Oskar Schlemmer

Ein Kopf, der zur Kugel wird. Ein Arm, der sich zum Zylinder streckt. In den Werkstätten des Bauhaus suchte Oskar Schlemmer nach der Form hinter dem Körper, nach dem, was bleibt, wenn alles Zufällige wegfällt. Der 1888 in Stuttgart geborene Maler und Bühnenbildner kam vom Handwerk, von der Intarsienarbeit, vom genauen Fügen kleiner Teile. Diese Prägung blieb. Seine Figuren fügen sich in den Raum wie Elemente einer stillen Architektur. Sie bewegen sich, aber sie eilen nicht. Sie stehen, aber sie erstarren nicht. Was Schlemmer in seinen Bildern und Choreografien entwickelte, war keine Abstraktion gegen den Menschen, sondern eine neue Art, ihn sichtbar zu machen.

Wichtige Werke und Ausstellungen

Malerei, Skulptur und Bühnenarbeit greifen in Schlemmers Schaffen ineinander. Immer wieder kreist er um dieselben Fragen, um das Verhältnis von Körper und Raum, um Bewegung als Form, um die Figur als Baustein. Die Grenzen zwischen den Gattungen bleiben dabei durchlässig, das eine bereitet das andere vor.

    • Bauhaustreppe (1932) – Museum of Modern Art, New York
    • Triadisches Ballett (1922) – Verschiedene Aufführungen weltweit
    • Figur und Raum (1928) – Staatsgalerie Stuttgart
    • Große Sitzende (1929/30) – Staatsgalerie Stuttgart
    • Konzentrische Gruppe (1925) – Staatsgalerie Stuttgart
    • Tischgesellschaft (1923) – Pinakothek der Moderne, München
    • Abstrakte Figur (1921) – Kröller-Müller Museum, Otterlo
    • Fensterbilder (1942) – Privatsammlung

Oskar Schlemmers künstlerische Entwicklung

Die künstlerische Biografie Oskar Schlemmers liest sich wie eine Suche nach der perfekten Verschmelzung von Mensch und Raum. Von den frühen Experimenten in Stuttgart über die produktiven Jahre am Bauhaus bis zu den späten Fensterbildern entwickelte er eine Formensprache, die den Menschen nicht als Individuum, sondern als universelle Kunstfigur begreift.

Stuttgarter Lehrjahre und akademische Ausbildung

Nach dem frühen Tod seiner Eltern zog der elfjährige Schlemmer 1899 zu Verwandten nach Göppingen. Die finanzielle Not zwang ihn 1903, die Realschule abzubrechen und eine Lehre in einer Stuttgarter Intarsienwerkstatt zu beginnen. Hier lernte er nicht nur das präzise handwerkliche Arbeiten, sondern besuchte parallel Kurse in Figurenzeichnen an der Fortbildungsschule. Diese doppelte Ausbildung – praktisches Handwerk und künstlerische Gestaltung – prägte seinen späteren Zugang zur Kunst fundamental.

1906 gelang ihm der Sprung an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Unter Christian Landenberger und Friedrich von Keller studierte er zunächst traditionelle Malerei, fand aber bald zu Gleichgesinnten wie Willi Baumeister und Otto Meyer-Amden. Die drei jungen Künstler bildeten einen Kreis, der sich intensiv mit der europäischen Avantgarde auseinandersetzte. Ein Jahr in Berlin 1910/11 öffnete Schlemmer die Augen für den Kubismus und die französische Moderne. Nach seiner Rückkehr wurde er 1912 Meisterschüler bei Adolf Hölzel, einem Pionier der abstrakten Malerei in Deutschland.

Die Geburt des Triadischen Balletts

In Hölzels Atelier begegnete Schlemmer dem Tänzerpaar Albert Burger und Elsa Hötzel. Ihre Bewegungen inspirierten ihn zu ersten Skizzen für ein neuartiges Tanztheater, das später als Triadisches Ballett Kunstgeschichte schreiben sollte. Die Idee: Tänzer sollten nicht Gefühle ausdrücken, sondern als bewegte Skulpturen den Raum durchmessen. 1914 kam es zur ersten Begegnung mit Walter Gropius, als Schlemmer gemeinsam mit Baumeister und Hermann Stenner Wandbilder für die Werkbundausstellung in Köln schuf.

Der Erste Weltkrieg als Zäsur

Der Kriegsdienst an West- und Ostfront unterbrach Schlemmers künstlerische Entwicklung, prägte aber sein Menschenbild nachhaltig. Die Erfahrung von Verletzlichkeit und Mechanisierung des Menschen floss später in seine Darstellung der menschlichen Figur ein. Nach Kriegsende 1918 kehrte er nach Stuttgart zurück und engagierte sich in der Üecht-Gruppe, die eine grundlegende Reform der Kunstausbildung forderte. Die Gruppe organisierte Ausstellungen im Kunsthaus Schaller und bereitete den Boden für Schlemmers spätere Lehrtätigkeit.

Oskar Schlemmer am Bauhaus: Bühnenkunst und Menschenbild

1920 folgte Schlemmer dem Ruf von Gropius ans Bauhaus nach Weimar. Zunächst übernahm er die Werkstatt für Wandmalerei, später auch die Holz- und Steinbildhauerei. Doch seine wahre Berufung fand er 1923, als er die Leitung der Bühnenwerkstatt übernahm. Hier konnte er seine Vision eines Gesamtkunstwerks verwirklichen, das Malerei, Skulptur und Bewegung vereinte.

Das Triadisches Ballett, 1922 in Stuttgart uraufgeführt, wurde zum Manifest seiner Kunstphilosophie. Die Tänzer trugen Kostüme aus Metall und Pappe, die ihre Körper in geometrische Formen verwandelten. Jede Bewegung war bis ins Detail choreografiert, der Tanz folgte mathematischen Prinzipien. Paul Hindemith komponierte später eine Musik, die diese strenge Struktur unterstrich. In den Werkstätten des Bauhauses entwickelte Schlemmer weitere Bühnenstücke wie das „Stäbetanz“ und das „Metallische Fest“, die alle seinem Konzept der Typisierung und Entindividualisierung folgten.

Der Kurs „Der Mensch“ und theoretische Schriften

Parallel zur praktischen Bühnenarbeit entwickelte Schlemmer am Bauhaus seinen berühmten Kurs „Der Mensch“. Hier lehrte er Studenten, den menschlichen Körper als System von Proportionen und Bewegungsachsen zu verstehen. Seine theoretischen Schriften dieser Zeit, später im Band Der Mensch zusammengefasst, wurden zur Grundlage moderner Bewegungslehre. Er analysierte, wie sich der Körper im Raum bewegt, wie Gelenke funktionieren und wie man diese Mechanik künstlerisch nutzen kann.

Mensch und Raum in den Breslauer Jahren

1929 verließ Schlemmer das Bauhaus und wurde Professor an der Staatliche Akademie für Kunst und Kunstgewerbe Breslau. Diese Jahre markieren den Höhepunkt seiner malerischen Produktion. Das berühmte Gemälde Bauhaustreppe entstand 1932 als Rückblick auf die Dessauer Zeit. Die aufsteigenden Figuren auf der Treppe werden zu Symbolen für Bewegung und Fortschritt, gleichzeitig sind sie in ein strenges geometrisches Raster eingebunden. Die Figur-Raum-Beziehung erreicht hier ihre vollendete Form: Menschen werden zu Bausteinen der Architektur, die Architektur wird zum Bewegungsraum der Menschen.

In Breslau entstanden auch wichtige Wandgestaltungen für das Museum Folkwang in Essen. Diese großformatigen Arbeiten zeigten Schlemmers Fähigkeit, monumentale Räume mit seinen typisierten Figuren zu bespielen. Die Wandmalerei wurde für ihn zum erweiterten Bildraum, in dem sich seine Vision einer Verschmelzung von Kunst und Architektur verwirklichen ließ.

Verfemung und innere Emigration

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 markierte den Beginn einer schwierigen Phase. Schlemmer wurde als Professor in Breslau entlassen, seine Kunst als „entartet“ diffamiert. 1937 wurden seine Werke aus deutschen Museen entfernt und in der Ausstellung „Entartete Kunst“ in München zur Schau gestellt. Diese Verfemung zwang ihn in die innere Emigration.

Oskar Schlemmers Kunst im Nationalsozialismus

Nach seiner Entlassung in Breslau versuchte Schlemmer zunächst, in Berlin als freier Künstler zu überleben. 1937 zog er nach Sehringen bei Badenweiler, wo er in relativer Abgeschiedenheit weiterarbeitete. Um seinen Lebensunterhalt zu sichern, nahm er 1940 eine Stelle in der Lackfabrik des Wuppertaler Unternehmers Kurt Herberts an. Offiziell arbeitete er an der Entwicklung neuer Lacke, tatsächlich ermöglichte ihm Herberts, im Verborgenen künstlerisch tätig zu bleiben.

Die Wuppertaler Zeit war geprägt von einer Verinnerlichung seiner Kunst. Die monumentalen Visionen wichen intimeren Formaten, die geometrische Strenge einer malerischeren Behandlung. Gleichzeitig blieb er seinem Thema treu: Der Mensch als universelle Form, eingebettet in einen abstrakten Raum.

Fensterbilder im Spätwerk

Die letzten Lebensjahre in Wuppertal brachten mit der Serie der Fensterbilder einen überraschenden Höhepunkt. Diese kleinen, fast aquarellhaften Arbeiten zeigen Figuren hinter Glasscheiben, gefangen zwischen Innen und Außen. Die Stereometrie seiner früheren Werke weicht hier einer fast lyrischen Transparenz. Die Fenster werden zur Metapher für die Isolation des Künstlers, aber auch für den Blick in eine andere, bessere Welt. In diesen späten Bildern verschmelzen alle Elemente seines Schaffens zu einer stillen, eindringlichen Bildsprache.

Stilmerkmale von Oskar Schlemmer

Schlemmers unverwechselbare Bildsprache entwickelte sich aus der konsequenten Reduktion der menschlichen Gestalt auf geometrische Grundformen und ihrer Integration in streng komponierte Räume.

Die Geometrisierung der menschlichen Figur bildet das Fundament seiner Kunst. Köpfe werden zu perfekten Kugeln, Gliedmaßen zu Zylindern, Rümpfe zu ovalen Formen. Diese Reduktion ist jedoch keine Entmenschlichung – vielmehr destilliert Schlemmer das Wesentliche der menschlichen Gestalt heraus. Seine Figuren bewahren trotz aller Abstraktion eine eigentümliche Würde und Präsenz.

Die Integration von Raum und Figur schafft dabei Kompositionen, in denen Körper und Umgebung zu einer untrennbaren Einheit verschmelzen. Menschen werden zu Elementen der Architektur, Räume zu Erweiterungen der Körper. Die klare Farbgebung mit oft primären Tönen unterstreicht die formale Struktur und verleiht den Werken eine fast musikalische Rhythmik. Bewegungsstudien zeigen stark stilisierte Posen, die Dynamik und Statik zugleich ausdrücken. Diese Abstraktion führt die Formen bis an die Grenze der Erkennbarkeit, bewahrt aber stets den Bezug zum menschlichen Ursprung.

Techniken und Materialien

Die technische Vielseitigkeit Schlemmers zeigt sich in seinem souveränen Umgang mit unterschiedlichsten Medien und Materialien, die er oft experimentell einsetzte.

In der Ölmalerei entwickelte er eine präzise, fast technische Malweise, bei der dünne Lasuren und deckende Farbschichten zu einer glatten, fast emailleartigen Oberfläche verschmelzen. Für seine Skulpturen verwendete er Holz und Metall, wobei er die Materialien oft kombinierte, um unterschiedliche Texturen und Oberflächenqualitäten zu erzielten. Die Kostüme für seine Bühnenproduktionen entstanden aus ungewöhnlichen Materialien wie Metalldraht, Pappe und lackierten Stoffen. Diese avantgardistischen Kreationen verwandelten die Tänzer in bewegliche Skulpturen.

In der Wandmalerei nutzte er sowohl Fresko- als auch Seccotechnik und passte seine Arbeitsweise den jeweiligen architektonischen Gegebenheiten an. Die späten Fensterbilder zeigen eine Hinwendung zu transparenteren Techniken, bei denen Aquarell und Tempera zu durchscheinenden Farbschleiern werden. Diese technische Bandbreite ermöglichte es Schlemmer, seine Vision einer Synthese der Künste in verschiedensten Medien zu verwirklichen.

Schlemmers Einfluss und Vermächtnis

Schlemmers wegweisende Arbeit an der Schnittstelle von bildender Kunst, Tanz und Theater strahlte weit über seine Lebenszeit hinaus. Seine Vision einer Verbindung der Künste prägte nicht nur das Bauhaus selbst, sondern inspirierte Generationen von Künstlern, Choreografen und Designern weltweit. Die radikale Neuinterpretation des menschlichen Körpers als geometrische Form und die Integration von Bewegung in den Raum schufen Bildwelten, die bis heute in Kunst, Mode und Performance nachwirken.

Wirkung auf nachfolgende Generationen

Schlemmers Vision einer Verschmelzung von bildender Kunst und Bewegung prägte Generationen von Künstlern und Choreografen. Der amerikanische Tänzer und Choreograf Merce Cunningham griff seine Ideen zur Integration von Tanz und bildender Kunst auf und entwickelte sie weiter. Cunninghams Konzept des Tanzes als autonome Kunstform, losgelöst von narrativen oder emotionalen Inhalten, hat seine Wurzeln in Schlemmers Experimenten am Bauhaus. Auch im Bereich der Performance-Kunst der 1960er und 70er Jahre finden sich deutliche Spuren seiner Pionierarbeit.

In der bildenden Kunst beeinflusste Schlemmer besonders seinen langjährigen Freund Willi Baumeister, der die geometrische Reduktion der menschlichen Figur in seinen eigenen Werken fortführte. Am Bauhaus stand er im engen Austausch mit Meistern wie Wassily Kandinsky, Paul Klee und László Moholy-Nagy, mit denen er die Vision eines Gesamtkunstwerks teilte. 

Die Neue Sachlichkeit der 1920er Jahre verdankt Schlemmers kühler, distanzierter Darstellung des Menschen wichtige Impulse. Der Galerist Herwarth Walden präsentierte Schlemmers Arbeiten in seiner legendären Galerie „Der Sturm“ und trug so zur Verbreitung seiner Kunst bei. Selbst in der zeitgenössischen Kunst, etwa bei Thomas Bayrle, finden sich Bezüge zu Schlemmers Konzept der Typisierung und Serialität. Die Retrospektive in der Staatsgalerie Stuttgart 2014 und weitere Ausstellungen in der Tate Modern und der Kunsthalle München zeigten die anhaltende Relevanz seiner künstlerischen Vision.

Kostüme und Bühnenbild als Inspiration

Die von Schlemmer entworfenen Kostüme und Bühnenbilder wurden zu Ikonen des modernen Theaters. Designer wie Pierre Cardin und Thierry Mugler ließen sich von seinen geometrischen Körpererweiterungen inspirieren. Im zeitgenössischen Tanztheater, besonders bei Kompanien wie dem Tanztheater Wuppertal, wirken seine Ideen zur Abstraktion von Bewegung nach. Die Kostüme des Triadisches Ballett, heute in der Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart, werden regelmäßig als Meilensteine des Kostümdesigns zitiert. Ihre Wirkung reicht bis in die digitale Kunst und das Motion-Capture-Design der Gegenwart. Die konstruktiven Motive seiner Bühnengestaltung, etwa die Verwendung von Geländer und Leiter im berühmten Gemälde Bauhaustreppe, beeinflussten auch die Architekturdarstellung der Moderne.

Oskar Schlemmers Platz in der Kunstgeschichte

Was bleibt von einem Künstler, der Menschen in Kugeln und Zylinder verwandelte? Im Fall von Oskar Schlemmer ist es eine grundlegende Erkenntnis: Die Abstraktion des Körpers führt nicht weg vom Menschen, sondern zu ihm hin. Indem er alles Individuelle entfernte – Gesichtszüge, persönliche Gesten, emotionalen Ausdruck – legte er das Universelle frei. Seine Figuren sind keine bestimmten Personen, sondern der Mensch an sich.

Diese Idee wirkt bis heute nach, weil sie ein Grundproblem der modernen Kunst löst: Wie kann man über das Menschsein sprechen, ohne in Sentimentalität zu verfallen? Schlemmers Antwort war die Geometrie. Seine Tänzer im Triadisches Ballett wurden zu bewegten Architekturen, seine gemalten Figuren zu Bausteinen des Raums. Der Mensch verlor dabei nicht seine Würde – er gewann eine neue. Oskar Schlemmer starb am 13. April 1943 in Baden-Baden im Alter von 54 Jahren.

QUICK FACTS

  • 1888-1903: Geboren am 4. September in Stuttgart; früher Verlust der Eltern; Umzug nach Göppingen
  • 1903-1906: Lehre als kunstgewerblicher Zeichner in Stuttgarter Intarsienwerkstatt; parallel Fortbildung in Figurenzeichnen
  • 1906-1913: Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart; Meisterschüler bei Adolf Hölzel; Mitglied der künstlerischen Zwölfergruppe
  • 1914-1918: Wandbilder für Werkbundausstellung Köln; Kriegsdienst an West- und Ostfront; Verwundung
  • 1920-1929: Berufung ans Bauhaus Weimar/Dessau; Gestaltung des Werkstattgebäudes; ab 1923 Leiter der Bühnenwerkstatt als Meister; 1922 Uraufführung Triadisches Ballett Stuttgart
  • 1929-1933: Professor an der Staatlichen Akademie Breslau; Entstehung des Gemäldes Bauhaustreppe (1932) mit Ansichten von Figuren in Rückenansicht
  • 1933-1937: Entlassung durch Nationalsozialisten; Diffamierung als „entarteter Künstler“; Werke in Schmähausstellung München; Erwähnung in der Zeitung als verfemter Künstler
  • 1937-1943: Innere Emigration in Sehringen bei Badenweiler; ab 1940 Arbeit in Wuppertaler Lackfabrik bei Kurt Herberts; Herbst 1942 Beginn der Serie der Fensterbilder
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