Paul Klee

In manchen seiner Bilder scheint die Linie selbst zu denken. Sie setzt an, zögert, biegt ab, findet ihren Weg durch Farbfelder wie durch eine Landschaft, die erst im Gehen entsteht. Paul Klee arbeitete so, als folge er einer inneren Stimme, die zwischen Musik und Mathematik pendelte. Er kam aus einer Familie von Musikern, spielte selbst Geige, und diese Herkunft blieb hörbar in allem, was er tat. Die Moderne suchte nach neuen Formen, Klee fand sie, indem er alte Grenzen nicht stürmte, sondern unterwanderte. Was dabei entstand, ließ sich keiner Strömung ganz zuordnen.

Wichtige Werke und Ausstellungen

Sein Schaffen bewegt sich zwischen Zeichnung, Aquarell und Ölbild, oft in Mischtechniken, die sich einer klaren Einordnung entziehen. Wiederkehrend sind Zeichen, Figuren, Architekturen, die wie Chiffren wirken. Nichts erklärt sich sofort, vieles bleibt in der Schwebe.

  • Senecio (1922) – Kunstmuseum Basel, Schweiz
  • Zwitscher-Maschine (1922) – Museum of Modern Art, New York, USA
  • Katze und Vogel (1928) – Museum of Modern Art, New York, USA
  • Feuer am Abend (1929) – Museum of Modern Art, New York, USA
  • Hauptweg und Nebenwege (1929) – Museum Ludwig, Köln, Deutschland
  • Ad Parnassum (1932) – Kunstmuseum Bern, Schweiz
  • Fischzauber (1925) – Philadelphia Museum of Art, USA
  • Insula dulcamara (1938) – Zentrum Paul Klee, Bern, Schweiz

Paul Klees künstlerische Entwicklung

Paul Klees künstlerische Entwicklung gleicht einer musikalischen Komposition, in der verschiedene Themen aufgegriffen, variiert und zu neuen Harmonien verwoben werden. Von der akademischen Ausbildung in München über die Begegnung mit der Avantgarde bis zur Lehrtätigkeit am Bauhaus durchlief er verschiedene Phasen, die sein Werk nachhaltig formten.

Frühe Jahre und Ausbildung

Der junge Klee wuchs im Elternhaus in Münchenbuchsee in einer musikalisch geprägten Umgebung auf. Sein Vater war Musiklehrer, seine Mutter eine ausgebildete Sängerin. Mit elf Jahren spielte Paul bereits als Geiger in der Bernischen Musikgesellschaft – die Musik sollte zeitlebens ein zentrales Element seines künstlerischen Denkens bleiben. 1898 zog er nach München, wo er zunächst bei Heinrich Knirr Zeichenunterricht nahm, bevor er an der Akademie der Bildenden Künste bei Franz von Stuck studierte.

Die italienische Studienreise und erste Erfolge

Nach dem Studium unternahm Klee 1901 eine prägende Italienreise. In Rom, Florenz und Neapel studierte er die Alten Meister, wobei ihn besonders die Proportionslehre und Farbgestaltung Giottos faszinierten. Nach seiner Rückkehr entstanden seine ersten bedeutenden Radierungen, darunter die Serie „Inventionen„, die bereits seine Neigung zum Grotesken und Phantastischen zeigten.

1906 heiratete er die Pianistin Lily Stumpf, mit der er 1907 den Sohn Felix bekam. Die junge Familie lebte zunächst in München, wo Klee seine ersten Ausstellungen in der Münchner Secession hatte.

Der Blaue Reiter und die Suche nach spiritueller Kunst

Ein Wendepunkt in Klees Entwicklung war die Begegnung mit der Künstlervereinigung „Der Blaue Reiter“ um Wassily Kandinsky und Franz Marc sowie dem erweiterten Kreis um August Macke und Alexej von Jawlensky. Die Gruppe, die sich 1911 formierte, suchte nach einer spirituellen Dimension in der Kunst jenseits der reinen Abbildung. Klee, der anfangs noch als Grafiker an der Redaktionsgemeinschaft beteiligt war, entwickelte durch den Austausch mit diesen Künstlern seine Vorstellung von der inneren Notwendigkeit der Form.

Besonders die Freundschaft mit Kandinsky sollte prägend werden – beide teilten die Überzeugung, dass Malerei und Musik verwandte Kunstformen seien. In dieser Zeit entstanden erste Arbeiten, in denen Klee mit der Auflösung der gegenständlichen Form experimentierte.

Paul Klees Begegnung mit Robert Delaunay in Paris

1912 reiste Klee nach Paris, wo er Robert Delaunay kennenlernte. Delaunays Orphismus – eine Kunstrichtung, die Farbe als selbstständiges Ausdrucksmittel begriff – öffnete Klee neue Wege. Die Idee, dass Farben wie Töne miteinander korrespondieren und eigene Rhythmen bilden können, wurde zu einem Grundpfeiler seiner späteren Farblehre. Auch die Werke von Picasso und den Kubisten, die er in Pariser Galerien studierte, erweiterten sein Verständnis von Form und Raum.

Die Tunisreise 1914 als künstlerischer Durchbruch

Die zweiwöchige Tunisreise im April 1914, die Klee gemeinsam mit August Macke und Louis Moilliet unternahm, markierte den entscheidenden Durchbruch zu seiner eigenen Bildsprache. In Tunis, Hammamet und Kairouan erlebte er eine Intensität von Licht und Farbe, die seine bisherige Vorstellung von Malerei vollkommen veränderte. Die nordafrikanische Architektur mit ihren kubischen Formen und das gleißende Sonnenlicht inspirierten ihn zu Aquarellen von leuchtender Transparenz.

Die Geburt des Farbkünstlers

In seinem Tagebuch notierte Klee während der Reise die berühmten Worte: „Die Farbe hat mich. Ich brauche nicht nach ihr zu haschen. Sie hat mich für immer, ich weiß das. Das ist der glücklichen Stunde Sinn: Ich und die Farbe sind eins. Ich bin Maler.“ Diese Erkenntnis war mehr als eine poetische Eingebung – sie markierte den Übergang vom primär zeichnerischen zum malerischen Werk.

Die in Tunesien entstandenen Aquarelle zeigen eine neue Freiheit im Umgang mit Farbe, die sich in transparenten Schichten überlagert und zu abstrakten Farbräumen verdichtet. Werke wie “Vor den Toren von Kairouan“ zeigen, wie Klee die gesehene Landschaft in ein Mosaik aus Farbfeldern verwandelte. Das Gemälde “Der Goldfisch” (1925) entstand später während seiner Bauhaus-Zeit und zeugt von der neu gewonnenen Farbsouveränität.

Paul Klee am Bauhaus: Lehre und Kunsttheorie

Nach dem Ersten Weltkrieg, den Klee als Soldat in der Fliegerschule erlebte, folgte er 1921 dem Ruf Walter Gropius‚ ans Bauhaus in Weimar. Dort übernahm er zunächst die Leitung der Buchbinderwerkstatt, später die Werkstatt für Glasmalerei sowie ab 1927 die Gestaltungslehre in der Weberei. Seine Lehrtätigkeit zwang ihn, seine intuitiven künstlerischen Prozesse zu systematisieren und in Worte zu fassen. Die daraus entstehenden theoretischen Schriften, insbesondere das Pädagogische Skizzenbuch von 1925, wurden zu Grundlagenwerken der modernen Kunstpädagogik.

Die Formlehre und polyphone Malerei

In seiner Formlehre entwickelte Klee ein komplexes System aus Punkt, Linie und Fläche, das er seinen Studenten vermittelte. Er begriff Malerei als eine Art visueller Polyphonie, in der verschiedene Bildelemente wie Stimmen in einem musikalischen Satz zusammenwirken. Diese Idee der polyphonen Malerei zeigt sich besonders in seinen Werken der Bauhaus-Zeit, etwa in  “Hauptwege und Nebenwege” (1929), wo sich verschiedene Farbschichten zu einem rhythmischen Gewebe verdichten.

Die Übersiedlung des Bauhauses nach Dessau 1925 brachte eine intensive Zusammenarbeit mit Kandinsky und Lyonel Feininger, mit denen er in der Meisterhaussiedlung lebte. In dieser Phase entstanden seine charakteristischen Schachbrettbilder und geometrischen Kompositionen.

Die Düsseldorfer Professur

1931 verließ Klee das Bauhaus und übernahm eine Professur an der Düsseldorfer Kunstakademie. Diese kurze, aber produktive Phase endete abrupt mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933. Seine Werke wurden als „entartete Kunst“ diffamiert, aus deutschen Museen entfernt und er selbst aus dem Lehramt entlassen. Die politische Verfolgung zwang ihn zur Rückkehr in die Schweiz, wo er sich in der Stadt Bern niederließ.

Spätwerk und Krankheit im Schweizer Exil

Die letzten sieben Jahre in der Schweiz waren geprägt vom Kampf gegen die fortschreitende Sklerodermie, eine Autoimmunerkrankung, die seine Beweglichkeit zunehmend einschränkte. Trotz oder gerade wegen dieser existenziellen Bedrohung erlebte Klee eine Phase intensivster Produktivität. Allein 1939 schuf er über 1.200 Werke – eine fast übermenschliche Leistung angesichts seiner körperlichen Verfassung.

Paul Klees Symbole und Zeichen des Spätwerks

Die Werke dieser Zeit zeigen eine radikale Vereinfachung der Form bei gleichzeitiger Verdichtung des Ausdrucks. Strichfiguren, die an Piktogramme oder Ideogramme erinnern, bevölkern seine Bilder. Die Titel werden rätselhafter, die Farben dunkler. In Werken wie “Tod und Feuer“ (1940) oder “Angelus Novus” (1920, aber erst spät bekannt geworden) verdichten sich persönliche Erfahrung und universelle Symbolik. Die reduzierten Zeichen funktionieren wie eine Art Bilderschrift, in der sich Klees Auseinandersetzung mit Vergänglichkeit und Transzendenz manifestiert. Bis zu seinem Tod arbeitete er mit Bleistift und Pinsel, wobei seine zitternde Hand den Linien eine neue, expressive Qualität verlieh.

Stilmerkmale von Paul Klee

Paul Klees unverwechselbarer Stil entwickelte sich aus der Synthese scheinbar widersprüchlicher Elemente: kindliche Spontaneität und analytische Präzision, musikalische Struktur und malerische Freiheit, östliche Kalligrafie und westliche Moderne.

Seine Farbgebung folgt einer eigenen Logik, die er in seiner Farblehre systematisch entwickelte. Farben sind für ihn nicht bloße Abbildungen der Natur, sondern eigenständige Kräfte, die miteinander in Dialog treten. Diese Auffassung zeigt sich besonders in seinen Quadratbildern, wo Farbfelder wie Töne einer Komposition nebeneinander gesetzt werden.

Die musikalische Struktur seiner Bilder manifestiert sich nicht nur in den Titeln – “Fuge in Rot” oder “Pastorale” –, sondern in der rhythmischen Organisation der Bildelemente. Wie in der Musik arbeitet Klee mit Wiederholungen, Variationen und Kontrapunkten. Seine Verwendung von Symbolen und Zeichen schöpft aus verschiedenen Quellen: Kinderzeichnungen, primitive Kunst, östliche Kalligrafie und eigene Erfindungen verschmelzen zu einer universellen Bildsprache. Dabei nutzt er bewusst den Automatismus als kreative Methode, lässt die Hand frei über das Papier wandern und entwickelt aus den entstehenden Linien seine Kompositionen.

Techniken und Materialien

Paul Klees Techniken und Materialien zeigen eine außergewöhnliche Experimentierfreude, die sein gesamtes Schaffen durchzieht. Er arbeitete gleichberechtigt mit Aquarell, Ölfarbe, Tempera und gemischten Techniken, wobei er oft mehrere Verfahren in einem Werk kombinierte.

Seine Innovation lag besonders in der Schichtung transparenter Farblagen, einer Technik, die er vom Divisionismus ableitete und weiterentwickelte. Dabei trug er dünne Lasuren übereinander auf, wodurch eine besondere Leuchtkraft entstand – die Farben scheinen von innen heraus zu glühen.

Als Bildträger nutzte Klee unkonventionelle Materialien: Zeitungspapier, Jute, Gaze oder präparierte Kreidegründe. Diese unterschiedlichen Untergründe beeinflussten die Wirkung der Farbe und erzeugten spezifische Texturen. In seinen Aquarellen und Gouachen entwickelte er ab 1925 eine eigene Spritztechnik, bei der er mit Bürste und Sieb oder Zerstäuber Farbe durch Schablonen auf Papier brachte und so wolkig-atmosphärische Hintergründe oder vielschichtige Figurengefüge schuf.

Seine Zeichnungen führte er mit Bleistift, Feder oder Pinsel aus, wobei er die Linie als autonomes Gestaltungsmittel begriff – „Eine Linie ist ein Punkt, der spazieren geht“, lautete seine berühmte Definition. Besonders charakteristisch sind seine Ölpausen, bei denen er Zeichnungen durch Ölpapier auf neue Bildträger übertrug und dabei zufällige Veränderungen als gestalterische Bereicherung nutzte.

Klees Einfluss und Vermächtnis

Paul Klees künstlerisches Erbe erstreckt sich weit über seine Lebenszeit hinaus und prägt bis heute die internationale Kunstszene. Seine innovativen Ansätze in Theorie und Praxis, die Verbindung von Intuition und System sowie seine einzigartige Bildsprache beeinflussten zahlreiche Kunstrichtungen und Künstlergenerationen der Moderne und Gegenwart.

Wirkung auf die Moderne und Nachkriegskunst

Klees Wirkung auf nachfolgende Künstlergenerationen kann in ihrer Breite und Tiefe kaum überschätzt werden. Die Surrealisten um André Breton erkannten in ihm einen Verwandten, der die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit aufhob. Joan Miró studierte intensiv Klees Zeichensprache und entwickelte daraus seine eigene symbolische Bildwelt.

In Amerika beeinflusste Klee die Entwicklung des Abstrakten Expressionismus. Mark Rothko bewunderte Klees Fähigkeit, spirituelle Inhalte durch Farbe zu vermitteln, während Jackson Pollock von Klees Idee der kontrollierten Zufälligkeit inspiriert wurde.

Paul Klee und die Musik in der bildenden Kunst

Klees Konzept der bildnerischen Polyphonie wurde wegweisend für Künstler, die sich mit der Verbindung von Musik und bildender Kunst beschäftigten. John Cage und die Fluxus-Bewegung griffen seine Ideen auf und übertrugen sie in neue mediale Kontexte. Die Vorstellung, dass ein Bild wie eine Partitur gelesen werden kann, prägte die Entwicklung der Konzeptkunst und Performance Art.

Bedeutung für die Kunstpädagogik

Seine pädagogischen Schriften und Lehrmethoden bilden bis heute die Grundlage moderner Kunstausbildung. Das Konzept, künstlerische Prozesse analytisch zu durchdringen ohne die Intuition zu verlieren, wurde zum Modell für zahlreiche Kunsthochschulen weltweit. Das Zentrum Paul Klee in Bern, 2005 eröffnet, bewahrt nicht nur den größten Teil seines Nachlasses, sondern setzt seine pädagogischen Ideen in zeitgenössischen Vermittlungsprogrammen fort.

Paul Klees Platz in der Kunstgeschichte

Paul Klee gelang etwas Seltenes: Er verband das scheinbar Unvereinbare. Seine Bilder wirken zugleich kindlich-verspielt und intellektuell durchdrungen, spontan hingeworfen und präzise konstruiert. Er dachte wie ein Musiker und malte wie ein Dichter – jede Linie wurde zur Melodie, jedes Farbfeld zum Vers. Dass er ausgerechnet in seinen letzten Jahren, gezeichnet von Krankheit und Vertreibung, seine produktivste Phase erlebte, zeigt die Kraft seiner künstlerischen Vision. Mit zitternder Hand schuf er Zeichen von universeller Gültigkeit, die weit über ihre Zeit hinausweisen. Paul Klee starb am 29. Juni 1940 in Muralto bei Locarno im Tessin im Alter von 60 Jahren.

QUICK FACTS

  • 1879–1898: Kindheit und Jugend in Münchenbuchsee, musikalische Ausbildung als Geiger
  • 1898–1901: Kunststudium in München bei Heinrich Knirr und Franz von Stuck
  • 1901–1902: Italienreise und erste Radierungen der Serie Inventionen
  • 1906–1920: Heirat mit Lily Stumpf, Geburt des Sohnes Felix, erste Einzelausstellung in der Galerie Goltz
  • 1911–1914: Mitgliedschaft beim Blauen Reiter, Kontakt zu Kandinsky, Marc und Macke
  • 1912: Paris-Aufenthalt und Begegnung mit Robert und Sonia Delaunay, Studium des Orphismus
  • 1914: Tunisreise mit Macke und Moilliet, Durchbruch zur Farbe
  • 1916–1918: Militärdienst im Ersten Weltkrieg, Arbeit in der Fliegerschule
  • 1921–1931: Berufung ans Bauhaus, Lehrtätigkeit in Weimar und Dessau
  • 1925: Veröffentlichung des Pädagogischen Skizzenbuchs, Umzug nach Dessau
  • 1931–1933: Professur an der Düsseldorfer Kunstakademie
  • 1933: Entlassung durch die Nationalsozialisten, Rückkehr in die Schweiz
  • 1935: Erste Anzeichen der Sklerodermie-Erkrankung
  • 1937: 17 Werke in der Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt; insgesamt 102 Werke aus deutschen Museen beschlagnahmt
  • 1939: Über 1.200 Werke entstehen trotz fortschreitender Krankheit
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