Mario Sironi

Die Straßen auf seinen Bildern führen nirgendwo hin. Mauern schieben sich vor den Himmel, Fenster bleiben dunkel, Menschen fehlen fast immer. Mario Sironi malte Städte, die wie verlassen wirken, obwohl sie gerade erst gebaut wurden. In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte er eine Bildsprache, die zwischen Futurismus und der Strenge des Novecento Italiano ihren eigenen Weg suchte. Was ihn antrieb, war weniger die Feier des Fortschritts als das Unbehagen an ihm. Seine Architekturen stehen still, massiv und schwer, als hätten sie schon alles gesehen.

Wichtige Werke und Ausstellungen

Sironis Schaffen bewegte sich zwischen kleinen Ölbildern und monumentalen Wandarbeiten. Stadtlandschaften und wuchtige Figuren ziehen sich durch sein Werk, immer wieder die Frage nach dem Verhältnis von Mensch und gebautem Raum. Viele Arbeiten blieben Fragmente, manche wurden zerstört oder übermalt.

    • Die Lampe (1919) – Pinacoteca di Brera, Mailand
    • Venus (1921–1923) – Galleria Civica d’Arte Moderna, Turin
    • Der Architekt (1922) – Privatsammlung
    • Die Schülerin (1924) – Privatsammlung
    • Einsamkeit (1925) – Galleria Nazionale d’Arte Moderna, Rom
    • Die Arbeit (1933) – V Triennale di Milano, Mailand
    • Italien zwischen den Künsten und Wissenschaften (1935) – Aula Magna der Universität La Sapienza, Rom
    • Die Gerechtigkeit (1936–1938) – Palazzo di Giustizia, Mailand

Mario Sironis künstlerische Entwicklung

Die künstlerische Laufbahn Mario Sironis spiegelt die Umbrüche der italienischen Kunst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wider. Von seinen Anfängen im futuristischen Mailand bis zu seinem zurückgezogenen Spätwerk durchlief er verschiedene Phasen, die jeweils von den politischen und kulturellen Strömungen seiner Zeit geprägt waren.

Lehrjahre und Frühphase

Mario Sironis Weg zur Kunst begann mit einem Umweg. Als Sohn eines Ingenieurs schrieb er sich 1902 für ein Ingenieurstudium an der Universität Rom ein, doch eine schwere Depression zwang ihn bereits ein Jahr später zum Abbruch. In dieser Krise wurde Giacomo Balla zu seinem künstlerischen Mentor. Der spätere Futurist führte den jungen Sironi in die divisionistische Malweise ein – eine Technik, bei der Farben in kleine Punkte oder Striche zerlegt werden, ähnlich wie Licht durch ein Prisma gebrochen wird.

Schon sein Großvater, der Bildhauer Ignazio Villa, prägte früh Sironis Interesse an monumentaler Kunst. Nach ersten malerischen Versuchen in Rom unternahm er Studienreisen nach Paris und Deutschland, wo er mit dem Expressionismus in Berührung kam.

Diese Eindrücke verdichteten sich, als er 1914 nach Mailand übersiedelte und in den Kreis um Umberto Boccioni und Filippo Tommaso Marinetti eintrat. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg besuchte Sironi keine traditionelle Kunstschule im akademischen Sinne, sondern bildete sich autodidaktisch und durch den direkten Austausch mit den Protagonisten der Avantgarde weiter.

Der Erste Weltkrieg als Wendepunkt

Der Erste Weltkrieg markierte einen tiefen Einschnitt in Sironis Leben und Werk. Als Freiwilliger erlebte er die Brutalität des modernen Krieges, eine Erfahrung, die seine anfängliche Begeisterung für die futuristische Verherrlichung von Geschwindigkeit und Gewalt erschütterte. Nach Kriegsende 1918 wandte er sich von der dynamischen Bildsprache des Futurismus ab und suchte nach festeren, beständigeren Formen. Die Kriegserfahrung hinterließ in seinen Werken eine dauerhafte Spur: Die Figuren wurden massiver, die Kompositionen statischer, als suche er in der Kunst nach einer Stabilität, die die Welt verloren hatte.

Mario Sironi und die Pittura Metafisica

Nach dem Krieg näherte sich Sironi der metaphysischen Malerei an, ohne jedoch Giorgio de Chiricos surreale Traumwelten vollständig zu übernehmen. Werke wie Die Lampe (1919) zeigen isolierte Gegenstände in leeren Räumen, doch anders als bei de Chirico wirken sie nicht rätselhaft, sondern schwer und erdverbunden. In der Zeitschrift „Valori Plastici“, dem Sprachrohr der Metafisica-Bewegung, fand er eine Plattform für seine neue künstlerische Ausrichtung. Die charakteristische Stille seiner Bilder aus dieser Phase – wie in Einsamkeit (1925) – vermittelt keine metaphysische Entrücktheit, sondern die konkrete Einsamkeit der modernen Stadt.

Höhepunkte der Karriere und Meisterwerke

Die 1920er und 1930er Jahre bildeten den Höhepunkt von Sironis öffentlicher Anerkennung. Als Mitbegründer der Novecento Italiano-Bewegung um Margherita Sarfatti verfolgte er das Ziel einer modernen italienischen Kunst, die gleichzeitig an die Renaissance anknüpfte. Diese „Rückkehr zur Ordnung“ (Ritorno all’ordine) bedeutete für Sironi keine bloße Imitation klassischer Vorbilder, sondern deren Übersetzung in eine zeitgenössische Formensprache.

Seine charakteristischen „Paesaggi Urbani“ (Stadtlandschaften) aus dieser Zeit zeigen menschenleere Straßenschluchten und massive Industriebauten. Diese Bilder der modernen Stadt sind keine Lobgesänge auf den Fortschritt, sondern Dokumente einer entfremdeten Welt, in der der Mensch zwischen gewaltigen Mauern verschwindet. Werke wie Die Schülerin (1924) hingegen zeigen monumentale Frauenfiguren, deren schwere Körperlichkeit an antike Statuen erinnert, während ihre modernen Gesichter die Gegenwart verankern.

Wandmalerei im Dienst der Staatskunst

Ab 1933 widmete sich Sironi verstärkt der großformatigen Wandmalerei. Als Mitverfasser des „Manifesto della pittura murale“ propagierte er die Freskokunst als demokratische Kunstform, die allen Bürgern zugänglich sei. Sein Hauptwerk dieser Phase, Italien zwischen den Künsten und Wissenschaften (1935) in der Aula Magna der Universität La Sapienza in Rom, verbindet allegorische Figuren mit modernen Elementen zu einer Darstellung italienischer Kulturgeschichte.

Die Zusammenarbeit mit dem faschistischen Regime unter Mussolini verschaffte ihm prestigeträchtige Aufträge wie die Gestaltung des Palazzo di Giustizia in Mailand. Diese Werke sollten die Größe des neuen Italien visualisieren, doch Sironis düstere Farbpalette und die Schwere seiner Figuren unterliefen oft die propagandistische Absicht. Der Betrachter sieht keine triumphale Zukunftsvision, sondern wuchtige Gestalten, die unter ihrer eigenen Last zu erstarren scheinen.

Mario Sironi als Illustrator und Propagandist

Parallel zu seiner Tätigkeit als Maler arbeitete Sironi intensiv als Illustrator für Zeitungen und Zeitschriften. Besonders seine Mitarbeit bei „Il Popolo d’Italia“, der von Mussolini gegründeten Zeitung, prägte seine politische Positionierung. In Hunderten von Zeichnungen entwickelte er eine reduzierte, plakative Bildsprache, die später in seine monumentalen Wandbilder einfloss. Diese grafischen Arbeiten zeigen Arbeiter, Soldaten und Mütter als archetypische Figuren, deren individuelle Züge hinter ihrer symbolischen Funktion verschwinden.

Spätwerk und Ende der Karriere

Nach dem Zusammenbruch des faschistischen Regimes 1943 und dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Sironi zur persona non grata. Die enge Verbindung zum gestürzten System machte ihn in der Nachkriegszeit zum Paria der italienischen Kunstszene. Öffentliche Aufträge blieben aus, Ausstellungen wurden boykottiert. In dieser Phase des erzwungenen Rückzugs kehrte er zur Staffeleimalerei zurück.

Seine späten Werke, darunter der thematische Zyklus „Apocalisse“, zeigen eine zerrissene Bildwelt. Die monumentalen Formen seiner mittleren Phase zerfallen in Fragmente, die Farbpalette wird noch dunkler, fast monochrom. Technisch experimentierte er mit der Spachteltechnik, trug Farbe in dicken Schichten auf und kratzte sie wieder ab, als wolle er die Leinwand verwunden. Diese Bilder sind keine Darstellungen mehr, sondern Spuren eines inneren Kampfes.

Die letzten Jahre in Mailand

In seinen letzten Lebensjahren lebte Sironi zurückgezogen in Mailand. Seine Tochter Aglae wurde zur wichtigsten Stütze, während er sich immer mehr von der Öffentlichkeit abwandte. Dennoch arbeitete er unermüdlich weiter, schuf Glasfenster für Kirchen und kleine, intime Zeichnungen. Die Kritik begann zaghaft, sein Werk jenseits der politischen Verstrickungen zu würdigen. Erste Retrospektiven in Florenz und Venedig deuteten eine Neubewertung an, die Sironi selbst jedoch nicht mehr vollständig erlebte.

Stilmerkmale von Mario Sironi

Die charakteristischen Merkmale von Sironis Kunst entwickelten sich aus der Spannung zwischen Moderne und Tradition, zwischen individueller Expression und monumentaler Strenge. Seine Bildsprache zeichnet sich durch massive, fast unbewegliche Formen aus, die wie aus Stein gemeißelt wirken. Diese Monumentalität durchzieht sein gesamtes Werk, von den frühen Porträts bis zu den späten Fragmenten.

Die Farbpalette besteht vorwiegend aus erdigen, dunklen Tönen – Ocker, Umbra, Siena –, die seinen Bildern eine melancholische, oft bedrückende Atmosphäre verleihen. Geometrische Strukturen verleihen den Kompositionen Stabilität, während die Einflüsse der Pittura Metafisica in rätselhaften Figuren und leeren Räumen spürbar bleiben.

Besonders in seinen Stadtlandschaften wird Architektur zum eigentlichen Protagonisten: Massive Gebäude und menschenleere Straßenzüge symbolisieren die Isolation des modernen Menschen. Das Chiaroscuro, der dramatische Hell-Dunkel-Kontrast, verstärkt die plastische Wirkung seiner Figuren, während das Sfumato, die weiche Verschmelzung der Übergänge, in seinen späteren Werken zunehmend einer härteren, fragmentierten Malweise weicht.

Seine Auseinandersetzung mit dem Kubismus, insbesondere in den frühen 1920er Jahren, zeigt sich in der geometrischen Zerlegung von Formen und der Reduktion auf essenzielle Strukturen. Anders als die französischen Kubisten jedoch behielt Sironi die Massivität und Schwere seiner Objekte bei, statt sie in transparente Facetten aufzulösen. Diese synthetische Verbindung kubistischer Formzerlegung mit monumentaler Plastizität macht seine Bildsprache unverwechselbar und unterscheidet ihn von seinen europäischen Zeitgenossen.

Techniken und Materialien

Sironis technische Entwicklung spiegelt seine künstlerische Evolution von der Staffeleimalerei zur monumentalen Wandkunst und wieder zurück.

In seinen frühen Jahren arbeitete er hauptsächlich mit Öl- und Temperafarben auf Leinwand oder Holz, wobei er die divisionistische Technik seines Lehrers Balla bald zugunsten einer geschlosseneren Malweise aufgab. Ab den 1930er Jahren wandte er sich verstärkt der Wandmalerei zu und beherrschte die traditionelle Freskotechnik ebenso wie moderne Verfahren des Muralismo.

Bei seinen monumentalen Arbeiten experimentierte er mit Mosaiken und Basreliefs, um eine dauerhafte Verbindung zwischen Kunst und Architektur zu schaffen. In der Spätphase wurde seine Malweise zunehmend pastos und expressiv. Mit der Spachteltechnik trug er Farbe in dicken Schichten auf, kratzte und schabte, bis die Oberfläche wie eine archäologische Fundstätte wirkte. Diese technische Radikalität seiner letzten Jahre steht im Kontrast zur kontrollierten Präzision seiner klassischen Phase und dokumentiert die innere Zerrissenheit des alternden Künstlers.

Sironis Einfluss und Vermächtnis

Sironis künstlerisches Erbe ist komplex und vielschichtig. Seine Bedeutung für die italienische Moderne steht im Spannungsfeld zwischen künstlerischer Innovation und politischer Vereinnahmung. Die Rezeption seines Werks entwickelte sich von vollständiger Ablehnung über vorsichtige Rehabilitierung bis zur differenzierten kunsthistorischen Würdigung.

Faschismus und die schwierige Rezeption

Sironis künstlerisches Erbe bleibt untrennbar mit seiner politischen Verstrickung verbunden. Die enge Zusammenarbeit mit dem faschistischen Regime überschattete lange Zeit die kunsthistorische Würdigung seines Werks. Erst in den 1980er Jahren begann eine differenzierte Auseinandersetzung, die zwischen politischer Verantwortung und künstlerischer Qualität zu unterscheiden versuchte. Internationale Ausstellungen trugen ab den 1980er Jahren zur Rehabilitierung bei, darunter „Les Réalismes“ im Centre Georges Pompidou (1981) und „Italian Art in the Twentieth Century“ in der Royal Academy of Arts, London (1989). Heute gilt Sironi als komplexe Figur der Moderne, dessen Werk die Widersprüche seiner Zeit spiegelt.

Mario Sironis Nachwirkung in der italienischen Kunst

Sironis monumentaler Stil prägte nachfolgende Generationen italienischer Künstler. Renato Guttuso und andere Vertreter des Sozialrealismus setzten sich kritisch mit seinem Erbe auseinander, übernahmen aber Elemente seiner kraftvollen Figurendarstellung. Zeitgenossen wie Achille Funi und Ubaldo Oppi, beide Mitbegründer des Novecento Italiano, teilten Sironis Interesse an der Verbindung von Kunst und Architektur.

Auch in der zeitgenössischen italienischen Malerei finden sich Spuren seiner Bildsprache, besonders in der Darstellung urbaner Entfremdung. Das MART – Museo di arte moderna e contemporanea di Trento e Rovereto widmete ihm mehrere Retrospektiven, die seine Rolle als Chronist der italienischen Moderne neu beleuchteten. Künstler wie Giorgio Morandi und Gian Emilio Malerba arbeiteten im selben künstlerischen Umfeld wie Sironi, entwickelten jedoch eigenständige stilistische Ansätze in der Darstellung von Stilleben und Landschaften.

Mario Sironis Platz in der Kunstgeschichte

Sironi hinterließ ein Werk, das sich einfachen Kategorien entzieht. Seine düsteren Stadtlandschaften fangen nicht einfach das Mailand der 1920er Jahre ein – sie zeigen eine innere Landschaft der Moderne selbst: die Einsamkeit des Einzelnen inmitten einer Welt aus Beton und Stahl. Dass ausgerechnet dieser Maler der Entfremdung zum Propagandisten eines totalitären Regimes wurde, gehört zu den verstörenden Widersprüchen seiner Biografie.

Doch gerade diese Spannung macht sein Werk so aufschlussreich. Die monumentalen Figuren, die er für den faschistischen Staat schuf, wirken nie triumphierend – sie scheinen unter ihrer eigenen Last zu erstarren, als würde die Kunst selbst gegen ihre Instrumentalisierung protestieren. In seinen letzten Jahren, isoliert und vergessen, kehrte Sironi zu kleinen Formaten zurück und schuf Bilder von einer Rohheit, die alles Monumentale hinter sich ließ. Mario Sironi starb am 13. August 1961 in Mailand im Alter von 76 Jahren.

QUICK FACTS

  • 1885-1903: Geboren am 12. Mai in Sassari, Sardinien; Umzug nach Rom (1886); Beginn des Ingenieurstudiums
  • 1903-1914: Abbruch des Studiums wegen Depression; künstlerische Ausbildung bei Giacomo Balla; Studienreisen nach Paris und Deutschland
  • 1914-1918: Umzug nach Mailand; Annäherung an den Futurismus um Marinetti und Boccioni; Kriegsdienst als Freiwilliger
  • 1919-1922: Abkehr vom Futurismus; Hinwendung zur Pittura Metafisica; Mitarbeit an „Valori Plastici“
  • 1922-1930: Mitbegründung des Novecento Italiano mit Margherita Sarfatti; Entwicklung der charakteristischen Paesaggi Urbani
  • 1930-1943: Höhepunkt als Wandmaler; Manifesto della pittura murale (1933); Hauptwerke in Rom und Mailand
  • 1943-1945: Zusammenbruch des Faschismus; Rückzug aus der Öffentlichkeit
  • 1945-1961: Isolation und Spätwerk; Serie „Apocalypse“; erste Rehabilitierung; Tod am 13. August in Mailand
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