Nicolas Poussin

Ein Maler, der kleine Wachsfiguren auf einer Bühne arrangierte, bevor er den Pinsel ansetzte. Nicolas Poussin arbeitete wie ein Regisseur, der jeden Schatten, jeden Faltenwurf im Voraus durchdachte. Die französische Klassik, die er begründete, entstand nicht aus spontaner Geste, sondern aus kalkulierter Ordnung. Rom wurde ihm zur Wahlheimat, nachdem die Normandie seiner Jugend und das unruhige Paris nichts mehr zu bieten hatten. Dort, zwischen antiken Ruinen und gelehrten Zirkeln, formte sich eine Malerei, die Vernunft über Rausch stellte. Seine Bilder verlangen Zeit und ein Auge, das lesen will.

Wichtige Werke und Ausstellungen

Historienmalerei bildete das Zentrum seines Schaffens, ergänzt durch mythologische Szenen und durchkomponierte Landschaften. Antike Stoffe und biblische Erzählungen kehren beständig wieder, behandelt mit einer Strenge, die das Pathos meidet. Die Werke entstanden für private Sammler, nicht für Kirchen oder Paläste.

  • Die vier Jahreszeiten (1660–1664) – Louvre, Paris
  • Selbstporträt (1650) – Louvre, Paris
  • Die Hirten von Arkadien (zweite Fassung, ca. 1637–1638) – Louvre, Paris
  • Die Zerstörung des Tempels in Jerusalem (ca. 1637) – Kunsthistorisches Museum, Wien
  • Der Raub der Sabinerinnen (ca. 1633–1634) – Louvre, Paris
  • Venus und Adonis (ca. 1624–1625) – Musée Fabre, Montpellier
  • Der Tod des Germanicus (1627) – Minneapolis Institute of Art, Minneapolis
  • Die Flucht nach Ägypten (1657–1658) – Musée des Beaux-Arts de Lyon

Nicolas Poussins künstlerische Entwicklung

Die künstlerische Laufbahn Poussins lässt sich in drei große Phasen unterteilen. Seine experimentellen Anfänge in Frankreich und die ersten römischen Jahre, die Etablierung als führender Vertreter der Historienmalerei in Rom sowie sein reifes Spätwerk, in dem er seine Theorie der Modi perfektionierte.

 

Lehrjahre und Frühphase

Der junge Poussin erhielt seine erste Ausbildung in Rouen und Paris, wo er mit den Werken Raffael Sanzios durch Kupferstiche in Berührung kam. Diese frühe Begegnung mit der italienischen Hochrenaissance sollte sein gesamtes Schaffen prägen. Nach mehreren gescheiterten Versuchen erreichte er 1624 endlich Rom – mit dreißig Jahren ein später Start für eine internationale Karriere.

Die Prägung durch venezianische Meister und Tizians Kolorit

In seinen ersten römischen Jahren experimentierte Poussin mit der venezianischen Farbgebung. Die warmen, goldenen Töne Tizians faszinierten ihn, wie sein frühes Werk „Venus und Adonis“ zeigt. Doch anders als die Venezianer suchte er stets nach einer strengeren Form. Der Dichter Marino, sein erster wichtiger Förderer in Rom, vermittelte ihm Aufträge für mythologische Darstellungen. Diese Werke zeigen noch eine gewisse Unruhe in der Komposition – Poussin suchte noch nach seiner eigenen Bildsprache.

Die Metamorphosen Ovids wurden in dieser Phase zu einer wichtigen Inspirationsquelle, deren Geschichten er in leuchtenden Farben zum Leben erweckte. Darstellungen des Bacchus und anderer Götter aus dieser Zeit zeugen von seiner Faszination für die antike Mythologie.

Nicolas Poussins Begegnung mit Cassiano dal Pozzo und der Durchbruch

Der Wendepunkt kam durch die Bekanntschaft mit Cassiano dal Pozzo, dem Sekretär der Familie Barberini. Dieser gelehrte Sammler wurde nicht nur Poussins wichtigster Mäzen, sondern auch sein intellektueller Sparringspartner. Dal Pozzos „Papiermuseum“ – eine Sammlung von Zeichnungen antiker Kunstwerke – öffnete Poussin die Augen für die Größe der Antike. Gemeinsam studierten sie archäologische Funde und antike Texte.

Diese intellektuelle Freundschaft formte Poussins Verständnis der Malerei als gelehrte Kunst. Sein einziges Altarbild für den Petersdom, das „Martyrium des Heiligen Erasmus“ (1628-1629), entstand in dieser Zeit – es sollte sein letzter Versuch bleiben, mit der Barockmalerei zu konkurrieren.

 

Höhepunkte der Karriere – Meisterwerke und ihre Bedeutung

Die 1630er Jahre markieren Poussins künstlerische Reife. Er entwickelte seinen charakteristischen Stil, in dem jede Geste, jeder Blick und jede Falte eines Gewandes zur Erzählung beiträgt. „Der Raub der Sabinerinnen“ demonstriert diese neue Erzählkunst. Während links die Römer die Frauen ergreifen, zeigt die rechte Bildseite bereits die Flucht – verschiedene Zeitmomente verschmelzen zu einer kraftvollen Einheit. Der Triumph der geordneten Komposition über barocke Spontaneität wird in diesen Werken vollends sichtbar.

Der widerwillige Hofmaler – Zeit am französischen Hof

1640 folgte Poussin widerstrebend dem Ruf König Ludwigs XIII. nach Paris. Kardinal Richelieu hatte ihn als Premier peintre du Roi (Erster Maler des Königs) berufen. Doch die Dekoration der Grande Galerie im Louvre und die höfischen Intrigen quälten den an Ruhe gewöhnten Künstler. Er schrieb an seinen Freund in Rom: „Wenn ich noch länger bleibe, werde ich ein Anstreicher werden.“

Die französischen Hofmaler intrigierten gegen den Außenseiter. Nach nur zwei Jahren floh er förmlich zurück nach Rom – offiziell, um seine kranke Frau zu besuchen. Er kehrte nie nach Frankreich zurück, malte aber weiterhin für französische Sammler wie Paul Fréart de Chantelou, mit dem ihn eine tiefe Freundschaft verband. Seine Reisen führten ihn gelegentlich nach Villers und Fontainebleau, doch Rom blieb sein spirituelles Zentrum.

Nicolas Poussins Theorie der Modi und seine Bildphilosophie

In den 1640er Jahren entwickelte Poussin seine berühmte Theorie der Modi. Wie in der antiken Musik sollte jedes Bild einen bestimmten „Modus“ haben – heroisch für Schlachten, lyrisch für Liebesszenen, elegisch für Trauer. „Die Hirten von Arkadien“ verkörpert den elegischen Modus perfekt. Schäfer entdecken eine Grabinschrift „Et in Arcadia ego“ (Auch ich war in Arkadien) – selbst im Paradies ist der Tod gegenwärtig.

Diese philosophische Tiefe unterschied Poussin von seinen Zeitgenossen. Er malte nicht nur Geschichten, sondern visualisierte Ideen. Der deutsche Künstlerbiograf Joachim von Sandrart, der Poussin in Rom besuchte, beschrieb ihn als „Philosophen mit dem Pinsel“.

 

Spätwerk und Ende der Karriere

Die letzten fünfzehn Jahre seines Lebens waren von zunehmender körperlicher Schwäche, aber ungebrochener geistiger Kraft geprägt. Ein Tremor in den Händen zwang ihn zu einem noch bedächtigeren Arbeitsstil. Paradoxerweise entstanden in dieser Phase seine monumentalsten Werke.

Die vier Jahreszeiten – Poussins malerisches Testament

Zwischen 1660 und 1664 schuf der über siebzigjährige Poussin seinen Zyklus „Die vier Jahreszeiten“ für den Herzog von Richelieu. Diese Werke sind weit mehr als Landschaftsdarstellungen – sie verbinden biblische Geschichte mit kosmischer Ordnung. Der Frühling zeigt das Paradies, der Sommer Ruths Ährenlese, der Herbst die Kundschafter mit der Riesentraube, der Winter die Sintflut. Jedes Bild erzählt vom ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen. Die stoische Philosophie, die Poussin seit seiner Jugend studiert hatte, durchdringt diese Alterswerke. Sie predigen die Akzeptanz des Schicksals ohne falsches Pathos.

Nicolas Poussins Stilmerkmale

Poussins Stil definierte sich durch die bewusste Abkehr vom theatralischen Barock seiner Zeit. Während seine Zeitgenossen mit wirbelnden Gewändern und ekstatischen Gesten brillierten, suchte er die stille Größe der Antike.

Seine Kompositionen folgen geometrischen Grundformen – Dreiecke, Kreise und Diagonalen strukturieren den Bildraum wie ein unsichtbares Gerüst. Jede Figur hat ihren festen Platz in diesem System, nichts ist dem Zufall überlassen. Die Farbgebung entwickelte sich von den warmen, venezianischen Tönen seiner Frühzeit zu einer kühleren, kontrollierteren Palette. Blau, Rot und Gelb dominieren, aber nie in greller Intensität. Diese Farben ordnete er nach ihrer symbolischen Bedeutung. Blau für das Himmlische, Rot für die Leidenschaft oder das Martyrium, Gelb als Zeichen göttlichen Lichts.

Die Landschaft wurde bei Poussin zur moralischen Bühne. Seine arkadischen Szenerien sind keine romantischen Idyllen, sondern durchkomponierte Reflexionsräume, in denen sich menschliches Schicksal und göttliche Ordnung spiegeln. Der Begriff des Disegno – die Vorherrschaft der Zeichnung über die Farbe – wurde zu seinem Markenzeichen und später zum Kampfbegriff der Poussinisten gegen die Rubenisten in der Académie royale.

Techniken und Materialien

Die handwerkliche Perfektion war für Poussin kein Selbstzweck, sondern diente der klaren Vermittlung seiner Bildideen. Er arbeitete ausschließlich in Öl auf Leinwand, wobei er eine akribische Vorbereitung pflegte, die seine Zeitgenossen oft erstaunte. Jedes Gemälde begann mit zahllosen Zeichnungen – Studien einzelner Figuren, Kompositionsentwürfe, Drapierungsstudien. Dann fertigte er kleine Wachsfiguren an, die er auf einer Art Miniaturbühne arrangierte, um Licht und Schatten zu studieren. Diese dreidimensionalen Modelle halfen ihm, die räumliche Tiefe seiner Kompositionen zu perfektionieren.

Lasuren und Grisaille für skulpturale Tiefe

Die eigentliche Malerei erfolgte in dünnen Lasuren, Schicht für Schicht. Diese Technik verlieh seinen Werken ihre charakteristische Transparenz und Tiefe. Im Gegensatz zu Peter Paul Rubens‚ pastosem Farbauftrag blieb Poussins Oberfläche glatt, fast emailleartig. Seine Untermalungen in Grautönen (Grisaille) schimmern oft durch die oberen Schichten und verleihen den Figuren ihre skulpturale Qualität. Diese technische Zurückhaltung war programmatisch – nichts sollte von der Klarheit der Komposition und der Lesbarkeit der Geschichte ablenken.

Poussins Einfluss und Vermächtnis

Die 1648 gegründete Académie royale erhob ihn zum Säulenheiligen ihrer Lehre. Charles Le Brun, der mächtige Direktor unter Ludwig XIV., propagierte Poussins Prinzipien als verbindliche Doktrin. Die berühmte Debatte zwischen Poussinisten und Rubenisten, die die Akademie über Jahrzehnte spaltete, drehte sich um die Frage: Was ist wichtiger – Disegno oder Colore, Zeichnung oder Farbe? Die Poussinisten priesen die intellektuelle Klarheit ihres Vorbilds, während die Rubenisten für sinnliche Unmittelbarkeit plädierten. Diese Auseinandersetzung prägte die europäische Kunsttheorie bis weit ins 18. Jahrhundert.

Von David bis Cézanne und Picasso

Jacques-Louis David, der Begründer des Neoklassizismus, studierte obsessiv Poussins Werke. Dessen „Grand Manière“ – der große Stil – wurde zum Ideal der revolutionären und napoleonischen Kunst. Aber auch Paul Cézanne, der Vater der Moderne, pilgerte immer wieder in den Louvre, um Poussins Kompositionen zu kopieren. Er nannte ihn „den Maler der Maler“ und sah in dessen geometrischen Strukturen die Grundlage seiner eigenen Kunst.

Die Landschaften seines Schwagers Gaspard Dughet, genannt Poussin, popularisierten eine idealisierte Natur, die bis zur Romantik nachwirkte. Selbst im 20. Jahrhundert griffen Künstler wie Pablo Picasso in seiner klassischen Phase auf Poussin zurück. Der Kunsthistoriker Anthony Blunt widmete dem Meister grundlegende Studien, die unser Verständnis seiner Werke bis heute prägen.

 

Nicolas Poussins Platz in der Kunstgeschichte

Während die barocken Meister seiner Zeit auf emotionale Überwältigung setzten, ging Poussin einen radikal anderen Weg. Er machte das Denken selbst zum Gegenstand der Malerei. Seine Bilder funktionieren wie visuelle Argumente – jede Figur, jede Geste, jede Farbwahl folgt einer inneren Logik, die sich dem aufmerksamen Betrachter erst nach und nach erschließt. Genau darin liegt sein revolutionärer Beitrag. Er bewies, dass ein Gemälde nicht nur gefallen oder erschüttern, sondern auch erkennen lassen kann. Diese Verbindung von ästhetischer Schönheit und intellektueller Strenge wurde zum Fundament der französischen Akademietradition und wirkt bis in die Konzeptkunst des 20. Jahrhunderts nach. Nicolas Poussin starb am 19. November 1665 in Rom im Alter von 71 Jahren.

Nicolas Poussin: Die wichtigsten Fakten

  • 1594: Geburt in Les Andelys (Normandie) als Sohn eines verarmten Landedelmanns
  • 1612-1623: Erste Ausbildung in Paris, Studium der Werke Raffaels durch Stiche
  • 1624: Endgültige Übersiedlung nach Rom, Förderung durch den Dichter Marino
  • 1626-1630: Durchbruch als Historienmaler, Freundschaft mit Cassiano dal Pozzo
  • 1629: „Martyrium des Heiligen Erasmus“ für St. Peter – sein einziger päpstlicher Auftrag
  • 1630er Jahre: Entstehung der Hauptwerke wie „Der Raub der Sabinerinnen“
  • 1640-1642: Aufenthalt in Paris als Premier peintre du Roi Ludwigs XIII.
  • 1642: Rückkehr nach Rom, Entwicklung der Theorie der Modi
  • 1650er Jahre: Zunehmender Einfluss stoischer Philosophie auf sein Werk
  • 1660-1664: Vollendung der „Vier Jahreszeiten“ trotz zitternder Hände
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