Sophie Taeuber-Arp
Sophie Taeuber-Arp war eine vielseitige Schweizer Künstlerin, deren Werk die Grenzen zwischen angewandter und bildender Kunst aufhob. Sie wurde am 19. Januar 1889 in Davos geboren und prägte mit ihren abstrakten, geometrischen Kompositionen sowie ihrer Arbeit im Bereich Textildesign, Skulptur und Architektur die Avantgarde des 20. Jahrhunderts. Ihre enge Verbindung zur Dada-Bewegung, ihre Lehre an der Kunstgewerbeschule Zürich und ihre experimentelle Auseinandersetzung mit Form und Farbe machen sie zu einer Schlüsselfigur der modernen Kunst.
Wichtige Werke und Ausstellungen
- Dada-Kopf (Tête Dada, 1920) – Musée National d’Art Moderne, Centre Georges Pompidou, Paris
- Komposition mit Diagonalen und Kreis (Composition avec diagonales et cercle, 1916) – Museum of Modern Art, New York
- Vertikal-Horizontale Komposition (Composition verticale-horizontale, 1916) – Kunstmuseum Basel
- Dada-Teppich (Tapis Dada, 1920) – Museum für Gestaltung, Zürich
- Abstrakte Komposition (Composition abstraite, 1922) – Kunsthaus Zürich
- Rundplastik (Sculpture ronde, 1937) – Stiftung Arp, Berlin
- Bewegte Kreise (Cercles en mouvement, 1934) – Albright-Knox Art Gallery, Buffalo
- Ovalkomposition mit abstrakten Motiven (Composition ovale avec motifs abstraits, ca. 1922) – Arp Museum Bahnhof Rolandseck, Remagen
- Flug: Rundes Relief in drei Höhen (Vol: Relief rond en trois hauteurs, 1937) – Stiftung Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp e.V., Berlin
- Abstrakte Komposition (Glasfenster) (Composition abstraite (vitrail), 1926–27) – Musée d’Art Moderne et Contemporain, Straßburg
Künstlerische Entwicklung
Frühe Karriere und Ausbildung
Sophie Taeuber-Arp wuchs in Trogen auf und absolvierte ihre künstlerische Ausbildung an der Gewerbeschule in St. Gallen, wo sie sich auf Textildesign spezialisierte. Anschließend studierte sie an der Debschitz-Schule in München und verbrachte ein Jahr an der Kunstgewerbeschule in Hamburg. Diese Erfahrungen prägten ihr Verständnis von Kunst und Design gleichermaßen. Ab 1916 unterrichtete sie an der Kunstgewerbeschule Zürich und förderte dort eine Synthese aus Kunst und Handwerk.
Wichtige Stationen und Werke
Frühe Dada-Jahre in Zürich: Skulptur und Performance
1915 lernte Sophie Taeuber den Künstler Hans Arp kennen, mit dem sie eine lebenslange künstlerische Partnerschaft verband. Während des Ersten Weltkriegs engagierte sie sich in der Dada-Bewegung in Zürich. Bekannt wurde sie durch ihre bemalten Holzskulpturen, die sogenannten „Dada-Köpfe“. Diese Werke verbanden geometrische Klarheit mit spielerischer Leichtigkeit und trugen wesentlich zur Etablierung der Abstraktion in der Skulptur bei.
Architektur und Interdisziplin: Das Projekt Aubette
1926 zog sie mit Hans Arp nach Straßburg. Gemeinsam mit Arp und Theo van Doesburg gestaltete sie das Café de l’Aubette, ein radikales Raumkonzept, das Kunst, Design und Architektur als Einheit verstand. Das avantgardistische Interieur galt seiner Zeit als zu modern und wurde zunächst abgelehnt. Erst Jahrzehnte später wurde es restauriert und als Meilenstein der konstruktiven Kunst anerkannt.
Abstraction-Création und das Spiel mit Form und Farbe
In den 1930er Jahren trat Taeuber-Arp der Künstlergruppe Abstraction-Création bei. Sie schuf Werke, die Farbe, Form und Bewegung in neuen Beziehungen zueinander setzten. Ihre Arbeiten aus dieser Zeit stehen exemplarisch für eine non-figurative Kunst, die nicht nur rational strukturiert war, sondern auch poetisch und lebendig wirkte.
Tanz, Rhythmus und Bewegung als gestalterisches Prinzip
Neben der bildenden Kunst war Sophie Taeuber-Arp ausgebildete Tänzerin. Sie studierte Ausdruckstanz bei Rudolf von Laban und trat während der Dada-Soirées in Zürich auf. Die körperliche Erfahrung von Rhythmus und Raum beeinflusste ihre künstlerische Arbeit spürbar. In ihren abstrakten Kompositionen zeigt sich ein ausgeprägtes Gespür für Dynamik und Bewegungsfluss – ein wesentliches Merkmal ihres Werks.
Stilmerkmale
- Geometrische Klarheit: Taeuber-Arps Arbeiten basieren auf einer präzisen, reduzierten Formsprache mit klaren Linien und symmetrischen Mustern.
- Dynamik und Rhythmus: Viele ihrer Werke sind von tanzähnlichen, bewegten Strukturen geprägt, die ein Gefühl von Leichtigkeit vermitteln.
- Experimentelle Materialwahl: Sie kombinierte verschiedene Medien, darunter Holz, Textilien, Glas und Metall, um neue visuelle Effekte zu erzielen.
- Abstraktion mit Struktur: Während ihre Werke oft streng geometrisch erscheinen, enthalten sie eine subtile spielerische Qualität, die organische und mathematische Prinzipien vereint.
Techniken und Materialien
Sophie Taeuber-Arp arbeitete mit einer Vielzahl von Techniken. Ihre Skulpturen aus bemaltem Holz verbanden malerische und handwerkliche Aspekte. Ihre textilen Werke, darunter Teppiche und Stickereien, zeigten abstrakte Muster, die oft als Vorläufer konstruktivistischer Malerei angesehen werden. In der Malerei verwendete sie Öl und Aquarellfarben und entwickelte eine charakteristische Technik, bei der sie Farben und geometrische Formen in harmonischen Mustern anordnete.
Taeuber-Arps Einfluss und Vermächtnis
Sophie Taeuber-Arp war eine zentrale Figur der modernen Kunst, deren Einfluss weit über ihre eigene Zeit hinausreicht. Ihr Schaffen inspirierte zahlreiche Künstler der geometrischen Abstraktion und des Konstruktivismus, darunter Piet Mondrian, Max Bill und Georges Vantongerloo. Ihre Arbeiten wurden lange Zeit im Schatten ihres Ehemannes Hans Arp gesehen, doch spätestens seit der großen Retrospektive im Museum of Modern Art (MoMA) und Tate Modern wird ihr künstlerisches Erbe umfassend gewürdigt.
Sophie Taeuber-Arp: Die wichtigsten Fakten
- Geboren am 19. Januar 1889 in Davos, Schweiz.
- Studium in St. Gallen, München und Hamburg.
- Ab 1916 Lehrtätigkeit an der Kunstgewerbeschule Zürich.
- Wichtige Vertreterin der Dada-Bewegung in Zürich.
- Gestaltung des „Café de l’Aubette“ in Straßburg.
- Mitglied der Künstlergruppe „Abstraction-Création“.
- Einflussreiche Künstlerin der geometrischen Abstraktion.
- Arbeiten in Museen weltweit, darunter das MoMA und das Centre Pompidou.
Sophie Taeuber-Arps gilt als eine der wenigen Künstlerinnen ihrer Zeit, die konsequent zwischen angewandter und freier Kunst vermittelte – ohne dabei die Grenzen der Disziplinen zu akzeptieren. Ihr Werk vereinte Rationalität und Spiel, Struktur und Bewegung, und wurde damit zu einem Vorbild für viele Künstler der Nachkriegsmoderne, insbesondere in der konkreten Kunst und im Bauhaus-Kontext.
Taeuber-Arps Arbeiten stehen exemplarisch für eine künstlerische Haltung, die das Alltägliche mit dem Ästhetischen verbindet – ein Ansatz, der im heutigen Design- und Kunstverständnis wieder zunehmend an Bedeutung gewinnt. Am 13. Januar 1943 starb sie im Alter von 53 Jahren tragisch an einer Kohlenmonoxidvergiftung in Zürich. Ihr Werk bleibt bis heute ein Beleg für den Mut zur Form, zur Freiheit und zur geistigen Bewegung.