Robert Motherwell
Das Meer blieb, auch wenn er längst in New York lebte. Robert Motherwell hatte seine Kindheit an der amerikanischen Westküste verbracht, und etwas von dieser Weite, diesem Rhythmus zwischen Horizont und Brandung, ging in seine Bilder ein. Er kam zur Malerei über die Philosophie, über Lektüre und Reflexion, was ihn unter den Malern des abstrakten Expressionismus zu einer Ausnahme machte. Während andere aus dem körperlichen Akt des Malens heraus arbeiteten, stand bei ihm am Anfang oft ein Gedanke, ein Bezug, eine Frage. Die Farben, die er wählte, die Formen, die er setzte, waren nie nur Gesten.
Wichtige Werke und Ausstellungen
Sein Schaffen umfasst Gemälde, Collagen und grafische Arbeiten, die sich über fast fünf Jahrzehnte erstrecken. Wiederkehrende Themen durchziehen das Werk, Verlust und Stille, der Kontrast zwischen Schwarz und Weiß, die Spannung zwischen spontaner Setzung und bewusster Korrektur. Die Collage nahm dabei eine eigenständige Position ein, nicht als Nebensache, sondern als gleichwertiges Medium neben der Malerei.
- Mallarmés Schwan (1944) – Cleveland Museum of Art
- Ulysses (1947) – Tate Modern, London
- At Five in the Afternoon (1949) – Helen Frankenthaler Foundation, New York
- Elegie auf die Spanische Republik Nr. 34 (1953) – Albright-Knox Art Gallery, Buffalo
- Je t’aime No. 2 (1955) – San Francisco Museum of Modern Art
- Beside the Sea (1962) – Staatsgalerie Stuttgart
- Open No. 50 in Black (1969) – Museum of Modern Art, New York
- Elegie auf die Spanische Republik Nr. 110 (1971) – Solomon R. Guggenheim Museum, New York
Robert Motherwells künstlerische Entwicklung
Motherwells Weg zur Malerei verlief über Umwege, die sein gesamtes Schaffen prägten. Philosophie, Literatur und Kunstgeschichte bildeten das Fundament, auf dem er seine bildnerische Sprache entwickelte. Der Zugang über das Denken unterschied ihn von vielen Zeitgenossen der New York School, deren Arbeit stärker aus dem körperlichen Malakt hervorging. Bei Motherwell stand am Anfang jedes Bildes eine Idee, ein Bezug, eine Lektüre.
Biografie und Ausbildung an Stanford und Harvard
Der junge Motherwell wuchs an der amerikanischen Westküste auf und verbrachte Teile seiner Kindheit in der Nähe des Meers, was sein Leben lang ein wiederkehrendes Motiv blieb. An der Stanford University studierte er zunächst Philosophie, anschließend vertiefte er seine Studien an der Harvard University. An der Columbia University traf er auf den Kunsthistoriker Meyer Schapiro, der früh Motherwells Begabung erkannte und ihn ermutigte, die Malerei ernsthaft zu verfolgen.
Von der Philosophie zur bildenden Kunst
Der Wechsel von der Theorie zur Praxis vollzog sich nicht als Bruch, sondern als Erweiterung. Motherwell betrachtete die Universität als Ort, an dem er sein Denken schärfte, die Malerei als Ort, an dem er es sichtbar machte. An der Columbia University in New York setzte er sein Studium der Kunstgeschichte fort und begann parallel zu malen.
Die europäische Moderne, insbesondere die Werke von Piet Mondrian und Henri Matisse, lieferte ihm frühe Orientierungspunkte. Mondrians strenge geometrische Kompositionen und Matisses souveräner Umgang mit Farben beeinflussten Motherwells Verständnis davon, wie Fläche und Form zusammenwirken können.
Die Reise nach Mexiko mit Roberto Matta
1941 reiste Motherwell gemeinsam mit dem chilenischen Surrealisten Roberto Matta nach Mexiko. Diese Reise wurde zu einem Wendepunkt. In Mexiko begegnete er einer Kultur, die Tod, Verlust und Ritual offen in ihre Bildsprache integrierte.
Der Austausch mit Matta führte ihn zum Automatismus (also dem Zeichnen und Malen aus dem Unbewussten heraus, ohne bewusste Kontrolle), einer Methode der Surrealisten, die Motherwell fortan als Ausgangspunkt seiner Arbeit nutzte. Anders als viele Surrealisten verstand er den Automatismus allerdings nie als reinen Zufall. Spontane Setzungen wurden bei ihm immer wieder überprüft, korrigiert und in eine durchdachte Komposition überführt.
Robert Motherwell und der Surrealismus in New York
Zurück in New York vertiefte Motherwell seine Verbindungen zu den europäischen Exilkünstlern. Der Kontakt zu Wolfgang Paalen, dessen Zeitschrift Dyn ihn intellektuell anregte, und zu William Baziotes öffnete weitere Türen. Gemeinsam mit Baziotes, Mark Rothko und Barnett Newman gründete er 1948 die kurzlebige, aber einflussreiche Kunstschule „Subjects of the Artist“. Hier diskutierten Maler und Expressionisten über das Verhältnis von Form und Inhalt, über die Frage, ob abstrakte Kunst etwas bedeuten kann, ohne etwas abzubilden.
Die Gründung der „Documents of Modern Art“
Parallel zu seiner Malerei etablierte sich Motherwell als bedeutender Autor und Herausgeber. Ab 1944 gab er die Reihe „Documents of Modern Art“ heraus, eine Sammlung von Schriften europäischer Avantgardekünstler in englischer Übersetzung. Das Projekt machte Texte von Mondrian, Max Ernst und anderen erstmals einem amerikanischen Publikum zugänglich.
Motherwell übernahm damit eine Vermittlerrolle zwischen europäischer und amerikanischer Kunst, die weit über die Staffelei hinausging. Diese Tätigkeit festigte seinen Ruf als der „intellektuelle“ Maler unter den abstrakten Expressionisten, ein Etikett, das ihn zeitlebens begleitete und das er nie abschütteln konnte oder wollte.
Die Elegien auf die Spanische Republik als lebenslange Werkreihe
1949 entstand mit „At Five in the Afternoon“ das erste Gemälde einer Reihe, die Motherwell über fast vier Jahrzehnte hinweg beschäftigen würde. Der Titel bezieht sich auf ein Gedicht von Federico García Lorca, der zu Beginn des spanischen Bürgerkriegs von nationalistischen Milizen ermordet wurde. Was als einzelnes Bild begann, wuchs zu einer Folge von über 150 Variationen, die in der kunsthistorischen Literatur als „Elegies to the Spanish Republic“ bekannt sind.
Symbolik und Wirkung der Werkreihe
Die Elegien zeigen eine immer wiederkehrende Grundstruktur. Massive schwarze Formen, die an Stierköpfe, Sarkophage oder schwere Vorhänge erinnern, drücken sich gegen helle Bildgründe. Die Wirkung ist feierlich und bedrückend zugleich, wie ein Trauermarsch, der nie endet.
Motherwell malte diese Reihe nicht als Illustration des Bürgerkriegs, sondern als Meditation über Verlust, Unterdrückung und den Preis politischer Gewalt. Die Wiederholung des Motivs war dabei kein Mangel an Ideen. Jede neue Elegy (so der englische Titel) verschob Proportionen, Gewichtungen und Tonalitäten, sodass dieselbe Grundform immer neue emotionale Färbungen annahm. Die Serie zeigt, wie Abstraktion politische Erfahrung in zeitlose Bildstrukturen übersetzen kann, ohne auf erzählende Mittel zurückzugreifen.
Die Open-Serie und die Hinwendung zur Farbfeldmalerei
Ende der 1960er Jahre vollzog Motherwell einen stilistischen Wandel, der viele Betrachter überraschte. Die „Open“-Serie, begonnen um 1967, besteht aus großflächigen, oft monochrom wirkenden Farbflächen, in die nur wenige lineare Elemente eingeschrieben sind, häufig ein angedeutetes Rechteck oder Fenster. Im Vergleich zu den schweren, kontrastreichen Elegien wirken diese Bilder still, offen und meditativ.
Ein Wandel zur Farbfeldmalerei
Der Wechsel hatte mehrere Gründe. Motherwell interessierte sich zunehmend für die Wirkung reiner Farbe, für Ocker, tiefes Blau und warmes Rot, die in den Open-Bildern große Flächen einnehmen. Die Nähe zum Color Field Painting (also der Farbfeldmalerei, bei der die Farbe selbst zum eigentlichen Bildinhalt wird) liegt auf der Hand, obwohl Motherwell sich nie explizit dieser Bewegung zurechnete.
Die Open-Bilder lassen sich als Gegenstück zu den Elegien lesen. Wo die Elegien Verlust und Trauer verhandeln, öffnen die Opens einen Raum der Stille und Möglichkeit. Der angedeutete Rahmen im Bild funktioniert wie ein Fenster, das den Blick nach draußen oder nach innen lenkt, je nachdem, wie man sich dem Bild nähert.
Collagen und gestische Arbeiten im Spätwerk
Neben der Malerei widmete sich Motherwell sein Leben lang der Collage, einer Technik, die für ihn weit mehr war als eine Ergänzung. Im Papier collé (also dem Zusammenfügen verschiedener Papiere zu einem neuen Bild) fand er eine Unmittelbarkeit, die das Malen auf Leinwand nicht immer bot. Zigarettenpackungen, Briefumschläge, Zeitungsausschnitte und farbige Papiere wurden zu Materialien, die er mit malerischen Gesten kombinierte. Auch seine Dedalus Sketchbooks zeigen diese Verbindung von zeichnerischer Spontaneität und serieller Arbeitsweise.
Die Rolle der Zen-Philosophie und Kalligrafie
Im Spätwerk gewann auch die Auseinandersetzung mit ostasiatischer Ästhetik an Bedeutung. Motherwell beschäftigte sich mit Zen-Philosophie und japanischer Kalligrafie, was sich in seinen spontaneren, gestischen Arbeiten zeigt. Die schnelle, entschlossene Pinselführung in Serien wie „Beside the Sea“ erinnert an kalligrafische Zeichen, bei denen jeder Strich sitzt und nicht korrigiert werden kann.
Diese Arbeiten verbinden die Gestik des Action Painting (also der körperbetonten, aktionsgetriebenen Malerei) mit einer meditativen Konzentration, die Motherwell von seinen expressionistischen Zeitgenossen unterschied.
Stilmerkmale von Robert Motherwell
Motherwells Bildsprache lässt sich an einigen Grundprinzipien festmachen, die sein gesamtes Werk durchziehen. Auffällig ist zunächst die dominante Rolle großer schwarzer Formen, die als strukturierende Elemente auf der Leinwand fungieren und dem Bild eine fast architektonische Ordnung geben. Die Farbigkeit ist häufig reduziert, mit starken Kontrasten zwischen Hell und Dunkel, wobei das Spätwerk zunehmend auch Ocker, Blau und Rot einbezieht.
Seine Kompositionen verzichten auf illusionistische Tiefe; alles spielt sich auf der Bildoberfläche ab, wie bei einer Wand, auf der Zeichen angebracht werden. Entscheidend ist die Verbindung von emotionaler Wucht und gedanklicher Kontrolle. Die Bilder wirken impulsiv, sind aber sorgfältig abgewogen.
Die serielle Arbeitsweise, also das wiederholte Durchspielen eines Motivs in vielen Variationen, gehört ebenfalls zu seinen Stilmerkmalen. Sie erlaubte es Motherwell, ein Thema nicht abzuschließen, sondern immer weiter zu befragen, ähnlich wie ein Musiker, der ein Thema in verschiedenen Tonarten durchspielt.
Techniken und Materialien
Motherwell arbeitete überwiegend mit Öl und Acryl auf Leinwand, wobei die Wahl des Mediums oft vom jeweiligen Werkzusammenhang abhing. Für die großformatigen Elegien bevorzugte er Ölfarben, die langsamere Trocknungszeiten erlauben und damit Korrekturen und Übermalungen ermöglichen. In den spontaneren Arbeiten der „Beside the Sea“-Serie griff er häufiger zu Acryl, das schnelle, entschlossene Setzungen begünstigt.
Collagen nehmen im Gesamtwerk eine eigenständige Position ein. Er verwendete Alltagsmaterialien wie Zeitungspapier, Verpackungen und handgeschöpftes Papier, die er mit Kleister und Farbe auf dem Bildträger befestigte. Die Materialität bleibt dabei stets sichtbar, gerissene Kanten, Überlappungen und durchscheinende Schichten sind Teil der Bildaussage.
Das Wechselspiel zwischen spontaner Setzung und bewusster Korrektur durchzieht alle Techniken. Motherwell verstand den Automatismus als Startpunkt, nicht als Ergebnis. Was der erste Impuls auf die Leinwand brachte, wurde anschließend reflektiert, überarbeitet und in eine stimmige Komposition überführt.
Motherwells Einfluss und Vermächtnis
Motherwells Wirkung auf die amerikanische Kunst entfaltete sich auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Als Maler zeigte er, dass abstrakte Kunst politisch und historisch lesbar bleiben kann, ohne auf erzählende oder abbildende Mittel zurückzugreifen. Die Elegien auf die Spanische Republik bewiesen, dass eine Serie abstrakter Bilder ein konkretes historisches Ereignis verarbeiten und dabei universelle Resonanz erzeugen kann.
Der Lehrer und Vermittler
Ebenso bedeutend war sein Engagement als Lehrer. Motherwell hielt Lehraufträge an verschiedenen Institutionen, darunter am Black Mountain College in North Carolina und am Hunter College in New York. Seine Lehre verband praktische Übungen mit theoretischen Diskussionen und vermittelte Studierenden die Überzeugung, dass Malen und Denken zusammengehören.
Die von ihm herausgegebene Reihe „Documents of Modern Art“ brachte zentrale Texte der europäischen Avantgarde in die amerikanische Kunstdiskussion und beeinflusste so nicht nur einzelne Künstler, sondern das intellektuelle Klima einer ganzen Generation.
Robert Motherwell und Mark Rothko im Vergleich
Innerhalb der New York School wird Motherwell häufig neben Mark Rothko genannt, und tatsächlich teilten beide die Überzeugung, dass abstrakte Malerei emotionale und existenzielle Inhalte transportieren kann. Doch ihre Wege unterschieden sich grundlegend.
Rothko suchte die Wirkung über Farbe und Licht, über das Einhüllen des Betrachters in leuchtende Farbfelder. Motherwell dagegen setzte auf den Kontrast zwischen Schwarz und Weiß, auf die Konfrontation von Form und Leere. Wo Rothko den Betrachter in eine kontemplative Stimmung versetzen wollte, forderte Motherwell ihn zum Mitdenken auf. Diese Unterschiede verdeutlichen die Vielfalt innerhalb des abstrakten Expressionismus, einer Bewegung, die oft fälschlich als einheitlicher Stil wahrgenommen wird.
Robert Motherwell Platz in der Kunstgeschichte
Motherwells Verbindung von intellektueller Reflexion und malerischer Praxis setzte Maßstäbe, die über den abstrakten Expressionismus hinausreichten. Seine serielle Arbeitsweise an den Elegien nahm Prinzipien der Konzeptkunst vorweg, seine Open-Serie beeinflusste vermutlich Maler wie Sean Scully, die reduzierte Farbflächen und geometrische Strukturen weiterentwickelten.
Als Herausgeber der „Documents of Modern Art“ verknüpfte er amerikanische und europäische Kunstdiskurse auf eine Weise, die bis in die Postmoderne nachwirkte. Die Spannung zwischen Spontaneität und Kontrolle, zwischen Gefühl und Gedanke, die sein gesamtes Schaffen prägt, macht seine Werke zu einem festen Bezugspunkt für Künstler, die Abstraktion als kulturellen Kommentar verstehen. Robert Motherwell starb am 16. Juli 1991 in Provincetown, Massachusetts, im Alter von 76 Jahren.
QUICK FACTS
- 1915: Geboren am 24. Januar in Aberdeen, Washington. Kindheit an der amerikanischen Westküste in der Nähe des Meers
- 1932–1937: Studium der Philosophie an der Stanford University, anschließend Studien an der Harvard University
- 1940–1941: Studium der Kunstgeschichte an der Columbia University in New York bei Meyer Schapiro. Reise nach Mexiko mit Roberto Matta. Erste Begegnung mit dem Automatismus der Surrealisten
- 1944–1948: Beginn der Herausgeberschaft der „Documents of Modern Art“-Reihe. Gründung der Schule „Subjects of the Artist“ mit Baziotes, Rothko und Newman
- 1948–1967: Entstehung der „Elegies to the Spanish Republic“ als zentrale Werkgruppe. Über 150 Variationen in fast vier Jahrzehnten. Lehrauftrag am Black Mountain College und am Hunter College
- 1962: „Beside the Sea“-Serie mit gestischen, kalligrafisch inspirierten Kompositionen
- 1967–1970: Beginn der „Open“-Serie. Hinwendung zur Farbfeldmalerei mit reduzierten, meditativen Kompositionen
- 1965–1983: Große Retrospektiven im Museum of Modern Art, New York, und internationalen Institutionen. Fortgesetzte Arbeit an Collagen und Druckgrafiken
- 1991: Robert Motherwell stirbt am 16. Juli in Provincetown, Massachusetts, im Alter von 76 Jahren
Erwähnte Künstler
Lust auf mehr? Hier findest du die im Text verlinkten Vorbilder, Zeitgenossen und Nachfolger mit eigenen Kurzbiografien.
- Piet Mondrian – Vorbild für geometrische Strenge und Flächenkomposition
- Henri Matisse – Einfluss auf Motherwells Farbverständnis
- Mark Rothko – Zeitgenosse in der New York School, kontrastierender Ansatz
- Barnett Newman – Mitgründer von „Subjects of the Artist“
- Max Ernst – Europäischer Avantgardist, dessen Texte Motherwell herausgab