Giotto di Bondone
In den Gesichtern seiner Figuren geschieht etwas, das es vorher nicht gab. Trauer faltet sich in Stirnen, Verzweiflung greift nach Gewändern, Liebe neigt Köpfe zueinander. Giotto di Bondone, geboren um 1267 in einem Dorf bei Florenz, malte Menschen, die fühlen. Das klingt selbstverständlich, war es aber nicht. Die byzantinische Tradition kannte Heilige als Zeichen, nicht als Körper. Das Trecento verlangte nach etwas anderem. In Padua, in Assisi, in Florenz entstand eine Bildsprache, die den Betrachter nicht mehr auf Abstand hielt. Sie zog ihn hinein.
Wichtige Werke und Ausstellungen
Sein Werk bewegt sich zwischen monumentaler Wandmalerei und einzelnen Tafelbildern. Die Freskenzyklen überwiegen, oft in Kapellen entstanden, im Auftrag von Bankiers oder Klerikern. Immer wieder kehren biblische Szenen, Heiligenleben, die großen Erzählungen des Glaubens. Was sie verbindet, ist weniger das Thema als die Art, wie es erzählt wird.
- Die Klage um den toten Christus (ca. 1306) – Scrovegni-Kapelle, Padua
- Das Jüngste Gericht (ca. 1306) – Scrovegni-Kapelle, Padua
- Franziskuszyklus (umstritten, ca. 1297-1300) – Oberkirche San Francesco, Assisi
- Die Gefangennahme Christi (Der Judaskuss) (ca. 1306) – Scrovegni-Kapelle, Padua
- Der Tod des heiligen Franziskus (ca. 1325) – Bardi-Kapelle, Santa Croce, Florenz
- Der Traum des Joachim (ca. 1305) – Scrovegni-Kapelle, Padua
- Einzug in Jerusalem (ca. 1305) – Scrovegni-Kapelle, Padua
- Madonna in Majestät (Ognissanti-Madonna) (ca. 1310) – Uffizien, Florenz
Giotto di Bondones künstlerische Entwicklung
Die Laufbahn Giottos spannt einen weiten Bogen von den handwerklichen Traditionen des späten 13. Jahrhunderts bis zu den ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts. Seine künstlerische Evolution zeigt den Weg vom begabten Schüler zum gefeierten Meister, der nicht nur als Maler, sondern auch als Architekt und Leiter einer großen Werkstatt die italienische Kunstlandschaft prägte.
Frühe Jahre und die Verbindung zu Cimabue
Giorgio Vasari überliefert die berühmte Anekdote, wie der etablierte Florentiner Maler Cimabue den jungen Giotto als Hirtenjungen entdeckte, der mit einem spitzen Stein Schafe auf Felsen zeichnete. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt dieser Geschichte belegen stilistische Analysen tatsächlich eine enge Verbindung zwischen beiden Künstlern. In Cimabues Werkstatt lernte Giotto die Grundlagen der Temperamalerei und die Techniken des italo-byzantinischen Stils, der damals noch die Maniera Greca genannt wurde. Doch schon früh entwickelte der junge Künstler aus Vicchio eine eigene Bildsprache, die über die flächenhaften Goldgründe und starren Figurentypen seiner Lehrjahre hinauswies.
Die Assisi-Frage und das umstrittene Frühwerk
Die Zuschreibung der Franziskus-Fresken in der Oberkirche von Assisi gehört zu den kontroversesten Themen der Kunstgeschichte. Während ältere Quellen Giotto als Schöpfer des 28 Szenen umfassenden Zyklus nennen, zweifeln moderne Forscher an dieser Autorschaft. Die stilistischen Unterschiede zwischen den Assisi-Fresken und Giottos gesicherten Werken in Padua sind erheblich. Möglicherweise arbeitete der junge Giotto hier als Teil einer größeren Werkstatt unter der Leitung eines heute unbekannten „Meisters des Franziskuszyklus“. Diese frühe Zusammenarbeit hätte ihm wertvolle Erfahrungen im Umgang mit großflächigen Wandmalereien vermittelt, die er später in seinen eigenständigen Projekten perfektionierte.
Giotto di Bondones römische Periode und antike Einflüsse
Um 1300 führte Giottos Weg nach Rom, wo Papst Bonifatius VIII. bedeutende Kunstaufträge für das Heilige Jahr vergab. In der Ewigen Stadt begegnete Giotto den Werken des römischen Malers Pietro Cavallini, dessen plastische Figurenauffassung seine eigene Entwicklung beeinflusste. Noch wichtiger waren die antiken Monumente Roms – die Reliefs der Triumphbögen und Sarkophage lehrten ihn neue Wege der räumlichen Gestaltung. Diese römische Phase bildete die Brücke zwischen seinen frühen Experimenten und der vollendeten Kunst der Scrovegni-Kapelle.
Der Durchbruch: Die Scrovegni-Kapelle in Padua als Höhepunkt
Die Jahre zwischen 1303 und 1305 markieren Giottos künstlerischen Höhepunkt. Enrico Scrovegni, ein reicher Bankier aus Padua, beauftragte ihn mit der Ausmalung seiner privaten Sühnekapelle – der heutigen Arenakapelle. Hier schuf Giotto seinen bedeutendsten Freskenzyklus, der das Leben Christi und der Jungfrau Maria in 37 Szenen erzählt. Die Kapelle wurde zum Schauplatz seiner reifsten künstlerischen Leistung, in der er alle Elemente seiner innovativen Bildsprache zu einer harmonischen Gesamtkomposition vereinte. Der blaue Sternenhimmel an der Decke, die illusionistischen Architekturelemente und die narrative Kraft der einzelnen Szenen schufen ein Gesamtkunstwerk von unvergleichlicher Wirkung.
Der Judaskuss als emotionaler Brennpunkt
Die Szene der Gefangennahme Christi verdichtet Giottos erzählerische Kraft in einem einzigen dramatischen Moment. Judas und Christus stehen sich Auge in Auge gegenüber, umgeben von einem Gewirr aus Lanzen und aufgebrachten Gestalten. Der gelbe Mantel des Verräters – eine Farbe, die im Mittelalter Schande symbolisierte – umhüllt beide Figuren wie ein verhängnisvolles Leichentuch. Während Judas‘ Gesicht von Gier und innerer Zerrissenheit gezeichnet ist, strahlt Christus eine ruhige Würde aus. Diese psychologische Verdichtung, bei der jede Figur durch Gestik und Mimik ihre Rolle in der Geschichte offenbart, machte Giotto zum ersten großen Geschichtenerzähler der abendländischen Malerei.
Die Florentiner Spätphase – Santa Croce und die Bankiersfamilien
Nach seiner Rückkehr nach Florenz um 1320 erhielt Giotto prestigeträchtige Aufträge von den mächtigen Bankiersfamilien der Stadt. In der Franziskanerkirche Santa Croce malte er für die Kapellen der Bardi und Peruzzi Freskenzyklen, die das Leben des Heiligen Franziskus und Johannes des Täufers darstellen. Diese Spätwerke zeigen eine zunehmende Vereinfachung der Komposition bei gleichzeitiger Vertiefung des emotionalen Ausdrucks. Die Auftraggeber, allesamt einflussreiche Bankiers mit weitreichenden Handelsverbindungen, trugen durch ihre Patronage zur Verbreitung von Giottos Stil in ganz Europa bei.
Der Architekt und sein Campanile am Florentiner Dom
Im Jahr 1334 ernannte die Florentiner Stadtregierung Giotto zum Dombaumeister. Als Architekt entwarf er den Campanile, den freistehenden Glockenturm der Kathedrale. Obwohl er nur die ersten beiden Stockwerke des 84 Meter hohen Turms vollenden konnte, zeigt sein Entwurf die gleiche klare Strukturierung wie seine Malerei. Die geometrischen Marmorinkrustationen in Weiß, Grün und Rosa spiegeln sein Verständnis für rhythmische Gliederung und harmonische Proportionen wider. Diese letzte Phase seines Schaffens unterstreicht seine Vielseitigkeit als Künstler, der die Grenzen zwischen den Gattungen mühelos überschritt.
Giotto di Bondones Stilmerkmale
Giottos stilistische Innovationen durchbrachen die Konventionen der mittelalterlichen Kunst wie ein Frühlingswind, der durch die starren Goldgründe der byzantinischen Tradition wehte. Seine Figuren stehen nicht mehr isoliert im Raum, sondern agieren als fühlende Menschen in einer greifbaren Welt. Die Gesichter seiner Heiligen zeigen echte Trauer, wahre Freude, tiefe Verzweiflung – Emotionen, die der Betrachter aus seinem eigenen Leben kennt.
Diese Plastizität der Darstellung erreichte er durch ein subtiles Chiaroscuro, eine Hell-Dunkel-Modellierung, die den Körpern Volumen verleiht. Anders als seine Vorgänger, die ihre Figuren wie ausgeschnittene Silhouetten vor Goldgrund platzierten, schuf Giotto dreidimensionale Gestalten, die fest auf dem Boden stehen und deren Gewänder in natürlichen Falten fallen.
Seine Kompositionen folgen einer theatralischen Dramaturgie. Die wichtigsten Akteure platzierte er im Zentrum, umgeben von Nebenfiguren, deren Blicke und Gesten die Aufmerksamkeit auf das Hauptgeschehen lenken. So wurde jedes seiner Bilder zu einer stummen Bühne, auf der sich heilige Geschichten mit der Unmittelbarkeit menschlicher Dramen entfalten. Die architektonischen Elemente in seinen Bildern – Häuser, Tempel, Felsen – dienen nicht nur als Kulisse, sondern schaffen einen nachvollziehbaren Raum, in dem die Handlung stattfindet. Diese Raumillusion war für seine Zeit revolutionär und kündigte die systematische Perspektivkonstruktion der Renaissance an.
Techniken und Materialien
Die Freskomalerei, Giottos bevorzugte Technik, gleicht einem Wettlauf gegen die Zeit. Auf den frischen, noch feuchten Kalkputz – den Intonaco – trug er seine Pigmente auf, die sich beim Trocknen unlösbar mit der Wand verbanden. Jede Giornata, das Tagewerk eines Freskanten, musste sorgfältig geplant werden, denn Korrekturen waren kaum möglich. Giotto perfektionierte diese anspruchsvolle Technik zu einer Virtuosität, die seine Zeitgenossen staunen ließ.
Seine Farbpalette umfasste Erdtöne wie Ocker und Umbra, leuchtendes Azurit für die Himmelsdarstellungen und das kostbare Ultramarin aus Lapislazuli für die Gewänder der Madonna. Für Details und Verzierungen nutzte er die A-secco-Technik, bei der er Farben auf den bereits getrockneten Putz auftrug. Die Kombination aus sicherer Zeichnung, meisterhafter Pinseltechnik und einem untrüglichen Gefühl für Farbharmonien machte seine Fresken zu dauerhaften Monumenten.
In seinen Tafelbildern arbeitete er mit Tempera auf Holz, wobei er Eigelb als Bindemittel für die Pigmente verwendete. Die Ognissanti-Madonna in den Uffizien zeigt exemplarisch seine Fähigkeit, auch im kleineren Format monumentale Wirkung zu erzielen. Seine Werkstattorganisation war für die damalige Zeit außergewöhnlich effizient. Assistenten bereiteten die Wände vor, übertrugen die Vorzeichnungen und führten untergeordnete Partien aus, während Giotto selbst die entscheidenden Gesichter und Gesten malte. Diese Arbeitsteilung ermöglichte ihm, großflächige Projekte in relativ kurzer Zeit zu realisieren, ohne dabei an künstlerischer Qualität einzubüßen.
Giottos Einfluss und Vermächtnis
Schon zu Lebzeiten galt Giotto di Bondone als der führende Maler Italiens, und seine Werkstatt wurde zur Ausbildungsstätte einer ganzen Generation von Künstlern. Taddeo Gaddi, Bernardo Daddi und andere Schüler trugen seinen Stil in alle Regionen der italienischen Halbinsel.
Die Schüler aus Giottos Florentiner Werkstatt bildeten das Rückgrat der toskanischen Malerei des 14. Jahrhunderts. Sie übernahmen nicht nur seine technischen Verfahren, sondern auch sein Verständnis für emotionale Erzählkunst. Besonders in Florenz etablierte sich eine „Schule“, die seine Prinzipien weiterentwickelte. Die Handelswege der Florentiner Bankiers trugen zusätzlich zur Verbreitung seines Stils bei – überall dort, wo die Bardi oder Peruzzi Niederlassungen unterhielten, entstanden Kapellen mit Fresken im Stil Giottos.
Giotto in der Literatur – Dante und die zeitgenössische Rezeption
Bereits Dante Alighieri, Giottos Zeitgenosse, würdigte den Maler in seiner Göttlichen Komödie. Im elften Gesang des Purgatoriums schreibt er, dass Giotto seinen Lehrer Cimabue an Ruhm übertroffen habe. Diese literarische Nobilitierung durch den größten Dichter seiner Zeit zeigt, welche Wertschätzung Giotto schon zu Lebzeiten erfuhr. Giovanni Boccaccio setzte ihm im Decamerone ein weiteres Denkmal, indem er Giottos Fähigkeit pries, die Natur so täuschend echt nachzubilden, dass die Menschen seine Bilder für die Wirklichkeit hielten.
Das Erbe in der Hochrenaissance
Die Meister der Hochrenaissance studierten Giottos Werke wie heilige Schriften. Masaccio griff seine räumlichen Experimente auf und führte sie zu mathematischer Präzision. Michelangelo Buonarroti kopierte als junger Mann Giottos Fresken in Santa Croce und übernahm dessen monumentale Figurenauffassung für seine Sixtinische Kapelle. Selbst Leonardo da Vinci, der die Kunst in neue wissenschaftliche Sphären führte, erkannte in Giotto den Begründer der modernen Malerei. Vasari schließlich kanonisierte ihn in seinen Künstlerviten als den Mann, der die Kunst aus ihrer mittelalterlichen Erstarrung befreite.
Giotto di Bondones Platz in der Kunstgeschichte
Dass ein Bauernsohn aus der toskanischen Provinz zum Begründer einer neuen Bildsprache wurde, ist kein Zufall – es spiegelt den tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel im Italien des Trecento wider. In einer Zeit, in der Handel und Bankwesen die starren Feudalstrukturen aufbrachen, verlangte auch die Kunst nach neuen Ausdrucksformen. Giotto lieferte sie. Er machte aus entrückten Heiligenfiguren greifbare Menschen und aus goldenen Hintergründen echte Räume. Der eigentliche Kern seiner Revolution liegt jedoch tiefer. Er erkannte, dass ein Bild mehr sein kann als eine Illustration – es kann den Betrachter emotional berühren, ihn zum Mitfühlen zwingen. Diese Erkenntnis, dass Kunst nicht nur zeigt, sondern bewegt, ist sein bleibendes Geschenk an die europäische Kultur. Giotto di Bondone starb am 8. Januar 1337 in Florenz im Alter von etwa 70 Jahren.
QUICK FACTS
- Um 1267: Geburt in Vespignano bei Vicchio, in der Nähe von Florenz, als Sohn eines Kleinbauern
- Ca. 1280-1290: Ausbildung in der Werkstatt Cimabues in Florenz, erste Arbeiten im byzantinischen Stil
- Ca. 1290-1300: Mögliche Mitarbeit am Franziskuszyklus in Assisi (historisch umstritten)
- Um 1300: Aufenthalt in Rom, Arbeiten für Papst Bonifatius VIII., Studium antiker Kunst
- 1303-1305: Hauptwerk – Ausmalung der Scrovegni-Kapelle (Arenakapelle) in Padua für Enrico Scrovegni
- Ca. 1310: Rückkehr nach Florenz, Schaffung der Ognissanti-Madonna (heute Uffizien)
- 1311-1325: Große Freskenzyklen in Santa Croce, Florenz (Bardi- und Peruzzi-Kapelle)
- 1328-1333: Aufenthalt am Hof König Roberts von Neapel als Hofmaler
- 1334: Ernennung zum Dombaumeister von Florenz, Beginn des Campanile-Baus