Gilbert & George
Zwei Männer im Anzug, reglos, die Gesichter bronzefarben bemalt. Sie stehen auf einem Tisch und bewegen sich mechanisch zu einem Lied aus den dreißiger Jahren. Die Performance dauert Stunden, manchmal einen ganzen Tag. London, 1969. Was Gilbert Prousch und George Passmore dort zeigten, war nicht einfach eine Aktion, sondern eine Behauptung, die sie nie zurücknahmen. Sie erklärten sich selbst zur Skulptur, ihr Leben zur Kunst. Seitdem treten sie nur gemeinsam auf, sprechen von sich in der dritten Person, tragen ausnahmslos Anzüge. In der zeitgenössischen Kunst gibt es wenige Positionen, die mit solcher Konsequenz an einer einzigen Idee festhalten.
Wichtige Werke und Ausstellungen
Ihr Werk bewegt sich zwischen Performance, Zeichnung und monumentaler Fotomontage. Über fünf Jahrzehnte hinweg haben Gilbert & George eine Bildsprache entwickelt, die sakrale Strenge mit der Direktheit des Alltäglichen verbindet. Wiederkehrend sind sie selbst, eingebettet in Szenen, die von Religion und Sexualität handeln, von städtischem Leben und gesellschaftlichen Brüchen. Die Arbeiten sind groß, farbintensiv, oft konfrontativ.
- The Singing Sculpture (1969) – Verschiedene Museen und Performanceorte, London
- G and G (1972) – National Gallery of Art, Washington
- Death after Life (1984) – Tate Collection, London
- Cosmological Pictures (1989) – Privatbesitz
- The Naked Shit Pictures (1995) – South London Gallery, London
- Sonofagod Pictures (2005) – White Cube, London
- Jack Freak Pictures (2008) – White Cube Gallery, London
- London Pictures (2012) – White Cube Bermondsey, London
Gilbert & Georges künstlerische Entwicklung
Die künstlerische Biografie von Gilbert & George lässt sich als ein fortlaufendes Experiment beschreiben, bei dem die Grenzen zwischen Kunst und Leben systematisch aufgelöst werden. Von den frühen Performances über Kohlezeichnungen und Schwarz-Weiß-Fotografien bis hin zu den intensiv kolorierten Pictures der späteren Jahrzehnte zieht sich ein roter Faden durch ihr Werk. Sie selbst bleiben dabei immer Subjekt und Objekt zugleich, Schöpfer und Material ihrer eigenen Kunst.
Biografie Gilbert Prousch und George Passmore
Die Geschichte des Künstlerduos beginnt mit zwei Lebenswegen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Gilbert Prousch wuchs in den Dolomiten Südtirols auf, in einem ländlichen Italien, das mit der Londoner Kunstszene wenig gemeinsam hatte. Er studierte zunächst Kunst in Wolkenstein und Hallein, dann an der Kunstakademie in München, bevor er nach Großbritannien ging. George Passmore stammt aus Plymouth an der englischen Südküste und studierte am Dartington College of Arts sowie an der Oxford School of Art.
Die Begegnung an der Saint Martin’s School of Art
1967 trafen sich beide an der Saint Martin’s School of Art in London, einer Bildhauerschule, die in jenen Jahren als eine der progressivsten Kunstausbildungsstätten Europas galt. Die Begegnung wurde von ihnen später als „Liebe auf den ersten Blick“ beschrieben, und sie war tatsächlich so folgenreich, wie das klingt. Bereits kurze Zeit danach beschlossen sie, nicht mehr als einzelne Künstler aufzutreten, sondern ausschließlich als gemeinsames Paar.
Sie teilten von diesem Moment an alles, Atelier, Wohnung, öffentliches Auftreten. Ihre Adresse in Spitalfields im Londoner East End, die sie wenig später bezogen, wurde zum festen Ankerpunkt ihres Lebens und Schaffens.
The Singing Sculpture und das Konzept der Living Sculptures
Ein entscheidender Moment ihrer Frühphase war die Performance The Singing Sculpture von 1969. Während dieser Aktion standen die beiden, mit metallischen Farben bemalt, auf einem Tisch und bewegten sich mechanisch zu „Underneath the Arches“, einem populären Lied der 1930er-Jahre. Die Performance konnte stundenlang dauern, manchmal einen ganzen Tag lang. Gilbert & George verwandelten sich dabei selbst in ein lebendes Kunstwerk, in eine Skulptur aus Fleisch und Wiederholung.
Mit dieser Idee erweiterten sie den Skulpturbegriff auf eine Weise, die weit über das hinausging, was man in der Bildhauerschule an der Saint Martin’s gelehrt bekam. Die Skulptur war plötzlich kein Objekt aus Bronze oder Stein mehr, sondern der menschliche Körper selbst, eingebettet in eine ritualisierte Handlung. Das Konzept der Living Sculptures, also der lebenden Skulpturen, verband Elemente der Body Art (Kunst, die den eigenen Körper als Medium nutzt) mit Ansätzen der Konzeptkunst (Kunst, bei der die Idee wichtiger ist als das fertige Objekt). Diese Verbindung machte Gilbert & George zu Performancekünstlern, die gleichzeitig als Bildhauer dachten.
Von Kohle zu Fotografie und die Entdeckung der Farbe
In den frühen 1970er-Jahren entstanden die sogenannten „Charcoal on Paper Sculptures“, großformatige Kohlezeichnungen, die Gilbert & George konsequent als Skulpturen bezeichneten. Diese Arbeiten bildeten eine wichtige Übergangsphase zwischen den Performances und den späteren Fotoarbeiten. Die Zeichnungen zeigten oft ländliche Szenen und die Künstler selbst in pastoralen Landschaften, was einen überraschenden Kontrast zu ihrem urbanen Image bildete. Das Portfolio „G and G“ von 1972, eine Serie von elf Fotolithografien, markierte den Übergang zur fotografischen Arbeit.
Die Gilbert & George Pictures Serie und die Wende zur Farbe
Ab Mitte der 1970er-Jahre verlagerte sich ihr Fokus zunehmend auf großformatige Fotoarbeiten, die sie schlicht „Pictures“ nannten. Anfangs waren diese Arbeiten in Schwarz-Weiß gehalten, oft mit einer gedämpften, fast melancholischen Atmosphäre. Der entscheidende Umbruch kam in den frühen 1980er-Jahren, als Gilbert & George begannen, ihre Pictures mit intensiven, leuchtenden Farben zu überarbeiten. Die Wirkung war unmittelbar. Die Bilder gewannen an visueller Kraft, ihre Themen wurden direkter, konfrontativer.
Serien wie „Death after Life“ von 1984 verbanden diese neue Farbigkeit mit existenziellen Themen, Tod, Glaube, Vergänglichkeit. Die Darstellungen zeigten die Künstler selbst, eingebettet in symbolisch aufgeladene Szenen, die an Kirchenfenster erinnerten. Gleichzeitig fanden Elemente des Londoner Straßenlebens Eingang in die Bilder, Graffiti, Zeitungsschlagzeilen, anonyme Passanten aus dem East End.
Text und Typografie als gestalterisches Element
Eine oft übersehene Facette der Pictures ist die Rolle von Text und Typografie. In vielen Serien integrierten Gilbert & George Wörter, Slogans und Schlagzeilen direkt in die Bildkomposition. Diese Textelemente funktionierten nicht als Beschriftung, sondern als eigenständige visuelle Bausteine. In der Serie „London Pictures“ von 2012 etwa verwendeten sie über 3.700 Schlagzeilen aus Londoner Gratiszeitungen, um ein Panorama urbaner Ängste und Obsessionen zu schaffen. Der Text wurde hier zur Appropriation (also zur künstlerischen Aneignung) von Alltagssprache, die im Kontext der Bilder eine neue, oft verstörende Bedeutung gewann.
Provokation und Weiterentwicklung im Spätwerk
Ab den 1990er-Jahren verschärften Gilbert & George ihre Bildsprache weiter. Die „Cosmological Pictures“ von 1989 zeigten mikroskopisch vergrößerte Körperflüssigkeiten in kosmischen Kompositionen, eine Verbindung von Intimstem und Universalem. Die Serie „The Naked Shit Pictures“ von 1995, ausgestellt in der South London Gallery, ging noch einen Schritt weiter. Die Darstellungen von Nacktheit und Körperlichkeit provozierten heftige Reaktionen, doch die formale Strenge der Arbeiten, ihre symmetrische Komposition und die an Glasfenster erinnernde Struktur, verlieh ihnen eine eigentümliche Würde.
Sonofagod Pictures und religiöse Symbolik
Mit den „Sonofagod Pictures“ von 2005 wandten sich Gilbert & George religiösen Themen zu. Die Serie entstand vor dem Hintergrund wachsender gesellschaftlicher Spannungen um Religion und Identität und zeigte die Künstler in Szenen, die christliche und islamische Symbolik miteinander verschränkten. Die Ausstellung in der White Cube Gallery in London löste kontroverse Debatten aus, was ganz im Sinne der Künstler lag.
Jack Freak Pictures und die jüngsten Werkphasen
Die 2008 entstandenen Jack Freak Pictures, benannt nach der britischen Flagge, dem Union Jack, markierten eine intensive Auseinandersetzung mit nationaler Identität und Patriotismus. In leuchtenden Rot-, Weiß- und Blautönen verschmolzen die Künstler ihr eigenes Bild mit den Farben und Formen der Flagge. Die Jack Freak Pictures Ausstellung fand 2009 in der White Cube Gallery statt und tourte anschließend durch Europa.
In den Jahren danach folgten weitere Serien, die das Werk konsequent fortschrieben. „The Scapegoating Pictures“ (2013) befassten sich mit Schuldzuweisung und gesellschaftlicher Ausgrenzung, „The Beard Pictures“ (2017) spielten mit Vorurteilen und Stereotypen, und „The Paradisical Pictures“ (2019) zeigten paradiesische Szenen, die bei näherem Hinsehen aus alltäglichen Fundstücken zusammengesetzt waren. Jede dieser Serien bewies, dass Gilbert & George auch nach über fünfzig Jahren gemeinsamer Arbeit neue thematische Felder erschließen.
Stilmerkmale von Gilbert & George
Das Werk von Gilbert & George folgt einer Reihe von Prinzipien, die sich über Jahrzehnte hinweg entwickelt haben und doch in ihrem Kern beständig geblieben sind. Ihre Kunst lässt sich anhand einiger zentraler Merkmale beschreiben, die zusammen ein unverwechselbares Ganzes bilden.
Die konsequente Selbstinszenierung bildet das Fundament. Gilbert & George treten in nahezu allen ihren Werken selbst auf, stets im Anzug, stets als Doppelfigur. Dieses Auftreten als Tableau Vivant (also als „lebendes Bild“) verwischt die Grenze zwischen Künstler und Kunstwerk. Ihre großformatigen Pictures kombinieren Fotografien, starke Farben und schwarze Rasterlinien zu Kompositionen, die an sakrale Glasfenster erinnern, man denke an die farbigen Fenster einer gotischen Kathedrale, nur dass hier statt Heiligenszenen die streets des East End zu sehen sind.
Die Themen in Gilbert & George Werken kreisen dabei immer wieder um Religion, Sexualität, politische Konflikte und gesellschaftliche Außenseiter. Diese Motive werden bewusst direkt und ohne ironische Distanz behandelt. Schließlich besteht Gilbert & George auf der vollständigen Verschmelzung von Alltag und Kunst, dem Prinzip „Art for All“, das Kunst nicht als elitäres Produkt, sondern als allgemein zugängliche Kommunikationsform versteht.
Techniken und Materialien
Gilbert & George arbeiten mit unterschiedlichen Medien, bezeichnen jedoch alle ihre Werke konsequent als „Sculpture“. Diese Entscheidung ist keine Marotte, sondern ein konzeptuelles Statement, das den erweiterten Skulpturbegriff in jeder Arbeit mitdenkt.
Von der Performance zur monumentalen Fotomontage
Neben ihren Performances entstanden Kohlezeichnungen, Videoarbeiten und vor allem die charakteristischen großformatigen Fotomontagen. Der technische Prozess dieser Pictures ist aufwendig und präzise. Gilbert & George fotografieren ihre Motive, oft sich selbst und Szenen aus dem Londoner East End, und setzen die Einzelbilder anschließend zu monumentalen Kompositionen zusammen. Diese können aus zahlreichen Einzelpanels bestehen und als Diptychon (zweiteilig), Triptychon (dreiteilig) oder Polyptychon (vielteilig) angelegt sein.
Die Fotografien werden dann von Hand mit kräftigen Farben koloriert, ein Prozess, der jedem Bild eine leuchtende, fast aggressive Farbigkeit verleiht. Schwarze Rasterlinien, die an Bleiruten von Kirchenfenstern erinnern, strukturieren die Bildfläche und geben den Arbeiten eine grafische, beinahe architektonische Ordnung. Diese Gilbert & George Fotomontagen Technik verbindet handwerkliche Sorgfalt mit industrieller Anmutung.
Gilbert & Georges Einfluss und Vermächtnis
Die Wirkung von Gilbert & George auf die britische und internationale Gegenwartskunst ist konkret benennbar. Ihr Konzept, das eigene Leben vollständig in Kunst zu verwandeln, ihre Bereitschaft zur Provokation und ihre direkte Bildsprache bereiteten den Boden für eine Generation jüngerer Künstler, die in den 1990er-Jahren unter dem Label Young British Artists (YBAs) bekannt wurden.
Einfluss auf die Young British Artists
Tracey Emin etwa, die ihr ungemachtes Bett als Kunstwerk ausstellte, oder Damien Hirst, der tote Tiere in Formaldehyd konservierte, griffen die Idee auf, persönliche und gesellschaftliche Tabus ohne Umwege in die Kunst einzubringen. Gilbert & George hatten diesen Weg bereits in den 1970er-Jahren beschritten, als sie Sexualität, Nacktheit und Körperlichkeit zum selbstverständlichen Material ihrer Bilder machten.
Der Turner Prize, den sie 1986 erhielten, unterstrich ihre Bedeutung für die britische Kunst. Doch ihre Wirkung reichte weit über London hinaus. Ausstellungen in der Kunsthalle Düsseldorf, im Stedelijk Museum Amsterdam, im Kunsthaus Zürich, im Centre Pompidou in Paris, im Kunstmuseum in Duisburg und bei der Biennale in Venedig zeigten, dass ihr Werk international verstanden und diskutiert wurde. Eine große solo exhibition in der Schirn Kunsthalle Frankfurt widmete ihnen ebenso Aufmerksamkeit wie Galerien in Köln und zahlreiche Häuser für Contemporary Art weltweit.
Erweiterung des Skulpturbegriffs und der Performancekunst
Auf einer grundsätzlicheren Ebene veränderten Gilbert & George die Vorstellung davon, was eine Skulptur sein kann. Indem sie sich selbst zur Skulptur erklärten, stellten sie die traditionelle Trennung zwischen Künstler und Werk infrage, eine Idee, die Konzeptkunst und Performancekunst gleichermaßen beeinflusste. Der Kunstkritiker François Jonquet und der Kurator Hans Ulrich Obrist, beide wichtige Stimmen der europäischen Kunstkritik, haben ihr Werk wiederholt als Schlüsselposition der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschrieben. Daniel Thurn, Kurator am Haus der Kunst, betonte die Bedeutung ihrer konsequenten Haltung für die europäische Gegenwartskunst. Ihre Arbeiten befinden sich heute in den wichtigsten öffentlichen Sammlungen weltweit, von der Tate in London bis zur National Gallery of Art in Washington.
Gilbert & George haben die Vorstellung davon, was Kunst sein kann, auf eine Weise erweitert, die weit über ihre eigene Generation hinaus wirkt. Ihre Verschmelzung von Performance, Fotografie und konzeptuellem Denken schuf ein Modell, das Künstler wie Cindy Sherman, Jeff Koons oder die Guerrilla Girls auf je eigene Weise weiterentwickelten. Die Idee, den Künstler selbst zum untrennbaren Bestandteil des Werks zu machen, findet sich heute in zahllosen Positionen der internationalen Gegenwartskunst wieder, von Marina Abramovićs Langzeitperformances bis zu Ai Weiweis aktivistischer Selbstinszenierung. Gilbert Prousch und George Passmore leben und arbeiten seit über fünfzig Jahren gemeinsam in Spitalfields im Londoner East End, wo sie ihr Werk bis heute fortsetzen.
QUICK FACTS
- 1943 – George Passmore wird 1943 in Plymouth geboren, Gilbert Prousch 1943 in Südtirol, Italien
- 1960–1967 – Gilbert studiert Kunst in Wolkenstein, Hallein und an der Kunstakademie München; George studiert am Dartington College of Arts und der Oxford School of Art
- 1967–1969 – Begegnung an der Saint Martin’s School of Art in London; Entschluss, als künstlerische Einheit zu arbeiten; Entstehung der „Living Sculptures“ und der Performance „The Singing Sculpture“
- 1970–1979 – Charcoal on Paper Sculptures; Fotolithografie-Portfolio „G and G“ (1972); erste internationale Ausstellungen und Performances
- 1980–1989 – Einführung intensiver Farben in die Pictures; Serie „Death after Life“ (1984); „Cosmological Pictures“ (1989); Gewinn des Turner Prize (1986)
- 1990–1999 – „The Naked Shit Pictures“ (1995), ausgestellt in der South London Gallery; zunehmend kontroverse Themen und wachsende internationale Anerkennung
- 2000–2012 – „Sonofagod Pictures“ (2005); „Jack Freak Pictures“ (2008); „London Pictures“ (2012); Ausstellungen im Centre Pompidou, bei der Biennale in Venedig und in der Schirn Kunsthalle Frankfurt
- 2013–heute – „The Scapegoating Pictures“ (2013); „The Beard Pictures“ (2017); „The Paradisical Pictures“ (2019); weiterhin Ausstellungen weltweit; Leben und Arbeit in Spitalfields, London
Erwähnte Künstler
Lust auf mehr? Hier findest du die im Text verlinkten Vorbilder, Zeitgenossen und Nachfolger mit eigenen Kurzbiografien.
- Tracey Emin – Young British Artist, übernahm die direkte Selbstoffenbarung als Prinzip
- Damien Hirst – YBA-Protagonist, teilte den Willen zur Provokation
- Cindy Sherman – entwickelte fotografische Selbstinszenierung eigenständig weiter
- Jeff Koons – griff Selbstdarstellung als Teil des Kunstwerks auf
- Marina Abramović – führte Langzeitperformance als Kunstform weiter
- Ai Weiwei – verbindet aktivistische Selbstinszenierung mit konzeptueller Kunst