Balthasar Neumann

Ein Gewölbe, das nicht hätte halten sollen. Als Balthasar Neumann das Treppenhaus der Würzburger Residenz entwarf, rechneten seine Kritiker mit dem Einsturz. Er hatte als Geschützgießer gelernt, mit Spannungen umzugehen, mit Kräften, die sich verteilen oder zerstören. Diese Erfahrung übertrug er in seine Architektur. Im frühen achtzehnten Jahrhundert, als der Barock seine letzten großen Räume suchte, fand er Lösungen, die andere für unmöglich hielten. Seine Kirchen und Schlösser in Franken verbanden mathematisches Kalkül mit einer Leichtigkeit, die das Rechnerische vergessen ließ. Was blieb, war ein Raumgefühl, das sich jeder Erklärung entzog.

Wichtige Werke und Ausstellungen

Sein Werk umfasst Sakralbauten und höfische Anlagen, die sich über den gesamten süddeutschen Raum erstrecken. Wallfahrtskirchen, Residenzen und Kapellen zeigen eine Architektur, die Konstruktion und Inszenierung nicht trennt. Wiederkehrend sind elliptische Grundrisse, verschränkte Raumfolgen und Gewölbe, deren Tragwerk unsichtbar bleibt.

  • Vierzehnheiligen Wallfahrtskirche (1743–1772) – Bad Staffelstein, Deutschland
  • Käppele Wallfahrtskirche (1747–1750) – Würzburg, Deutschland
  • Schloss Bruchsal (ab 1728, Zerstörung 1945, Rekonstruktion) – Bruchsal, Deutschland
  • St. Paulinus Kirche (1734–1757) – Trier, Deutschland
  • Schönbornslust Palast (ab 1740, zerstört 1806) – Koblenz, Deutschland
  • Würzburger Residenz (1720–1744) – Würzburg, Deutschland
  • Schönbornkapelle (1721–1736) – Würzburg, Deutschland
  • Pfarrkirche St. Cäcilia (1724–1729) – Heusenstamm, Deutschland

Balthasar Neumanns künstlerische Entwicklung

Die Entwicklung Neumanns vom Militäringenieur zum visionären Baumeister zeigt, wie technisches Wissen und künstlerische Intuition zu einer neuen Architektursprache verschmelzen können. Seine Laufbahn führte ihn von den Festungsanlagen des frühen 18. Jahrhunderts zu den schwebenden Gewölben seiner Spätwerke.

 

Lehrjahre und Frühphase

Der junge Neumann erlernte zunächst das Handwerk des Stückgießers – eine Tätigkeit, die präzises Arbeiten mit Metall und das Verständnis für Statik erforderte. Diese frühe Prägung sollte seine spätere Architektur entscheidend beeinflussen. Mit dreizehn Jahren trat er in Würzburg eine Lehre an, wo er nicht nur handwerkliche Fertigkeiten, sondern auch mathematische Grundlagen erwarb.

Handwerkliche Ausbildung und militärische Prägung

Seine militärische Ausbildung begann 1711, als er in die fürstbischöfliche Artillerie eintrat. Hier lernte er, Kräfte zu berechnen, Spannungen vorauszusehen und mit minimalen Mitteln maximale Stabilität zu erreichen. Die Festungsbaukunst lehrte ihn, in großen Dimensionen zu denken. Unter Andreas Müller und Joseph Greissing studierte er die Grundlagen der Architektur, während seine Tätigkeit als Ingenieur ihm praktische Erfahrung im Umgang mit Baumaterialien verschaffte.

Balthasar Neumanns erste Italienreise und stilistische Prägung

1717 unternahm Neumann seine erste Studienreise nach Mailand und Rom. Die Begegnung mit den Werken von Francesco Borromini und Guarino Guarini öffnete ihm die Augen für die Möglichkeiten der Raumdurchdringung. Er studierte die ovalen Grundrisse römischer Kirchen, die komplexen Gewölbesysteme der Spätrenaissance und die theatralischen Effekte des römischen Hochbarock. Diese Eindrücke verschmolz er später mit der böhmischen Tradition der Dientzenhofers und dem österreichischen Kaiserstil Johann Lukas von Hildebrandts zu einer eigenen Formensprache.

 

Höhepunkte der Karriere und Meisterwerke

Der Wendepunkt in Neumanns Karriere kam 1719, als ihn Fürstbischof Johann Philipp Franz von Schönborn zum Baudirektor ernannte. Die Würzburger Residenz wurde zu seinem Lebenswerk – ein Palast, der alle bisherigen deutschen Schlossbauten übertreffen sollte. Das Treppenhaus, dessen Konstruktion er zwischen 1737 und 1742 vollendete, wurde zur Bühne für Giovanni Battista Tiepolos größtes Deckenfresko. Die Spannweite von 19 mal 32 Metern ohne mittlere Stütze galt als technisch unmöglich – Neumann bewies das Gegenteil.

Druckgrafik und theoretische Schriften

Ab 1740 begann Neumann, seine Entwürfe in Kupferstichen zu verbreiten. Diese Sammlung von Plänen und Ansichten machte seine Innovationen einer breiten Fachöffentlichkeit zugänglich. Seine theoretischen Überlegungen zur Gewölbestatik und Raumgestaltung fasste er in Manuskripten zusammen, die jedoch erst posthum ihre volle Wirkung entfalteten.

Besonders seine Studien zur elliptischen Grundrissgestaltung beeinflussten die nachfolgende Generation von Architekten im gesamten süddeutschen Raum. Die Veröffentlichung dieser Schriften in mehreren Bänden trug wesentlich zur Verbreitung seiner Ideen bei und etablierte ihn als theoretischen Kopf der süddeutschen Barockarchitektur.

Balthasar Neumanns Reise nach Paris und Versailles

1723 reiste Neumann nach Paris, wo er Robert de Cotte und Germain Boffrand konsultierte. Der Besuch in Versailles prägte sein Verständnis für höfische Repräsentation. Er studierte die Enfilade-Systeme französischer Schlösser, die er später in Bruchsal und Werneck virtuos variierte. Boffrand wurde zu einem wichtigen Berater, mit dem er über Jahre korrespondierte. Diese französischen Einflüsse verband Neumann mit der süddeutschen Tradition zu einem Stil, der gleichermaßen international und regional verwurzelt war.

 

Spätwerk und Ende der Karriere

In seinen letzten Lebensjahren erreichte Neumann eine Synthese all seiner Erfahrungen. Die Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen, begonnen 1743, zeigt seine Raumkunst auf ihrem Höhepunkt. Der elliptische Zentralbau mit seinen ineinander verschränkten Ovalen schafft einen Raum, der zu atmen scheint. Die Pilaster und Säulen der Kolossalordnung führen den Blick nach oben, wo Stuck und Fresko zu einem Gesamtkunstwerk verschmelzen.

Die kunsttheoretischen Schriften und das Vermächtnis des Baumeisters

Seine letzten Jahre widmete Neumann verstärkt der Dokumentation seines Wissens. Er verfasste Traktate über die Berechnung von Gewölben, die Proportion sakraler Räume und die Integration von Malerei und Architektur. Die Zusammenarbeit mit den Stuckateuren der Wessobrunner Schule und Malern wie Tiepolo hatte ihm gezeigt, wie Architektur zur Bühne für alle Künste werden konnte. Diese Erkenntnisse flossen in die Abteikirche Neresheim ein, deren Bau er 1747 begann, aber nicht mehr vollenden sollte.

Balthasar Neumanns Stilmerkmale

Neumanns architektonische Handschrift verbindet mathematische Präzision mit sinnlicher Raumwirkung. Seine Bauten erzählen Geschichten – nicht durch aufgesetzte Dekoration, sondern durch die Choreografie des Raumes selbst. Wenn man seine Treppenhäuser betritt, wird der Aufstieg zur Inszenierung, bei der jeder Schritt neue Perspektiven eröffnet.

Die Raumdurchdringung, sein wichtigstes Gestaltungsprinzip, lässt Grenzen zwischen einzelnen Bereichen verschwimmen. In Vierzehnheiligen durchdringen sich drei Ellipsen so geschickt, dass der Besucher den Grundriss nicht mehr ablesen kann – der Raum wird zum Mysterium.

Diese fließenden Übergänge verstärkte er durch gezielten Lichteinfall. Fenster platzierte er so, dass das Tageslicht die Raumfolge dramatisiert und den sakralen Charakter unterstreicht. Die Integration von Stuck, Malerei und Architektur zum Gesamtkunstwerk erreichte unter seiner Leitung neue Dimensionen. Jedes Detail, vom Kapitell bis zum Deckenspiegel, ordnet sich der Gesamtwirkung unter, ohne seine Eigenständigkeit zu verlieren.

Techniken und Materialien

Die Verbindung von Ingenieurskunst und Baukunst machte Neumann zum Pionier seiner Zeit. Seine Gewölbekonstruktionen funktionierten wie präzise berechnete Maschinen, bei denen jeder Stein seine exakte Position hatte. Für das Treppenhaus der Würzburger Residenz entwickelte er ein System aus Zugankern und geschmiedeten Eisenklammern, die das Gewicht so raffiniert verteilten, dass die riesige Wölbung ohne Mittelpfeiler auskommt.

Seine Materialkenntnis ging über das übliche Maß hinaus. Der Mörtel für kritische Verbindungen enthielt Zusätze, die er aus seiner Zeit als Stückgießer kannte – Rezepturen, die die Elastizität erhöhten und Spannungsrisse verhinderten. Bei der Fundamentierung griff er auf Techniken aus dem Festungsbau zurück, verwendete Pfahlgründungen und hydraulischen Kalk, der auch unter Wasser abbinden konnte.

Die Präzision seiner Pläne war legendär – jeder Werkstein erhielt eine Nummer, jede Fuge war vorberechnet. Diese Akribie ermöglichte es, dass mehrere Baustellen parallel arbeiten konnten, ohne dass die Qualität litt. Seine Baustellenorganisation mit detaillierten Arbeitsanweisungen wurde zum Vorbild für Großprojekte im ganzen Reich.

Neumanns Einfluss und Vermächtnis

Die Zusammenarbeit mit der Schönborn-Dynastie prägte nicht nur Neumanns Karriere, sondern verwandelte die fränkischen Gebiete in eine Kulturlandschaft von europäischem Rang. Friedrich Carl von Schönborn, der gleichzeitig Fürstbischof von Würzburg und Bamberg war, gab Neumann freie Hand bei der Gestaltung seiner Residenzen. Diese Förderung ermöglichte es dem Baumeister, ein zusammenhängendes architektonisches Ensemble zu schaffen, das von Würzburg über Wiesentheid bis nach Gößweinstein reichte.

Die Hofkirche der Würzburger Residenz wurde zum Prototyp einer neuen Sakralarchitektur, die höfische Repräsentation mit spiritueller Erhebung verband. Neumanns Entwürfe für die Marienkapelle in Kitzingen und die Wallfahrtskirche in Gößweinstein zeigen, wie er den gleichen architektonischen Gedanken in verschiedenen Maßstäben variierte. Sein Einfluss erstreckte sich über die Schönborn-Besitzungen hinaus – auch die Klöster in Münsterschwarzach und Ebrach profitierten von seiner Expertise. Am Hof etablierte sich Neumann als unverzichtbarer Berater für alle Baufragen, dessen Urteil hohes Ansehen genoss.

 

Balthasar Neumanns Dialog mit Johann Lukas von Hildebrandt

Der Austausch mit Johann Lukas von Hildebrandt erweiterte Neumanns architektonisches Vokabular entscheidend. Hildebrandts Wiener Palastarchitektur mit ihrer eleganten Leichtigkeit inspirierte Neumann zu einer Synthese aus süddeutscher Tradition und kaiserlichem Prunk. Die beiden Meister korrespondierten regelmäßig über technische Probleme und stilistische Fragen. Diese Verbindung zeigt sich besonders im Schloss Bruchsal, wo Neumanns Treppenhaus Hildebrandts Raumkonzepte mit eigenen statischen Innovationen verbindet. Die Beziehung zwischen Wien und Würzburg intensivierte sich durch diese Zusammenarbeit, wodurch Neumann Zugang zu den neuesten Entwicklungen der kaiserlichen Baukunst erhielt.

 

Sakralbauten als spirituelle Raumkunst

Neumanns Kirchenbauten gehen über reine Architektur hinaus – sie sind gebaute Theologie. Der Grundriss der Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen basiert auf der Legende der vierzehn Nothelfer, wobei der Gnadenaltar exakt an der Stelle steht, wo der Schäfer die Vision hatte. Diese Verbindung von Ort, Geschichte und Architektur schafft einen Raum, der die Pilger emotional berührt. Der Baldachinaltar schwebt scheinbar schwerelos im Zentrum des Kirchenraums – eine technische und künstlerische Glanzleistung, die den sakralen Charakter unterstreicht.

In der Abteikirche Neresheim perfektionierte er diese Ideen weiter. Der Zentralbau und der Längsbau verschmelzen hier zu einer Einheit, die den traditionellen Gegensatz aufhebt. Das Licht, das durch die hohen Fenster fällt, modelliert den Raum und macht ihn zu verschiedenen Tageszeiten zu einem anderen Erlebnis. Die Zusammenarbeit mit Bauherren aus verschiedenen Orden ermöglichte es Neumann, sein Konzept der spirituellen Raumkunst immer weiter zu verfeinern und an unterschiedliche liturgische Anforderungen anzupassen.

 

Balthasar Neumanns Platz in der Kunstgeschichte

Ein Stückgießer, der Paläste baute. Ein Artillerieoffizier, der Kirchen zum Schweben brachte. Balthasar Neumanns Lebensweg zeigt, wie unkonventionelle Wege zu außergewöhnlichen Ergebnissen führen können. Seine militärische Ausbildung gab ihm das Werkzeug, um statische Grenzen zu sprengen – sein künstlerisches Gespür verwandelte diese technischen Möglichkeiten in Räume von spiritueller Kraft. Die Würzburger Residenz mit ihrem freitragenden Treppengewölbe beweist bis heute, dass seine Zeitgenossen irrten, als sie den Einsturz prophezeiten. Die UNESCO-Auszeichnung als Welterbe würdigt ein Gebäude, das die Architekturgeschichte veränderte.

Doch Neumanns eigentliches Vermächtnis liegt tiefer. Er zeigte, dass Architektur mehr sein kann als gebauter Raum – sie kann Emotionen wecken, Geschichten erzählen und Menschen über Jahrhunderte hinweg berühren. Am 19. August 1753 starb Johann Balthasar Neumann in Würzburg im Alter von 66 Jahren.

QUICK FACTS

  • 1687-1710: Geboren am 27. Januar 1687 in Eger als Sohn des Tuchmachers Hans Christoph Neumann, Lehre als Geschütz- und Glockengießer in Würzburg
  • 1711-1718: Eintritt in die fürstbischöfliche Artillerie, militärische Ausbildung, Anfang der Architekturtätigkeit unter Anleitung von Andreas Müller und Joseph Greissing
  • 1719-1729: Ernennung zum Baudirektor durch Johann Philipp Franz von Schönborn, Beginn der Würzburger Residenz, Studienreisen nach Italien und Frankreich zur Konsultation führender Architekten
  • 1730-1739: Höhepunkt der Schaffensperiode mit Schloss Bruchsal, Schönbornkapelle und zahlreichen Sakralbauten im Hochstift Würzburg
  • 1740-1749: Vollendung des Treppenhauses der Residenz, Beginn der Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen, Zusammenarbeit mit Giovanni Battista Tiepolo am Hofgarten-Fresko
  • 1750-1753: Spätwerk mit der Basilika Neresheim und theoretischen Schriften, intensive Bautätigkeit trotz nachlassender Gesundheit, über 100 geplante Bauwerke
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