Maria Lassnig

Maria Lassnig

Ein Körper, der sich von innen malt. Maria Lassnig begann früh, dem nachzuspüren, was sich unter der Haut abspielte, nicht dem, was von außen sichtbar war. In der österreichischen Malerei nach 1945 blieb sie damit lange allein. Die Akademie in Wien hatte ihr Handwerk beigebracht, doch was sie suchte, stand in keinem Lehrplan. Ihre Bilder zeigten Empfindungen, Druck und Wärme und Taubheit, übersetzt in Farbe. Grün konnte ein dumpfes Körpergefühl sein, Rot eine Anspannung. Über sieben Jahrzehnte arbeitete sie an dieser Übersetzung, in Wien, Paris und New York, mit Pinsel und Zeichenstift und später mit der Filmkamera.

Wichtige Werke und Ausstellungen

Das Œuvre reicht von frühen expressiven Selbstporträts über großformatige Körperbilder bis zu Animationsfilmen, die Empfindungen in Bewegung zeigen. Gemälde, Zeichnungen, Radierungen und Filme bilden keine getrennten Bereiche, sondern greifen ineinander. Immer wieder der eigene Körper, immer wieder die Frage, wie sich etwas anfühlt und wie das aussehen könnte. Humor und Schonungslosigkeit liegen dabei oft auf derselben Leinwand.

 

  • Selbstporträt expressiv (1945) – Albertina, Wien
  • Die dicke Grüne (1961) – MUMOK, Wien
  • Frühstück mit Ohr (1967) – Privatbesitz
  • Stillleben mit rotem Selbstportrait (1969) – MUMOK, Wien
  • Selbstporträt mit Stab (1971) – Privatbesitz
  • Sciencefiction-Selbstporträt (1980) – MUMOK, Wien
  • Die Froschkönigin (2000) – MUMOK, Wien
  • Zwei Arten zu sein – Doppelselbstporträt (2000) – MUMOK, Wien

Maria Lassnigs künstlerische Entwicklung

Maria Lassnigs Biografie und wichtige Stationen lesen sich wie eine Reise durch die europäische und amerikanische Kunstlandschaft der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Von der Akademie in Wien über die Pariser Avantgarde bis in die New Yorker Atelierszene formte jede Station ihr Verständnis davon, was Malerei über den menschlichen Körper erzählen kann. Ihre Entwicklung verlief dabei alles andere als geradlinig. Sie wechselte Länder, Medien und Bildsprachen, blieb aber einem Grundgedanken treu, dem Ausdruck des Körpergefühls.

 

Lehrjahre und Frühphase in Wien

Maria Lassnigs künstlerischer Weg begann mitten im Zweiten Weltkrieg. 1941 nahm sie ihr Studium an der Akademie der bildenden Künste in Wien auf, zunächst bei Wilhelm Dachauer. Die Akademie war zu dieser Zeit ein konservatives Haus, geprägt von einer Lehre, die handwerkliche Perfektion über persönlichen Ausdruck stellte. Lassnig fügte sich nur bedingt ein. Ihre frühen Arbeiten zeigten bereits ein Interesse an expressiver Farbigkeit und individueller Bildsprache, das mit den Erwartungen ihrer Professoren kollidierte.

 

Erste Selbstporträts und die Rückkehr nach Kärnten

Nach dem Abschluss ihres Studiums 1945 kehrte Lassnig zunächst nach Klagenfurt zurück. In der kleinen avantgardistischen Szene Kärntens, weit entfernt vom Wiener Kunstbetrieb, begann sie, erste eigenständige Werke zu entwickeln. Bereits in dieser Phase entstanden die frühen Selbstporträts, darunter das „Selbstporträt expressiv“ von 1945, ein Bild mit kräftigen Pinselstrichen und einer Farbgebung, die weniger das Gesicht beschreibt als die Empfindung des eigenen Körpers.

 

Diese frühen Arbeiten legten den Grundstein für alles, was folgen sollte. Die Beziehung zwischen innerem Erleben und gemaltem Bild wurde hier erstmals sichtbar, noch tastend, aber schon mit einer Direktheit, die überrascht.

 

Vom Surrealismus zum Informel

In den frühen 1950er-Jahren zog Lassnig erneut nach Wien und knüpfte Kontakte zur österreichischen Avantgarde. Besonders prägend war ihre Zusammenarbeit mit Arnulf Rainer, mit dem sie die Künstlergruppe „Hundsgruppe“ gründete. Der Name war Programm. Die kleine Gruppe stellte sich bewusst gegen den etablierten Kunstbetrieb und suchte nach Ausdrucksformen jenseits akademischer Konventionen.

 

Maria Lassnig und Arnulf Rainer in der Hundsgruppe

Gemeinsam mit Rainer beschäftigte sich Lassnig mit Surrealismus, automatischem Zeichnen und den Möglichkeiten des Informel, also jener abstrakten Malerei, die auf spontane Geste und Materialwirkung setzte statt auf geplante Komposition. Der Tachismus, eine Spielart des Informel, bei der Farbe in schnellen Tropfen und Spritzern aufgetragen wird, interessierte sie als Methode, aber nicht als Ziel. Lassnig übernahm die Freiheit dieser Verfahren, kehrte jedoch immer wieder zur Figur zurück. Die Frage, wie sich ein Körper von innen anfühlt, ließ sich für sie nicht rein abstrakt beantworten.

 

Pariser Begegnungen und internationale Einflüsse

Reisen nach Paris in den 1950er- und 1960er-Jahren erweiterten Lassnigs Horizont zusätzlich. In der Stadt begegnete sie vermutlich Vertretern der internationalen Avantgarde, unter ihnen André Breton und Paul Celan. Sie lernte Werke des abstrakten Expressionismus und der Art Brut kennen, jener rohen, unakademischen Kunst, die Jean Dubuffet propagierte.

 

Diese Einflüsse verdichteten sich in Lassnigs Arbeit zu einer ganz eigenen Position. Ihre Gemälde dieser Jahre, etwa „Die dicke Grüne“ von 1961, zeigen Körperformen, die zwischen Figuration und Abstraktion schweben. Die Farbe Grün wirkt hier nicht beschreibend, sondern wie eine Empfindung, die sich über die gesamte Leinwand ausbreitet.

 

Maria Lassnigs New Yorker Zeit und Filme

1968 zog Maria Lassnig nach New York, wo sie mehr als ein Jahrzehnt lebte und arbeitete. Die Entscheidung war mutig. Mit Ende vierzig verließ sie Wien, um in einer Stadt neu anzufangen, in der sie kaum jemand kannte. In New York studierte sie Animation an der School of Visual Arts und begann, ihre Ideen von Körperwahrnehmung und Identität filmisch umzusetzen.

 

Animationsfilme und das bewegte Selbstporträt

Die Animationsarbeiten, darunter der Kurzfilm „Selfportrait“ von 1971, übertrugen Lassnigs Körperbewusstseinsmalerei in ein neues Medium. Im Film konnte sie zeigen, was ein einzelnes Gemälde nicht leisten kann, nämlich die Veränderung einer Empfindung über die Zeit. Figuren verformen sich, Farben wechseln, Körperteile tauchen auf und verschwinden wieder.

 

Diese Arbeiten verbinden die Direktheit der Zeichnung mit der zeitlichen Dimension des Films. Lassnig erhielt für ihre filmischen Experimente Unterstützung durch das Künstlerprogramm des DAAD in Berlin, was zeigt, dass ihre Arbeit auch in Deutschland wahrgenommen wurde.

 

Malerei zwischen Atelier und Isolation

Parallel zu den Filmen entwickelte Lassnig in ihrem New Yorker Atelier ihre gemalten Selbstporträts weiter. Die Bilder dieser Phase zeigen zunehmend Körper in Zuständen der Anspannung, Verletzlichkeit und Isolation. Das „Sciencefiction-Selbstporträt“ von 1980, entstanden kurz vor ihrer Rückkehr nach Wien, verbindet den eigenen Körper mit technischen Apparaturen. Es lässt sich lesen als Kommentar auf die zunehmende Verschmelzung von Mensch und Maschine, formuliert mit der schnörkellosen Ehrlichkeit, die Lassnigs gesamtes Werk durchzieht.

 

Rückkehr nach Wien und späte Anerkennung

1980 kehrte Lassnig nach Wien zurück und übernahm eine Professur für Malerei an der Hochschule für angewandte Kunst. Damit wurde sie eine der ersten Frauen im deutschsprachigen Raum, die eine solche Position an einer Kunsthochschule erhielt. Die Professur gab ihr finanzielle Sicherheit und Sichtbarkeit, beides Dinge, die ihr jahrzehntelang gefehlt hatten.

 

Internationale Ausstellungen und Retrospektiven

In den folgenden Jahrzehnten wuchs die internationale Anerkennung. Ihre Werke wurden auf der documenta in Kassel gezeigt, Retrospektiven fanden im Kunstmuseum Luzern, im Centre Pompidou in Paris, im Lenbachhaus in München und in der Kunsthalle Wien statt. Die Galerie Klewan und die Galerie Pakesch in Wien spielten eine wichtige Rolle bei der Vermittlung ihres Werks.

 

Gruppenausstellungen in Köln, Düsseldorf und Graz brachten ihre Arbeiten einem breiteren Publikum nahe. 2013 erhielt sie den Goldenen Löwen der Biennale von Venedig für ihr Lebenswerk, eine Auszeichnung, die die jahrzehntelange Unterschätzung ihres Schaffens endgültig korrigierte.

 

Das Spätwerk und die Frage nach dem Alter

In den letzten beiden Jahrzehnten ihres Lebens malte Lassnig mit einer Intensität, die viele überraschte. Bilder wie „Die Froschkönigin“ von 2000 zeigen den alternden Körper mit einer Mischung aus Humor und Schonungslosigkeit. Die Figur trägt eine Krone, sitzt aber nackt und verletzlich auf der Leinwand. Es ist diese Verbindung von Ironie und Ernsthaftigkeit, die Lassnigs Spätwerk auszeichnet.

 

Das Doppelselbstporträt „Zwei Arten zu sein“ aus demselben Jahr stellt zwei Versionen der Künstlerin nebeneinander, eine mit Pistole, eine mit Pinsel. Die Geste ist überdeutlich und zugleich mehrdeutig. Gewalt und Kreativität, Zerstörung und Schöpfung liegen hier auf einer Leinwand eng beieinander.

 

Stilmerkmale von Maria Lassnig

Maria Lassnigs Malerei lässt sich nicht einer einzelnen Stilrichtung zuordnen. Ihre Bildsprache entwickelte sich über Jahrzehnte und nahm Elemente des Surrealismus, des Informel und des drastischen Realismus auf, ohne je in einer dieser Strömungen aufzugehen.

 

Das zentrale Merkmal ihres Schaffens ist die Körperbewusstseinsmalerei, also der Versuch, nicht das Aussehen des Körpers zu malen, sondern das, was sich im Körper anfühlt. Wenn Lassnig ihren Arm darstellte, malte sie nicht Haut und Muskeln, sondern die Empfindung von Druck, Wärme oder Taubheit. Farben funktionieren in ihren Bildern wie eine Temperaturkarte. Rot steht für Schmerz oder Anspannung, Grün für ein dumpfes Körpergefühl, Gelb für Energie.

 

Expressive Farbgestaltung und fragmentierte Körper

Diese expressive Farbgestaltung folgt keinem festen System, sondern der jeweiligen Empfindung im Moment des Malens. Ihre Selbstporträts zeigen den eigenen Körper fragmentiert, verzerrt, manchmal auf einzelne Gliedmaßen reduziert. Die Figuren bewegen sich dabei zwischen realistischen Elementen und abstrakten Formen. Humor und Selbstironie spielen eine tragende Rolle, etwa wenn Lassnig sich als Froschkönigin inszeniert oder mit Küchenutensilien posiert. Dieser Witz mildert die Schonungslosigkeit der Darstellung, ohne sie aufzuheben.

 

Techniken und Materialien

Maria Lassnigs bevorzugtes Medium war die Ölmalerei auf Leinwand, häufig in grossen Formaten, die den Körper in Lebensgröße oder darüber hinaus zeigen. Daneben schuf sie eine Vielzahl von Zeichnungen, Aquarellen und Radierungen, die in ihrem Œuvre eine eigenständige Rolle spielen.

 

Das tägliche Zeichnen bildete die Grundlage ihres Schaffensprozesses. In schnellen Skizzen hielt sie Körperempfindungen fest, bevor sie diese auf die Leinwand übertrug. Die Zeichnung diente dabei als eine Art Seismograph, ein Instrument, das feinste Regungen aufzeichnet, bevor der langsamere Prozess des Malens begann. Ihre Radierungen, die vor allem im Folkwang Museum in Essen und in der Albertina in Wien zu sehen sind, verbinden die Spontaneität der Zeichnung mit der Präzision der Druckgrafik.

 

Animationsfilm als Erweiterung der Zeichnung

In ihren Animationsfilmen erweiterte Lassnig die Möglichkeiten der Zeichnung um die Dimension der Zeit. Die Filme entstanden teilweise in aufwändiger Einzelbildtechnik und zeigen, wie sich Körperempfindungen verändern, verlagern und auflösen. Farbe setzte sie nicht mimetisch ein, also nicht zur Nachahmung der sichtbaren Wirklichkeit, sondern als eigenständiges Ausdrucksmittel für innere Zustände.

 

Lassnigs Einfluss und Vermächtnis

Maria Lassnigs Werk veränderte das Verständnis davon, was ein Selbstporträt leisten kann. Während die klassische Porträtmalerei den Körper als Oberfläche behandelt, machte Lassnig ihn zum Schauplatz innerer Erfahrung. Diese Verschiebung beeinflusste eine ganze Generation von Künstlerinnen und Künstlern.

 

Maria Lassnigs Einfluss auf die feministische Kunst

Im Kontext der feministischen Avantgarde nach 1970 wurde Lassnigs Arbeit zu einem zentralen Bezugspunkt. Künstlerinnen wie Valie Export griffen ihre Idee auf, den weiblichen Körper nicht als Objekt des Blicks, sondern als Ort subjektiver Erfahrung darzustellen. Auch im Bereich der Body Art, also jener Kunstform, die den eigenen Körper als Material und Medium verwendet, hinterließ Lassnig Spuren. Ihre Professorinnen-Tätigkeit in Wien, wo sie eine ganze Meisterklasse junger Künstlerinnen und Künstler ausbildete, sorgte dafür, dass ihre Denkweise sich in der österreichischen Kunst nach 1945 verankerte.

 

Vermittlung durch Kuratoren und Galeristen

Der Kurator Matthias Mühling, der eine umfassende Retrospektive im Lenbachhaus verantwortete, bezeichnete ihre Arbeit als einen der wichtigsten Beiträge zur figurativen Malerei der Nachkriegszeit. Helmut Klewan und Peter Pakesch, beide als Galeristen und Kuratoren tätig, trugen wesentlich zur Vermittlung ihres Werks bei. Die Kunsthistorikerin Natalie Lettner widmete Lassnig eine biografische Studie, die ihr Leben und Werk für ein breiteres Publikum aufbereitete.

 

Auch die Arbeit von Hans Poschauko als vermutlichem frühen Förderer verdient Erwähnung. Führungen durch Lassnig-Ausstellungen in Wien, München und Graz ziehen bis heute ein Publikum an, das weit über die akademische Kunstwelt hinausreicht.

 

Maria Lassnig Platz in der Kunstgeschichte

Maria Lassnigs Körperbewusstseinsmalerei eröffnete der figurativen Malerei einen Weg, der weder in die Abstraktion noch in den fotografischen Realismus führte, sondern in die Innenwelt des Körpers. Diese Idee wirkte weit über ihr eigenes Werk hinaus. Zeitgenössische Malerinnen wie Jenny Saville oder Maria Brunner greifen auf Lassnigs Verbindung von körperlicher Empfindung und gestischer Malerei zurück.

 

Die Tradition der österreichischen Kunst nach 1945, von Lassnig über Valie Export bis zu jüngeren Positionen, wäre ohne ihren Beitrag kaum denkbar. In der Linie von Käthe Kollwitz, die den leidenden Körper ins Zentrum der Kunst rückte, führte Lassnig diesen Gedanken weiter, indem sie den fühlenden Körper zum alleinigen Bildgegenstand machte. Maria Lassnig starb am 6. Mai 2014 in der Stadt Wien im Alter von 94 Jahren.

 

QUICK FACTS

  • 1919: Geburt am 8. September in Kappel am Krappfeld, Kärnten
  • 1941–1945: Studium an der Akademie der bildenden Künste in Wien, frühe Selbstporträts in Klagenfurt und Graz
  • 1951–1961: Rückkehr nach Wien, Gründung der „Hundsgruppe“ mit Arnulf Rainer, Reisen nach Paris, Begegnungen mit Surrealismus und Informel
  • 1961–1968: Entwicklung der Körperbewusstseinsmalerei, Schlüsselwerke wie „Die dicke Grüne“ und „Frühstück mit Ohr“
  • 1968–1980: Übersiedlung nach New York, Studium der Animation an der School of Visual Arts, Produktion von Animationsfilmen, Teilnahme am DAAD-Künstlerprogramm in Berlin
  • 1980–2000: Professur an der Hochschule für angewandte Kunst Wien, Teilnahme an der documenta, wachsende internationale Anerkennung durch Retrospektiven und Einzelausstellungen
  • 2000–2013: Spätwerk mit Schlüsselbildern wie „Die Froschkönigin“ und „Zwei Arten zu sein“, Ausstellungen im Centre Pompidou, Lenbachhaus München und der Albertina Wien
  • 2013: Goldener Löwe der Biennale von Venedig für das Lebenswerk
  • 2014: Tod am 6. Mai in Wien im Alter von 94 Jahren

Erwähnte Künstler

Lust auf mehr? Hier findest du die im Text verlinkten Vorbilder, Zeitgenossen und Nachfolger mit eigenen Kurzbiografien.

 

  • Arnulf Rainer – Mitbegründer der Hundsgruppe, Weggefährte in Wien

Käthe Kollwitz – Vorläuferin in der Darstellung des leidenden Körpers

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