Clyfford Still

In der Prärie von North Dakota, wo der Horizont die einzige Begrenzung war, wuchs ein Maler heran, der später jede Begrenzung verweigern würde. Clyfford Still gehörte zum Abstrakten Expressionismus, doch er stand darin wie ein Einzelgänger, der die Spielregeln der anderen nicht anerkannte. Während seine Zeitgenossen in New York um Aufmerksamkeit rangen, misstraute er dem Betrieb, der Kunst zur Ware machte. Seine Gemälde entstanden nicht für Galerien, sondern gegen sie. Die Lehrtätigkeit an verschiedenen Hochschulen gab ihm Raum, seine Überzeugungen zu schärfen, ohne sich verkaufen zu müssen. Was ihn antrieb, war keine Karriere, sondern eine Haltung.

Wichtige Werke und Ausstellungen

Stills Œuvre umfasst vor allem großformatige Ölgemälde, die sich jeder erzählerischen Deutung entziehen. Er arbeitete nicht in Serien, sondern in Schichten, wobei jedes Bild wie eine geologische Formation aus Farbe und Spannung entstand. Wiederkehrend sind vertikale Brüche, die wie Risse durch die Fläche laufen, und eine Palette, die zwischen erdigen Tönen und plötzlichem Leuchten wechselt. Die Titel seiner Arbeiten verraten nichts, sie sind nüchterne Katalognummern.

  • PH-929 (1950) – Clyfford Still Museum, Denver
  • PH-1123 (1957) – Clyfford Still Museum, Denver
  • PH-971 (1950) – Clyfford Still Museum, Denver
  • PH-385 (1949) – Solomon R. Guggenheim Museum, New York
  • PH-87 (1949) – Albright-Knox Art Gallery, Buffalo
  • PH-351 (1940) – Clyfford Still Museum, Denver
  • PH-1033 (1976) – Clyfford Still Museum, Denver
  • PH-247 (1944) – San Francisco Museum of Modern Art

Clyfford Stills künstlerische Entwicklung

Stills Weg von den frühen figurativen Arbeiten der 1930er Jahre bis zu den monumentalen abstrakten Gemälden seiner Reifezeit verlief keineswegs gradlinig. Er lässt sich am besten als eine schrittweise Befreiung von allem Gegenständlichen verstehen, angetrieben von philosophischen Überzeugungen und einer tiefen Skepsis gegenüber den Konventionen des Kunstbetriebs. Diese Biografie ist auch die Geschichte eines Einzelgängers, der sich den Spielregeln seiner Zeit konsequent verweigerte und seinen eigenen Weg unbeirrt verfolgte.

Lehrjahre und Frühphase in Spokane und Washington

Die künstlerische Laufbahn nahm während des Studiums an der Spokane University in den frühen 1930er Jahren konkrete Formen an. Hier experimentierte Still mit gegenständlichen und halb-abstrakten Bildern, die noch deutliche Bezüge zur Landschaft des amerikanischen Westens erkennen ließen. Die weiten Prärien und schroffen Gebirgsformationen seiner Kindheit und Jugend hinterließen Spuren in diesen frühen Arbeiten.

Parallel zur akademischen Ausbildung wuchs ein starkes Interesse an philosophischen Fragestellungen, insbesondere an Nietzsche und existenzialistischem Denken. Dieses geistige Fundament beeinflusste seine spätere Bildsprache entscheidend und gab ihr jene Tiefe, die über rein formale Experimente hinausreichte.

Lehrtätigkeit und erste Schritte zur Abstraktion

Erste Lehrtätigkeiten führten Still an die Washington State University, wo er Malerei und Kunsttheorie unterrichtete. Diese Lehrtätigkeit war für ihn kein Brotberuf, sondern eine Möglichkeit, seine eigenen ästhetischen Überzeugungen zu schärfen und im Dialog mit Studenten weiterzuentwickeln. In den Sommern malte er intensiv und nutzte die vorlesungsfreie Zeit für konzentrierte Arbeitsphasen.

In dieser Phase entstanden Werke, die den Übergang von surrealistisch anmutenden Figurationen hin zu einer zunehmend freien Formensprache dokumentieren. „PH-351″ von 1940 zeigt diesen Wandel eindrücklich. Die Figuren lösen sich auf, werden zu dunklen, vertikalen Schemen vor einem undefinierten Grund. Man kann in diesen frühen Werken bereits die zerklüfteten Farbmassen erahnen, die sein späteres Schaffen bestimmen würden.

Von der Figuration zur reinen Abstraktion

Der entscheidende Bruch mit der Gegenständlichkeit vollzog sich in den späten 1930er und frühen 1940er Jahren. Still bewegte sich weg von erkennbaren Formen und hin zu einer Malerei, die ihre Bedeutung allein aus dem Zusammenspiel von Farbe, Fläche und Textur bezog.

„PH-247″ von 1944, heute im San Francisco Museum of Modern Art, markiert einen Wendepunkt in diesem Prozess. Das Bild zeigt keine Figuren mehr, sondern massive, aufgebrochene Farbflächen, die sich wie geologische Schichten übereinander türmen. Dieser Wandel geschah nicht über Nacht. Er war das Ergebnis einer intensiven Auseinandersetzung mit der Frage, was Malerei jenseits der Abbildung leisten kann. Still suchte nach einer Kunst, die unmittelbar wirkt, ohne den Umweg über Erzählung oder Symbol zu nehmen.

Die prägenden Jahre in New York und San Francisco

Nach dem Umzug nach New York Mitte der 1940er Jahre entstanden Kontakte zu Künstlern wie Jackson Pollock und Mark Rothko. Still verkehrte in denselben Kreisen, besuchte dieselben Ausstellungen, doch er grenzte sich stilistisch klar ab.

Während Pollock mit dem Action Painting, also dem spontanen, körperbetonten Farbauftrag, arbeitete und Rothko seine schwebenden Farbfelder entwickelte, verfolgte Still eine streng vertikale Komposition mit eruptiven Farbbrüchen. Eine frühe Einzelausstellung in der Galerie Art of This Century von Peggy Guggenheim im Jahr 1946 brachte ihm internationale Aufmerksamkeit und etablierte seinen Ruf in der New Yorker Kunstszene.

Einfluss als Lehrer an der California School of Fine Arts

1946 begann Still eine Lehrtätigkeit an der California School of Fine Arts in San Francisco, die bis 1950 andauerte und für die dortige Kunstszene von großer Bedeutung war. Mark Rothko, der als Gastdozent in den Sommern dort lehrte, prägte gemeinsam mit Still eine Generation junger Maler.

Stills Unterricht war unkonventionell und fordernd. Er verlangte von seinen Studenten, sich von europäischen Traditionen zu lösen und eine eigenständige amerikanische Bildsprache zu entwickeln. Diese Jahre in San Francisco waren für Still selbst ebenso produktiv wie für seine Schüler. Im milden kalifornischen Klima, weit entfernt vom Konkurrenzdruck der New Yorker Galerieszene, entstanden einige seiner kraftvollsten Werke aus den späten 1940er Jahren, darunter „PH-385″ und „PH-87″ von 1949.

Ausstellungen bei Betty Parsons und die New Yorker Szene

Zurück in New York stellte Still bei Betty Parsons aus, einer Galeristin, die auch Barnett Newman und Jackson Pollock vertrat. Die Parsons Gallery war in jenen Jahren so etwas wie das Epizentrum des Abstrakten Expressionismus, ein Ort, an dem sich die wichtigsten Protagonisten der Bewegung begegneten.

Doch Still fühlte sich in diesem Umfeld zunehmend unwohl. Er misstraute dem Galeriesystem, das Kunst seiner Ansicht nach zur Ware degradierte und den schöpferischen Prozess kommerziellen Interessen unterordnete. Bereits Anfang der 1950er Jahre reduzierte er seine Ausstellungstätigkeit und Verkäufe drastisch.

Rückzug nach Maryland und die späte Werkphase

Ab den frühen 1950er Jahren zog sich Still schrittweise aus dem öffentlichen Ausstellungsbetrieb zurück. 1961 verließ er New York und siedelte nach Westminster, Maryland, über, in eine ländliche Umgebung, die seinem Bedürfnis nach Distanz und Ruhe entsprach. Dieser Rückzug war keine Resignation, sondern eine bewusste Entscheidung gegen die Mechanismen des Kunstmarktes. Still wollte die Aura seiner Arbeiten nicht durch Marktmechanismen gefährden oder verwässern lassen. Er malte weiter, intensiv und in großem Format, doch die Öffentlichkeit bekam davon kaum etwas zu sehen.

Stills bewusste Distanz zur Kunstwelt

In Maryland arbeitete Still bis zu seinem Tod weitgehend isoliert von der Kunstwelt. Er kontrollierte rigoros, wer seine Bilder sah, und verweigerte sich den meisten Ausstellungsanfragen. Diese Haltung verstärkte den mythischen Charakter seines Werks und machte ihn zu einer fast legendären Figur.

Während andere Künstler seiner Generation wie Rothko oder Willem de Kooning durch Retrospektiven und Museumspräsenz kanonisiert wurden, blieb Still ein Phantom am Rand des Kunstbetriebs. Sein testamentarischer Wunsch, das gesamte verbliebene Werk nur einer Stadt zu vermachen, die ein eigenes Museum dafür errichten würde, zeigt die Konsequenz dieser Philosophie.

Denver erhielt schließlich den Zuschlag, und 2011 eröffnete das von Brad Cloepfil entworfene Clyfford Still Museum mit einer Sammlung von über 2.400 Werken, die größte Einzelsammlung eines Künstlers des Abstrakten Expressionismus weltweit.

Stilmerkmale von Clyfford Still und seinen Farbfeldern

Stills Malerei entzieht sich den gängigen Kategorien des Abstrakten Expressionismus. Während Künstler wie Pollock die Leinwand mit Bewegung füllten und Rothko auf kontemplative Ruhe setzte, schuf Still Bilder, die wie aufgerissene Erdschichten wirken. Seine monumentalen Farbflächen stoßen mit scharfen, gezackten Kanten aufeinander. Sie erzeugen Spannung, keine Harmonie.

Die Farbpalette ist dabei oft reduziert, dominiert von tiefen Erdtönen, Schwarz und leuchtendem Gelb, gelegentlich durchbrochen von Rot oder unbemalt gelassener Leinwand. Die vertikalen Kompositionen, die wie Risse oder Spalten durch die Bildfläche laufen, erinnern an geologische Formationen oder die weite Prärielandschaft, in der Still aufwuchs.

Die schiere Größe der Leinwände war dabei kein Selbstzweck. Still zielte auf das Erhabene (im Englischen „The Sublime“), also jenes überwältigende Gefühl, das entsteht, wenn man etwas begegnet, das die eigene Wahrnehmung übersteigt. Der Betrachter soll nicht vor dem Bild stehen, sondern von ihm umfangen werden. In dieser Hinsicht rückt seine Kunst in die Nähe der Farbfeldmalerei (Color Field Painting), unterscheidet sich aber durch die rauen, fast aggressiven Oberflächen von den sanften Übergängen eines Rothko.

Techniken und Materialien

Stills Maltechnik war ebenso kompromisslos wie seine ästhetische Haltung. Er arbeitete überwiegend mit Öl auf Leinwand, trug die Farbe jedoch in dicken, pastosen Schichten auf, eine Technik, die als Impasto bezeichnet wird. Dabei nutzte er Spachtel und Pinsel gleichermaßen, manchmal auch Palettenmesser, um die Farbmasse regelrecht auf die Oberfläche zu schaufeln. Das Ergebnis sind Texturen, die wie aufgebrochene Krusten wirken, rau, kantig und physisch spürbar.

Die Leinwände blieben häufig ungrundiert, sodass die Farbe direkt mit dem rohen Gewebe reagierte und eine zusätzliche materielle Unmittelbarkeit entstand. Still malte zudem auf unaufgespannten Leinwänden, die am Boden oder an der Wand befestigt waren. Dieser Arbeitsprozess erinnert an das All-over Painting (also die gleichmäßige Bearbeitung der gesamten Bildfläche), wie es auch Pollock praktizierte, unterscheidet sich aber grundlegend in der Absicht. Wo Pollock den Zufall einlud, behielt Still die Kontrolle. Jede Farbschicht, jeder Bruch war kalkuliert und bewusst gesetzt.

Die monumentalen Formate verlangten körperlichen Einsatz, denn ein Gemälde von drei auf vier Metern lässt sich nicht vom Handgelenk aus malen. Dieses physische Arbeiten war für Still Teil der Bedeutung seiner Kunst.

Stills Einfluss und Vermächtnis

Die kompromisslose Haltung gegenüber Markt, Institutionen und Stilkonventionen machte Still zu einer prägenden Figur für nachfolgende Generationen abstrakter Maler. Sein Einfluss wirkte dabei auf zwei Ebenen, der künstlerischen und der ethischen.

Wirkung auf Zeitgenossen und die Idee des Künstlers als Einzelgänger

Unter seinen Zeitgenossen war Still eine respektierte, aber auch unbequeme Persönlichkeit. Mark Rothko, mit dem ihn eine komplizierte Freundschaft verband, übernahm die Konzentration auf große, den Betrachter umfangende Farbflächen, ging damit aber in eine völlig andere Richtung. Wo Still Konfrontation suchte, wollte Rothko Kontemplation und meditative Versenkung.

Barnett Newman wiederum entwickelte mit seinen „Zips“, also den schmalen vertikalen Linien, die seine Farbflächen teilen, ein Kompositionsprinzip, das in Dialog mit Stills vertikalen Formen gelesen werden kann. Der Unterschied zwischen Clyfford Still und Mark Rothko oder Newman liegt weniger in der Bildgröße als in der emotionalen Temperatur. Stills Bilder sind rauer, konfrontativer, erdiger und fordern den Betrachter auf andere Weise heraus.

Die Sammlung in Denver als kulturelles Vermächtnis

Stills rigorose Kontrolle über seinen Nachlass hatte eine bemerkenswerte Konsequenz. Weil er zu Lebzeiten kaum Werke verkaufte, blieb sein Œuvre weitgehend geschlossen erhalten. Das Clyfford Still Museum in Denver beherbergt heute rund 95 Prozent seines Gesamtwerks.

Diese Konzentration an einem einzigen Ort ist in der modernen Kunst einzigartig und ermöglicht es, seine Entwicklung über fünf Jahrzehnte hinweg lückenlos nachzuvollziehen. Ausstellungen in der Kunsthalle Basel und anderen europäischen Institutionen haben in den letzten Jahren dazu beigetragen, Stills Werk auch außerhalb der Vereinigten Staaten einem breiteren Publikum bekannt zu machen.

Clyfford Still Platz in der Kunstgeschichte

Stills Bedeutung für die spätere Kunstgeschichte liegt vor allem in zwei Bereichen. Zum einen bereitete seine Reduktion auf reine Farbflächen und deren materiellen Auftrag den Weg für die Farbfeldmalerei der 1960er Jahre, wie sie Helen Frankenthaler und Morris Louis weiterentwickelten. Zum anderen wurde seine unnachgiebige Verweigerung gegenüber dem Kunstmarkt zu einem Referenzpunkt für Künstler, die Autonomie über Kommerz stellten.

Die Minimal Art eines Donald Judd griff Stills Strenge und Reduktion auf, befreite sie aber vom expressionistischen Gestus. Stills Einfluss auf die moderne Kunst zeigt sich so nicht in direkten Nachahmern, sondern in einer Haltung, die er vorlebte und die für viele zum Vorbild wurde.

Clyfford Still starb am 23. Juni 1980 in Baltimore, Maryland, im Alter von 75 Jahren.

QUICK FACTS

  • 1904: Geboren am 30. November in Grandin, North Dakota; Kindheit und Jugend in der Prärielandschaft von Alberta, Kanada, und Spokane, Washington
  • 1926–1933: Studium an der Spokane University; erste gegenständliche und halb-abstrakte Werke mit Bezügen zur Landschaft des amerikanischen Westens
  • 1933–1941: Lehrtätigkeit an der Washington State University; schrittweiser Übergang von figurativer Malerei zur Abstraktion; Entstehung von „PH-351″ (1940)
  • 1943–1946: Aufenthalt in New York; Kontakte zu Jackson Pollock und Mark Rothko; Einzelausstellung in Peggy Guggenheims Galerie Art of This Century (1946)
  • 1946–1950: Lehrtätigkeit an der California School of Fine Arts in San Francisco; Zusammenarbeit mit Rothko; produktive Schaffensphase mit Schlüsselwerken wie „PH-385″ und „PH-87″
  • 1950–1951: Ausstellungen bei Betty Parsons in New York; zunehmende Distanz zum Galeriebetrieb und zum Kunstmarkt
  • 1961–1980: Rückzug nach Westminster, Maryland; weitgehende Isolation vom Ausstellungsbetrieb; kontinuierliches Schaffen in großem Format ohne öffentliche Präsenz
  • 1980: Tod am 23. Juni in Baltimore, Maryland, im Alter von 75 Jahren; testamentarische Verfügung über das Gesamtwerk
  • 2011: Eröffnung des Clyfford Still Museum in Denver, entworfen von Brad Cloepfil; Sammlung von über 2.400 Werken

Erwähnte Künstler

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