John Constable
Ein Pferdewagen durchquert den Fluss, das Wasser steht knöchelhoch. Im Hintergrund eine Mühle, Bäume, ein Himmel voller Bewegung. Es ist eine Szene ohne Ereignis, und doch hielt John Constable genau diesen Moment für würdig genug, ihn auf eine Leinwand von fast zwei Metern Breite zu bannen. Während seine Zeitgenossen italienische Ruinen und alpine Dramatik suchten, blieb er in Suffolk. Die sanften Hügel, die Flussauen, das wechselhafte Licht der englischen Grafschaft wurden sein einziges Thema. Diese Treue zur Herkunft machte ihn zu einem der eigenwilligsten Vertreter der Romantik.
Wichtige Werke und Ausstellungen
Constables Schaffen kreist um die Landschaft als Gattung, die er von jeder mythologischen Staffage befreite. Wiederkehrend sind Flussläufe, Mühlen, Wolkenformationen und das Spiel von Licht auf feuchtem Grün. Seine Arbeiten bewegen sich zwischen kleinen Freilichtstudien und monumentalen Atelierwerken, zwischen spontaner Skizze und langwieriger Überarbeitung.
- Stonehenge (1835) – Victoria and Albert Museum, London
- Die Valley Farm (1835) – Tate Britain, London
- Die Eröffnung der Waterloo-Brücke von Whitehall Stairs aus gesehen (1832) – Tate Britain, London
- Die Kathedrale von Salisbury aus den Wiesen (1831) – Tate Britain, London
- Hadleigh Castle (1829) – Yale Center for British Art, New Haven
- Das Springende Pferd (1825) – Royal Academy of Arts, London
- Die Schleuse (1824) – Privatsammlung
- Der Heuwagen (1821) – National Gallery, London
John Constables künstlerische Entwicklung
Die künstlerische Laufbahn Constables verlief keineswegs geradlinig. Erst mit 23 Jahren durfte er seinem Vater Golding die Entscheidung abringen, sich ganz der Kunst zu widmen. Diese späte Emanzipation vom Familienunternehmen prägte seinen unbeirrten Weg zu einer authentischen Naturdarstellung. Seine Entwicklung vollzog sich über Jahrzehnte intensiven Studiums der Natur und der alten Meister, bevor er zu seiner eigenen, unverwechselbaren Bildsprache fand.
Lehrjahre und Frühphase
Der Eintritt in die Royal Academy Schools 1799 markierte Constables formalen Beginn als professioneller Künstler. Hier kopierte er zunächst akribisch die alten Meister – Peter Paul Rubens‚ dynamische Kompositionen, Claude Lorrains goldenes Licht und Jacob van Ruisdaels atmosphärische Tiefe. Doch während seine Kommilitonen diese Vorbilder verehrten, nutzte Constable sie als technisches Fundament für etwas völlig Neues. Joseph Farington, sein Mentor an der Academy, notierte verwundert in seinem Tagebuch, wie der junge Student aus Suffolk stundenlang vor einem einzigen Wolkenfragment saß und dessen Schattierungen studierte.
Die Entdeckung der Freilichtmalerei
Ab 1802 begann Constable systematisch, kleine Ölskizzen direkt in der Natur anzufertigen – eine Praxis, die damals als exzentrisch galt. Diese spontanen Studien, oft nicht größer als ein Notizbuch, fingen Lichtmomente ein, die im Atelier niemals reproduzierbar gewesen wären. In East Bergholt und später in seinem Cottage in Hampstead entwickelte er eine Methode, bei der er dieselbe Landschaft zu verschiedenen Tageszeiten und Wetterlagen malte. Diese Freilichtmalerei, oder Pleinairmalerei, würde Jahrzehnte später die Impressionisten inspirieren.
Zeichnung und Aquarelltechnik als Fundament
Parallel zu seinen Ölstudien perfektionierte Constable seine Zeichenkunst. Mit Bleistift, Tusche und Aquarellfarben schuf er zwischen 1806 und 1816 hunderte von Skizzen, die als visuelle Tagebücher seiner Wanderungen durch Suffolk und Essex dienten. Diese Blätter zeigen eine bemerkenswerte Bandbreite: von schnellen, gestischen Notizen einzelner Baumgruppen bis zu ausgearbeiteten Kompositionen ganzer Tallandschaften.
Besonders seine Aquarelle aus dieser Phase offenbaren eine Leichtigkeit und Transparenz, die später in die leuchtenden Himmel seiner Ölgemälde einfloss. Die präzise Linie seiner Bleistiftzeichnungen dokumentiert seine akribische Naturbeobachtung.
Der Durchbruch mit den Six-Footers
Der Durchbruch kam spät, aber umso nachhaltiger. Mit 45 Jahren begann Constable 1821 seine Serie der „Six-Footers“ – monumentale Leinwände von etwa 1,85 Meter Breite, die Landschaften in einer bis dahin unbekannten Größe präsentierten. „Der Heuwagen“ eröffnete diese Serie und zeigt einen alltäglichen Moment. Ein Pferdewagen durchquert den Fluss Stour nahe Flatford Mill. Doch genau diese Alltäglichkeit, eingefangen mit vibrierenden Grüntönen und einem Himmel voller Bewegung, machte das Werk sensationell.
John Constables Triumph im Pariser Salon 1824
Die wahre Anerkennung kam paradoxerweise aus Frankreich. Als „Der Heywagen“ 1824 im Pariser Salon ausgestellt wurde, löste er eine künstlerische Sensation aus. Théodore Géricault hatte das Werk bereits 1821 in London gesehen und seinen Pariser Kollegen davon berichtet. Eugène Delacroix war so beeindruckt von Constables Farbauftrag, dass er Teile seines bereits fertigen „Massakers von Chios“ übermalte. König Karl X. verlieh Constable die Goldmedaille – eine Ehre, die ihm in Großbritannien verwehrt blieb. Diese französische Begeisterung führte dazu, dass Constable mehr Werke nach Paris verkaufte als in seine Heimat.
Die späte Anerkennung der Royal Academy
Erst 1829, im Alter von 52 Jahren, wurde Constable zum vollwertigen Mitglied der Royal Academy gewählt – und das nur mit einer Stimme Mehrheit. Diese zögerliche Anerkennung verbitterte ihn zeitlebens. Seine Kollegen bevorzugten die dramatischen Landschaften William Turners oder die idealisierten italienischen Veduten. Constables kompromisslose Darstellung der englischen Provinz galt vielen als zu gewöhnlich, zu wenig pittoresk. Dennoch nutzte er seine späte Position, um jüngere Künstler zu fördern und in Vorlesungen seine Philosophie der Naturbeobachtung zu vermitteln.
Spätwerk nach dem Tod seiner Frau
Nach dem Tod seiner Frau Maria 1828 verdunkelte sich Constables Palette merklich. Die heiteren Sommertage seiner früheren Werke wichen dramatischen Wolkenformationen und stürmischen Himmeln. „Die Kathedrale von Salisbury aus den Wiesen“ (1831) zeigt diese Wandlung exemplarisch. Ein Regenbogen spannt sich über die gotische Kirche, doch die schwarzen Wolken dahinter verleihen der Szene eine apokalyptische Stimmung. Der Kritiker John Ruskin erkannte in diesen späten Werken „das Ringen eines Mannes mit seinem Schicksal“.
John Constables Wolkenstudien als wissenschaftliches Projekt
Zwischen 1821 und 1822 schuf Constable über hundert Wolkenstudien, die er akribisch mit Datum, Uhrzeit und Wetterbedingungen versah. Diese systematische Herangehensweise glich mehr einem meteorologischen Forschungsprojekt als traditioneller Kunstproduktion. Er studierte Luke Howards Wolkenklassifikation und korrespondierte mit Wissenschaftlern über atmosphärische Phänomene. Diese Studien dienten nicht nur als Vorlagen für seine großen Gemälde, sondern dokumentieren auch sein Verständnis von Malerei als empirische Naturforschung.
John Constables Stilmerkmale
Constables unverwechselbarer Stil entwickelte sich aus seiner kompromisslosen Hingabe an die direkte Naturbeobachtung. Seine Malweise zeichnet sich durch mehrere charakteristische Elemente aus, die ihn von seinen Zeitgenossen fundamental unterschieden.
Der vielleicht auffälligste Aspekt seiner Technik war die Behandlung des Lichts. Statt das gleichmäßige, goldene Licht der klassischen Landschaftsmalerei zu imitieren, fing Constable die wechselhaften Lichtverhältnisse des englischen Wetters ein. Er platzierte kleine Tupfer reinen Weiß auf feuchte Wiesen und Baumkronen – seine berühmten „Constable’s snow“ –, die das Flimmern des Sonnenlichts nach einem Regenschauer suggerierten. Diese Technik, anfangs als mangelhaftes Finish kritisiert, erwies sich als visionär.
Das Spiel von Licht und Schatten strukturiert seine Kompositionen. Dunkle Wolkenschatten gleiten über sonnenbeschienene Felder, Bäume werfen transparente Schatten auf Wasserflächen. Besonders virtuos zeigt sich diese Könnerschaft in seinen Darstellungen von Wasser, in dem sich Himmel und Landschaft in bewegten Reflexionen vereinen. Die Impasto-Technik, bei der er Farbe pastos mit Spachtel und Pinsel auftrug, verleiht seinen Oberflächen eine haptische Qualität – man meint, die Rauheit der Baumrinde oder die Feuchtigkeit des Grases zu spüren.
Techniken und Materialien
Die technische Herangehensweise Constables war ebenso innovativ wie seine künstlerische Vision. Seine Arbeitsmethode folgte einem durchdachten Prozess, der von schnellen Naturstudien zu vollendeten Atelierwerken führte.
Im Feld arbeitete er mit einer reduzierten Palette und kleinen Mahagoni-Kästen, die Ölfarben, Terpentin und kleine Holztafeln enthielten. Diese Freilicht-Ölskizzen, oft in einer Sitzung vollendet, fingen die Essenz eines Moments ein. Im Atelier übertrug er diese Eindrücke auf große Leinwände, wobei er zunächst eine vollständige Ölskizze in Originalgröße anfertigte – eine ungewöhnliche Praxis, die seinen Arbeitsprozess verdoppelte, ihm aber erlaubte, frei zu experimentieren.
Seine Farbpalette bestand hauptsächlich aus Erdtönen – Ocker, Umbra, Siena –, die er mit Preußischblau, Chromgelb und Bleiweiß zu den charakteristischen Grüntönen seiner Landschaften mischte. Die finale Überarbeitung erfolgte mit feinen Zobelpinseln für Details wie Blätter oder entfernte Figuren, während er für Himmel und Wolken breite Borstenpinsel verwendete.
Bemerkenswert ist auch sein Einsatz des Palettenmessers: Mit schnellen, entschlossenen Bewegungen kratzte er Farbe ab oder trug sie auf, um Texturen wie Baumrinde oder steinige Pfade zu erzeugen. Diese Kombination aus kontrollierter Präzision und spontanem Gestus verleiht seinen Werken ihre charakteristische Lebendigkeit.
Constables Einfluss und Vermächtnis
Als Constables Werke in den 1820er Jahren Paris erreichten, lösten sie eine künstlerische Revolution aus, deren Wellen bis zum Impressionismus reichten. Delacroix notierte nach seinem ersten Kontakt mit Constables Malerei: „Dieser Mann hat mir die Tür geöffnet.“ Was er sah, war eine neue Art, Farbe und Licht zu behandeln – nicht als separate Elemente, sondern als untrennbare Einheit.
Die Generation der Impressionisten, allen voran Claude Monet und Camille Pissarro, studierten Constables Werke intensiv während ihrer Londoner Aufenthalte. Sie erkannten in seiner direkten Malweise und seinem Interesse an atmosphärischen Effekten einen Vorläufer ihrer eigenen Bestrebungen. Besonders Constables Praxis, dieselbe Szene unter verschiedenen Lichtverhältnissen zu malen, antizipierte Monets Serien-Konzept um Jahrzehnte.
Doch Constables Vermächtnis reicht über technische Innovationen hinaus. Er etablierte die Landschaft als würdiges Sujet, das keine mythologische oder historische Staffage benötigte. Seine Überzeugung, dass „Malerei eine Wissenschaft sein sollte, die sich mit den Gesetzen der Natur befasst“, machte ihn zum Pionier einer empirischen Kunstpraxis. In England beeinflusste er die Präraffaeliten und die Norwich School, während seine Wolkenstudien noch heute in Meteorologie-Kursen als frühe Beispiele wissenschaftlicher Beobachtung gezeigt werden. Die National Gallery in London, die Tate Britain und das Victoria and Albert Museum bewahren sein Erbe mit umfangreichen Sammlungen, die regelmäßig neue Generationen von Künstlern und Kunstliebhabern inspirieren.
John Constables Platz in der Kunstgeschichte
Die eigentliche Leistung Constables liegt in einem scheinbaren Paradox. Er malte das Vertraute, als sähe er es zum ersten Mal. Während andere Künstler seiner Zeit das Spektakuläre suchten, entdeckte er das Außergewöhnliche im Alltäglichen – in einem Heuwagen, der einen Fluss durchquert, in Wolken über einem Kirchturm, im Lichtspiel auf nassem Laub. Diese radikale Hinwendung zum Unmittelbaren machte ihn nicht nur zum Vater der modernen Landschaftsmalerei, sondern zum Wegbereiter einer völlig neuen Kunstauffassung: dass Beobachtung wichtiger ist als Idealisierung und dass ein englisches Feld genauso viel Wahrheit enthält wie eine italienische Ruine. Die Impressionisten verstanden diese Botschaft – und mit ihnen veränderte sich die gesamte westliche Kunst. John Constable starb am 31. März 1837 in seinem Haus in Charlotte Street, London, im Alter von 60 Jahren an Herzversagen.
QUICK FACTS
- 1776-1799: Geboren in East Bergholt, Suffolk, als Sohn des Mühlenbesitzers Golding Constable. Erste künstlerische Versuche in Zeichnung und Aquarell. Ausbildung in Dedham und Lavenham, später Entscheidung gegen das Familiengeschäft.
- 1799-1809: Eintritt in die Royal Academy Schools in London. Intensive Studien alter Meister, erste Ausstellungsbeteiligungen. Entwicklung der Pleinairmalerei in Suffolk.
- 1810-1819: Heirat mit Maria Bicknell nach siebenjähriger Verlobung (1816). Umzug nach Hampstead, Beginn der systematischen Naturbeobachtung. Geburt von sieben Kindern.
- 1820-1824: Schaffung der „Six-Footers“ Serie, beginnend mit „Der Heuwagen“ (1821). Internationale Anerkennung durch den Pariser Salon 1824, Goldmedaille von König Karl X.
- 1825-1828: Produktion weiterer Hauptwerke wie „Das Springende Pferd“ und „Die Schleuse“. Tod seiner Frau Maria an Tuberkulose (1828), tiefe persönliche Krise.
- 1829-1837: Späte Wahl zum Vollmitglied der Royal Academy. Dunklere, emotionalere Werke wie „Hadleigh Castle“ und „Die Kathedrale von Salisbury“. Vorlesungstätigkeit über Landschaftsmalerei.