Raoul Hausmann
In den Fotomontagen der frühen zwanziger Jahre tauchen Köpfe auf, die keine Köpfe mehr sind. Fragmente von Zeitungsausschnitten, Zahlenreihen und Maschinenteile ersetzen, was einmal Gesicht war. Raoul Hausmann, geboren 1886 in Wien, zerlegte die Bildsprache seiner Zeit und setzte sie neu zusammen. Als zentrale Figur des Berliner Dada entwickelte er Techniken, die weit über den Kreis der Bewegung hinauswirkten. Seine Lautgedichte reduzierten Sprache auf Klang, seine Assemblagen machten Alltagsgegenstände zu Trägern von Bedeutung. Was ihn antrieb, war weniger die Zerstörung als ein Misstrauen gegenüber allem, was sich zu sicher gab.
Wichtige Werke und Ausstellungen
Hausmanns Arbeiten bewegen sich zwischen Montage, Objekt und Schrift. Immer wieder kehrt die Frage nach dem modernen Menschen zurück, nach seiner Wahrnehmung, seiner Formbarkeit. Die Grenzen zwischen Bild und Text, zwischen Skulptur und Fundstück lösen sich dabei auf, ohne dass eine klare Linie erkennbar wäre.
- Mechanischer Kopf (Der Geist Unserer Zeit) (ca. 1919) – Musée National d’Art Moderne, Centre Pompidou, Paris
- ABCD (1923–24) – Musée National d’Art Moderne, Paris
- Tatlin lebt zu Hause (1920) – Moderna Museet, Stockholm
- Der Kunstkritiker (1919–20) – Tate, London
- Dada Siegt (1920) – Privatsammlung
- Ohne Titel (1931) – J. Paul Getty Museum, Los Angeles
- Ohne Titel (1927) – International Center of Photography, New York
- Ohne Titel (1933) – Musée Départemental d’Art Contemporain, Rochechouart
Raoul Hausmanns künstlerische Entwicklung
Die künstlerische Laufbahn Raoul Hausmanns gleicht einer intellektuellen Odyssee durch die radikalsten Strömungen der europäischen Avantgarde. Von den ersten expressionistischen Experimenten über die explosive Phase des Berliner Dadaismus bis hin zu seinen späten fotografischen Studien im französischen Exil entwickelte er kontinuierlich neue Ausdrucksformen, die stets von einem kritischen Blick auf Gesellschaft und Wahrnehmung geprägt waren.
Lehrjahre und Frühphase
Als die Familie Hausmann 1900 nach Berlin übersiedelte, betrat der vierzehnjährige Raoul eine Stadt im kulturellen Umbruch. Sein Vater Victor Hausmann, ein akademischer Maler, führte ihn in die handwerklichen Grundlagen der Kunst ein – eine solide Basis, von der sich der Sohn bald radikal entfernen sollte. Die Jahre in den Studien-Ateliers für Malerei und Plastik bei Arthur Lewin-Funcke (1908-1911) vermittelten ihm zwar technisches Können, doch die eigentliche Initialzündung kam durch die Begegnung mit Künstlern des Expressionismus. Erich Heckel, Mitglied der Brücke, und der Maler Ludwig Meidner öffneten ihm die Augen für eine Kunst jenseits der bürgerlichen Salonmalerei, die den Spießer provozierte und neue Ausdrucksformen suchte.
Der Weg vom Expressionismus zur Provokation
Ab 1912 wandte sich Hausmann endgültig vom akademischen Pfad ab. Seine expressionistischen Holzschnitte und Lithografien zeigten bereits jene Tendenz zur Verzerrung und Fragmentierung, die später sein dadaistisches Werk prägen sollte. Auch der italienische Futurismus, mit seiner Begeisterung für Geschwindigkeit und Simultaneität, lieferte wichtige Impulse.
Doch während die Futuristen die moderne Technik feierten, begann Hausmann bereits, deren Schattenseiten zu erkennen – ein kritischer Blick, der sich wie ein roter Faden durch sein gesamtes Schaffen ziehen sollte. In dieser Zeit entwickelte er eine tiefe Freundschaft mit verschiedenen Avantgarde-Künstlern, die seinen intellektuellen Horizont erweiterten und seine spätere Rolle als Theoretiker vorbereiteten.
Der Erste Weltkrieg als künstlerischer Wendepunkt
Die Katastrophe des Ersten Weltkriegs erschütterte nicht nur Europa, sondern auch Hausmanns Kunstverständnis fundamental. Die mechanisierte Vernichtung von Millionen Menschen entlarvte für ihn die hohlen Phrasen von Fortschritt und Zivilisation.
In dieser Zeit der Desillusionierung fand er 1915 in Hannah Höch nicht nur eine Lebensgefährtin, sondern eine künstlerische Komplizin, mit der er neue Wege der visuellen Kommunikation erkundete. Ihre Beziehung, geprägt von kreativer Symbiose und persönlichen Konflikten, inspirierte beide zu ihren wichtigsten Werken. Höch, selbst eine talentierte Künstlerin, brachte eine eigenständige Perspektive in ihre gemeinsamen Experimente ein.
Höhepunkte der Karriere und Schlüsselwerke
Die Jahre zwischen 1918 und 1922 markieren den Höhepunkt von Hausmanns dadaistischem Schaffen. Als Mitbegründer des Club Dada Berlin entwickelte er gemeinsam mit Richard Huelsenbeck und Johannes Baader eine spezifisch deutsche Variante der Dada-Bewegung, die sich durch politische Schärfe und soziale Kritik von ihren Züricher und Pariser Pendants unterschied. Die Technik der Fotomontage, die er parallel mit Hannah Höch perfektionierte, wurde zu seiner schärfsten Waffe gegen die Verlogenheit der Weimarer Gesellschaft. In seinen Arbeiten nutzte er auch Repro-Techniken, um massenhaft verbreitbare Bilder zu schaffen, die seine Botschaft einem breiteren Publikum zugänglich machten.
Die Dada-Messe 1920 in Berlin als skandalöser Triumph
Die Erste Internationale Dada-Messe im Sommer 1920 bildete den spektakulären Höhepunkt der Berliner Dada-Bewegung. In der Galerie Otto Burchard verwandelte Hausmann gemeinsam mit George Grosz und John Heartfield den Ausstellungsraum in ein anarchisches Gesamtkunstwerk.
Sein „Mechanischer Kopf (Der Geist Unserer Zeit)“ – ein hölzerner Perückenkopf, bestückt mit Lineal, Maßband, Taschenuhr, einem Monokel und anderen technischen Apparaturen – wurde zur Ikone dieser Schau. Das Objekt funktioniert wie eine bittere Satire auf den modernen Menschen, dessen Gehirn durch Messinstrumente und Zahlen ersetzt wurde. Die Ausstellung provozierte heftige Reaktionen und zog Personen aus allen gesellschaftlichen Schichten an, von Kunstkritikern bis zu empörten Bürgern.
Raoul Hausmanns Erfindung der Lautpoesie und das Optophon
Parallel zu seinen visuellen Experimenten entwickelte Hausmann die Lautpoesie – eine Form der akustischen Dichtung, die Sprache auf ihre klanglichen Grundelemente reduzierte. Seine phonetischen Gedichte wie „fmsbwtözäu“ zertrümmerten die semantische Bedeutung und setzten stattdessen auf Rhythmus und Klangfarbe.
Diese Experimente führten ihn zur Vision des Optophons, einer utopischen Maschine, die Licht in Ton und umgekehrt verwandeln sollte. Obwohl das Gerät nie realisiert wurde, nahm Hausmann damit Ideen der späteren Medienkunst vorweg. Seine theoretischen Überlegungen zu diesem Projekt publizierte er in verschiedenen Avantgarde-Zeitschriften und diskutierte sie intensiv mit Kollegen wie Kurt Schwitters.
Spätwerk und Ende der Karriere
Nach dem Zerfall der Dada-Bewegung Anfang der 1920er Jahre orientierte sich Hausmann neu. Die Fotografie rückte ins Zentrum seines Interesses, wobei er die Prinzipien des „Neuen Sehens“ aufgriff und weiterentwickelte. Seine Aufnahmen aus dieser Zeit zeigen ungewöhnliche perspektiven, extreme Nahaufnahmen und experimentelle Doppelbelichtungen.
Ab 1926 arbeitete er zudem an seinem philosophischen Roman „Hyle“, einem komplexen Werk über Wahrnehmung und Identität, das erst posthum vollständig veröffentlicht wurde. In dieser Phase seines Schaffens wandte er sich auch verstärkt der Schriftstellerei zu und verfasste theoretische Essays für verschiedene Zeitschriften.
Die Verfolgung als entartete Kunst
Die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 bedeutete das abrupte Ende von Hausmanns öffentlichem Wirken in Deutschland. Seine Werke wurden als „entartet“ gebrandmarkt und aus Museen entfernt. Er floh nach Ibiza, wo er eine völlig neue Schaffensphase begann: Mit seiner Kamera dokumentierte er die archaische Architektur und das ländliche Leben der Baleareninsel.
Diese ethnografischen Studien, die in verschiedenen internationalen Zeitschriften erschienen, zeigen einen sensiblen Beobachter traditioneller Lebensformen, die von der Moderne bedroht waren.
Raoul Hausmanns französisches Exil und die theoretische Reflexion
Der Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs zwang Hausmann 1936 zur erneuten Flucht. Über Prag und Zürich gelangte er schließlich nach Limoges, wo er die nächsten 35 Jahre unter oft prekären Bedingungen lebte.
Trotz materieller Not blieb er künstlerisch aktiv. Er experimentierte mit der Technik des Fotopiktogramms und Textcollagen und verfasste theoretische Schriften, die seine Rolle als „Dadasoph“ – als philosophischer Kopf der Bewegung – untermauerten. Seine Korrespondenz mit Künstlern wie Kurt Schwitters und Hans Richter hielt die Erinnerung an die heroische Zeit des Dadaismus lebendig.
In Limoges lebte er mit seiner Frau, der Malerin Hedwig Mankiewitz, und knüpfte Kontakte zu lokalen Kunstinteressierten, die seine Arbeit schätzten.
Stilmerkmale von Raoul Hausmann
Hausmanns künstlerische Handschrift zeichnet sich durch eine konsequente Verweigerung traditioneller Darstellungsformen aus. Seine Arbeiten funktionieren wie visuelle Explosionen, in denen sich Fragmente der modernen Welt zu neuen, oft verstörenden Bedeutungszusammenhängen verdichten. Sein künstlerisches Credo war es, die Sehgewohnheiten des Betrachters zu durchbrechen und einen kritischen Blick auf die Realität zu erzwingen.
Die Fotomontage wurde in seinen Händen zu einem chirurgischen Instrument, mit dem er die Widersprüche der Weimarer Republik sezierte. Durch die Collage von Zeitungsausschnitten, Werbefragmenten und fotografischen Elementen schuf er bissige Kommentare zur politischen Lage.
Seine Lautgedichte wiederum befreiten die Sprache von ihrer kommunikativen Funktion und verwandelten sie in reine Klangmaterie – eine radikale Geste gegen die Phrasen der Politik und Werbung, die den Spießer ebenso irritierte wie den Kunstkritiker. Die Assemblagen aus gefundenen Objekten, Ready-mades und technischen Geräten stellten Fragen nach der Identität des modernen Menschen in einer zunehmend mechanisierten Welt. In seiner experimentellen Fotografie schließlich suchte er nach neuen Wahrnehmungsformen, die das gewohnte Sehen durchbrechen und den Blick für verborgene Strukturen öffnen sollten.
Techniken und Materialien
Die Materialpalette Hausmanns spiegelt seinen experimentellen Ansatz wider: Er griff zu allem, was die moderne Welt an Abfall und Überfluss produzierte, und verwandelte es in Kunst.
Für seine Fotomontagen durchforstete er Zeitungen, Magazine und Werbeprospekte, schnitt Köpfe von Politikern aus, kombinierte sie mit Maschinenteilen oder typografischen Elementen und klebte sie zu neuen, grotesken Einheiten zusammen. Die Technik erforderte präzises handwerkliches Geschick und ein ausgeprägtes Gespür für visuelle Spannung.
Bei seinen Assemblagen verwendete er Holzköpfe aus Friseursalons, Uhrenteile, Lineale, ein Monokel, Drucktypen und andere Fundstücke, die er zu dreidimensionalen Objekten montierte. Seine fotografischen Experimente nutzten Mehrfachbelichtungen, Spiegelungen und extreme Perspektiven, später auch kameralose Techniken wie das Fotogramm und verschiedene Repro-Verfahren, die er in seinem Atelier perfektionierte.
Die typografischen Arbeiten spielten mit unterschiedlichen Schrifttypen und -größen, durchbrachen die lineare Leserichtung und schufen so visuelle Gedichte, die gleichzeitig gelesen und betrachtet werden wollten.
Hausmanns Einfluss und Vermächtnis
Die Wirkung dieses Künstlers auf die Entwicklung der modernen Kunst lässt sich kaum in einzelne Stränge auftrennen – zu vielfältig waren seine Innovationen, zu weitreichend seine Visionen.
Der Dadasoph als Wegbereiter moderner Kunstformen
Hausmann gilt, zusammen mit Hannah Höch, als Erfinder der Fotomontage und legte den Grundstein für eine Technik, die von John Heartfield zur politischen Waffe perfektioniert und von der Pop Art eines Richard Hamilton in die Konsumkritik überführt wurde. Seine Lautgedichte inspirierten Generationen von Klangkünstlern und konkreten Poeten, allen voran Ernst Jandl, der Hausmanns phonetische Experimente in die deutsche Nachkriegsliteratur einschrieb.
Sein künstlerisches Credo, dass Kunst gesellschaftskritisch und experimentell sein müsse, beeinflusste zahllose Personen in der Kunstwelt und begründete eine Freundschaft zwischen verschiedenen Generationen von Avantgarde-Künstlern.
Futuristische Impulse und dadaistische Transformation
Während die italienischen Futuristen die Maschine glorifizierten, nutzte Hausmann deren Ästhetik für eine fundamentale Zivilisationskritik. Diese dialektische Wendung – die Verwendung moderner Mittel gegen die Moderne selbst – wurde zum Markenzeichen der Berliner Dada-Bewegung und beeinflusste nachhaltig Künstler wie László Moholy-Nagy und die Protagonisten des Bauhauses.
Hausmanns theoretische Schriften, in denen er seine Position als Dadasoph ausformulierte, prägten zudem das Verständnis von Dada als philosophisch fundierter Bewegung, nicht bloß als nihilistischem Spektakel. Seine Texte wurden zu wichtigen Dokumenten der Kunstgeschichte.
Raoul Hausmanns Erbe in der experimentellen Fotografie
Die fotografischen Experimente Hausmanns, besonders seine Arbeiten zum „Neuen Sehen“, beeinflussten die gesamte moderne Fotografie. Seine radikalen perspektiven und Verfremdungstechniken finden sich wieder bei Fotografen wie Man Ray und später in der subjektiven Fotografie Otto Steinerts.
Die Vision des Optophons, obwohl technisch unrealisiert, nahm intermediale Kunstformen vorweg, wie sie erst Jahrzehnte später in der Videokunst und digitalen Medienkunst verwirklicht wurden. Die Fluxus-Bewegung der 1960er Jahre griff seine Idee der Grenzüberschreitung zwischen den Künsten auf und entwickelte sie weiter zu Happenings und Performances.
Sein Nachlass, der zahlreiche fotografische Arbeiten, Skizzen und theoretische Texte umfasst, wurde zu einer wertvollen Quelle für die Erforschung der Avantgarde-Bewegungen des 20. Jahrhunderts.
Raoul Hausmanns Platz in der Kunstgeschichte
Die eigentliche Leistung Hausmanns liegt nicht allein in seinen einzelnen Werken, sondern in der radikalen Erweiterung dessen, was Kunst sein kann. Er bewies, dass ein Friseurkopf mit aufgeklebten Messgeräten genauso viel über den Zustand einer Gesellschaft aussagen kann wie ein traditionelles Gemälde – vielleicht sogar mehr. Während andere Dadaisten im Nihilismus verharrten, entwickelte er aus der Zerstörung heraus konstruktive Visionen für neue Wahrnehmungsformen.
Besonders bemerkenswert ist dabei sein Brückenschlag zwischen den Medien: Fotomontage, Lautpoesie, Assemblage und theoretische Reflexion bildeten bei ihm keine getrennten Bereiche, sondern ein zusammenhängendes Projekt zur Befreiung der Sinne. Dass ein Künstler, der 1920 mit dem „Mechanischen Kopf“ die Entmenschlichung durch Technik anprangerte, gleichzeitig mit dem Optophon eine Maschine zur Sinneserweiterung erdachte, zeigt seine Fähigkeit, in Widersprüchen zu denken. Raoul Hausmann starb am 1. Februar 1971 im Alter von 84 Jahren in Limoges, Frankreich.
QUICK FACTS
- 1886-1900: Geboren am 12. Juli in Wien, Kindheit in der österreichisch-ungarischen Metropole
- 1900-1915: Umzug nach Berlin, Ausbildung bei Arthur Lewin-Funcke, erste expressionistische Arbeiten
- 1915-1918: Begegnung mit Hannah Höch, gemeinsame Entwicklung der Fotomontage-Technik
- 1918-1920: Mitbegründung des Club Dada Berlin, Herausgabe der Zeitschrift „Der Dada“
- 1920: Teilnahme an der Ersten Internationalen Dada-Messe, Schaffung des „Mechanischen Kopfs“
- 1920-1933: Zerfall der Dada-Bewegung, Hinwendung zur experimentellen Fotografie und Theorie
- 1933-1936: Flucht vor den Nationalsozialisten nach Ibiza, ethnografische Fotostudien
- 1936-1971: Exil in Frankreich (Limoges), Entwicklung des Fotopiktogramms, theoretische Schriften