Philip Guston

Die Kapuzenfiguren kamen erst spät, doch das Unbehagen war von Anfang an da. Philip Guston, 1913 als Phillip Goldstein in Montreal geboren und in Kalifornien aufgewachsen, begann in einer Stadt zu zeichnen, in der der Ku-Klux-Klan offen marschierte. Der Vater nahm sich das Leben, als der Junge zehn war. Guston fand seinen Weg zur Kunst weitgehend autodidaktisch, studierte auf eigene Faust Picassos Kubismus und de Chiricos stille Plätze, bevor ihn die politische Wandmalerei eines Orozco nach Mexiko zog. Was ihn durch alle Phasen trug, war eine Haltung des Zweifels, die selbst den eigenen Erfolg nicht verschonte.

Wichtige Werke und Ausstellungen

Das Werk bewegt sich zwischen öffentlichem Anspruch und privatem Grübeln. Frühe Wandbilder mit politischer Botschaft, dann Jahrzehnte der Abstraktion, schließlich eine figurative Bildwelt, die das Banale und das Verstörende nicht trennt. Schuhe, Glühbirnen, Kapuzen, immer wieder dieselben Gegenstände, als ließe sich durch Wiederholung etwas klären, das sich dem Begreifen entzieht.

  • The Struggle Against War and Fascism (1934) – Museo Regional Michoacano, Morelia
  • The Story of Tuberculosis (1934–35) – City of Hope National Medical Center, Duarte
  • Painting (1954) – Museum of Modern Art, New York
  • Zone (1953–54) – The Broad, Los Angeles
  • The Studio (1969)
  • Bad Habits (1970)
  • Couple in Bed (1977) – Art Institute of Chicago
  • The Line (1978) – San Francisco Museum of Modern Art

Philip Gustons künstlerische Entwicklung

Gustons Weg als Künstler lässt sich nicht als gerade Linie beschreiben. Eher gleicht er einer Reihe bewusster Entscheidungen, die jeweils mit dem Bisherigen brachen. Von den frühen Wandbildern in Los Angeles über die Jahre als Vertreter des Abstrakten Expressionismus bis zum skandalträchtigen Spätwerk zieht sich ein roter Faden, nämlich die Weigerung, einer einmal gefundenen Lösung treu zu bleiben.

Lehrjahre und politische Anfänge in Kalifornien

Die Familie Goldstein wanderte aus Kanada nach Los Angeles, als Guston noch ein Kind war. In einer Stadt, die in den 1920er und 1930er Jahren von sozialen Spannungen und rassistischer Gewalt geprägt war, begann er früh zu zeichnen. Ein kurzes Studium am Otis Art Institute brach er ab. Der akademische Betrieb erschien ihm einengend, und sein Zugang zur Kunst blieb überwiegend autodidaktisch. Stattdessen studierte er auf eigene Faust die Werke, die ihn wirklich interessierten.

Einflüsse europäischer und mexikanischer Vorbilder

Zwei Quellen prägten den jungen Guston besonders. Zum einen die europäische Moderne, vor allem Giorgio de Chiricos metaphysische Malerei mit ihren stillen, rätselhaften Plätzen und Pablo Picassos Auseinandersetzung mit dem Kubismus.

Neben de Chirico und Picasso hinterließen auch die figurative Ausdruckskraft und die symbolisch aufgeladenen Bildwelten von Max Beckmann einen prägenden Eindruck auf Guston, dessen Relevanz sich besonders in seinem Spätwerk zeigen sollte.

Zum anderen die mexikanische Wandmalerei, der Muralismus (also die Tradition großformatiger, öffentlicher Wandbilder mit politischer Botschaft), wie ihn José Clemente Orozco und David Alfaro Siqueiros praktizierten. In diesen Arbeiten sah Guston, dass Malerei gleichzeitig formal ambitioniert und gesellschaftlich engagiert sein konnte.

Auch seine frühe Beschäftigung mit den Schriften von Jiddu Krishnamurti und sein Interesse an philosophischen Fragen jenseits der reinen Ästhetik formten sein Denken. Diese Mischung aus europäischer Formensprache und mexikanischem Muralismus schlug sich direkt in seinen ersten großen Arbeiten nieder.

Frühe Wandmalereien und die Reise nach Mexiko

1934 reiste Guston gemeinsam mit seinem Freund Reuben Kadish nach Mexiko, um dort Wandmalerei zu studieren und selbst zu realisieren. In Morelia entstand das großformatige Wandbild „The Struggle Against War and Fascism“, das Unterdrückung, Gewalt und die Mechanismen der Inquisition thematisierte.

Ebenfalls in dieser Phase erhielt er den Auftrag für ein Wandbild im City of Hope Medical Center in Duarte, Kalifornien. „The Story of Tuberculosis“ verband medizinische Aufklärung mit sozialem Pathos. Beide Arbeiten zeigen einen jungen Maler, der die Tradition des Social Realism (Sozialer Realismus, also einer Kunstrichtung, die soziale Missstände sichtbar machen will) mit eigener Bildsprache füllte. Die Wandmalerei blieb für Guston ein Schlüsselerlebnis, auch wenn er sich später davon entfernte.

Philip Guston und der Abstrakte Expressionismus

Nach dem Umzug nach New York Ende der 1930er Jahre öffnete sich für Guston eine neue Welt. Der Austausch mit Künstlern wie Jackson Pollock, einem alten Schulfreund aus Los Angeles, und Willem de Kooning veränderte seine Vorstellung davon, was Malerei leisten konnte. In den späten 1940er und 1950er Jahren wandte er sich zunehmend der Abstraktion zu.

Die Phase des Abstrakten Impressionismus

Gustons abstrakte Arbeiten unterschieden sich allerdings deutlich von der gestischen Wucht eines Pollock oder der rohen Energie eines de Kooning. Stattdessen entwickelte er eine lyrischere Variante, die Kritiker als Abstract Impressionism (Abstrakter Impressionismus) bezeichneten.

Werke wie „Zone“ (1953–54) zeigen dicht gewebte Farbfelder in gedämpftem Rosa, Grau und Rot, die eher an ein zartes Flirren als an einen expressiven Ausbruch erinnern. Man könnte sagen, während andere Maler der New York School (der einflussreichen Gruppe amerikanischer Avantgarde-Künstler im New York der Nachkriegszeit) auf die Leinwand einschlugen, streichelte Guston sie.

Diese Phase brachte ihm Anerkennung, Ausstellungen in renommierten Galerien und eine Lehrtätigkeit an der New York University ein. Der Kritiker David Sylvester gehörte zu den frühen Beobachtern, die Gustons besondere Stellung innerhalb der amerikanischen Abstraktion erkannten.

Wachsende Zweifel an der reinen Abstraktion

Doch je erfolgreicher Guston als abstrakter Maler wurde, desto stärker nagten Zweifel an ihm. Die reine Abstraktion erschien ihm zunehmend als Sackgasse, als eine Art ästhetischer Komfortzone, die den drängenden Fragen der Zeit auswich. Der Vietnamkrieg, die Bürgerrechtsbewegung, die politische Gewalt in den amerikanischen Städten, all das ließ sich mit schwebenden Farbfeldern nur schwer verhandeln.

Guston begann, im Stillen zu zeichnen. Einfache Gegenstände tauchten auf, Bücher, Schuhe, Uhren, Zigaretten. Diese Tuschezeichnungen waren keine Skizzen für Gemälde, sondern ein eigenständiges Denkmedium, eine Art visuelles Tagebuch, in dem er neue Motive erprobte. Die Zeichnung wurde zum Ort, an dem der Bruch mit der Abstraktion vorbereitet wurde.

Der Bruch von 1970 und die späte figurative Wende

Der öffentliche Wendepunkt kam im Oktober 1970. In der Marlborough Gallery in New York zeigte Guston neue Bilder, die mit allem brachen, was man von ihm kannte. Statt schwebender Farbfelder sahen die Besucher plumpe, cartoon-hafte Figuren in Kapuzen, die an den Ku-Klux-Klan erinnerten. Sie rauchten Zigaretten, fuhren Auto, saßen in Zimmern voller Schuhe und Uhren.

Warum malte Philip Guston Ku-Klux-Klan-Figuren?

Die Reaktion der Kritik war verheerend. Hilton Kramer von der New York Times sprach von einem „Mandarin, der vorgibt, ein Stümper zu sein“. Viele frühere Bewunderer wandten sich ab.

Doch Guston verfolgte mit den Kapuzenfiguren eine ganz bestimmte Absicht. Als Kind hatte er in Los Angeles Ku-Klux-Klan-Aufmärsche erlebt. Die Kapuzen waren für ihn kein abstraktes Symbol, sondern eine konkrete Erinnerung an Gewalt und Rassismus. Indem er die Klansmänner als unbeholfene, fast lächerliche Gestalten darstellte, die banale Alltagshandlungen ausführen, entlarvte er die Banalität des Bösen.

Die Kapuze funktionierte gleichzeitig als Selbstporträt. „Ich male mich selbst“, sagte Guston einmal über diese Figuren, und meinte damit die Frage, wie viel Mittäterschaft in der eigenen Passivität steckt.

Die Woodstock-Jahre und das Spätwerk

Nach dem Schock der Marlborough-Ausstellung zog sich Guston in sein Atelier in Woodstock im Bundesstaat New York zurück. Dort entstanden in den folgenden zehn Jahren die Arbeiten, die heute als seine bedeutendsten gelten.

Werke wie „Couple in Bed“ (1977) zeigen zwei Figuren unter einer Decke, die Augen weit offen, umgeben von einem Chaos aus Schuhen und Alltagsobjekten. Die Ikonografie (also die wiederkehrenden Bildmotive und ihre symbolische Bedeutung) dieser späten Bilder ist erstaunlich konsistent. Glühbirnen stehen für das Licht im Atelier und den Moment der Erkenntnis, Uhren für die verrinnende Zeit, Schuhe für die Masse, den Alltag, aber auch für die Leichenberge des Holocaust.

Dichter und Schriftsteller wie Clark Coolidge und Philip Roth gehörten zu seinen engsten Gesprächspartnern in dieser Phase.

Stilmerkmale von Philip Guston

Gustons Stil lässt sich am besten als eine Reihe bewusster Brüche beschreiben, die bei genauerem Hinsehen eine innere Logik offenbaren. Jede Phase seines Schaffens reagierte auf die vorherige, mal als Weiterentwicklung, mal als Gegenbewegung.

In der frühen Phase orientierte sich Guston am Social Realism, mit klar lesbaren Figuren und politischen Botschaften in der Tradition der mexikanischen Wandmalerei. Die abstrakte Phase brachte verdichtete Bildräume hervor, in denen Farbe selbst zum Gegenstand wurde. Gedämpfte Rosa-, Grau- und Rottöne dominierten, aufgetragen in weichen, tastenden Pinselstrichen, die eher an ein Gespräch mit der Leinwand erinnern als an eine Proklamation.

Der entscheidende Stilwechsel von Abstraktion zu Figur in den späten 1960er Jahren führte zu einer Bildsprache, die bewusst ungeschliffen und cartoon-haft wirkte. Schwere schwarze Konturen, reduzierte Formen und eine fast kindlich anmutende Zeichnung verbargen dabei eine sorgfältig kalkulierte Komposition. Die Figuren erzählen ihre Geschichten durch Gesten und Anordnung im Bild. Ein ausgestreckter Arm, ein starrender Blick, die Ansammlung von Gegenständen, all das transportiert Bedeutung, ohne dass es erklärt werden müsste.

Techniken und Materialien

Gustons technische Mittel waren im Kern einfach, ihre Wirkung entfaltete sich durch die Art des Einsatzes. Er arbeitete zeitlebens überwiegend mit Öl auf Leinwand und ergänzte sein malerisches Werk durch umfangreiche Zeichnungen auf Papier.

In der abstrakten Phase setzte Guston den Impasto-Auftrag (also das dicke, pastöse Auftragen von Farbe, bei dem die Pinselspuren sichtbar bleiben) sparsam und kontrolliert ein. Die Farbschichten bauten sich langsam auf, fast wie Sedimentschichten in einem geologischen Prozess. Im Spätwerk änderte sich das grundlegend. Der Pinselauftrag wurde rauer, direkter, bewusst roh. Guston arbeitete schnell und ließ die Farbe stehen, wie sie fiel.

Die Tuschezeichnungen, die sein Spätwerk begleiteten, verdienen besondere Aufmerksamkeit. Mit wenigen Strichen konnte er eine ganze Szene anlegen, ein Paar im Bett, einen Stapel Schuhe, eine einzelne Glühbirne. Diese Zeichnungen waren ein eigenständiges Denkmedium, in dem Guston Ideen klärte, bevor sie auf die Leinwand wanderten, oder Motive festhielt, die als Gemälde nie realisiert wurden.

Die Maltechnik seiner letzten Jahre, mit ihren breiten Pinselzügen und der begrenzten Palette, hat eine körperliche Direktheit, die man fast spüren kann.

Gustons Einfluss und Vermächtnis

Gustons Bedeutung liegt weniger in einer bestimmten Technik oder einem einzelnen Motiv als vielmehr in der Haltung, die sein Werk verkörpert. Er bewies, dass ein Künstler seinen eigenen Erfolg hinterfragen und eine komplett neue Richtung einschlagen kann, selbst wenn das bedeutet, das wohlwollende Publikum zu verlieren.

Zeitgenössische Rezeption und die Ashcan-Debatte

Zu Lebzeiten war Guston eine Figur, die polarisierte. Die Kritiker, die ihn in den 1950er Jahren als feinsinnigen Abstrakten gefeiert hatten, reagierten auf die späten figurativen Arbeiten mit Ablehnung und teils offener Feindseligkeit. Der Vergleich mit der Ashcan School (einer amerikanischen Kunstbewegung des frühen 20. Jahrhunderts, die das alltägliche Leben der Unterschicht malte) wurde bemüht, um die neuen Bilder als Rückschritt abzutun.

Doch jüngere Künstler sahen in Gustons Wende etwas anderes. Für sie öffnete der Bruch mit der Abstraktion einen Raum, in dem Figuration, Erzählung und politische Kunst wieder möglich wurden, ohne in die Konventionen des 19. Jahrhunderts zurückzufallen. Die große Retrospektive in der Schirn Kunsthalle Frankfurt und vergleichbare Ausstellungen in den folgenden Jahrzehnten trugen dazu bei, Gustons Spätwerk einem breiteren europäischen Publikum zugänglich zu machen.

Philip Gustons Einfluss auf den Neo-Expressionismus

Die direkteste Wirkung entfaltete Gustons Spätwerk auf die Generation der Neo-Expressionisten in den 1980er Jahren. Maler wie Julian Schnabel, der mit zerbrochenen Tellern arbeitete, griffen Gustons Grundidee auf, dass figurative Malerei gleichzeitig rau, intellektuell und emotional aufgeladen sein kann.

Auch Jean-Michel Basquiat, der Straßenkunst und Cartoon-Elemente in die Gallery-Welt brachte, steht in einer Linie, die ohne Gustons Vorarbeit schwer denkbar wäre. In einem Vortrag über die Entwicklung der amerikanischen Malerei nach 1970 lässt sich Gustons Rolle kaum umgehen.

Philip Gustons Platz in der Kunstgeschichte

Philip Gustons Werk markiert einen Wendepunkt in der Geschichte der amerikanischen Malerei nach 1945. Sein Stilwechsel von der Abstraktion zur figurativen Malerei in den späten 1960er Jahren durchbrach die ungeschriebene Regel, dass ein einmal erreichter Fortschritt in der Kunst nicht rückgängig gemacht werden darf.

Dieser Mut zum Stilbruch brach die dogmatische Vorstellung eines linearen Fortschritts in der Kunst auf und ebnete damit explizit den Weg für postmoderne und neo-expressive Strömungen, die ohne seinen radikalen Schritt kaum denkbar wären. Guston bewies, dass künstlerische Integrität nicht in der Kontinuität liegt, sondern im Wagnis, sich selbst immer wieder infrage zu stellen.

Sein Einfluss reicht von den Neo-Expressionisten der 1980er Jahre bis zu heutigen Künstlern, die politische Kunst und persönliche Bildwelten verbinden. So ermöglichte er die Rückkehr des Erzählerischen in die zeitgenössische Malerei.

Gustons Leben endete am 7. Juni 1980 in Woodstock, New York, im Alter von 66 Jahren.

QUICK FACTS

  • 1913: Geburt als Phillip Goldstein in Montreal, Kanada; frühe Kindheit in einer jüdischen Einwandererfamilie
  • 1919–1930: Umzug der Familie nach Los Angeles, Kalifornien; erste Zeichnungen als Jugendlicher; kurzes Studium am Otis Art Institute; überwiegend autodidaktische Ausbildung
  • 1934–1935: Reise nach Mexiko mit Reuben Kadish; Wandmalerei in Morelia; Auftrag für das City of Hope Medical Center in Duarte
  • 1937–1945: Umzug nach New York; Eintritt in die Kreise der New York School; Begegnung mit Pollock, de Kooning und anderen Vertretern der amerikanischen Avantgarde
  • 1950–1962: Phase des Abstrakten Impressionismus; lyrische, farbintensive Kompositionen; wachsende Anerkennung durch Ausstellungen und Museumsankäufe; Lehrtätigkeit an der New York University
  • 1963–1968: Rückzug nach Woodstock; wachsende Zweifel an der Abstraktion; intensive Zeichnungsarbeit als Vorbereitung der figurativen Wende
  • 1970: Ausstellung in der Marlborough Gallery, New York; Schock der Kritik über die neuen figurativen Arbeiten mit Ku-Klux-Klan-Motiven
  • 1970–1980: Produktive Spätphase in Woodstock; Entstehung der bekanntesten Werke; Tod am 7. Juni 1980 in Woodstock im Alter von 66 Jahren

Erwähnte Künstler

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