische Gott der Vernunft und des Gesetzes, Los, der Prophet der Vorstellungskraft, und Orc, der Geist der Revolution. Diese Figuren sind keine abstrakten Allegorien, sondern lebendige Charaktere, die in dramatischen Erzählungen agieren.

Die prophetischen Bücher und ihre Bedeutung

Die prophetischen Bücher erreichten ihren Höhepunkt mit „The Four Zoas“ (1797-1807), einem epischen Gedicht in neun Nächten, das die gesamte Geschichte der Menschheit vom Fall bis zur Erlösung erzählt. Obwohl Blake dieses Werk nie vollendete, enthält es einige seiner tiefgründigsten philosophischen Reflexionen über die menschliche Natur und das Verhältnis zwischen Vernunft, Emotion, Körper und Geist.

In „Milton: A Poem“ (1804-1810) und „Jerusalem: The Emanation of the Giant Albion“ (1804-1820) führte er diese Themen weiter aus und schuf dabei einige seiner beeindruckendsten visuellen Kompositionen, darunter die ikonische Darstellung des „Ancient of Days“ – Urizen mit dem Zirkel, der die materielle Welt vermisst und begrenzt.

William Blakes Auseinandersetzung mit Swedenborg und der Aufklärung

Blakes Denken wurde stark von Emanuel Swedenborg beeinflusst, dessen mystische Schriften er intensiv studierte. Swedenborgs Lehre von den Entsprechungen zwischen der materiellen und der spirituellen Welt findet sich in Blakes Konzept der „doppelten Vision“ wieder – der Fähigkeit, hinter den physischen Erscheinungen ihre spirituelle Bedeutung zu erkennen.

Als Naturmystiker entwickelte Blake eine scharfe Kritik an der mechanistischen Weltanschauung der Aufklärung, die er in seiner berühmten Darstellung „Newton“ (1795) zum Ausdruck brachte. Der große Wissenschaftler erscheint hier als nackter Mann, der gebeugt über seinen geometrischen Berechnungen sitzt, völlig versunken in die materielle Welt und blind für die spirituelle Dimension des Universums.

Spätwerk und die Rolle des Mäzenatentums

Die letzten zwei Jahrzehnte von Blakes Leben waren paradoxerweise sowohl von wirtschaftlicher Not als auch von außergewöhnlicher kreativer Produktivität geprägt. Entscheidend für diese fruchtbare Spätphase war die Unterstützung durch zwei Mäzene: Thomas Butts, ein Regierungsbeamter, der über zwanzig Jahre hinweg regelmäßig Werke bei Blake in Auftrag gab, und John Linnell, ein jüngerer Künstler und Kunsthändler, der Blake in seinen letzten Lebensjahren unterstützte.

Die biblischen Aquarelle und Illustrationen zu Dante

Für Thomas Butts schuf Blake zwischen 1800 und 1809 über 200 biblische Aquarelle, darunter die berühmte Serie der „Great Red Dragon“-Gemälde. Diese Darstellungen aus der Apokalypse zeigen Blakes Fähigkeit, spirituelle Visionen mit dramatischer Intensität zu visualisieren.

Der rote Drache erscheint als monumentale, muskulöse Gestalt von erschreckender Schönheit, die sowohl Faszination als auch Grauen hervorruft. Die Komposition dieser Werke – mit ihren wirbelnden Formen und der Spannung zwischen Licht und Dunkelheit – vermittelt die kosmische Dimension des apokalyptischen Kampfes.

Soziale und politische Kritik in den späten Werken

Bis zu seinem Lebensende blieb Blake ein scharfer Kritiker der sozialen Verhältnisse seiner Zeit. In Gedichten wie „London“ aus den „Songs of Experience“ prangerte er die Auswirkungen der Industrialisierung auf die menschliche Seele an. Die „dark Satanic Mills“ – die dunklen satanischen Mühlen – standen sinnbildlich für die zerstörerische Kraft der industriellen Revolution.

Seine Kritik richtete sich gleichermaßen gegen die etablierte Kirche, die er als korrumpierte Institution ansah, und gegen den Staat, dessen Kriege und Unterdrückungsmechanismen er in Werken wie „Europe: A Prophecy“ anprangerte.

William Blakes Stilmerkmale

Blakes unverwechselbarer Stil entwickelte sich aus seiner Überzeugung, dass die wahre Kunst nicht die äußere Natur nachahmen, sondern innere Visionen sichtbar machen sollte. Seine Figuren bewegen sich in einem Raum, der nicht den Gesetzen der physischen Welt folgt, sondern der Logik des Traums und der Vision.

Die Konturlinie oder Umrisslinie bildete das Fundament seiner künstlerischen Sprache. Blake betrachtete die klare, entschiedene Linie als Ausdruck geistiger Klarheit und lehnte die weichen Übergänge und Schattierungen des Neoklassizismus als Zeichen geistiger Verwirrung ab. Seine Figuren sind von kraftvollen Konturen umgeben, die ihnen eine monumentale Präsenz verleihen.

Die intensive Farbgebung seiner handkolorierten Drucke – leuchtende Gelb- und Orangetöne kontrastieren mit tiefen Blau- und Violetttönen – verstärkt die visionäre Qualität seiner Bilder. Diese Farbsymbolik folgt einem durchdachten System. Gold und Gelb stehen für spirituelle Erleuchtung, Rot für Leidenschaft und Revolution, während dunkle Töne die materielle Verhaftung symbolisieren. Das Erhabene in Blakes Kunst manifestiert sich in der Darstellung übermenschlicher Kräfte und kosmischer Konflikte, die den Betrachter mit der Unendlichkeit konfrontieren.

Techniken und Materialien

Die technische Innovation der Reliefätzung ermöglichte Blake eine völlig neue Form des künstlerischen Ausdrucks. Der Prozess begann damit, dass er seinen Text spiegelverkehrt mit einem säureresistenten Firnis direkt auf die Kupferplatte schrieb und zeichnete. Anschließend wurde die Platte in Säure getaucht, wodurch die ungeschützten Bereiche weggeätzt wurden und Text sowie Bild erhaben stehen blieben.

Nach dem Druck kolorierte Blake jedes Blatt individuell mit Aquarellfarben, wobei er oft Techniken wie Aquatinta einsetzte, um subtile Tonabstufungen zu erzielen. Für größere Gemälde verwendete er Tempera, eine Technik, die er von mittelalterlichen Manuskripten adaptierte. Diese Temperafarben, die er selbst aus Eigelb und Pigmenten mischte, verliehen seinen Werken eine leuchtende, fast transparente Qualität.

Die Kombination verschiedener Techniken – Reliefätzung, Aquarell, Tempera und gelegentlich Goldauftrag – resultierte in Werken von außergewöhnlicher visueller Komplexität. Jedes illuminierte Buch wurde so zu einem Gesamtkunstwerk, in dem die Grenzen zwischen Dichtung, Malerei und Druckgrafik vollständig aufgehoben waren.

Blakes Einfluss und Vermächtnis

Die Wirkungsgeschichte dieses visionären Künstlers zeigt, wie grundlegend er nachfolgende Generationen beeinflusste – von den Präraffaeliten bis zur Gegenkultur des 20. Jahrhunderts.

Nach Blakes Tod 1827 geriet sein Werk zunächst in Vergessenheit, bis es Mitte des 19. Jahrhunderts von Dante Gabriel Rossetti und den Präraffaeliten wiederentdeckt wurde. Sie erkannten in Blake einen Gleichgesinnten, der wie sie die spirituelle Dimension der Kunst betonte und sich gegen den materialistischen Zeitgeist wandte.

Rossettis Bruder William Michael Rossetti gab 1874 eine wichtige Edition von Blakes Gedichten heraus, die seine Dichtung einem breiteren Publikum zugänglich machte. Die Symbolisten des späten 19. Jahrhunderts, besonders in Frankreich, sahen in Blake einen Vorläufer ihrer eigenen Bestrebungen, durch Symbole und Visionen tiefere Wahrheiten auszudrücken.

Der Visionär als Inspiration für Gegenkultur und zeitgenössische Kunst

Im 20. Jahrhundert wurde Blake zur Ikone verschiedener Gegenkulturbewegungen. Die Beat-Dichter Allen Ginsberg und Jack Kerouac sahen in ihm einen spirituellen Vorfahren, der wie sie die Konventionen der Gesellschaft herausforderte. Ginsbergs visionäre Poesie ist ohne Blakes Einfluss undenkbar.

In der Populärkultur fanden Blakes Werke ebenfalls breiten Widerhall – Jim Morrison von The Doors benannte seine Band nach einem Blake-Zitat („If the doors of perception were cleansed…“), und zahlreiche Musiker von Bob Dylan bis Patti Smith bezogen sich auf seine Dichtung.

In der zeitgenössischen visionären Kunst leben Blakes Ideen weiter. Künstler, die sich mit Spiritualität, Mystik und alternativen Bewusstseinszuständen beschäftigen, finden in Blake einen wichtigen Bezugspunkt. Seine Wirkung reicht bis in die Gegenwart, wo sein Einfluss in Kunst, Literatur und Populärkultur ungebrochen ist.


William Blakes Platz in der Kunstgeschichte

Blake hinterließ der Nachwelt eine grundlegende Erkenntnis. Kunst muss nicht zwischen Wort und Bild wählen – sie kann beides zugleich sein. Seine Reliefätzung war mehr als eine technische Neuerung; sie war die praktische Umsetzung seiner Überzeugung, dass Imagination die höchste menschliche Fähigkeit darstellt. Während seine Zeitgenossen die Vernunft feierten, bestand er darauf, dass erst die visionäre Kraft des Geistes die Welt wirklich erfassen kann.

Seine mythologischen Figuren – Urizen, Los, Orc – wirken auf den ersten Blick fremd, doch sie verkörpern zeitlose menschliche Konflikte: den Kampf zwischen Ordnung und Freiheit, zwischen Verstand und Gefühl, zwischen Unterdrückung und Befreiung. Dass die Beat-Poeten und Rockmusiker des 20. Jahrhunderts in diesem Londoner Kupferstecher einen Seelenverwandten erkannten, zeigt die ungebrochene Aktualität seiner Botschaft. William Blake starb am 12. August 1827 in London im Alter von 69 Jahren.

QUICK FACTS

  • 1757-1767: Geboren am 28. November in London als Sohn des Strumpfmachers James Blake; zeigt früh künstlerische Begabung und berichtet von Visionen von Engeln
  • 1767-1772: Besuch der Zeichenschule von Henry Pars; Beginn der systematischen künstlerischen Ausbildung
  • 1772-1779: Lehre beim Kupferstecher James Basire; intensive Beschäftigung mit gotischer Kunst in Westminster Abbey
  • 1779-1785: Studium an der Royal Academy; Heirat mit Catherine Boucher 1782; Eröffnung einer Druckerei mit James Parker
  • 1788-1793: Entwicklung der Reliefätzung; Veröffentlichung von „Songs of Innocence“ (1789) und „The Marriage of Heaven and Hell“ (1790-93)
  • 1794-1799: Schaffensphase der großen prophetischen Bücher; Entstehung von „The Ancient of Days“ und den „Songs of Experience“
  • 1800-1803: Aufenthalt in Felpham bei William Hayley; Verhaftung wegen angeblichen Hochverrats (Freispruch 1804)
  • 1804-1809: Rückkehr nach London; Arbeit an „Milton“ und „Jerusalem“; gescheiterte Einzelausstellung 1809
  • 1810-1820: Jahre der Isolation und Armut; fortgesetzte Arbeit an „Jerusalem“; Unterstützung durch Thomas Butts
  • 1818-1827: Späte Anerkennung durch junge Künstler („The Ancients“), die sich als seine Schüler verstanden; Illustrationen zu Dantes Göttlicher Komödie; Tod am 12. August 1827
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