Hans Holbein der Jüngere
In der Werkstatt seines Vaters lernte er zuerst das Abbilden, dann das Sehen. Was Hans Holbein der Jüngere aus Augsburg mitnahm, war nicht nur das Handwerk. Es war eine Genauigkeit, die später zum Stil wurde. Als er Basel erreichte, fand er eine Stadt im Umbruch, geprägt vom Buchdruck und den Ideen des Humanismus. Die Reformation veränderte alles, auch die Aufträge. Holbein wich aus, ging nach England, malte Kaufleute, Gelehrte, schließlich den König. Seine Porträts der Renaissance zeigen keine idealisierten Gesichter. Sie zeigen Menschen, deren Blick dem Betrachter standhält.
Wichtige Werke und Ausstellungen
Das Werk bewegt sich zwischen religiöser Darstellung und weltlichem Bildnis, zwischen monumentaler Wandmalerei und intimer Zeichnung. Immer wieder kehrt die Frage nach dem Gesicht zurück, nach dem, was sich zeigt und was verborgen bleibt. Holbein arbeitete mit Öl, Kreide, Holzschnitt. Er entwarf für Glas und Fassade. Die Gattungen wechseln, die Haltung bleibt.
- Die Gesandten (1533) – National Gallery, London
- Porträt von Erasmus von Rotterdam (1523) – Louvre, Paris
- Porträt von Thomas Morus (1527) – Frick Collection, New York
- Porträt von Heinrich VIII. (1536–1537) – Werkstattversionen in Walker Art Museum, Liverpool und Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid
- Die Madonna des Bürgermeisters Jakob Meyer zum Hasen (1526) – Original in Sammlung Würth, Schwäbisch Hall
- Der Leichnam Christi im Grabe (1521) – Kunstmuseum Basel
- Porträt von Sir Thomas Cromwell (1532–1533) – Frick Collection, New York
- Porträt von Georg Gisze (1532) – Gemäldegalerie, Berlin
Hans Holbeins künstlerische Entwicklung
Die künstlerische Laufbahn Hans Holbeins des Jüngeren entfaltete sich zwischen den Kunstzentren Augsburg, Basel und London. Seine Entwicklung vom talentierten Handwerkersohn zum gefeierten Hofmaler spiegelt die großen kulturellen und religiösen Umwälzungen seiner Zeit wider.
Lehrjahre und Frühphase
Hans Holbein wuchs in der Werkstatt seines Vaters Hans Holbein des Älteren auf, einem angesehenen Vertreter der Augsburger Malschule. Hier lernte er nicht nur die handwerklichen Grundlagen, sondern auch die Verbindung von spätgotischer Tradition und den ersten Einflüssen der italienischen Renaissance. Gemeinsam mit seinem Bruder Ambrosius verließ er um 1515 Augsburg und zog nach Basel, wo beide ihren eigenen Weg als Künstler suchten und erste Aufträge erhielten. In Basel entwickelte sich eine wichtige Beziehung zu Bonifacius Amerbach, dem Juristen und bedeutenden Kunstsammler, der zu einem der frühen Förderer und späteren Verwalter von Holbeins Nachlass wurde.
Die prägenden Jahre in der Augsburger Werkstatt
In der väterlichen Werkstatt erlernte der junge Holbein die präzise Linienführung und die akribische Detailbeobachtung, die später zu seinen Markenzeichen wurden. Der Vater, selbst ein begabter Porträtist, vermittelte ihm die Fähigkeit, Gesichter nicht nur abzubilden, sondern deren Charakter zu erfassen. Diese frühe Schulung in der Augsburger Tradition, die deutsche Gründlichkeit mit italienischen Neuerungen verband, legte den Grundstein für Holbeins späteren Erfolg.
Neben religiösen Darstellungen entstanden in dieser Phase auch Porträts lokaler Würdenträger und Gelehrter, darunter der Schulmeister Myconius, dessen Bildnis zu den frühen Charakterstudien Holbeins zählt.
Basel als Zentrum des Humanismus
Basel bot dem jungen Künstler ein intellektuell stimulierendes Umfeld. Die Stadt war ein Zentrum des Buchdrucks und der humanistischen Gelehrsamkeit. Hier kam Holbein in Kontakt mit Denkern wie Erasmus von Rotterdam und dem Verleger Johannes Froben, für den er zahlreiche Buchillustrationen schuf. Seine frühen Basler Arbeiten umfassten Wandmalereien für das Rathaus, Entwürfe für Glasfenster und die berühmten Illustrationen zu Erasmus‘ „Lob der Torheit„. Diese vielfältigen Aufträge schulten seine Fähigkeit, komplexe Inhalte in klare visuelle Formen zu übersetzen.
Die humanistische Atmosphäre Basels prägte auch seine Herangehensweise an die Porträtkunst, in der er die individuelle Würde und intellektuelle Ausstrahlung seiner Modelle in den Vordergrund stellte.
Höhepunkte der Karriere und Meisterwerke
Die 1520er Jahre markieren Holbeins künstlerischen Durchbruch. In Basel entstanden bedeutende religiöse Werke wie der erschütternde „Leichnam Christi im Grabe“ (1521), ein schmales Gemälde von nur 30 Zentimetern Höhe, das den toten Christus in schonungslos realistischer, ungeschönter Darstellung zeigt. Die „Solothurner Madonna“ (1522) und die „Darmstädter Madonna“ für den Bürgermeister Jakob Meyer zum Hasen (1526) zeigen seine Fähigkeit, italienische Kompositionsprinzipien mit nordischer Präzision zu verbinden.
Letztere zeigt den Stifter mit seiner Familie unter dem schützenden Mantel Marias – seine Gattin und Tochter sind ebenso detailreich dargestellt wie die männlichen Familienmitglieder. Die Schönheit und Würde der weiblichen Figuren bezeugt Holbeins Talent, jedes Familienmitglied mit gleichem Respekt und individueller Charakterisierung zu porträtieren.
Die Gesandten als rätselhaftes Hauptwerk Hans Holbein des Jüngeren
„Die Gesandten“ von 1533 gilt als Höhepunkt von Holbeins Schaffen. Das Doppelbildnis zeigt Jean de Dinteville und Georges de Selve, umgeben von wissenschaftlichen Instrumenten und Symbolen der Vergänglichkeit. Die berühmte Anamorphose am unteren Bildrand – ein verzerrter Totenschädel, der sich nur aus einem bestimmten Blickwinkel als solcher zu erkennen gibt – macht das Werk zu einem visuellen Rätsel.
Diese Vanitas-Symbolik, kombiniert mit der präzisen Wiedergabe von Texturen und Oberflächen, demonstriert Holbeins technische und intellektuelle Brillanz. Das Gemälde vereint astronomische Präzision mit theologischer Symbolik und macht die Spannung zwischen Wissen, Macht und menschlicher Sterblichkeit erfahrbar.
Der Hofmaler in England und die königlichen Porträts
Als Hofmaler Heinrichs VIII. ab 1536 schuf Holbein das offizielle Bild der Tudor-Dynastie. Sein Porträt Heinrich VIII. wurde zur Ikone königlicher Macht – die breitbeinige Pose, der direkte Blick und die prachtvolle Kleidung vermitteln absolute Autorität. Das originale Wandgemälde im Whitehall-Palast ging 1698 bei einem Brand verloren, doch der erhaltene Karton und die Werkstattkopien bezeugen die monumentale Wirkung dieser Darstellung.
Holbein porträtierte auch die sechs Gemahlinnen des Königs, darunter Jane Seymour und Anna von Kleve, deren Bildnis der König vor der arrangierten Hochzeit in Auftrag gab. Jede Frau wird mit individueller Würde dargestellt, wobei Holbein ihre jeweilige Persönlichkeit und Stellung einfängt.
Spätwerk und Ende der Karriere
Die letzten Jahre Holbeins in England waren von intensiver Produktivität geprägt. Er schuf Porträts des englischen Adels und der aufstrebenden Kaufmannschaft, die sich durch psychologische Tiefe und soziale Präzision auszeichnen. Das Bildnis des Kaufmanns Georg Gisze (1532) zeigt nicht nur die Person, sondern auch deren gesamtes berufliches Umfeld mit Briefen, Siegeln und Handelswaren – ein visuelles Dokument frühkapitalistischer Geschäftswelt.
Die Porträts dieser Spätphase dokumentieren den sozialen Wandel der Tudor-Zeit, in der neben Adel und Klerus zunehmend auch erfolgreiche Kaufleute und Beamte nach repräsentativer Bildniskunst verlangten. Holbeins Fähigkeit, sowohl die gesellschaftliche Stellung als auch die individuelle Persönlichkeit seiner Auftraggeber zu vermitteln, machte ihn zum gefragtesten Porträtisten seiner Zeit.
Einfluss der Reformation auf Hans Holbein den Jüngeren
Die religiösen Umwälzungen der Reformation prägten Holbeins Karriere entscheidend. Der Bildersturm in Basel zwang ihn 1526 zur ersten Reise nach England, da religiöse Aufträge in der Schweiz ausblieben. Seine Werke reflektieren diese Zeitenwende. Während er in Basel noch traditionelle Altarbilder malte, konzentrierte er sich in England auf weltliche Porträts. Dennoch blieb die religiöse Dimension in seinen Arbeiten präsent, oft in Form subtiler Symbolik und moralischer Botschaften.
Die Reformation veränderte nicht nur die Auftragsstruktur, sondern auch die Funktion der Kunst – vom religiösen Andachtsbild zum Dokument individueller Identität und gesellschaftlicher Position.
Wie Hans Holbein die Bildsprache der Nordischen Renaissance formte
Holbeins Maltechnik und Stilmerkmale definieren sich durch eine einzigartige Synthese verschiedener künstlerischer Traditionen. Seine Ausbildung in der deutschen Malerei vermittelte ihm eine minutiöse Beobachtungsgabe und die Fähigkeit zur präzisen Wiedergabe von Details.
Die charakteristische Klarheit seiner Kompositionen zeigt den Einfluss der italienischen Renaissance, besonders Leonardo da Vincis, dessen Werke er möglicherweise während einer Italienreise studierte. Holbeins Porträts zeichnen sich durch eine bemerkenswerte Mimesis aus – die Fähigkeit, die Wirklichkeit so überzeugend nachzuahmen, dass die Dargestellten lebendig erscheinen. Er platzierte seine Modelle oft vor neutralen Hintergründen in Grün oder Blau, wodurch die Aufmerksamkeit vollständig auf Gesicht und Hände gelenkt wird. Die subtile Modellierung durch Licht und Schatten verleiht den Gesichtern Volumen und Präsenz.
Dabei ging Holbein über die bloße Abbildung hinaus. Jedes Detail, von der Textur der Kleidung bis zur Position der Hände, trägt zur Charakterisierung der dargestellten Person bei.
Seine Kompositionsprinzipien beruhten auf geometrischer Klarheit und ausgewogenen Proportionen. Die Platzierung der Figuren im Bildraum folgte mathematischen Regeln, die Stabilität und Harmonie vermitteln. Gleichzeitig entwickelte Holbein ein feines Gespür für die soziale Kodierung von Kleidung, Gesten und Attributen. Seine Porträts funktionieren als komplexe Zeichensysteme, in denen jedes Element – vom kostbaren Schmuck bis zur Buchauswahl – Aufschluss über Stand, Bildung und Charakter der dargestellten Person gibt. Die Schönheit seiner Werke liegt nicht nur in der technischen Vollendung, sondern auch in dieser vielschichtigen Bedeutungsebene.
Maltechnische Perfektion und mediale Vielseitigkeit
Die technische Vielseitigkeit Holbeins zeigt sich in seiner souveränen Beherrschung unterschiedlicher Medien und Arbeitsmethoden. Als bevorzugtes Material für seine Tafelbilder verwendete er Öl auf Holz, meist auf sorgfältig präparierten Eichenholztafeln.
Seine Arbeitsweise begann stets mit präzisen Vorzeichnungen, oft in farbiger Kreide auf getöntem Papier ausgeführt. Diese Zeichnungen, von denen viele in der Sammlung Windsor Castle erhalten sind, dienten als Grundlage für die späteren Gemälde. Für monumentale Projekte fertigte er Kartons in Originalgröße an, wie beim Whitehall-Wandgemälde. Als Meister des Holzschnitts revolutionierte er die Buchillustration mit seinen Totentanz-Folgen und den Illustrationen zu biblischen Texten.
Seine Entwürfe für Glasmalereien und Fassadendekorationen demonstrieren die Fähigkeit, in verschiedenen Maßstäben zu arbeiten. Die Trompe-l’œil-Effekte in seinen Gemälden, besonders die täuschend echte Wiedergabe von Stoffen, Pelzen und Schmuck, erreichte er durch hauchdünne Lasuren und präzise gesetzte Höhungen.
Die Qualität seiner Pigmente war außerordentlich hoch – er verwendete kostbare Materialien wie Ultramarin aus Lapislazuli und Karmesinrot aus Cochenille. Seine Farbpalette war subtil und differenziert, wobei er besonders für die naturgetreue Wiedergabe von Hauttönen bekannt war. Der Farbauftrag erfolgte in mehreren dünnen Schichten, wodurch eine außergewöhnliche Tiefe und Leuchtkraft entstand. Diese technische Fertigkeit, kombiniert mit seiner kompositorischen Begabung, machte seine Werke zu Höhepunkten der Renaissancemalerei nördlich der Alpen.
Holbein und sein Vermächtnis in der Porträtkunst
Holbeins Einfluss auf die europäische Porträtkunst kann kaum überschätzt werden. Seine Werke setzten Standards für die Verbindung von technischer Perfektion und psychologischer Durchdringung, die nachfolgende Generationen von Künstlern inspirierten. Die englische Porträttradition des 17. und 18. Jahrhunderts blieb seinem Vorbild verpflichtet, und selbst moderne Fotografen beziehen sich auf seine Kompositionsprinzipien. Sein Vermächtnis liegt nicht nur in den einzelnen Meisterwerken, sondern in der Etablierung des Porträts als eigenständige Kunstgattung von höchstem Rang.
Symbolik in den Gemälden Hans Holbeins und ihre Bedeutung
Holbeins Werke sind durchdrungen von komplexen Bedeutungsebenen, die über die reine Darstellung hinausgehen. Die Integration von Memento-mori-Motiven und Vanitas-Symbolen verleiht seinen Porträts eine philosophische Dimension. In „Die Gesandten“ finden sich neben dem anamorphotischen Totenschädel zahlreiche Objekte, die auf die Vergänglichkeit irdischen Ruhms verweisen. Eine gebrochene Lautensaite, astronomische Instrumente, die die Unbeständigkeit der Zeit symbolisieren, und ein aufgeschlagenes Gesangbuch. Diese allegorischen Elemente waren für die gebildeten Zeitgenossen lesbar wie ein Buch und vermittelten moralische Botschaften über Macht, Wissen und Sterblichkeit.
Die Symbolsprache erstreckte sich auch auf scheinbar nebensächliche Details. Blumen und Pflanzen trugen emblematische Bedeutungen, Bücher verwiesen auf spezifische Texte und intellektuelle Positionen, Schmuck und Kleidung codierten soziale Zugehörigkeit und politische Allegorien. Holbein beherrschte diese Ikonographie meisterhaft und schuf Bilder, die auf mehreren Ebenen funktionieren – als naturalistische Abbildungen, als soziale Dokumente und als philosophische Meditationen über die menschliche Existenz.
Hans Holbein der Jüngere und Erasmus von Rotterdam in einer prägenden Freundschaft
Die Beziehung zwischen Holbein und dem Humanisten Erasmus war für beide Seiten fruchtbar. Holbeins Porträts des Gelehrten, besonders das Bildnis von 1523 im Profil, schufen das bis heute gültige visuelle Bild des großen Humanisten. Erasmus‘ Empfehlungsschreiben öffnete Holbein die Türen zur englischen Gesellschaft und zum Kreis um Thomas Morus.
Diese Verbindung zwischen Kunst und Gelehrsamkeit prägte Holbeins intellektuellen Ansatz zur Malerei. Die Zusammenarbeit reichte über Porträts hinaus – Holbein illustrierte mehrere Werke des Erasmus und trug damit zur Verbreitung humanistischen Gedankenguts bei. Diese Symbiose von Wort und Bild verkörpert das Renaissance-Ideal der Vereinigung aller Künste und Wissenschaften.
Hans Holbeins Platz in der Kunstgeschichte
Hans Holbein der Jüngere erfand das Porträt nicht neu – aber er brachte es auf ein Niveau, das vor ihm niemand erreicht hatte und das nach ihm zum Maßstab wurde. Seine Bilder sind keine bloßen Abbildungen, sondern verdichtete Erzählungen über Menschen, ihre Rollen und ihre Zeit. Wenn wir heute an Heinrich VIII. denken, sehen wir Holbeins Version. Breitbeinig, mächtig, unnahbar. Wenn wir uns Erasmus vorstellen, erscheint sein Profil aus dem Louvre. Holbein hat nicht nur Gesichter festgehalten, sondern visuelle Identitäten erschaffen, die über Jahrhunderte Bestand haben. Darin liegt seine eigentliche Leistung. Er machte das Porträt zu einem Instrument der Unsterblichkeit – für seine Auftraggeber und letztlich auch für sich selbst. Hans Holbein der Jüngere starb im Oktober oder November 1543 in London, vermutlich an der Pest, im Alter von etwa 45 Jahren.
Quick Facts
- 1497/98: Geburt in Augsburg als Sohn des Malers Hans Holbein des Älteren
- 1515: Übersiedlung nach Basel mit seinem Bruder Ambrosius
- 1519: Aufnahme in die Basler Malerzunft, erste große Aufträge für Wandmalereien
- 1520-1526: Schaffensperiode in Basel, Entstehung religiöser Hauptwerke und erster Porträts
- 1523-1524: Mögliche Reise nach Frankreich, Studium französischer Hofkunst
- 1526-1528: Erster Englandaufenthalt, Arbeiten im Kreis von Thomas Morus
- 1528-1532: Rückkehr nach Basel, Familie mit Elsbeth Binzenstock und zwei Kindern
- 1532: Endgültige Übersiedlung nach England aufgrund der Reformation
- 1533: Entstehung des Meisterwerks „Die Gesandten“
- 1536: Ernennung zum Hofmaler Heinrichs VIII.
- 1536-1543: Schaffung der ikonischen Tudor-Porträt