Kiki Smith
In der Werkstatt ihres Vaters lernte sie früh, was es heißt, aus flachen Schablonen dreidimensionale Körper entstehen zu lassen. Das Denken vom Material her, das Falten, Schneiden, Zusammenfügen, blieb ihr vertraut, auch als sie längst eigene Wege ging. Kiki Smith, geboren 1954 in Nürnberg, wuchs in New Jersey auf und fand in der New Yorker Kunstszene der späten Siebziger ihren Anfang. Ihre Arbeit kreist seither um den menschlichen Körper, um dessen Verletzlichkeit und Durchlässigkeit, um Anatomie als Sprache und Existenz als Frage. In einer Zeit, die konzeptuelle Distanz bevorzugte, bestand sie auf Empathie und Nähe, auf dem Körper als Ort von Erinnerung und Bedeutung.
Wichtige Werke und Ausstellungen
Das Werk bewegt sich zwischen Skulptur, Zeichnung, Druckgrafik und textilen Arbeiten, ohne sich auf eine Gattung festzulegen. Immer wieder kehren Figuren zurück, weibliche Körper, Tiere, mythologische Gestalten, die in unterschiedlichen Materialien und Formaten erscheinen. Die Themen verschieben sich über die Jahrzehnte, von anatomischen Fragmenten zu kosmischen Erzählungen, doch eine Haltung bleibt konstant, die Bereitschaft, das Verborgene sichtbar zu machen, ohne es auszustellen.
- All Souls (1988) – Museum of Modern Art, New York
- Mary Magdalene (1994) – Museum of Modern Art, New York
- Lilith (1994) – Metropolitan Museum of Art, New York
- Standing (1998) – Stuart Collection, University of California San Diego
- Homespun Tales (2005) – Biennale von Venedig
- Lodestar (2010) – Pace Gallery, New York
- Memory (2019) – DESTE Foundation, Hydra
- River Light (2022) – Grand Central Madison Station, New York
Kiki Smiths künstlerische Entwicklung
Die künstlerische Entwicklung von Kiki Smith liest sich wie eine stetige Erweiterung von Grenzen, sowohl thematisch als auch materiell. Von den ersten Experimenten mit Siebdruck und Alltagsgegenständen in den späten 1970er Jahren bis zu monumentalen Mosaiken und Glasarbeiten der jüngsten Zeit hat sie ihr Vokabular immer wieder neu definiert. Dabei verläuft ihr Weg nicht linear, sondern in Schleifen, denn frühe Themen wie Anatomie, Sterblichkeit und weibliche Existenz tauchen in späteren Werkphasen in verwandelter Form wieder auf.
Lehrjahre und Frühphase in New Jersey und Connecticut
Smith kam als Tochter des minimalistischen Bildhauers Tony Smith und der Opernsängerin Jane Lawrence zur Welt. Obwohl sie in Nürnberg geboren wurde, wuchs sie in South Orange, New Jersey, auf. Die Familienwohnung war praktisch eine Werkstatt. Schon als Kind half sie ihrem Vater, Pappmodelle für seine geometrischen Großskulpturen zu bauen, und lernte dabei, wie aus einer flachen Schablone ein dreidimensionales Objekt entsteht. Dieser handwerkliche Zugang, das Denken vom Material her, blieb für ihr gesamtes Schaffen bestimmend.
Studium und erste Orientierung
In den 1970er Jahren besuchte Smith für kurze Zeit die Hartford Art School in Connecticut, ohne einen Abschluss zu machen. Formale akademische Ausbildung interessierte sie weniger als die direkte Auseinandersetzung mit Materialien und Ideen. Stattdessen bildete sie sich autodidaktisch weiter, unter anderem über medizinische Lehrbücher. Ein Schlüsseltext war Gray’s Anatomy, das berühmte anatomische Standardwerk, dessen detaillierte Illustrationen von Organen, Knochen und Muskeln sie faszinierten. Diese Zeichnungen boten ihr eine Bildsprache für das Körperinnere, die weder idealisierend noch abstoßend war, sondern sachlich und trotzdem voller Staunen.
Ankunft in der New Yorker Kunstszene
Ende der 1970er Jahre zog Smith nach New York. Die Stadt befand sich künstlerisch im Umbruch. Minimalismus (also die Reduktion von Kunst auf einfache geometrische Formen) und Konzeptkunst (bei der die Idee wichtiger ist als das fertige Objekt) hatten die Galeriewelt dominiert, doch eine junge Generation suchte bewusst nach Wegen zurück zur Figuration, zur Darstellung des menschlichen Körpers. Smith schloss sich der Künstlergruppe Colab (Collaborative Projects) an, einem losen Zusammenschluss, der in besetzten Häusern und alternativen Räumen ausstellte.
Gemeinsam mit Künstlern wie Tom Otterness, Jenny Holzer und Jean-Michel Basquiat arbeitete sie an Siebdrucken auf Kleidung, Postern und günstigen Multiples, also Kunstwerken in kleiner Auflage. Die Ablehnung des etablierten Galeriesystems war programmatisch. Bereits hier zeigte sich ihr Interesse an Zugänglichkeit und an Materialien, die keine Ehrfurcht einflößen, sondern Empathie erzeugen.
Der Körper als Schlachtfeld und Landschaft
In den späten 1980er Jahren verschob sich Smiths Arbeit grundlegend. Zwei Todesfälle veränderten alles. Ihr Vater Tony Smith starb 1980, ihre Schwester Beatrice 1988 an den Folgen von AIDS. Diese Verluste rückten Sterblichkeit, Krankheit und die physische Verletzlichkeit des Körpers ins Zentrum ihres Schaffens, und zwar nicht als abstrakte Idee, sondern als gelebte Erfahrung.
Anatomie als künstlerisches Vokabular
Smith begann, einzelne Organe und Körperfragmente als eigenständige Skulpturen zu gestalten. Herzen, Lungen, Lebern und Verdauungstrakte aus Bronze, Papier oder Wachs hingen an Wänden oder lagen auf Sockeln, isoliert von ihrem funktionalen Zusammenhang. All Souls (1988), eine Installation aus handgeschöpftem Papier, zeigt den menschlichen Körper als verletzliche Hülle.
Diese Arbeiten griffen auf medizinische Illustrationen zurück und verwandelten anatomisches Wissen in eine Sprache, die zugleich wissenschaftlich und zutiefst persönlich wirkte. In einer Zeit, in der die AIDS-Krise den Körper zum politischen Kampfplatz machte, bekamen solche Darstellungen eine Dringlichkeit, die über das rein Ästhetische hinausging.
Feministische Positionen und das Abjekte
Smiths Körperbilder standen in engem Dialog mit der feministischen Kunst der 1980er und 1990er Jahre. Künstlerinnen wie Louise Bourgeois, Annette Messager und Carolee Schneemann hatten den weiblichen Körper bereits als künstlerisches Terrain beansprucht, doch Smith ging einen Schritt weiter. Sie zeigte Körperflüssigkeiten, Ausscheidungen und Innereien als selbstverständliche Aspekte menschlicher Existenz.
Theoretisch lässt sich das mit dem Begriff des Abjekten fassen, einem Konzept der Philosophin Julia Kristeva, das beschreibt, wie bestimmte Körperphänomene (Blut, Speichel, Tränen) Grenzen zwischen Innen und Außen, Selbst und Welt in Frage stellen. Smiths Skulpturen wie Train (1993), eine lebensgroße weibliche Figur, aus deren Körper ein langer roter Faden fließt, machen diese Grenzüberschreitung sichtbar. Der Betrachter wird mit dem konfrontiert, was die Gesellschaft normalerweise versteckt. Statt Ekel erzeugen die Arbeiten jedoch eine stille Intimität, die das Verdrängte als Teil des Menschlichen zurückholt.
Märchen, Mythen und die Welt jenseits des Körpers
Seit Mitte der 1990er Jahre erweiterte Smith ihr thematisches Feld erheblich. Neben anatomischen Motiven traten zunehmend Figuren aus Märchen, religiöser Ikonografie und Volkskunst in ihr Werk. Mary Magdalene (1994), eine lebensgroße weibliche Figur aus Silikon und Wachs, deren Haut mit einer dünnen Schicht echter menschlicher Haare bedeckt ist, verbindet biblische Erzählung mit einer fast greifbaren Körperlichkeit.
Lilith (1994), eine kopfüber an der Wand hängende Frauenfigur mit glasigen Augen, die im Metropolitan Museum of Art in New York hängt, greift die jüdische Legende der ersten Frau Adams auf, die sich weigerte, sich zu unterwerfen. Beide Skulpturen erzählen Geschichten weiblicher Selbstbehauptung, ohne auf Slogans oder plakative Gesten zurückzugreifen. Die Figuren selbst, ihre Haltung, ihr Material, ihr Blick, tragen die Erzählung.
Einflüsse aus Volkskunst und religiöser Bildwelt
In den 2000er Jahren vertiefte Smith ihre Beschäftigung mit Tiermotiven, Sternen, Pflanzen und kosmischen Kreisläufen. Homespun Tales, ihre Arbeit für die Biennale von Venedig 2005, verband Wandteppiche in Jacquard-Technik mit Skulpturen und Zeichnungen zu einer raumgreifenden Erzählung über die Verbindung von Mensch und Natur. Die Jacquard-Tapisserien, also maschinell gewebte Bildteppiche nach digitalen Vorlagen, griffen bewusst auf eine Tradition der Volkskunst und der dekorativen Künste zurück, die in der modernen Kunst oft als zweitrangig galt.
Smith unterlief damit die Hierarchie zwischen „hoher“ und „angewandter“ Kunst. Gleichzeitig bezog sie Motive aus mittelalterlichen Stundenbüchern, indischer Miniaturmalerei und den Vanitas-Darstellungen (also Stillleben, die an die Vergänglichkeit des Lebens erinnern) der niederländischen Malerei. Diese Quellen flossen nicht als Zitate ein, sondern als Stimmungen und Bildformeln, die sie frei kombinierte.
Monumentale Arbeiten im öffentlichen Raum
Smiths jüngere Projekte bewegen sich zunehmend in den öffentlichen Raum. River Light (2022), ein permanentes Glasmosaik in der neuen Grand Central Madison Station in New York, zeigt Pflanzen, Tiere und Himmelserscheinungen des Hudson Valley. Auf einer Fläche von über 400 Quadratmetern verschmelzen botanische Präzision und kosmische Weite zu einer Art modernem Deckenfresko unter der Erde. Solche Auftragsarbeiten zeigen, wie sich Smiths Bildsprache von der intimen Galeriearbeit zum öffentlichen Raum erweitert hat, ohne ihre poetische Qualität zu verlieren.
Stilmerkmale von Kiki Smith
Die Stilmerkmale von Kiki Smiths Kunst lassen sich nicht auf eine einzelne Formel bringen, doch einige Konstanten ziehen sich durch alle Werkphasen. Der menschliche Körper bleibt der zentrale Ausgangspunkt, wobei Smith ihn selten idealisiert, sondern als verletzlich, offen und durchlässig zeigt. Körperfragmente, einzelne Organe oder ganze Figuren erscheinen häufig ohne schützende Oberfläche, als wäre die Haut nur eine vorläufige Grenze. Diese Offenheit gegenüber dem Körperinneren unterscheidet ihre Arbeit grundlegend von der glatten Figurenkunst früherer Jahrzehnte.
Poetische Bildsprache zwischen Mythos und Intimität
Mythologische und religiöse Motive wie Engel, Wölfe oder biblische Gestalten verbinden sich dabei mit einer poetischen Bildsprache, die trotz teilweise drastischer Inhalte still und introspektiv wirkt. Statt den Betrachter zu schockieren, laden die Arbeiten zum genauen Hinsehen ein. Die Figuren tragen ihre Geschichten in Gesten und Haltungen, ein gesenkter Kopf, eine ausgestreckte Hand, ein abgewandter Blick. Gerade diese Zurückhaltung erzeugt eine emotionale Dichte, die laute Effekte überflüssig macht.
Techniken und Materialien
Kiki Smiths Materialien und Techniken sind so vielfältig wie ihre Themen. In der Skulptur arbeitet sie mit Bronze, Glas, Porzellan, Wachs, Papiermaché, Gips, Aluminium und Stoff, wobei sie das Material oft passend zum Inhalt wählt. Wachs etwa verleiht einer Figur eine hautähnliche Transluzenz (also eine Lichtdurchlässigkeit, die an echte Haut erinnert), während Papier Zerbrechlichkeit betont.
In der Druckgrafik experimentiert sie mit Siebdruck, Radierung, Aquatinta (ein Tiefdruckverfahren, das feine Tonabstufungen ermöglicht), Lithografie und Holzschnitt. Ihre Drucke sind keine Reproduktionen, sondern eigenständige Arbeiten, in denen sie die jeweilige Technik bis an ihre Grenzen ausreizt. Die Zusammenarbeit mit spezialisierten Werkstätten wie Universal Limited Art Editions spielt dabei eine wichtige Rolle.
Von Jacquard-Tapisserien bis zu Glasmosaiken
Ergänzt werden Skulpturen und Drucke durch großformatige Jacquard-Tapisserien, Glasmosaike für den öffentlichen Raum und Assemblagen (also Kunstwerke, die aus gefundenen oder vorgefertigten Gegenständen zusammengesetzt sind). Diese Materialvielfalt ist keine Beliebigkeit. Jedes Medium eröffnet eine andere Beziehung zwischen Werk und Betrachter.
Smiths Einfluss und Vermächtnis
Kiki Smiths Bedeutung für die Kunst seit den 1980er Jahren liegt in konkreten Verschiebungen, die sie angestoßen hat. Als viele Galerien und Museen konzeptuelle oder abstrakte Positionen bevorzugten, bestand sie auf der Figuration, der Darstellung des menschlichen Körpers, und verband diese mit feministischen Fragestellungen. Ihre Zusammenarbeit mit Druckwerkstätten und Kunsthandwerkern machte deutlich, dass technische Virtuosität und inhaltliche Tiefe einander nicht ausschließen. Sie öffnete damit Türen für eine Generation von Künstlerinnen und Künstlern, die den Körper wieder als zentrales Thema der Skulptur begreifen.
Wirkung auf feministische Kunst und figurative Skulptur
Ihre Darstellungen des weiblichen Körpers, die weder idealisierend noch voyeuristisch sind, beeinflussten Künstlerinnen wie Rachel Whiteread, die ebenfalls mit Abgüssen und Negativformen arbeitet, oder Berlinde De Bruyckere, deren Wachsskulpturen eine ähnliche Spannung zwischen Schönheit und Vergänglichkeit erzeugen. Im Bereich der feministischen Kunst erweiterte Smith die Diskussion, indem sie den Körper nicht nur als politisches Statement, sondern auch als Ort spiritueller Erfahrung zeigte. Ihre Ausstellungen in Institutionen wie der Pinakothek der Moderne in München, dem Haus der Kunst und zahlreichen internationalen Museen machten ihr Werk einem breiten Publikum zugänglich.
Akademische Anerkennung und institutionelle Präsenz
Smith ist Mitglied der American Academy of Arts and Letters und der American Academy of Arts and Sciences. Seit 2000 unterrichtet sie an der Columbia University in New York. Ihre Werke befinden sich in der Sammlung nahezu aller großen Museen für moderne und zeitgenössische Kunst, vom MoMA über das Whitney Museum bis zur Tate Gallery in London.
Auch im deutschsprachigen Raum sind ihre Arbeiten präsent, etwa im Diözesanmuseum Freising oder in Ausstellungen in Rolandseck am Arp Museum. Diese breite institutionelle Verankerung spiegelt wider, dass Smiths Themen, Körper, Natur, Sterblichkeit, kulturübergreifend verstanden werden.
Kiki Smith Platz in der Kunstgeschichte
Kiki Smiths Einfluss auf die zeitgenössische Kunst zeigt sich vor allem darin, wie sie die figurative Skulptur aus dem Schatten von Minimalismus und Konzeptkunst herausholte und mit feministischen, spirituellen und ökologischen Fragen auflud. Ihre Arbeit half, den Post-Minimalismus (eine Strömung, die die strenge Formensprache des Minimalismus durch organische Materialien und körperliche Präsenz erweiterte) als eigenständige Position zu etablieren. Künstlerinnen wie Alina Szapocznikow oder Doris Salcedo knüpften an ähnliche Fragen an.
Indem Smith Anatomie, Märchen und Memento Mori (die Erinnerung an die Sterblichkeit) zu einer einzigen Bildwelt verschmolz, schuf sie ein Vokabular, das weit über die Grenzen einer einzelnen Epoche hinausreicht. Kiki Smith, geboren 1954 in Nürnberg, lebt und arbeitet heute im Alter von 70 Jahren in New York.
QUICK FACTS
- 1954: Geburt in Nürnberg als Tochter des Bildhauers Tony Smith und der Sängerin Jane Lawrence; Kindheit in South Orange, New Jersey
- 1970er Jahre: Kurzes Studium an der Hartford Art School in Connecticut; Umzug nach New York
- 1978–1983: Mitglied der Künstlergruppe Colab; frühe Arbeiten mit Siebdruck, Postern und Multiples
- 1980–1988: Tod des Vaters Tony Smith (1980) und der Schwester Beatrice (1988); intensive Auseinandersetzung mit Anatomie und Sterblichkeit
- 1990er Jahre: Entstehung der Schlüsselwerke Mary Magdalene und Lilith (beide 1994); zunehmende Beschäftigung mit Mythologie und religiöser Ikonografie
- 2000–2005: Berufung an die Columbia University, New York; Homespun Tales auf der Biennale von Venedig (2005)
- 2010–2019: Ausstellung Lodestar bei Pace Gallery; Memory auf Hydra; wachsende Hinwendung zu Natur- und Tiermotiven
- 2022: River Light, permanentes Glasmosaik in der Grand Central Madison Station, New York
Erwähnte Künstler
Lust auf mehr? Hier findest du die im Text verlinkten Vorbilder, Zeitgenossen und Nachfolger mit eigenen Kurzbiografien.
- Jenny Holzer – Mitglied bei Colab, Textkunst im öffentlichen Raum
- Jean-Michel Basquiat – Zeitgenosse in der New Yorker Alternativszene der 1980er
- Louise Bourgeois – Pionierin feministischer Körperkunst, thematische Vorläuferin
- Rachel Whiteread – Bildhauerin, Abgüsse und Negativformen des Alltäglichen