Bartolomé Esteban Murillo

Sevilla um 1645, eine Stadt zwischen Größe und Verfall. Der Hafen, einst Tor zur Neuen Welt, verlor an Bedeutung, doch die Klöster und Bruderschaften bestellten weiterhin Altarbilder in großer Zahl. In den Gassen der Armenviertel spielten Kinder mit bloßen Füßen, und ein junger Maler begann, sie zu zeichnen. Bartolomé Esteban Murillo kam aus bescheidenen Verhältnissen, früh verwaist, aufgewachsen bei Verwandten. Die spanische Barockmalerei kannte damals vor allem strenge Heilige in dunklen Räumen. Er aber suchte etwas anderes, ein Licht, das wärmt statt erschreckt, Gesichter, die atmen.

Wichtige Werke und Ausstellungen

Sein Schaffen bewegte sich zwischen religiösen Aufträgen und stillen Beobachtungen des Alltags. Madonnen entstanden ebenso wie Darstellungen von Straßenkindern, monumentale Zyklen für Klöster neben kleinen Andachtsbildern. Die Grenzen zwischen Himmel und Erde blieben in seinen Kompositionen durchlässig, die Frömmigkeit stets an menschliche Nähe gebunden.

  • Die Unbefleckte Empfängnis (ca. 1678) – Museo del Prado, Madrid
  • Maria mit dem Jesuskind und Rosenkranz (ca. 1650–1655) – Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden
  • Die Rückkehr des verlorenen Sohnes (ca. 1667–1670) – National Gallery of Art, Washington, D.C.
  • Die Hirtenanbetung (ca. 1650–1655) – Museo del Prado, Madrid
  • Die Heilige Familie mit dem Johannesknaben (ca. 1650) – Museo del Prado, Madrid
  • Mädchen mit einer Münze (Galizisches Mädchen) (ca. 1650) – Museo del Prado, Madrid
  • Trauben- und Melonenesser (ca. 1645–1650) – Alte Pinakothek, München
  • Der junge Bettler (ca. 1645) – Louvre, Paris

Bartolomé Esteban Murillos künstlerische Entwicklung

Die künstlerische Laufbahn Murillos lässt sich in drei deutlich unterscheidbare Phasen gliedern, die jeweils durch spezifische stilistische Merkmale und thematische Schwerpunkte charakterisiert sind. Diese Entwicklung vom estilo frío über den estilo cálido zum estilo vaporoso spiegelt nicht nur seine technische Reifung wieder, sondern auch seine zunehmende Fähigkeit, spirituelle Inhalte in visuell überwältigende Kompositionen zu übersetzen.

 

Lehrjahre und Frühphase – Der Weg vom Tenebrismus zur eigenen Sprache

Nach dem frühen Verlust beider Eltern – der Vater starb 1627, die Mutter folgte 1628 – wuchs Murillo bei seiner älteren Schwester Ana und deren Ehemann, dem Chirurgen Juan Agustín Lagares, auf. Diese frühe Konfrontation mit Verlust und die Geborgenheit in der erweiterten Familie sollten später in seinen Darstellungen familiärer Intimität nachklingen. Seine Ausbildung erhielt er im Atelier von Juan del Castillo, einem entfernten Verwandten mütterlicherseits, der ihm zwischen 1633 und 1639 die technischen Grundlagen vermittelte.

Murillos Prägung durch Zurbarán und den sevillanischen Tenebrismus

In seinen frühen Jahren stand Murillo deutlich unter dem Einfluss Francisco de Zurbaráns, der zu dieser Zeit die Kunstszene Sevillas dominierte. Die ausdrucksstarken Hell-Dunkel-Kontraste des Tenebrismus, jene spanische Variante des Chiaroscuro, prägten seine ersten religiösen Kompositionen. Werke wie die frühen Darstellungen für das Franziskanerkloster zeigen noch die harten Schlagschatten und die asketische Strenge, die für Zurbaráns Stil charakteristisch waren. Doch bereits in diesen Frühwerken deutet sich eine Tendenz zur Milderung der Kontraste an – Murillo suchte nach einem Weg, die spirituelle Intensität beizubehalten, ohne die einschüchternde Monumentalität seines Vorbilds zu übernehmen.

Die Genremalerei als eigenständiger Werkkomplex

Parallel zu seinen religiösen Aufträgen entwickelte Murillo ab den 1640er Jahren eine bemerkenswerte Serie von Genrebildern, die Straßenjungen und einfache Leute zeigen. Diese Bodegones – ein Begriff, der ursprünglich Stillleben bezeichnete, aber im spanischen Kontext auch Alltagsszenen umfasste – offenbaren eine andere Seite seines Talents. Der „Junge Bettler“ von 1645 oder die „Trauben- und Melonenesser“ zeigen Kinder aus den ärmsten Schichten Sevillas, doch Murillo verleiht ihnen eine Würde und Lebensfreude, die jede sozialkritische Anklage vermeidet. Diese Werke fanden besonders bei ausländischen Sammlern Anklang und trugen wesentlich zu Murillos internationalem Ruhm bei.

 

Höhepunkte der Karriere – Die Blütezeit in Sevilla

Die 1650er und 1660er Jahre markieren den Übergang zum estilo cálido, Murillos „warmem Stil“, der seine künstlerische Reife signalisiert. In dieser Phase entstanden seine wichtigsten Auftragswerke für die religiösen Institutionen Sevillas. Der Zyklus für das Kapuzinerkloster, begonnen 1665, umfasste zwanzig Gemälde und etablierte Murillo endgültig als führenden religiösen Maler seiner Generation. Die Kompositionen dieser Jahre zeigen eine perfekte Balance zwischen erzählerischer Klarheit und emotionaler Tiefe.

Die Academia de Pintura und das Engagement für die Lehre

Im Jahr 1660 gründete Murillo zusammen mit Francisco de Herrera dem Jüngeren die Academia de Pintura de Sevilla, deren erster Präsident er wurde. Diese Institution, obwohl sie nur wenige Jahre Bestand hatte, markierte einen wichtigen Schritt in der Professionalisierung der Künstlerausbildung in Spanien. Die Akademie verfolgte das Ziel, junge Maler systematisch in Zeichnung, Anatomie und Perspektive zu unterrichten – ein Ansatz, der sich an italienischen Vorbildern orientierte. Murillos Engagement für die Lehre zeigt sich auch in der großen Zahl von Schülern, die durch seine Werkstatt gingen, darunter Pedro Núñez de Villavicencio und Sebastián Gómez.

Bartolomé Esteban Murillo und die königlichen Sammlungen in Madrid

Die Frage, ob Murillo tatsächlich nach Madrid reiste, bleibt in der Kunstgeschichte umstritten. Während einige Quellen von einer Reise um 1658 berichten, fehlen eindeutige dokumentarische Belege. Sicher ist jedoch, dass Murillo die Werke der königlichen Sammlung kannte – seien es die mythologischen Szenen von Peter Paul Rubens oder die höfischen Porträts von Diego Velázquez. Diese Einflüsse könnten auch durch Kopien oder durch in Sevilla zugängliche Werke vermittelt worden sein. Die Verwandlung seines Kolorits, die Aufhellung seiner Palette und die zunehmende Verwendung von Sfumato-Effekten ab den späten 1650er Jahren sprechen jedenfalls für eine intensive Auseinandersetzung mit der flämischen und venezianischen Malerei.

 

Spätwerk und die Vollendung des estilo vaporoso

Die letzten fünfzehn Jahre seines Lebens, von 1667 bis zu seinem Tod 1682, brachten die Vollendung von Murillos charakteristischen Stil hervor. Dem estilo vaporoso. Diese „neblige“ oder „duftige“ Malweise zeichnet sich durch weiche Konturen, transparente Farbschichten und eine fast überirdische Lichtführung aus. Die Figuren scheinen in goldenes Licht getaucht, die Übergänge zwischen Himmel und Erde verschwimmen.

Die großen Zyklen für das Hospital de la Caridad

Zwischen 1667 und 1670 schuf Murillo sechs monumentale Gemälde für die Kirche des Hospital de la Caridad in Sevilla, eine karitative Einrichtung, die sich der Pflege von Kranken und der Bestattung von Hingerichteten widmete. Diese Werke, darunter „Moses schlägt Wasser aus dem Felsen“ und „Die Vermehrung der Brote und Fische“, zeigen Murillos Fähigkeit, biblische Wundererzählungen in Szenen von überwältigender visueller Pracht zu verwandeln.

Die Kompositionen verbinden monumentale Figurengruppen mit atmosphärischen Landschaften, wobei das göttliche Eingreifen durch subtile Lichteffekte angedeutet wird. Don Miguel de Mañara, der Leiter des Hospitals und Murillos Auftraggeber, wollte durch diese Bilder die Werke der Barmherzigkeit veranschaulichen – ein Programm, das Murillo mit beispielloser künstlerischer Eloquenz umsetzte.

Bartolomé Esteban Murillos Stilmerkmale

Die stilistische Eigenart Murillos liegt in seiner Fähigkeit, die strenge Religiosität des spanischen Katholizismus mit einer fast zärtlichen Menschlichkeit zu verbinden. Wo Zurbarán asketische Heilige in kargen Zellen zeigte, platzierte Murillo seine Figuren in warmes, goldenes Licht. Seine Madonnen sind keine entrückten Himmelsköniginnen, sondern junge Frauen von berührender Anmut, deren Gesichter eine Mischung aus Demut und stiller Freude zeigen.

Diese emotionale Unmittelbarkeit erreichte er durch ein ausgefeiltes System malerischer Mittel. Das Kolorit seiner reifen Jahre zeichnet sich durch warme Braun- und Goldtöne aus, durchsetzt mit kühlen Blau- und Rosanuancen. Die Anwendung des Sfumato, jener von Leonardo da Vinci perfektionierten Technik der weichen Übergänge, verleiht seinen Figuren eine fast greifbare Plastizität.

Besonders in den Darstellungen der Unbefleckten Empfängnis erreichte Murillo eine Synthese aus theologischer Komplexität und visueller Eingängigkeit, die diese Werke zu Ikonen der katholischen Bildtradition machte. Seine Darstellungen der Jungfrau Maria verbinden theologische Tiefe mit einer Zugänglichkeit, die Gläubige über Jahrhunderte hinweg berührte.

Techniken und Materialien

Murillos technische Arbeitsweise folgte den etablierten Methoden der spanischen Barockmalerei, entwickelte diese jedoch in charakteristischer Weise weiter. Er arbeitete vorwiegend mit Ölfarben auf Leinwand, wobei er die Grundierung sorgfältig auf den gewünschten Effekt abstimmte. Für seine von Licht erfüllten Himmelsdarstellungen verwendete er helle Grundierungen, die das aufgetragene Blau zum Leuchten brachten.

Die Untermalung erfolgte meist in Brauntönen, über die er in mehreren transparenten Schichten die endgültige Farbigkeit aufbaute. Diese Lasurtechnik ermöglichte ihm die charakteristische Tiefenwirkung seiner Gemälde. Seine Vorzeichnungen, von denen sich etwa zweihundert erhalten haben, zeigen einen sicheren, flüssigen Strich, der die Komposition in wenigen Linien erfasst.

In der Werkstattpraxis folgte Murillo dem traditionellen System. Lehrlinge bereiteten Farben vor und führten Untermalungen aus, während der Meister selbst die entscheidenden Partien – Gesichter, Hände und wichtige Gewandpartien – ausführte. Diese Arbeitsteilung ermöglichte die Bewältigung der zahlreichen Großaufträge, ohne dass die Qualität darunter litt. Murillo malte seine Werke in der ersten Hälfte seiner Karriere noch mit deutlichen Konturen, bevor er später zu den charakteristischen weichen Übergängen fand.

Murillos Einfluss und Vermächtnis

Murillos künstlerisches Vermächtnis erstreckte sich über mehrere Jahrhunderte und prägte nicht nur die spanische, sondern die gesamte europäische Kunstgeschichte. Seine innovative Verbindung von religiöser Inbrunst und menschlicher Wärme schuf einen neuen Standard für die sakrale Malerei, der weit über seine Lebenszeit hinaus Gültigkeit behielt. Besonders seine Mariendarstellungen wurden zum Vorbild für unzählige Künstler und definierten die visuelle Sprache der katholischen Frömmigkeit bis ins 19. Jahrhundert. Die Legende seines Ruhms verbreitete sich bereits zu Lebzeiten über die Grenzen Spaniens hinaus und machte ihn zum international gefeiertesten spanischen Maler seiner Generation.

 

Schüler in Sevilla führten seinen Stil ins 18. Jahrhundert

Murillos Einfluss auf die andalusische Malerei seiner Zeit war umfassend und richtungsweisend. Seine Werkstatt wurde zum Ausbildungszentrum für eine ganze Generation von Malern, die seinen Stil in ganz Südspanien verbreiteten. Besonders seine Mariendarstellungen prägten die religiöse Ikonographie bis weit ins 18. Jahrhundert hinein. Die von ihm entwickelte Formel für die Darstellung der Unbefleckten Empfängnis – die jugendliche Maria auf der Mondsichel stehend, umgeben von Putten und in himmlisches Licht getaucht – wurde zum verbindlichen Modell für unzählige Nachfolger.

Im Kreuzgang der Kathedrale von Sevilla hängen noch heute Werke seiner Schüler, die seinen charakteristischen Stil fortführten. Zu den prominentesten Vertretern, die seine Techniken weiterentwickelten, zählten Juan de Valdés Leal und Bernardo Simón de Pineda sowie sein direkter Schüler Sebastián Gómez. Auch der Hl. Franziskus, den Murillo wiederholt darstellte, wurde durch seine Interpretationen zum festen Bestandteil der sevillanischen Ikonographie.

 

Höchstpreise in London, Kopien und Fälschungen in ganz Europa

Nach Murillos Tod erlebten seine Werke eine bemerkenswerte internationale Karriere. Während der Napoleonischen Kriege gelangten viele seiner Gemälde nach Frankreich, wo sie die Sammlung des Louvre bereicherten. Englische Sammler des 18. und 19. Jahrhunderts zahlten Höchstpreise für seine Genrebilder, die perfekt zum sentimentalen Geschmack der Epoche passten.

Diese Wertschätzung führte allerdings auch zu einer Überproduktion von Kopien und Fälschungen, die das Werkverzeichnis bis heute komplizieren. Die romantische Verklärung Murillos als „Raffael Spaniens“ trug zwar zu seinem Ruhm bei, verstelle aber lange den Blick auf seine tatsächlichen künstlerischen Leistungen. Erst die moderne Kunstgeschichte würdigt wieder seine technische Brillanz und seine Rolle als eigenständiger Interpret der Gegenreformation.

 

 

Bartolomé Esteban Murillos Platz in der Kunstgeschichte

Murillos Lebenswerk umfasst mehr als vierhundert gesicherte Gemälde und etwa zweihundert Zeichnungen, die sich heute über die großen Museen der Welt verteilen. Seine Fähigkeit, theologische Konzepte in Bilder von unmittelbarer emotionaler Wirkung zu übersetzen, machte ihn zum populärsten religiösen Maler des spanischen Barock.

Was den sevillanischen Meister von seinen großen Zeitgenossen unterscheidet, ist seine einzigartige Position zwischen höfischer Kunst und volkstümlicher Frömmigkeit. Während Velázquez die Welt des Hofes durchdrang und Zurbarán die mystische Ekstase visualisierte, fand Murillo eine Bildsprache für die Frömmigkeit des einfachen Volkes. Er verstand es, den Himmel auf die Erde zu holen – nicht durch theologische Abstraktion, sondern durch eine Menschlichkeit, die jeden Betrachter unmittelbar ansprach. Diese demokratische Dimension seiner Kunst, verbunden mit höchster handwerklicher Perfektion, sichert ihm einen einzigartigen Platz in der Geschichte der europäischen Malerei. Bartolomé Esteban Murillo starb am 3. April 1682 in Sevilla im Alter von 64 Jahren.

QUICK FACTS

  • 1617-1628: Geboren im Dezember 1617 in Sevilla, getauft am 1. Januar 1618; verliert früh beide Eltern und wächst bei seiner Schwester auf
  • 1633-1639: Ausbildung im Atelier von Juan del Castillo; erste Aufträge für Klöster in Sevilla
  • 1645-1650: Entstehung der ersten bedeutenden Genrebilder; Entwicklung des charakteristischen Stils der Straßenkinderdarstellungen
  • 1645: Heirat mit Beatriz Cabrera y Villalobos; aus der Ehe gehen neun Kinder hervor
  • 1650-1660: Übergang vom estilo frío zum estilo cálido; wichtige Aufträge für die Kathedrale von Sevilla
  • 1660: Mitbegründung der Academia de Pintura de Sevilla; Wahl zum ersten Präsidenten
  • 1663-1664: Tod der Ehefrau Beatriz während der großen Pestepidemie; Murillo bleibt Witwer
  • 1665-1669: Monumentaler Zyklus für die Kapuzinerkirche in Sevilla mit zwanzig Gemälden
  • 1667-1670: Sechs Gemälde für das Hospital de la Caridad; Höhepunkt des estilo vaporoso
  • 1678: Vollendung der späten „Unbefleckten Empfängnis“ für das Hospital de los Venerables
  • 1681: Sturz vom Gerüst in der Kapuzinerkirche von Cádiz während der Arbeit an einem Altarbild
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