Giorgione

Venedig um 1500 – eine Stadt zwischen Wasser und Licht, in der Farbe mehr zählt als eine Linie. Hier lernte ein junger Maler aus der Provinz, Bilder zu schaffen, die keine Geschichten mehr erzählen wollten. Giorgio Barbarelli, den sie Giorgione nannten, brach mit dem, was Malerei bisher war. Er verzichtete auf klare Konturen, arbeitete ohne Vorzeichnung, baute Formen allein aus Farbschichten auf. Seine Zeitgenossen verstanden nicht immer, was sie sahen. Die venezianische Renaissance fand in ihm einen Künstler, der das Rätselhafte dem Eindeutigen vorzog. Die Deutung seiner Werke mag ein Rätsel bleiben – ihre atmosphärische Kraft hingegen ist unbestreitbar.

wichtige Werke und Ausstellungen

Sein Werk ist schmal, kaum zwanzig Gemälde gelten als gesichert. Doch in dieser Verdichtung liegt eine eigene Kraft. Landschaften, Figurenszenen, Andachtsbilder, gelegentlich ein Porträt. Vieles bleibt unbestimmt, manches wurde nie zu Ende gedacht. Klare Gattungsgrenzen interessierten ihn wenig, eindeutige Aussagen noch weniger.

  • Das Gewitter (ca. 1508) – Gallerie dell’Accademia, Venedig
  • Die drei Philosophen (ca. 1509) – Kunsthistorisches Museum, Wien
  • Das Pastoralkonzert (ca. 1509) – Musée du Louvre, Paris
  • Die schlafende Venus (ca. 1510) – Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden
  • Die Anbetung der Hirten (ca. 1500-1505) – National Gallery of Art, Washington D.C.
  • Die Castelfranco-Madonna (ca. 1505) – Duomo di Castelfranco Veneto
  • Judith mit dem Haupt des Holofernes (ca. 1504) – Eremitage, St. Petersburg
  • La Vecchia (Alte Frau) (ca. 1506) – Gallerie dell’Accademia, Venedig

Giorgiones künstlerische Entwicklung

Die künstlerische Laufbahn Giorgiones erstreckte sich über kaum mehr als ein Jahrzehnt, doch in dieser kurzen Zeitspanne vollzog er einen stilistischen Wandel, der die venezianische Malerei für immer prägen sollte. Von den klaren Linien seiner Lehrzeit bis zur atmosphärischen Verschmelzung von Figur und Landschaft entwickelte er eine völlig neue Art des malerischen Erzählens.

 

Frühe Phase und Ausbildung in Venedig

Giorgio Barbarelli, wie er mit bürgerlichem Namen hieß, kam aus der kleinen Stadt Castelfranco Veneto nach Venedig. In der Werkstatt Giovanni Bellinis, des unangefochtenen Großmeisters der venezianischen Malerei, lernte der junge Künstler zunächst die traditionelle Temperamalerei. Bellini vermittelte ihm die Grundlagen der perspektivischen Konstruktion und die Kunst, religiöse Themen mit menschlicher Wärme zu durchdringen. Doch schon bald zeigte sich, dass der Schüler eigene Wege gehen würde.

Lehrjahre bei Bellini und Giorgiones erste eigene Wege

In Bellinis Werkstatt herrschte eine Atmosphäre des Experimentierens. Der alte Meister hatte selbst gerade die Ölmalerei aus den Niederlanden übernommen und erforschte ihre Möglichkeiten. Giorgione sog diese Neuerungen begierig auf, ging aber schnell darüber hinaus. Während Bellini seine Figuren noch klar konturierte, begann Giorgione, die Umrisse aufzulösen. Er malte senza disegno – ohne detaillierte Vorzeichnung –, was für seine Zeitgenossen eine kleine Revolution darstellte. Diese Technik erlaubte ihm, direkt mit Farbe zu modellieren und Formen aus dem Zusammenspiel von Licht und Schatten entstehen zu lassen.

Das Castelfranco-Altarbild als Wendepunkt

Um 1505 schuf Giorgione für den Duomo seiner Heimatstadt die Castelfranco-Madonna, eine Pala (Altarbild), die seinen Durchbruch markierte. Das Werk zeigt die thronende Madonna mit dem Kind, flankiert vom heiligen Franziskus und dem geharnischten heiligen Liberale. Was dieses Altarbild so besonders macht, ist die Öffnung des Raums. Statt des traditionellen Goldgrunds malte Giorgione eine weite Landschaft, die sich hinter den Heiligen erstreckt. Die Figuren scheinen nicht mehr vor einer Wand zu stehen, sondern in einem realen, atmenden Raum zu existieren. Herzog Trifone Costanzo, der das Werk in Auftrag gab, erhielt damit nicht nur ein Andachtsbild, sondern ein Fenster in eine andere Welt.

 

Durchbruch und Hauptwerke

Nach 1505 entfaltete sich Giorgiones Kunst in eine Richtung, die seine Zeitgenossen gleichermaßen faszinierte und verwirrte. Er schuf Bilder ohne eindeutige Erzählung, ohne literarische Vorlage – pure Poesia, Malerei als lyrisches Gedicht. Diese Phase seines Schaffens brachte seine rätselhaftesten und zugleich faszinierendsten Kunstwerke hervor.

Das Gewitter und die Geburt der Stimmungsmalerei

Das Gewitter„, heute in den Gallerie dell’Accademia in Venedig, verkörpert Giorgiones neue Art des Erzählens perfekt. Eine nackte Frau stillt ihr Kind, während ein junger Mann mit Stab sie von der anderen Seite eines Bachs betrachtet. Über der Szene braut sich ein Gewitter zusammen, ein Blitz erhellt die Stadt im Hintergrund. Was geschieht hier? Niemand weiß es mit Sicherheit. Giorgio Vasari über Giorgione schreibend, erwähnte später, dass der Künstler oft Bilder malte, deren Bedeutung er selbst seinen engsten Freunden nicht erklärte. Das Bild erzählt keine bekannte Geschichte, es evoziert eine Stimmung – die elektrische Spannung vor dem Sturm, die geheimnisvolle Begegnung zweier Menschen, das Gefühl des Ausgesetztseins in der Natur.

Die Rolle der humanistischen Kreise Venedigs

Giorgiones rätselhafte Bildthemen entstanden nicht im luftleeren Raum. Er verkehrte in den kultivierten Kreisen venezianischer Patrizier, wo man sich für neuplatonische Philosophie, antike Dichtung und die Mysterien der Alchemie begeisterte. Die „Drei Philosophen“ im Kunsthistorischen Museum Wien spiegeln diese intellektuelle Atmosphäre wider. Drei Männer unterschiedlichen Alters, möglicherweise die drei Lebensalter oder drei Weisheitstraditionen darstellend, studieren vor einer Höhle. Giorgione und der venezianische Kolorismus verbanden sich hier mit philosophischer Tiefe zu einem Bildnis des menschlichen Erkenntnissstrebens. Diese gelehrten Gäste seiner Auftraggeber beeinflussten seine Themenwahl nachhaltig und trugen zur Entstehung einer ganzen Reihe intellektuell anspruchsvoller Kompositionen bei.

 

Die letzten Schaffensjahre

Die letzten Jahre von Giorgiones kurzem Leben waren von intensiver Produktivität und fruchtbarer Zusammenarbeit geprägt. Besonders die Verbindung zu dem jungen Tizian, der zeitweise in seiner Werkstatt arbeitete, prägte beide Künstler nachhaltig.

Giorgiones Zusammenarbeit mit Tizian und die Frage der Autorschaft

Die „Schlafende Venus“ in Dresden zeigt exemplarisch die Verflechtung der beiden Künstlerhandschriften. Giorgione begann das Werk um 1510, doch sein plötzlicher Tod verhinderte die Vollendung. Tizian, sein begabtester Mitarbeiter und Freund, vollendete die Landschaft im Hintergrund. Die schlummernde Göttin, deren Körper sich harmonisch in die Hügellandschaft fügt, wurde zum Urbild des liegenden weiblichen Akts. Das Pastoralkonzert im Louvre wirft ähnliche Fragen auf. Lange Giorgione zugeschrieben, sehen viele Experten heute Tizians Hand am Werk, möglicherweise eine posthume Vollendung oder eigenständige Weiterführung von Giorgiones Ideen.

Die Fresken am Fondaco dei Tedeschi

1508 erhielt Giorgione den prestigeträchtigen Auftrag, die Fassade des neu errichteten Fondaco dei Tedeschi, des deutschen Handelshauses am Canal Grande, mit Fresken zu schmücken. Tizian assistierte ihm dabei. Von diesen Werken sind heute nur noch Fragmente erhalten, doch Zeitgenossen berichteten begeistert von den lebensgroßen Figuren, die wie lebendige Menschen aus der Wand zu treten schienen. Diese öffentliche Arbeit machte Zorzo, wie ihn die Venezianer nannten, endgültig zu einem der gefragtesten Künstler der Stadt. Unter den Besuchern des Dogenpalastes verbreitete sich schnell der Ruhm dieser monumentalen Arbeiten, die das Erscheinungsbild der Stadt prägten.

Giorgiones Stilmerkmale

Giorgiones unverkennbarer Stil prägte nicht nur seine eigene Zeit, sondern legte das Fundament für die gesamte venezianische Malerei des 16. Jahrhunderts. Seine Art, Geschichten zu erzählen, unterschied sich fundamental von der narrativen Tradition seiner Vorgänger.

Was Giorgione auszeichnete, war seine Fähigkeit, mit Farbe zu träumen. Seine Bilder laden nicht zum Lesen ein, sondern zum Fühlen. Die weichen Übergänge zwischen Licht und Schatten, das Sfumato, das er von Leonardo da Vinci übernommen und weiterentwickelt hatte, lässt seine Figuren wie von innen heraus leuchten. Diese Technik des Colorito, des Malens mit Farbe statt mit Linie, stand im Gegensatz zum florentinischen Disegno, der präzisen Zeichnung, die in Florenz von Künstlern wie Michelangelo Buonarroti bevorzugt wurde. In Giorgiones Händen wurde Farbe zum primären Ausdrucksmittel.

Ein Blick genügt, um die emotionale Temperatur seiner Bilder zu spüren. Die schwüle Spannung im „Gewitter„, die kontemplative Ruhe der „Drei Philosophen„, die sinnliche Träumerei der „Venus„. Seine Kompositionen folgen keiner starren Geometrie, sondern einem musikalischen Rhythmus, der den Betrachter sanft durch das Bild führt. Diese als Tonalismus oder Tonmalerei bezeichnete Herangehensweise macht aus jedem seiner Gemälde ein visuelles Konzert.

Besonders bemerkenswert ist seine Fähigkeit, Portraits und Figurengruppen in Landschaften einzubetten, die nicht bloße Kulisse sind, sondern aktive Teilnehmer der Bilderzählung. Selbst wenn er ein Doppelbildnis schuf, gelang es ihm, die Personen so in ihre Umgebung zu integrieren, dass eine harmonische Einheit entstand. Die Familie des Auftraggebers wurde nicht isoliert dargestellt, sondern als Teil eines größeren atmosphärischen Ganzen begriffen.

Techniken und Materialien

Die technische Innovation Giorgiones lag in seiner radikalen Neuinterpretation der Ölmalerei, die er zu einer bisher ungekannten Ausdruckskraft führte. Seine Maltechnik ohne Vorzeichnung bedeutete einen Bruch mit jahrhundertealten Traditionen.

Giorgione arbeitete direkt mit dem Pinsel auf der grundierten Leinwand, baute seine Kompositionen aus Farbflächen auf, die er Schicht um Schicht übereinanderlegte. Diese Lasurtechnik erzeugte eine Tiefe und Leuchtkraft, die mit der traditionellen Temperamalerei undenkbar gewesen wäre. Er nutzte die lange Trocknungszeit des Öls, um Farben ineinander zu verwischen, Konturen aufzuweichen und atmosphärische Effekte zu erzielen.

Seine Palette war warm und erdig, durchsetzt mit leuchtendem Rot und tiefem Grün. Besonders virtuos beherrschte er die Darstellung von Stoffen – vom schimmernden Satin bis zum groben Bauernleinen. Die Landschaften malte er nicht als Kulisse, sondern als eigenständige Akteure seiner Bilderzählungen. Nebel, Dunst und das besondere Licht der venezianischen Lagune fing er mit einer Präzision ein, die seine Gemälde fast haptisch erfahrbar macht. Diese technische Virtuosität stellte er jedoch nie zur Schau; sie diente allein dazu, die poetische Vision seiner Bildwelten zu verwirklichen.

Giorgiones Einfluss und Vermächtnis

Obwohl sein Œuvre klein blieb, löste Giorgione eine Revolution aus, die weit über Venedig hinausstrahlte. Seine Art, Malerei als eigenständige poetische Ausdrucksform zu begreifen, veränderte das Verständnis dessen, was Kunst sein und leisten konnte.

Der frühe Tod Giorgiones 1510 beendete zwar sein Schaffen, nicht aber seinen Einfluss. Wie ein geworfener Stein, der Kreise im Wasser zieht, wirkten seine Innovationen durch die Jahrhunderte fort. Tizian, sein direkter Nachfolger, übernahm nicht nur unvollendete Werke, sondern auch die Fackel der venezianischen Malerei. Er entwickelte Giorgiones Colorito zur höchsten Perfektion und wurde zum gefeiertsten Maler seiner Zeit. Doch auch er blieb zeitlebens von der poetischen Kraft seines früh verstorbenen Kollegen fasziniert.

Die Nachfolger und ihre Interpretation

Paolo Veronese und Jacopo Tintoretto, die nächste Generation venezianischer Meister, kannten Giorgione nur aus seinen Werken, doch sein Einfluss ist unverkennbar. Veroneses lichtdurchflutete Festszenen atmen denselben Geist der Lebensfreude, den Giorgione in seinen pastoralen Szenen eingefangen hatte. Tintoretto übernahm die kraftvolle Lichtführung und entwickelte sie zu einem theatralischen Stil weiter. Selbst außerhalb Venedigs wirkte Giorgiones Vermächtnis. Die Carracci in Bologna studierten seine Werke, Nicolas Poussin in Rom bewunderte seine Landschaftsauffassung, und die englischen Romantiker des 19. Jahrhunderts sahen in ihm einen Seelenverwandten.

Das moderne Verständnis von Giorgiones Kunst

Heute, über 500 Jahre nach seinem Tod, fasziniert Giorgione mehr denn je. Seine offenen, vieldeutigen Bildthemen sprechen eine moderne Sensibilität an, die das Fragmentarische und Rätselhafte schätzt. Kunsthistoriker entdecken in seinen Werken immer neue Bedeutungsebenen, während Restauratoren mit modernster Technik verborgene Details freilegen. Die Zuschreibungsfragen – welche Werke stammen von ihm, welche von Tizian oder anderen Zeitgenossen – beschäftigen die Forschung weiterhin intensiv. Jede Ausstellung seiner raren Werke wird zum Ereignis, das Besucher aus aller Welt anzieht.

 

Giorgio Barbarellis Platz in der Kunstgeschichte

Mit nur etwa zwanzig Gemälden und einer Schaffenszeit von kaum mehr als einem Jahrzehnt hat Giorgione etwas erreicht, das den meisten Künstlern trotz langer Karrieren verwehrt bleibt. Er hat die Regeln der Malerei grundlegend neu geschrieben. Sein größter Beitrag liegt nicht in einzelnen Meisterwerken, sondern in einer revolutionären Erkenntnis – dass ein Bild keine Geschichte erzählen muss, um den Betrachter zu bewegen. Die Stimmung selbst, das Zusammenspiel von Licht, Farbe und Atmosphäre, kann zum eigentlichen Inhalt werden.

Diese Befreiung der Malerei vom rein Illustrativen öffnete Türen, die jahrhundertelang offenblieben. Von den venezianischen Meistern über die Romantiker bis hin zur modernen Abstraktion führt eine gedankliche Linie zu diesem jungen Mann aus Castelfranco. Dass wir bis heute nicht genau wissen, was seine rätselhaftesten Bilder bedeuten, schmälert ihre Wirkung nicht – im Gegenteil. Giorgione bewies, dass große Kunst nicht alle Fragen beantworten muss, um unvergesslich zu sein. Giorgio Barbarelli da Castelfranco starb im Oktober oder November 1510 in Venedig an der Pest, im Alter von nur 32 oder 33 Jahren.

Quick Facts

  • 1477/78: Giorgio Barbarelli wird in Castelfranco Veneto geboren, wächst in bescheidenen Verhältnissen auf
  • 1490-1495: Eintritt in die Werkstatt Giovanni Bellinis in Venedig, Beginn der künstlerischen Ausbildung
  • 1500-1505: Schaffung der frühen Werke wie die „Anbetung der Hirten“, erste eigenständige Aufträge
  • 1505: Vollendung der Castelfranco-Madonna, Etablierung als eigenständiger Künstler von hohem Rang
  • 1507-1508: Arbeit an den Fresken des Fondaco dei Tedeschi gemeinsam mit Tizian
  • 1508-1509: Entstehung der rätselhaften Hauptwerke „Das Gewitter“ und „Die drei Philosophen“
  • 1509-1510: Intensive Schaffensperiode, Beginn der „Schlafenden Venus“, mögliche Arbeit am Pastoralkonzert
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