Rembrandt van Rijn

Amsterdam, um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts. Eine Stadt, die von Handel und Übersee lebte, in der Kaufleute ihre Gesichter für die Nachwelt festhalten wollten und Gilden repräsentative Gruppenbilder bestellten. In dieser Welt bewegte sich Rembrandt van Rijn mit einer Sicherheit, die ihn schnell zum gefragten Porträtisten machte. Doch sein Interesse galt nicht der Oberfläche. Was ihn antrieb, war das Licht, das auf ein Gesicht fällt, der Schatten, der sich in eine Falte legt. Die Malerei des niederländischen Barock fand in ihm einen Meister, der das Sichtbare befragte, statt es nur abzubilden.

Wichtige Werke und Ausstellungen

Sein Werk bewegt sich zwischen Historienmalerei und Porträt, zwischen biblischer Szene und dem eigenen Gesicht im Spiegel. Radierungen stehen neben großen Leinwänden, intime Zeichnungen neben repräsentativen Aufträgen. Immer wieder kehrt er zum Menschen zurück, zu dessen Haltung, Blick und innerer Bewegung.

  • Die Nachtwache (1642) – Rijksmuseum, Amsterdam
  • Die Anatomie des Dr. Nicolaes Tulp (1632) – Mauritshuis, Den Haag
  • Selbstporträt mit zwei Kreisen (ca. 1665-1669) – Kenwood House, London
  • Die Judenbraut (ca. 1667) – Rijksmuseum, Amsterdam
  • Rembrandt und Saskia im Gleichnis vom verlorenen Sohn (1635) – Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden
  • Die Kreuzaufrichtung Christi (ca. 1633) – Alte Pinakothek, München
  • Die Steinigung des Heiligen Stephanus (1625) – Musée des Beaux-Arts, Lyon
  • Die Rückkehr des verlorenen Sohnes (ca. 1668) – Eremitage, Sankt Petersburg

Rembrandt van Rijns künstlerische Entwicklung

Die künstlerische Laufbahn Rembrandts lässt sich in drei deutlich unterscheidbare Phasen gliedern, die jeweils von biografischen Wendepunkten und stilistischen Experimenten geprägt waren. Von den präzisen, fast miniaturhaften Arbeiten seiner Leidener Jahre über die eindrucksvollen Kompositionen seiner Amsterdamer Erfolgszeit bis hin zu den introspektiven, pastosen Werken seines Spätschaffens durchlief er eine bemerkenswerte Transformation.

 

 

Lehrjahre und Frühphase in Leiden

Der junge Rembrandt, Sohn des Müllers Harmen Gerritszoon van Rijn und der Bäckerstochter Neeltgen Willemsdochter van Zuytbrouck, begann seine künstlerische Ausbildung im Alter von vierzehn Jahren. Nach einem kurzen Besuch der Lateinschule in Leiden trat er in die Werkstatt von Jacob van Swanenburg ein, einem lokalen Maler, der ihm die Grundlagen der Malerei vermittelte. Drei Jahre verbrachte er bei diesem ersten Lehrmeister, bevor er 1624 für sechs Monate nach Amsterdam ging, um bei Pieter Lastman zu studieren.

Rembrandts Ausbildung bei Pieter Lastman und erste Erfolge

Lastman, der selbst in Italien gewesen war und die Kunst Caravaggios studiert hatte, öffnete dem jungen Rembrandt die Augen für die Möglichkeiten des Tenebrismus. Diese Technik des extremen Hell-Dunkel-Kontrasts sollte zu einem Markenzeichen von Rembrandts Stil werden. Nach seiner Rückkehr nach Leiden 1625 eröffnete der erst neunzehnjährige Rembrandt gemeinsam mit seinem Freund Jan Lievens eine eigene Werkstatt. Die beiden jungen Künstler arbeiteten so eng zusammen, dass ihre frühen Werke manchmal kaum zu unterscheiden sind.

Die Entdeckung durch Constantijn Huygens

Ein entscheidender Moment kam 1629, als der einflussreiche Sekretär des Statthalters, Constantijn Huygens, die Werkstatt der beiden jungen Künstler besuchte. Huygens war beeindruckt von Rembrandts Fähigkeit, Emotionen darzustellen, besonders in seinem Gemälde „Judas gibt die Silberlinge zurück“. Diese Begegnung öffnete Türen zu wichtigen Aufträgen und ebnete den Weg für Rembrandts Umzug nach Amsterdam 1631.

 

Höhepunkte der Karriere und die Amsterdamer Jahre

Amsterdam war zu Beginn des 17. Jahrhunderts eine der reichsten Städte Europas, ein pulsierendes Handelszentrum, in dem wohlhabende Kaufleute nach Porträts verlangten, die ihren Status widerspiegelten. Rembrandt ließ sich zunächst bei dem Kunsthändler Hendrick van Uylenburgh nieder, dessen Nichte Saskia er 1634 heiratete. Diese Verbindung brachte ihm nicht nur eine beträchtliche Mitgift von 40.000 Gulden, sondern auch Zugang zu den höchsten Kreisen der Amsterdamer Gesellschaft.

Die Rolle der Gruppenporträts und „Die Nachtwache“

Rembrandts Durchbruch in Amsterdam kam mit „Die Anatomie des Dr. Nicolaes Tulp“ (1632), einem Gruppenporträt der Chirurgengilde. Anstatt die Figuren in einer starren Reihe anzuordnen, wie es üblich war, schuf er eine dynamische Szene, in der die Zuschauer gebannt auf die Sektion blicken. Diese Fähigkeit, aus einem formellen Auftrag eine lebendige Geschichte zu machen, erreichte ihren Höhepunkt in „Die Nachtwache“ (1642). Das Gemälde zeigt die Kompanie von Kapitän Frans Banninck Cocq nicht in einer statischen Parade, sondern im Moment des Aufbruchs – ein wirbelndes Durcheinander von Bewegung, Licht und Schatten.

Die Bedeutung von Saskia van Uylenburgh für Rembrandt van Rijns Werk

Saskia wurde nicht nur Rembrandts Ehefrau, sondern auch seine Muse. Sie erscheint in zahllosen Werken – als Flora, als Artemisia, als vornehme Dame in prächtigen Gewändern. Das berühmte Doppelporträt „Rembrandt und Saskia im Gleichnis vom verlorenen Sohn“ (1635) zeigt das Paar in ausgelassener Stimmung und dokumentiert ihre glücklichen Jahre. Saskias Tod 1642, kurz nach der Geburt ihres Sohnes Titus, markierte einen Wendepunkt in Rembrandts Leben und Kunst.

 

Spätwerk und die Jahre der Introspektion

Nach Saskias Tod begann eine Phase persönlicher und finanzieller Turbulenzen. Rembrandt entwickelte eine Beziehung zu seiner Haushälterin Geertje Dircx und später zu Hendrickje Stoffels, die bis zu ihrem Tod 1663 seine Lebensgefährtin blieb. Diese Jahre waren geprägt von zunehmendem finanziellen Druck, der 1656 in seinem Bankrott gipfelte. Das prächtige Haus in der Sint-Anthonisbreestraat musste er verlassen, sein umfangreicher Besitz an Kunstwerken, Antiquitäten und kostbaren Objekten wurde versteigert.

Späte Experimente und Rembrandts kunsttheoretische Schriften

Trotz oder vielleicht gerade wegen dieser Schwierigkeiten erreichte Rembrandts Kunst in seinen letzten Jahren eine neue Tiefe. Die Pinselführung wurde freier, der Farbauftrag pastöser – man kann förmlich sehen, wie er die Farbe mit dem Palettenmesser auftrug und mit dem Pinselstiel in die noch feuchte Farbe kratzte. Seine Selbstporträts aus dieser Zeit sind schonungslose Dokumente des Alterns, in denen er sich ohne Beschönigung zeigt. Gleichzeitig arbeitete er an theoretischen Schriften über die Kunst, von denen leider nur Fragmente erhalten sind. In seinen Studien reflektierte er über die Beziehung zwischen Natur und künstlerischer Darstellung, wobei er auch atmosphärische Landschaften in seine Überlegungen einbezog.

Rembrandt van Rijns Stilmerkmale

Rembrandts stilistische Entwicklung vollzog sich in einer faszinierenden Metamorphose vom akribisch detaillierten Leidener Feinmalstil zum expressiven, fast abstrakten Spätstil seiner letzten Jahre. In seinen frühen Werken arbeitete er mit winzigen Pinseln und glatter Oberfläche – man könnte ein Vergrößerungsglas nehmen und würde immer noch neue Details entdecken. Doch schon damals war das dynamische Spiel von Licht und Schatten sein Markenzeichen. Er setzte Licht wie ein Theaterregisseur ein. Es fällt von einer unsichtbaren Quelle auf die Hauptfiguren und lässt alles Unwichtige im Dunkel verschwinden. Diese Technik des Chiaroscuro verwandelte er in ein Werkzeug der emotionalen Erzählung.

Im Spätwerk wurde seine Malweise zunehmend freier. Die Farbe wurde dick aufgetragen – Impasto nennt man diese Technik – sodass die Oberfläche seiner Gemälde fast skulptural wirkt. Aus der Nähe betrachtet, lösen sich die Formen in abstrakte Farbflecken auf, doch mit etwas Abstand fügen sie sich zu Gesichtern von erheblicher Ausdruckskraft zusammen.

Techniken und Materialien

Die technische Virtuosität Rembrandts zeigt sich nicht nur in seiner Malerei, sondern besonders eindrucksvoll in seinen Radierungen, die er zu einer eigenständigen Kunstform erhob. In seiner Werkstatt experimentierte er unermüdlich mit verschiedenen Materialien und Techniken. Für seine Gemälde verwendete er eine komplexe Schichtentechnik. Über einer Grundierung aus Kreide und Leim trug er dünne Farbschichten auf, die er mit transparenten Lasuren überzog. Diese Lasurtechnik verlieh seinen Werken eine Tiefe und Leuchtkraft, die noch heute verblüfft.

Bei seinen Radierungen ging er noch experimentierfreudiger vor. Er bearbeitete die Kupferplatten nicht nur mit der Radiernadel, sondern auch mit Kaltnadel und Grabstichel, kombinierte verschiedene Techniken und druckte auf unterschiedliche Papiersorten. Manchmal überarbeitete er eine Platte mehrfach, sodass verschiedene Zustände derselben Komposition entstanden – für Sammler heute begehrte Raritäten. Seine Tronies, jene charaktervollen Kopfstudien in exotischen Kostümen, dienten ihm als Übungsfeld für Ausdrucksstudien und waren gleichzeitig begehrte Sammlerobjekte. Seine experimentelle Herangehensweise wird auch in der Literatur zur Druckgraphik ausführlich diskutiert und analysiert.

Rembrandts Einfluss und Vermächtnis

Rembrandts außergewöhnliche Beherrschung der Historienmalerei und sein innovativer Umgang mit biblischen und mythologischen Themen begründeten ein künstlerisches Vermächtnis, das bis heute nachwirkt. Seine Fähigkeit, historische Szenen mit psychologischer Tiefe und menschlicher Authentizität zu füllen, revolutionierte die barocke Malerei und setzte neue Maßstäbe für nachfolgende Generationen.

Rembrandts Werkstatt in Amsterdam war mehr als nur ein Atelier – sie war eine Kunstakademie, durch die über die Jahre etwa fünfzig Schüler gingen. Namen wie Ferdinand Bol, Govert Flinck, Carel Fabritius und Arent de Gelder wurden selbst zu angesehenen Meistern. Rembrandt lehrte sie nicht nur Technik, sondern auch seine Philosophie: dass Kunst mehr sein sollte als handwerkliches Können, dass sie die menschliche Seele berühren sollte. Die Arbeitsweise in der Werkstatt war kollaborativ – Schüler kopierten Rembrandts Werke, assistierten bei großen Aufträgen und entwickelten dabei ihren eigenen Stil.

Wiederentdeckung durch Romantik und Impressionismus

Im 18. Jahrhundert, als der Klassizismus die glatte Perfektion bevorzugte, galt sein rauer Spätstil als unvollendet und grob. Doch mit der Romantik kam die Wiederentdeckung. Künstler wie Eugène Delacroix bewunderten seine emotionale Kraft, und die Impressionisten sahen in seiner freien Pinselführung einen Vorläufer ihrer eigenen Experimente. Vincent van Gogh, selbst Niederländer, studierte obsessiv Rembrandts Werke und sah in ihm einen Seelenverwandten. Selbst in der modernen Kunst bleibt Rembrandt relevant – Francis Bacon und Lucian Freud bezogen sich direkt auf seine schonungslosen Selbstporträts.

 

Rembrandt van Rijns Platz in der Kunstgeschichte

Rembrandts Leben und Werk offenbaren eine zentrale Erkenntnis. Künstlerische Größe entsteht nicht trotz, sondern oft gerade durch Widerstände. Während andere Maler seiner Zeit dem Publikumsgeschmack folgten, ging er den umgekehrten Weg – je mehr sich das äußere Leben verdunkelte, desto leuchtender wurde seine Kunst. Sein Bankrott befreite ihn paradoxerweise von den Zwängen des Kunstmarkts. Seine späten Werke, heute die teuersten und meistbewunderten, fanden damals kaum Käufer. Darin liegt die eigentliche Lektion seines Schaffens. Er malte nicht für seine Zeitgenossen, sondern für die Ewigkeit. Seine Selbstporträts dokumentieren nicht nur ein alterndes Gesicht, sondern eine künstlerische Haltung – den Mut, Verletzlichkeit zu zeigen und im Scheitern Stärke zu finden. Rembrandt van Rijn starb am 4. Oktober 1669 in Amsterdam im Alter von 63 Jahren.

QUICK FACTS

  • 1606-1625: Geboren am 15. Juli in Leiden als Sohn des Müllers Harmen Gerritszoon van Rijn; Besuch der Lateinschule und erste künstlerische Ausbildung bei Jacob van Swanenburg
  • 1624-1625: Sechsmonatige Ausbildung bei Pieter Lastman in Amsterdam; Rückkehr nach Leiden und Eröffnung einer eigenen Werkstatt mit Jan Lievens
  • 1631-1634: Umzug nach Amsterdam; Partnerschaft mit Kunsthändler Hendrick van Uylenburgh; Heirat mit dessen Nichte Saskia van Uylenburgh
  • 1632-1642: Große Erfolge mit Gruppenporträts wie „Die Anatomie des Dr. Tulp“ und „Die Nachtwache“; Erwerb des prächtigen Hauses in der Sint-Anthonisbreestraat
  • 1642-1649: Tod von Saskia; Beziehung zu Geertje Dircx; Beginn finanzieller Schwierigkeiten trotz kontinuierlicher Arbeit
  • 1649-1656: Beziehung zu Hendrickje Stoffels; Geburt der Tochter Cornelia (1654); zunehmende Geldprobleme führen zum Bankrott
  • 1656-1663: Zwangsversteigerung von Haus und Kunstsammlung; Umzug in die Rozengracht; Hendrickje und Titus gründen Kunsthandel zur finanziellen Unterstützung
  • 1663-1669: Tod von Hendrickje (1663) und Titus (1668); letzte große Werke entstehen trotz persönlicher Tragödien
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