Gian Lorenzo Bernini
Ein Engel hebt den Pfeil und der Marmor scheint zu atmen. Was Gian Lorenzo Bernini dem Stein abverlangte, hatte vor ihm niemand gewagt. Nicht die Darstellung eines Körpers interessierte ihn, sondern der Moment, in dem sich alles entscheidet. Der Augenblick vor dem Wurf, der Schrei vor der Verwandlung, die Berührung vor dem Schmerz. In Rom, wo er als Kind ankam und als alter Mann starb, formte er über Jahrzehnte eine Bildsprache, die den Barock erst möglich machte. Sein Vater, selbst Bildhauer, erkannte früh, was in dem Jungen steckte. Doch was Bernini daraus entwickelte, ging weit über jede Lehre hinaus.
Wichtige Werke und Ausstellungen
Sein Schaffen bewegte sich zwischen mythologischer Erzählung und religiöser Ekstase, zwischen intimem Porträt und monumentaler Inszenierung. Skulpturen, Brunnen, Kapellen, ganze Platzanlagen entstanden unter seiner Regie. Dabei blieb die Frage nach dem richtigen Moment, nach Licht und Bewegung, das eigentliche Thema.
- Aeneas, Anchises und Ascanius (1618–1619) – Galleria Borghese, Rom
- Raub der Proserpina (1621–1622) – Galleria Borghese, Rom
- David (1623–1624) – Galleria Borghese, Rom
- Baldachin im Petersdom (1624–1633) – Petersdom, Vatikan
- Büste des Papst Urban VIII. (ca. 1632) – Musei Vaticani, Rom
- Ekstase der Heiligen Theresa (1647–1652) – Santa Maria della Vittoria, Rom
- Vierströmebrunnen (1648–1651) – Piazza Navona, Rom
- Die selige Ludovica Albertoni (1671–1674) – San Francesco a Ripa, Rom
Gian Lorenzo Berninis künstlerische Entwicklung
Berninis künstlerischer Werdegang gleicht einer sorgfältig choreografierten Aufführung in drei Akten. Von der frühen Virtuosität über die triumphale Mitte bis zur verinnerlichten Spiritualität seines Spätwerks entwickelte er eine Formensprache, die das europäische Kunstverständnis für Jahrhunderte prägen sollte. Sein unermüdlicher Drang nach Innovation und Perfektion manifestierte sich in jedem seiner Schaffensperioden und begründete seinen Ruf als Genie des Barock. Dabei experimentierte er nicht nur mit Skulpturen, sondern schuf auch bedeutende Gemälde in seinen frühen Jahren.
Lehrjahre und Frühphase in Rom
Pietro Bernini, selbst ein geschätzter Bildhauer aus Florenz, erkannte früh das außergewöhnliche Talent seines Sohnes Gianlorenzo. Als die Familie 1606 nach Rom übersiedelte, öffnete sich dem jungen Bernini eine Welt antiker Skulpturen und Renaissance-Meisterwerke. In den Werkstätten seines Vaters lernte er nicht nur die technische Beherrschung des Marmors, sondern studierte gleichzeitig die Werke Michelangelo Buonarrotis im Vatikan und die hellenistische Skulptur in den römischen Sammlungen.
Die Förderung durch Kardinal Scipione Borghese
Der Durchbruch kam durch Kardinal Scipione Borghese, einen der bedeutendsten Kunstmäzene seiner Zeit. Der Neffe von Papst Paul V. erkannte in dem kaum zwanzigjährigen Bernini einen Künstler, der die Antike nicht kopierte, sondern übertraf. Für die Villa Borghese schuf Bernini zwischen 1618 und 1625 eine Serie mythologischer Gruppen, die seine Fähigkeit demonstrierten, Geschichten im entscheidenden Augenblick einzufrieren. Bei „Aeneas, Anchises und Ascanius“ zeigt sich noch der Einfluss seines Vaters, doch bereits beim „Raub der Proserpina“ explodiert die Handlung förmlich aus dem Marmor heraus – Plutos Finger graben sich in Proserpinas Fleisch, ihre Tränen scheinen jeden Moment zu fallen.
Apollo und Daphne – Die Metamorphose in Marmor
Mit „Apollo und Daphne“ (1622-1625) erreichte Bernini einen ersten Höhepunkt. Die Verwandlung der fliehenden Nymphe in einen Lorbeerbaum – ihre Finger werden zu Zweigen, ihre Haut zu Rinde – demonstriert eine technische Virtuosität, die selbst erfahrene Bildhauer in Erstaunen versetzte. Der Kontrapost der Figuren, ihre gegenläufige Bewegung und die unterschiedlichen Oberflächentexturen von Fleisch, Haar und Rinde zeigen einen Künstler, der den Marmor vollständig beherrschte.
Höhepunkte der Karriere und Meisterwerke
Die Wahl von Maffeo Barberini zum Papst Urban VIII. im Jahr 1623 markierte den Beginn von Berninis goldener Ära. Der neue Papst, selbst ein Kenner und Dichter, erkannte in Bernini den Künstler, der Rom zur Hauptstadt des katholischen Triumphs machen konnte. „Ihr habt das Glück, Cavalier Bernini in eurem Pontifikat zu sehen“, soll Urban VIII. gesagt haben, „doch noch größer ist sein Glück, dass Maffeo Barberini Papst ist.“
Der Baldachin und das Prinzip des Bel Composto
Der monumentale Baldachin über dem Papstaltar im Petersdom (1624-1633) wurde Berninis erste große architektonische Herausforderung. Fast 30 Meter hoch, verschmilzt er Architektur, Skulptur und symbolische Bedeutung zu einem Gesamtkunstwerk – dem „Bel Composto“. Die gedrehten Säulen aus Bronze, die an den salomonischen Tempel erinnern, tragen ein Gebälk, das gleichzeitig massiv und schwebend wirkt. Engel und Putten bevölkern die Ecken, während die Bienen der Barberini als heraldische Zeichen die päpstliche Autorität verkünden.
Gian Lorenzo Berninis Rivalität mit Francesco Borromini
Während der Arbeit am Baldachin begann die komplizierte Beziehung zu Francesco Borromini, der zunächst als Berninis Assistent arbeitete. Borrominis mathematisch-geometrischer Ansatz stand in scharfem Kontrast zu Berninis theatralischer Dramaturgie. Diese Rivalität sollte beide Künstler zu Höchstleistungen antreiben. Als Papst Innozenz X. Pamphilj 1644 den Thron bestieg und Bernini zunächst in Ungnade fiel, schien Borromini zu triumphieren. Doch Bernini eroberte sich die päpstliche Gunst mit dem Vierströmebrunnen auf der Piazza Navona zurück – einer direkten Antwort auf Borrominis Kirche Sant’Agnese an derselben Piazza.
Spätwerk und spirituelle Vertiefung
Nach 1665, als Bernini von seiner enttäuschenden Reise nach Frankreich zu König Ludwig XIV. zurückkehrte, vertiefte sich sein Stil. Die äußere Dramatik wich einer intensiveren Innerlichkeit. Die „Selige Ludovica Albertoni“ (1671-1674) in San Francesco a Ripa zeigt keine ekstatische Heilige mehr, sondern eine Sterbende im Moment des Übergangs. Das Spiel von Licht und Schatten, das durch ein verborgenes Fenster orchestriert wird, verwandelt den weißen Marmor in ein Chiaroscuro von Berninis eigenem Lebensabend.
Die kunsttheoretischen Schriften und das Vermächtnis
In seinen letzten Jahren widmete sich Bernini verstärkt der Theorie seiner Kunst. Seine Gespräche, aufgezeichnet von seinem Sohn Domenico und dem französischen Kunstschriftsteller Paul Fréart de Chantelou, offenbaren einen Künstler, der seine Arbeit als spirituelle Mission verstand. Die Cathedra Petri (1657-1666), der schwebende Thron des hl. Petrus in der Apsis des Petersdoms, wurde zu seinem theologischen Testament – ein Werk, in dem Bronze, Marmor, Stuck und goldenes Licht die Autorität der Kirche in pure Theatralik verwandeln.
Gian Lorenzo Berninis Stilmerkmale
Berninis Stil definiert sich durch die Fähigkeit, den entscheidenden Moment einer Geschichte einzufangen – jenen Augenblick höchster emotionaler Intensität, in dem sich das Schicksal der Protagonisten entscheidet. Seine Figuren agieren wie Schauspieler auf einer Bühne. David konzentriert sich mit zusammengezogenen Brauen auf Goliath, sein Körper ist eine gespannte Spirale kurz vor dem Wurf. Die Figura Serpentinata, diese S-förmige Drehung des Körpers, wird bei Bernini zum Ausdrucksmittel psychologischer Spannung. Jede Falte, jede Sehne erzählt von der inneren Bewegung der dargestellten Person.
Bei der „Ekstase der Heiligen Theresa“ schwebt die Heilige auf einer Wolke, ihr Mund leicht geöffnet, die Augen halb geschlossen – ein Moment zwischen Schmerz und Seligkeit, während der Engel mit einem goldenen Pfeil auf sie zielt. Das gesamte Arrangement wird durch gezielt einfallendes Licht von oben illuminiert, als würde der Himmel selbst die Szene beleuchten. Diese Integration verschiedener Kunstgattungen zu einem theatralischen Ganzen macht Berninis revolutionären Ansatz aus.
Techniken und Materialien
Die technische Beherrschung des Materials war die Grundlage für Berninis narrative Kraft. Er behandelte Marmor, als wäre es Wachs – weich, formbar, lebendig. Seine Arbeitsmethode begann mit Terrakotta-Modellen, den sogenannten Bozzetti, in denen er die Komposition und Bewegung seiner Figuren entwickelte. Diese kleinen Studien, von denen einige im Vatikan und anderen Sammlungen erhalten sind, zeigen seinen kreativen Prozess. Am Marmorblock selbst arbeitete er oft ohne detaillierte Vorzeichnungen, vertraute auf sein räumliches Vorstellungsvermögen und meißelte direkt in den Stein.
Die Oberflächenbehandlung variierte er je nach darzustellendem Material. Polierter Marmor für Haut, rauere Bearbeitung für Haare oder Baumrinde, tiefe Bohrungen für Schatten und ausdrucksstarke Effekte. Bei seinen Brunnen kombinierte er weißen Marmor mit Travertin, bei sakralen Werken Bronze mit vergoldetem Stuck. Diese Materialkombinationen verstärkten die allegorische Bedeutung seiner Werke und schufen jene vielschichtige Theatralik, die zum Markenzeichen des römischen Hochbarock wurde.
Berninis Einfluss und Vermächtnis
Bernini definierte nicht nur die Ästhetik des Barock, sondern schuf eine neue Auffassung von der Rolle des Künstlers als Regisseur eines Gesamtkunstwerks. Sein Genie revolutionierte Bildhauerei und Architektur und prägte das Stadtbild Roms nachhaltig. Zahlreiche Auftraggeber, von Päpsten bis zu Kardinälen, vertrauten ihm die Gestaltung bedeutender Sakralbauten und öffentlicher Plätze an, wodurch seine Vision der barocken Kunstsprache zur bestimmenden Kraft wurde.
Petersplatz, Kolonnaden und der Weg zum Vatikan
Unter Berninis Händen wurde Rom zur Bühne der katholischen Gegenreformation. Der Petersplatz mit seinen elliptischen Kolonnaden (1656-1667) umarmt die Gläubigen wie die ausgebreiteten Arme der Kirche. Die 284 Säulen in vier Reihen schaffen einen Raum, der gleichzeitig monumental und intim wirkt. Auf dem Platz lenken die beiden Brunnen und der antike Obelisk den Blick auf die Fassade des Petersdoms – eine perfekte Inszenierung päpstlicher Macht.
In der Basilika selbst arbeitete Bernini an den vier monumentalen Vierungspfeilern, die die gewaltige Kuppel Michelangelos tragen. Für diese schuf er kolossale Statuen, darunter den Heiligen Longinus mit der Lanze, die Christi Seite durchbohrte. Seine ambitionierten Pläne für zwei Glockentürme an der Fassade der Basilika mussten allerdings aufgegeben werden, da Risse im Mauerwerk auftraten.
Die Gestaltung der Engelsbrücke mit zehn Engelsstatuen, die Instrumente der Passion Christi tragen, verwandelte den Weg zum Vatikan in einen Kreuzweg aus Marmor. Jeder Engel erzählt einen Teil der Leidensgeschichte, ihre flatternden Gewänder suggerieren himmlische Bewegung über dem Tiber. Auch auf der Piazza del Popolo hinterließ er seine Spuren mit der Neugestaltung der Chiesa di Santa Maria del Popolo.
Raggi, Ferrata, Guidi und die Verbreitung des Stils
Die Werkstatt Berninis wurde zur Ausbildungsstätte einer ganzen Generation von Bildhauern. Antonio Raggi, Ercole Ferrata und Domenico Guidi trugen seinen Stil in ganz Italien und darüber hinaus weiter. Sein Einfluss reichte bis nach Frankreich, wo seine Büste Ludwigs XIV. und die Entwürfe für den Louvre (auch wenn nicht ausgeführt) den französischen Klassizismus beeinflussten. Die Sammlung seiner Zeichnungen in den Uffizien und anderen Museen zeigt, wie seine Bildsprache zum visuellen Vokabular des europäischen Barock wurde. Selbst Künstler, die nie direkt mit ihm arbeiteten, adaptierten seine Art, Emotionen durch Gesten und Blicke zu vermitteln, seine Technik der Lichtführung und sein Konzept des Bel Composto.
Gian Lorenzo Berninis Platz in der Kunstgeschichte
Bernini erfand nicht einfach einen neuen Stil – er erfand eine neue Art, Kunst zu erleben. Vor ihm betrachtete man Skulpturen, nach ihm wurde man von ihnen ergriffen. Der entscheidende Unterschied liegt in seinem theatralischen Denken. Jedes Werk ist eine inszenierte Begegnung zwischen Betrachter und Dargestelltem. Die versteckten Fenster, die seine Skulpturen von oben beleuchten, die Kapellen als Bühnenräume, die Plätze als urbane Theater – all das folgt einer einzigen Vision. Kunst soll überwältigen, nicht nur gefallen.
Sein Konzept des Bel Composto, die Verschmelzung von Architektur, Skulptur, Malerei und Licht zu einem Gesamterlebnis, wurde zum Grundprinzip des Barock und wirkt bis in heutige Installationskunst nach. Was Bernini in der Cornaro-Kapelle mit der Ekstase der Heiligen Theresa schuf – eine vollständige Umgebung, die den Betrachter zum Teil des Wunders macht – nahm multimediale Kunsterfahrungen um Jahrhunderte voraus. Gian Lorenzo Bernini starb am 28. November 1680 in Rom im Alter von 81 Jahren.
QUICK FACTS
- 1598-1606: Geboren am 7. Dezember 1598 in Neapel als Sohn des Bildhauers Pietro Bernini, Umzug der Familie nach Rom 1606
- 1618-1625: Erste große Aufträge von Kardinal Scipione Borghese, Entstehung der mythologischen Skulpturengruppen für die Galleria Borghese
- 1623-1644: Pontifikat Urban VIII. (Maffeo Barberini) – Bernini wird zum führenden Künstler Roms, Arbeit am Baldachin und ersten Projekten im Petersdom
- 1629: Ernennung zum Architekten des Petersdoms nach dem Tod von Carlo Maderno
- 1637-1639: Affäre mit Costanza Bonarelli, Ehefrau seines Assistenten, die in einem Skandal und Berninis Heirat mit Caterina Tezio endet
- 1644-1655: Pontifikat Innozenz X. Pamphilj – vorübergehender Bedeutungsverlust, Rehabilitation durch den Vierströmebrunnen
- 1647-1652: Arbeit an der Cornaro-Kapelle mit der „Ekstase der Heiligen Theresa“
- 1656-1667: Gestaltung des Petersplatzes mit den Kolonnaden unter Alexander VII.
- 1665: Reise nach Paris auf Einladung Ludwigs XIV., Entwürfe für den Louvre und Porträt-Büste des Königs