Kurt Schwitters

Ein Stück Papier, herausgerissen aus einer Anzeige der Kommerz- und Privatbank. Das Fragment zeigt nur vier Buchstaben: Merz. Hannover 1918, und aus diesem Zufall wird ein Programm. Kurt Schwitters sammelte, was andere wegwarfen. Fahrkarten, Zeitungsränder, Stoffreste, Draht. Er ordnete das Wertlose neu und gab ihm eine Bedeutung, die es nie besessen hatte. Die Stadt lieferte ihm sein Material, die Straßen, die Geschäfte, die Druckereien. Was als Dada hätte gelten können, wurde von Berlin zurückgewiesen. Also schuf er seine eigene Bewegung, allein in seiner Heimatstadt, mit einer Konsequenz, die über Jahrzehnte trug.

Wichtige Werke und Ausstellungen

Sein Schaffen bewegte sich zwischen Fläche und Raum, zwischen Bild und Klang. Collagen und Assemblagen bilden das Zentrum, doch die Grenzen waren ihm nie genug. Typografie, Lautpoesie, begehbare Raumgebilde gehörten ebenso dazu. Immer wieder das Fragmentarische, das Gefundene, das scheinbar Zufällige, dem er eine neue Ordnung gab.

    • Das Undbild (1919) – Staatsgalerie Stuttgart
    • Merzbild 9b, Das große Ichbild (1919) – Museum Ludwig, Köln
    • Konstruktion für edle Frauen (1919) – Los Angeles County Museum of Art
    • An Anna Blume (1919) – Gedicht, veröffentlicht im Verlag „Der Sturm“, Berlin
    • Merzbild P (1920) – Sprengel Museum Hannover
    • Merzbild 32a, Das Kirschbild (1921) – Museum of Modern Art, New York
    • Ursonate (1922–1932) – Klanggedicht, erstmals 1932 vollständig veröffentlicht
    • Merzbau (1923–1937) – Ursprünglich in Hannover, im Zweiten Weltkrieg zerstört

Kurt Schwitters künstlerische Entwicklung

Die Transformation vom klassisch ausgebildeten Maler zum radikalen Erneuerer der Kunst vollzog sich bei Schwitters in mehreren Phasen. Seine künstlerische Reise führte ihn von der akademischen Tradition über die Begegnung mit der Avantgarde bis zur Entwicklung seiner ganz eigenen Kunstsprache, die er unter dem Begriff „Merz“ zusammenfasste.

Frühe Phase und akademische Ausbildung

Nach dem Abitur besuchte Schwitters zunächst die Kunstgewerbeschule Hannover, bevor er 1909 an die Königliche Sächsische Akademie der bildenden Künste in Dresden wechselte. Unter Carl Bantzer und Gotthardt Kuehl erhielt er eine solide akademische Ausbildung, die ihn zunächst zum Impressionismus führte. Dresden, damals ein Zentrum der Moderne, bot reichlich Anregungen, doch der junge Schwitters blieb vorerst bei traditionellen Malmethoden. Auch München spielte als Kunstzentrum eine wichtige Rolle für die Avantgarde dieser Zeit und beeinflusste die künstlerischen Debatten, denen Schwitters folgte.

Der Erste Weltkrieg wurde zum Wendepunkt. Als technischer Zeichner in einem hannoverschen Eisenwerk erlebte er die industrielle Maschinenwelt hautnah. Die geometrischen Formen der Technik, das Rattern der Maschinen und die fragmentierte Wahrnehmung der modernen Zeit prägten seine spätere Bildsprache entscheidend. Nach Kriegsende wandte er sich radikal von der akademischen Malerei ab.

Der Übergang vom Expressionismus zur Abstraktion

Zwischen 1917 und 1918 experimentierte Schwitters zunächst mit expressionistischen Formen. Die emotionale Wucht des Expressionismus genügte ihm jedoch bald nicht mehr. Er suchte nach einer objektiveren, konstruktiveren Sprache. Der Kubismus mit seiner analytischen Zerlegung der Form und der russische Konstruktivismus mit seiner geometrischen Strenge wurden zu wichtigen Einflüssen. Diese Synthese verschiedener Avantgarde-Strömungen führte ihn schließlich zu seiner eigenen Form der Abstraktion, die sowohl konstruktive als auch zufällige Elemente vereinte.

Die Geburt von Merz aus dem Zufall

1918 entstand seine erste Collage aus Fundstücken. Ein zerrissenes Stück Papier mit dem Fragment „merz“ aus einer Anzeige der „Kommerz- und Privatbank“ wurde zum Namensgeber seiner gesamten Kunstrichtung. Dieser glückliche Zufall – Schwitters sprach später von einem „Geschenk des Schicksals“ – markierte den Beginn einer neuen Kunstform.

Merz wurde mehr als nur eine Technik; es wurde zu einer Philosophie, die das Prinzip der Bricolage, des kreativen Bastelns mit vorgefundenen Materialien, zur Kunstform erhob. Die Dinge des Alltags, die andere als wertlos betrachteten, wurden in seinen Händen zu Trägern poetischer Bedeutung.

Durchbruch und Hauptwerke

Die Jahre zwischen 1919 und 1923 markierten Schwitters‘ produktivste Phase. In schneller Folge entstanden seine berühmtesten Merzbilder, darunter Das große Ichbild und Das Kirschbild. Diese Arbeiten zeigen, wie er Alltagsmaterialien – Fahrkarten, Zeitungsausschnitte, Stoffreste – zu harmonischen Kompositionen fügte. Die scheinbar zufällige Anordnung folgte dabei strengen kompositorischen Regeln, die er aus seiner akademischen Ausbildung ableitete.

Parallel zu den bildnerischen Arbeiten entwickelte Schwitters seine Lautpoesie. Das Gedicht An Anna Blume von 1919 wurde zu einem unerwarteten Publikumserfolg. Die spielerische Dekonstruktion der Sprache, die gleichzeitig zärtlich und absurd wirkte, traf den Nerv der Zeit. Die hannoversche Gesellschaft reagierte gespalten: Während progressive Kreise seine Kunst feierten, sahen konservative Kritiker darin nur sinnloses Chaos. Neben seiner Lyrik verfasste Schwitters auch experimentelle Prosa, in der er die Fragmentierung der modernen Welt literarisch verarbeitete.

Kurt Schwitters und die Dada-Bewegung in Berlin

Trotz stilistischer Verwandtschaft mit dem Dadaismus blieb Schwitters der Zugang zur Berliner Dada-Gruppe verwehrt. Richard Huelsenbeck, einer der Wortführer der Bewegung, lehnte Schwitters‘ Aufnahme ab. Der Vorwurf lautete, seine Kunst sei zu ästhetisch, zu sehr auf Harmonie bedacht. Für die politisch radikalen Berliner Dadaisten war Schwitters ein „romantischer“ Künstler, der die gesellschaftliche Sprengkraft ihrer Bewegung nicht teilte.

Diese Zurückweisung kränkte Schwitters, spornte ihn aber auch an. Er gründete seine eigene Bewegung in Hannover und knüpfte Kontakte zu internationalen Avantgardisten. Mit Hans Arp, der zwischen Zürich und Paris pendelte, verband ihn eine lebenslange Freundschaft. Auch Tristan Tzara, der Begründer des Züricher Dada, erkannte Schwitters‘ Bedeutung an. Herwarth Walden, der einflussreiche Galerist und Herausgeber der Zeitschrift „Der Sturm“, wurde zu einem seiner wichtigsten Förderer und organisierte mehrere Einzelausstellungen in Berlin.

Die produktive Zusammenarbeit mit Theo van Doesburg

1922 begann die intensive Zusammenarbeit mit Theo van Doesburg, dem Mitbegründer der niederländischen De-Stijl-Bewegung. Gemeinsam unternahmen sie eine „Dada-Tournee“ durch Holland, bei der sie ihre experimentellen Performances aufführten. Van Doesburgs strenge geometrische Formensprache beeinflusste Schwitters‘ Arbeiten dieser Zeit nachhaltig. Die Merzbilder wurden konstruktiver, die Farbpalette reduzierter.

Diese freundschaftliche Verbindung öffnete Schwitters Türen zur internationalen Kunstszene. Er stellte in Amsterdam, Paris und Prag aus. Die Zeitschrift „Merz“, die er zwischen 1923 und 1932 herausgab, wurde zu einem wichtigen Forum für die europäische Avantgarde. Künstler wie El Lissitzky, László Moholy-Nagy und Piet Mondrian publizierten darin. Der Kunstkritiker Werner Schmalenbach würdigte in seinen Analysen die Bedeutung dieser internationalen Vernetzung für Schwitters künstlerische Entwicklung.

Späte Jahre und das Wirken im Exil

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 markierte einen tiefen Einschnitt in Schwitters‘ Leben und Werk. Seine Kunst galt als „entartet“, seine Werke wurden aus Museen entfernt. 1937 floh er nach Norwegen, wo sein Sohn Ernst bereits lebte. In Lysaker bei Oslo begann er mit dem Bau eines zweiten Merzbaus, einer begehbaren Raumskulptur, die sein Exilhaus durchdrang.

Nach der deutschen Besetzung Norwegens 1940 flüchtete Schwitters weiter nach England. Die Internierung auf der Isle of Man als „feindlicher Ausländer“ war demütigend, doch selbst im Lager blieb er künstlerisch aktiv. Mit den bescheidenen verfügbaren Materialien – Porridge als Modelliermasse, Zigarettenschachteln als Collagematerial – setzte er seine Arbeit fort.

Das Exil in Nordengland und die letzten Schaffensjahre

Nach seiner Freilassung 1941 ließ sich Schwitters zunächst in London nieder, zog aber 1945 in die Seenlandschaft des Lake District. In Ambleside begann er mit seinem dritten und letzten Merzbau, gefördert durch ein Stipendium des Museum of Modern Art in New York. Die Landschaft Nordenglands mit ihren schroffen Felsen und grünen Tälern floss in seine späten Collagen ein. Naturmaterialien wie Steine, Rinde und getrocknete Pflanzen ergänzten nun die urbanen Fundstücke.

Die Umgebung von Cylinders Farm bei Elterwater, wo er seinen letzten Merzbau errichtete, bot ihm Zugang zu einem kleinen Orchard, aus dem er organische Materialien für seine Arbeiten sammelte. Die finanzielle Not zwang ihn, konventionelle Porträts für Touristen zu malen. Diese Auftragsarbeiten, die er selbstironisch „Brotkunst“ nannte, standen in krassem Gegensatz zu seinen experimentellen Merz-Arbeiten. Dennoch blieb sein künstlerischer Antrieb ungebrochen. Noch wenige Tage vor seinem Tod arbeitete er an neuen Collagen.

Seine Korrespondenz aus dieser Zeit, teilweise mit seinem Sohn Ernst und mit Freunden wie Käte Steinitz, dokumentiert seine ungebrochene Schaffenskraft trotz widriger Umstände. Das Haus in der Waldhausenstraße 5 in Hannover, wo sich sein Atelier und der erste Merzbau befunden hatten, wurde 1943 bei einem Bombenangriff zerstört. Heute erinnern eine Gedenktafel am Ort sowie die Merzbau-Rekonstruktion im Sprengel Museum an den Künstler.

Stilmerkmale von Kurt Schwitters

Die charakteristischen Merkmale von Schwitters‘ Kunst entwickelten sich aus seiner Fähigkeit, scheinbar Unvereinbares zu einer neuen Einheit zu verschmelzen. Seine Arbeiten zeichnen sich durch eine besondere Balance zwischen Zufall und Kontrolle, zwischen Chaos und Ordnung aus.

Die Integration von Alltagsobjekten war das Fundament seiner Kunst. Fahrkarten, Bonbonpapiere, Zeitungsausschnitte – alles, was die moderne Stadtlandschaft an Abfall produzierte, wurde zum Rohmaterial seiner Collagen. Diese Fundstücke, die er als Objet trouvé in seine Werke einbaute, behielten ihre ursprüngliche Identität und wurden gleichzeitig Teil einer neuen visuellen Erzählung.

Die abstrakte Komposition folgte dabei musikalischen Prinzipien: Rhythmus, Harmonie und Kontrapunkt bestimmten die Anordnung. Geometrische Formen trafen auf organische Strukturen, harte Kanten auf weiche Übergänge. Die typografischen Experimente, bei denen Buchstaben und Textfragmente zu visuellen Elementen wurden, verwischten die Grenze zwischen Bild und Schrift.

Seine Klangkunst, insbesondere die berühmte Ursonate, reduzierte Sprache auf pure Lautmalerei und schuf damit eine neue Form der Poesie. Die Rauminstallationen, allen voran der Merzbau, sprengten schließlich die Grenzen des zweidimensionalen Bildes und schufen begehbare Kunstwelten. Seine Arbeitsweise war geprägt von einer intensiven Auseinandersetzung mit den Dingen selbst, mit ihrer materiellen Beschaffenheit, ihrer Herkunft und ihrer Geschichte. Jedes gefundene Objekt trug seine eigene Biografie in sich, die Schwitters in seinen Kompositionen sichtbar machte.

Die Schichtung verschiedener zeitlicher Ebenen – vom Datum auf einer Fahrkarte bis zum Abdruck eines historischen Zeitungsfragments – verlieh seinen Werken eine zeitliche Tiefendimension, die über das rein Visuelle hinausging.

Techniken und Materialien

Schwitters‘ technische Innovationen entstanden aus der Notwendigkeit, mit den verfügbaren Materialien zu arbeiten, entwickelten sich aber zu einem bewussten künstlerischen Programm. Seine Arbeitsweise glich der eines Alchemisten, der aus wertlosem Material Gold zu machen verstand.

Die Collage-Technik perfektionierte er durch präzises Schichten und Überlappen verschiedener Papiere. Mit Leim, manchmal auch mit selbstgemachtem Kleister aus Mehl und Wasser, fixierte er die Fundstücke auf Leinwand oder Pappe. Die Assemblage erweiterte diese Technik in die dritte Dimension: Holzstücke, Metallteile, Draht und Stoffreste wurden zu reliefartigen Bildern kombiniert. Die Photomontage, bei der er Fotografien zerschnitt und neu zusammensetzte, nutzte er für seine typografischen Arbeiten.

Besonders in England experimentierte er mit unkonventionellen Materialien. Der Mangel an traditionellen Kunstmaterialien zwang ihn zur Improvisation: Porridge als Modelliermasse erwies sich als vergänglich – einige seiner Skulpturen begannen nach kurzer Zeit zu schimmeln. Diese Vergänglichkeit akzeptierte er als Teil des künstlerischen Prozesses. Die Ready-made-Elemente in seinen Arbeiten antizipierten spätere Kunstentwicklungen und machten ihn zum Vorläufer der Pop Art.

Seine technische Virtuosität zeigte sich besonders in der Art, wie er unterschiedlichste Materialien miteinander verband. Papier verschiedener Stärken und Texturen, Metalle, Holz, Glas und Textilien fügten sich in seinen Händen zu komplexen Gefügen zusammen. Die Oberflächen seiner Werke weisen eine haptische Qualität auf, die zum Berühren einlädt, auch wenn dies in Museen nicht gestattet ist.

Diese taktile Dimension seiner Kunst unterscheidet sie fundamental von der rein visuellen Malerei seiner Zeit und macht sie zu einem multisensorischen Erlebnis.

Schwitters Einfluss und Vermächtnis

Kurt Schwitters künstlerisches Erbe erstreckt sich weit über seine Lebenszeit hinaus und beeinflusste nachfolgende Generationen von Künstlern in unterschiedlichsten Medien. Seine radikale Idee, dass jedes Material kunstwürdig sei und dass die Grenzen zwischen den Kunstgattungen aufgehoben werden könnten, ebnete den Weg für zahlreiche Entwicklungen in der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts. Von der Assemblage-Kunst über die Konzeptkunst bis hin zu zeitgenössischen Installationskünstlern lassen sich direkte Verbindungslinien zu Schwitters‘ Werk ziehen.

Der Einfluss auf Rauschenberg und die Pop Art

Robert Rauschenberg, der in den 1950er Jahren seine „Combine Paintings“ entwickelte, bekannte sich explizit zu Schwitters als Vorbild. Die Integration von Alltagsgegenständen in die Malerei, die Rauschenberg perfektionierte, hatte Schwitters bereits 30 Jahre zuvor vorgeführt. Die Grenze zwischen Kunst und Leben, die Schwitters aufzulösen suchte, wurde zum zentralen Thema der amerikanischen Nachkriegskunst.

Die britische Pop Art, insbesondere Künstler wie Richard Hamilton und Eduardo Paolozzi, griffen Schwitters‘ Collagetechnik auf und adaptierten sie für die Konsumgesellschaft der 1960er Jahre. Hamilton setzte sich intensiv mit Schwitters‘ Arbeiten auseinander und war maßgeblich daran beteiligt, dass die Merz Barn Wall 1965 in die Hatton Gallery der Newcastle University überführt wurde. Die spielerische Verwendung von Werbematerial und Produktverpackungen, die Schwitters pionierhaft einsetzte, wurde zum Markenzeichen der Pop Art.

Die Wiederentdeckung durch Museen und Sammler

Nach Schwitters‘ Tod 1948 geriet sein Werk zunächst in Vergessenheit. Erst die große Retrospektive im Museum of Modern Art, New York, 1985 etablierte ihn endgültig als Schlüsselfigur der Moderne. Das Sprengel Museum Hannover, das heute die weltweit größte Schwitters-Sammlung besitzt, wurde 1979 eröffnet und beherbergt seit 1994 das Kurt Schwitters Archiv.Die Rekonstruktion des Merzbaus, basierend auf Fotografien und Beschreibungen, machte sein Hauptwerk wieder erfahrbar.

Der Kunstmarkt entdeckte Schwitters spät aber nachhaltig. Seine Collagen erzielen heute Millionenpreise bei Auktionen. Die Verlage Hatje Cantz und DuMont publizierten umfangreiche Werkverzeichnisse, die seine Bedeutung wissenschaftlich untermauerten.

Die systematische Aufarbeitung seines Œuvres durch Kunsthistoriker wie Werner Schmalenbach trug wesentlich zur Neubewertung seines Schaffens bei. Museen in aller Welt, von London über München bis New York, zeigten retrospektive Ausstellungen, die das Publikum mit der Komplexität und Vielschichtigkeit seines Werks vertraut machten. Sammler wie die Schwitters-Erben und private Mäzene trugen dazu bei, verstreute Arbeiten zusammenzuführen und der Forschung zugänglich zu machen.

Kurt Schwitters Platz in der Kunstgeschichte

Schwitters hinterließ der Kunstwelt eine entscheidende Erkenntnis: Das Material bestimmt nicht den Wert eines Kunstwerks. Ein zerrissenes Busticket kann genauso bedeutsam sein wie eine Leinwand aus Florenz – entscheidend ist allein, was der Künstler daraus macht. Diese demokratische Idee von Kunst, die keinen Unterschied zwischen edel und profan kennt, hat die gesamte zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt.

Der Merzbau als wucherndes, niemals vollendetes Gesamtkunstwerk zeigt dabei etwas Wesentliches: Kunst muss nicht fertig werden, um vollständig zu sein. Sie kann ein Prozess bleiben, ein ständiges Werden und Vergehen. Drei Merzbauten hat Schwitters begonnen, keinen vollendet – und gerade darin liegt ihre Kraft als Symbol für eine Kunst, die lebendig bleibt, weil sie sich weigert, erstarren. Kurt Schwitters starb am 8. Januar 1948 im Alter von 60 Jahren im Kendal Hospital in Kendal, Nordengland.

QUICK FACTS

  • 1887-1909: Geboren am 20. Juni in Hannover, Kindheit in der Waldhausenstraße, erste künstlerische Ausbildung an der Kunstgewerbeschule Hannover
  • 1909-1914: Studium an der Königlichen Sächsischen Akademie in Dresden, akademische Ausbildung in traditioneller Malerei
  • 1915-1917: Kriegsdienst als technischer Zeichner, Heirat mit Helma Fischer, Geburt von Sohn Ernst
  • 1918-1919: Entstehung der ersten Merzbilder, Entwicklung des Merz-Konzepts, Veröffentlichung von „An Anna Blume“
  • 1920-1922: Ablehnung durch die Berliner Dada-Gruppe, Gründung der Merz-Bewegung in Hannover, Beginn der Zusammenarbeit mit van Doesburg
  • 1923-1937: Bau des ersten Merzbaus in der Waldhausenstraße, Herausgabe der Zeitschrift „Merz“, internationale Ausstellungen
  • 1937-1940: Flucht nach Norwegen vor den Nationalsozialisten, Beginn des zweiten Merzbaus in Lysaker, Diffamierung als „entarteter Künstler“
  • 1940-1948: Flucht nach England, Internierung auf der Isle of Man, Leben in London und im Lake District, Porträtmalerei und Arbeit am Merzbarn in Elterwater
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