Thomas Cole
Im Sommer 1825 fuhr ein junger Mann den Hudson hinauf und wanderte in die Catskill Mountains. Was er dort sah, veränderte die amerikanische Malerei. Thomas Cole war erst wenige Jahre zuvor aus England eingewandert, hatte in Ohio Porträts gemalt und Tapetenmuster entworfen. Doch in den nebelverhangenen Schluchten und zerklüfteten Felsen dieser Berglandschaft erkannte er etwas, das über bloße Naturschönheit hinausging. Die Romantik hatte in Europa längst Fuß gefasst, doch in Amerika fehlte ihr noch ein Bildvokabular. Cole sollte es schaffen, indem er Wildnis nicht als Bedrohung zeigte, sondern als Spiegel einer jungen Nation auf der Suche nach sich selbst.
Wichtige Werke und Ausstellungen
Coles Schaffen bewegte sich zwischen intimen Naturstudien und monumentalen Bilderzählungen. Landschaften waren sein Territorium, doch er nutzte sie für größere Fragen. Allegorische Zyklen stehen neben topografischen Ansichten, dramatische Untergänge neben pastoralen Idyllen. Immer wieder kreisen seine Arbeiten um Vergänglichkeit, um das Verhältnis von Mensch und Natur, um Warnung und Hoffnung.
- Die Lebensreise: Alter (1840) – Munson-Williams-Proctor Arts Institute in Utica, New York
- Die Lebensreise: Mannesalter (1840) – Munson-Williams-Proctor Arts Institute in Utica, New York
- Die Lebensreise: Jugend (1840) – Munson-Williams-Proctor Arts Institute in Utica, New York
- Die Lebensreise: Kindheit (1840) – Munson-Williams-Proctor Arts Institute in Utica, New York
- Der Architektentraum (1840) – Toledo Museum of Art, Ohio
- Der Oxbow (1836) – Metropolitan Museum of Art, New York
- Das Weltreich: Zerstörung (1836) – New-York Historical Society, New York
- Der Kelch des Titanen (1833) – Metropolitan Museum of Art, New York
Thomas Coles künstlerische Entwicklung
Die künstlerische Reise Thomas Coles spiegelt den Wandel vom handwerklich geschulten Einwanderer zum philosophierenden Landschaftsmaler wider. Seine Entwicklung vollzog sich in deutlich unterscheidbaren Phasen, die von der Entdeckung der amerikanischen Wildnis über die Auseinandersetzung mit europäischen Traditionen bis hin zur Schöpfung komplexer allegorischer Bildzyklen reichten.
Jede dieser Phasen brachte charakteristische Werke hervor, die Coles wachsende Meisterschaft und seine zunehmend komplexe Weltsicht dokumentieren. Die Transformation von einem handwerklichen Maler hin zu einem intellektuellen Künstler, der seine Gemälde mit literarischen und philosophischen Bedeutungsschichten anreicherte, macht seine Karriere zu einer der faszinierendsten der amerikanischen Kunstgeschichte.
Lehrjahre und Frühphase
Thomas Cole kam 1818 als Siebzehnjähriger mit seiner Familie nach Amerika. In Steubenville, Ohio, erhielt er seine erste künstlerische Unterweisung durch einen umherziehenden Porträtmaler namens Stein – eine bescheidene Ausbildung, die er durch intensives Selbststudium ergänzte. Der junge Künstler experimentierte zunächst mit verschiedenen Techniken und fertigte Druckstöcke für Tapetenmuster an, bevor er sich der Ölmalerei zuwandte.
Diese frühen handwerklichen Erfahrungen schärften sein Auge für Details und Muster, Fähigkeiten, die später in seinen elaborierten Landschaftskompositionen zum Tragen kamen. Seine frühen Versuche in der Porträtmalerei zeigten bereits eine Begabung für Farbe und Komposition, auch wenn ihm das Genre nicht zusagte. Cole sehnte sich nach größeren, bedeutungsvolleren Themen als der bloßen Wiedergabe menschlicher Physiognomien.
Die Entdeckung der Catskill Mountains
Der entscheidende Moment kam 1825, als Cole die Catskill Mountains bereiste. Diese Begegnung mit der unberührten Natur wurde zur Initialzündung seiner künstlerischen Vision. Die dort entstandenen Werke wie „Lake with Dead Trees“ und „The Falls of Kaaterskill“ zeigten bereits seine Fähigkeit, die amerikanische Landschaft nicht nur abzubilden, sondern ihre emotionale Kraft einzufangen.
Diese Gemälde erregten die Aufmerksamkeit etablierter Künstler wie John Trumbull und führten 1826 zu seiner Wahl in die National Academy of Design – eine bemerkenswerte Anerkennung für den erst 25-jährigen Maler. Die Catskills wurden für Cole mehr als nur ein Motiv; sie wurden zu seiner spirituellen Heimat, einem Ort, an dem er die Verbindung zwischen Natur und Transzendenz unmittelbar erlebte.
In den dramatischen Felsformationen, den nebelverhangenen Tälern und den tosenden Wasserfällen dieser Region fand er jene Erhabenheit, die zum Kernelement seiner künstlerischen Philosophie wurde.
Thomas Coles erste Europareise und ihre Folgen
Von 1829 bis 1832 unternahm Cole seine erste Europareise, die sein Verständnis von Landschaftsmalerei grundlegend erweiterte. In London studierte er die atmosphärischen Effekte J.M.W. Turners, während er in Rom die klassischen Veduten Claude Lorrains analysierte. Besonders faszinierten ihn John Martins apokalyptische Visionen, deren dramatische Lichtregie er später in seine eigenen Werke einfließen ließ.
Diese europäischen Einflüsse verschmolzen mit seiner amerikanischen Perspektive zu einer einzigartigen Bildsprache, die das Erhabene der Neuen Welt mit der kompositorischen Raffinesse der Alten verband. In Italien fertigte Cole zahlreiche Studien antiker Ruinen an, die sein Interesse an der Vergänglichkeit von Zivilisationen weckten – ein Thema, das in seinen späteren Zyklen zentral werden sollte.
Die europäischen Meister lehrten ihn die Bedeutung des „goldenen Lichts“ für die Schaffung idealisierter Landschaften, doch Cole erkannte, dass Amerikas ungezähmte Wildnis eine andere, direktere Behandlung erforderte. Die Spannung zwischen europäischer Tradition und amerikanischer Innovation sollte sein gesamtes weiteres Schaffen prägen.
Höhepunkte der Karriere und Meisterwerke
Die 1830er Jahre markierten Coles künstlerischen Höhepunkt. In dieser Phase entstanden seine ambitioniertesten Projekte, die weit über reine Landschaftsdarstellungen hinausgingen und komplexe philosophische Konzepte visualisierten.
Cole hatte sich zu diesem Zeitpunkt als führender Landschaftsmaler Amerikas etabliert und genoss die Unterstützung wohlhabender Mäzene, die ihm die Freiheit gaben, groß angelegte Serien zu realisieren. Diese Jahre waren geprägt von einer außergewöhnlichen Produktivität und konzeptionellen Kühnheit, die ihn weit über seine Zeitgenossen hinaushob.
The Course of Empire: Eine Zivilisationsparabel
Der Auftrag des Mäzenen Luman Reed für den fünfteiligen Zyklus „The Course of Empire“ (1833-1836) ermöglichte Cole die Umsetzung seiner Vision einer visuellen Geschichtsphilosophie. Die Serie zeigt den Aufstieg und Fall einer fiktiven Zivilisation in fünf Stadien – vom wilden Naturzustand über die pastorale Idylle und den Höhepunkt der Macht bis zur Zerstörung und schließlichen Rückkehr zur Natur.
Jedes Gemälde funktioniert wie ein Akt in einem Drama, wobei Cole durch Lichtstimmung, Architektur und Figurenkomposition die jeweilige Epoche charakterisiert. Die zentrale Position des gleichen Berges in allen fünf Bildern dient als stummer Zeuge der Vergänglichkeit menschlicher Größe.
Der erste Teil, „The Savage State“, zeigt eine wilde Urlandschaft bei Sonnenaufgang mit Jägern in primitiver Kleidung. Im zweiten Bild, „The Arcadian or Pastoral State“, hat sich eine friedliche Hirtengesellschaft etabliert, mit ersten Tempeln und einer harmonischen Verbindung zur Natur. „The Consummation of Empire“ präsentiert den Höhepunkt zivilisatorischer Pracht mit prächtigen Palästen und einer monumentalen Hafenstadt.
Das vierte Gemälde, „Destruction“, zeigt die Katastrophe – brennende Gebäude, einstürzende Brücken und verzweifelte Menschen. Im finalen Bild, „Desolation“, hat die Natur die Ruinen zurückerobert; Mondlicht fällt auf überwucherte Säulen, während Vögel in den verlassenen Tempeln nisten. Diese Sequenz reflektiert Coles Besorgnis über die rasante Entwicklung Amerikas und seine Warnung vor den Gefahren von Hybris und Materialismus.
The Oxbow: Thomas Coles Vision amerikanischer Identität
„The Oxbow“ (1836) gilt als Coles ikonischstes Einzelwerk. Das Gemälde zeigt eine Ansicht vom Mount Holyoke auf den Connecticut River nach einem Gewittersturm. Die Komposition teilt sich dramatisch in zwei Hälften. Links türmen sich dunkle Gewitterwolken über unberührter Wildnis, rechts öffnet sich der Blick auf sonnenbeschienenes, kultiviertes Farmland.
Cole selbst erscheint winzig klein im Vordergrund mit seiner Staffelei – ein Detail, das erst bei genauer Betrachtung auffällt. Diese visuelle Gegenüberstellung funktioniert wie eine stumme Debatte über Amerikas Zukunft zwischen Naturbewahrung und Zivilisationsfortschritt.
Die linke Seite mit ihren zerklüfteten Felsen, entwurzelten Bäumen und bedrohlichen Wolken repräsentiert die sublime, aber gefährliche Wildnis – das Amerika der Vergangenheit. Die rechte Seite hingegen zeigt geordnete Felder, friedliche Siedlungen und einen sanft mäandernden Fluss unter klarem Himmel – die pastorale Vision von Amerikas Zukunft.
Doch Cole lässt offen, welche Seite er bevorzugt. Die zentrale Position seines Selbstporträts, genau an der Schwelle zwischen beiden Welten, macht ihn zum Beobachter und Vermittler dieser fundamentalen Spannung. In den Bäumen der wilden Seite haben einige Kunsthistoriker hebräische Buchstaben entdeckt, die das Wort „Noah“ bilden – ein möglicher Hinweis auf die Sintflut und die Erneuerung der Welt nach der Katastrophe.
Spätwerk und spirituelle Vertiefung
In seinen letzten Lebensjahren vertiefte Cole seine Auseinandersetzung mit spirituellen und allegorischen Themen. Der vierteilige Zyklus „The Voyage of Life“ (1842) führt den Betrachter durch die Lebensalter vom Kindesalter über Jugend und Mannesalter bis zum Greisenalter, wobei jedes Stadium durch spezifische Landschaftselemente und himmlische Erscheinungen charakterisiert wird.
Im ersten Bild, „Childhood“, gleitet ein Baby in einem Boot aus einer dunklen Höhle in eine blühende Landschaft, begleitet von einem Schutzengel. „Youth“ zeigt einen Jüngling, der selbstbewusst auf einen prächtigen Palast am Horizont zusteuert, während der Engel am Ufer zurückbleibt.
In „Manhood“ navigiert ein Mann durch stürmische Gewässer unter bedrohlichem Himmel, während der Engel nur noch als schwache Erscheinung in den Wolken sichtbar ist. Schließlich zeigt „Old Age“ einen Greis, dessen Boot auf ruhigem Wasser einem strahlenden Himmelstor entgegentreibt, wo der Engel ihn erwartet.
Diese Serie war kommerziell erfolgreicher als „The Course of Empire“ und wurde mehrfach reproduziert, was Coles christliche Botschaft einem breiten Publikum zugänglich machte.
Essay on American Scenery: Der Künstler als Theoretiker
Coles 1836 verfasster „Essay on American Scenery“ offenbart seine kunsttheoretischen Überlegungen. Darin argumentiert er leidenschaftlich für den Erhalt der amerikanischen Wildnis und warnt vor den Gefahren ungezügelter Industrialisierung. Diese Schrift zeigt Cole nicht nur als Maler, sondern als frühen Umweltdenker, der die Landschaft als moralische und spirituelle Ressource der Nation verstand.
Seine Worte über die „Erhabenheit unserer Berge“ und die „Schönheit unserer Täler“ lesen sich wie visuelle Beschreibungen seiner eigenen Gemälde und verdeutlichen die enge Verbindung zwischen seinem malerischen und literarischen Schaffen.
Cole beklagte die rapide Abholzung der Wälder und die Verschandelung der Flusslandschaften durch industrielle Anlagen. Er formulierte eine Vision von der amerikanischen Landschaft als Quelle nationaler Identität und moralischer Erneuerung – eine Idee, die später von Thoreau, Emerson und den Transzendentalisten aufgegriffen wurde.
Der Essay etablierte Cole als intellektuelle Autorität und verlieh seiner Kunst eine theoretische Grundlage, die über das rein Ästhetische hinausging. Seine Befürchtung, dass „die verheerenden Hände des Menschen“ die Natur unwiederbringlich zerstören würden, erwies sich als prophetisch und machte ihn zu einem Vorläufer der modernen Umweltbewegung.
Thomas Coles Stilmerkmale
Thomas Coles Malweise zeichnete sich durch eine besondere Synthese aus akribischer Naturbeobachtung und romantischer Überhöhung aus. Seine Bilder funktionieren wie visuelle Erzählungen, in denen jedes Element – vom einzelnen Blatt bis zur Wolkenformation – zur Gesamtwirkung beiträgt. Cole entwickelte einen unverwechselbaren Stil, der die europäische Tradition der idealisierten Landschaft mit der rohen Kraft der amerikanischen Wildnis verband.
Die Detailgenauigkeit seiner Arbeiten ging weit über bloße topografische Dokumentation hinaus. Cole verstand es, durch präzise Beobachtung botanischer und geologischer Details seinen Landschaften Glaubwürdigkeit zu verleihen, während er gleichzeitig durch dramatische Lichtführung und sorgfältig komponierte Bildräume emotionale Tiefe erzeugte.
Seine Farbpalette bewegte sich zwischen erdigen, naturalistischen Tönen für Vordergründe und leuchtenden, fast überirdischen Farben für Himmel und Horizonte. Diese Kontraste verstärkten das Gefühl des Erhabenen, das seine Werke durchzieht. Die Perspektive nutzte er geschickt, um monumentale Raumwirkungen zu erzielen – oft platzierte er den Betrachterstandpunkt erhöht, sodass sich weite Panoramen öffneten, die gleichzeitig Ehrfurcht und Kontemplation einluden.
Besonders charakteristisch für Coles Stil war seine Behandlung des Lichts als narratives Element. In „The Course of Empire“ nutzt er den Lauf der Sonne als metaphorisches Instrument. Der Aufstieg der Zivilisation wird von zunehmend hellerem Tageslicht begleitet, während der Niedergang in Dämmerung und schließlich Mondlicht getaucht ist.
Seine Wolkenformationen sind niemals bloße atmosphärische Effekte, sondern tragen stets symbolische Bedeutung – bedrohliche Türme aus Kumuluswolken kündigen Unheil an, während sanfte Zirruswolken Frieden und Harmonie suggerieren. Cole beherrschte die Kunst, durch Farbtemperatur Stimmungen zu erzeugen. Warme Goldtöne evozieren Nostalgie und pastorale Idylle, während kalte Blau- und Grautöne Melancholie und Vergänglichkeit kommunizieren.
Seine Kompositionen folgen oft klassischen Prinzipien der Staffelung mit dunklem Vordergrund, hellerem Mittelgrund und lichtem Hintergrund, doch er bricht diese Konventionen gelegentlich bewusst, um dramatische Effekte zu erzielen.
Techniken und Materialien
Die technische Grundlage von Coles Schaffen bildete eine sorgfältige Arbeitsweise, die Freilichtmalerei mit Atelierarbeit verband. Seine Praxis begann stets mit ausgedehnten Wanderungen durch die Natur, bei denen er detaillierte Bleistiftskizzen und Ölstudien anfertigte.
Cole trug auf diesen Exkursionen ein handliches Skizzenbuch bei sich, in dem er nicht nur visuelle Eindrücke festhielt, sondern auch literarische Notizen und philosophische Reflexionen niederschrieb. Diese Feldstudien waren für ihn unverzichtbare Referenzmaterialien, die er später im Atelier zu komplexen Kompositionen arrangierte.
Im Atelier übertrug Cole diese Studien auf große Leinwände, wobei er hochwertige Ölfarben in dünnen, transparenten Schichten auftrug. Diese Lasurtechnik ermöglichte ihm subtile Farbübergänge und atmosphärische Effekte, die besonders in seinen Himmeldarstellungen zur Geltung kommen.
Sein charakteristischer Duktus wechselte zwischen feinen, fast unsichtbaren Pinselstrichen für entfernte Bergketten und pastoseren Aufträgen für Vordergrundelemente wie Felsen oder Baumrinde. Die Verbindung von romantischer Vision und handwerklicher Präzision zeigt sich besonders in seiner Behandlung von Wasser – sei es als ruhiger Spiegel in „The Voyage of Life“ oder als tosender Wasserfall in seinen Catskill-Ansichten. Diese technische Virtuosität ermöglichte es Cole, seine philosophischen Konzepte in überzeugende visuelle Formen zu übersetzen.
Cole bereitete seine Leinwände traditionell mit einer warmen, ockerfarbenen Grundierung vor, die durch die oberen Farbschichten hindurchschimmerte und seinen Gemälden jene warme Tönung verlieh, die charakteristisch für die Hudson River School wurde. Er arbeitete in Schichten, wobei er zwischen Mal- und Trocknungsphasen oft Wochen verstreichen ließ, um optimale Ergebnisse zu erzielen.
Für feine Details in Vordergrundbotanik verwendete er feinste Marderhaarpinsel, während er für Himmel und atmosphärische Effekte breitere Borstenpinsel einsetzte. Seine Farbpalette umfasste eine begrenzte Auswahl hochwertiger Pigmente: Bleiweiss, Neapelgelb, verschiedene Erdtöne wie gebrannte und rohe Siena und Umbra, Ultramarin für Himmel und Wasser, sowie Karmesin für Akzente.
Interessanterweise experimentierte Cole auch mit unkonventionellen Techniken wie dem gezielten Auftragen von Firnis in bestimmten Bereichen, um unterschiedliche Glanzgrade zu erzeugen und so die Illusion von Tiefe zu verstärken. Seine Gemälde sind technisch so solide ausgeführt, dass sie bis heute in hervorragendem Zustand erhalten sind, ein Zeugnis seiner handwerklichen Meisterschaft.
Coles Einfluss und Vermächtnis
Thomas Coles Bedeutung für die amerikanische Kunstgeschichte kann kaum überschätzt werden. Er etablierte nicht nur die Landschaftsmalerei als legitime und bedeutungsvolle Kunstform in Amerika, sondern prägte auch nachhaltig, wie Amerikaner ihre eigene Landschaft wahrnahmen und interpretierten.
Vor Cole wurde die amerikanische Natur oft als bedrohliche Wildnis oder bloße Ressource betrachtet; nach ihm wurde sie zur Quelle nationalen Stolzes und spiritueller Erneuerung.
Das Vermächtnis der Hudson River School
Cole wurde zum Gründungsmitglied und geistigen Vater der Hudson River School, auch wenn diese nie eine formelle Institution war, sondern sich organisch um seine Vision formierte. Seine Schüler und Nachfolger, allen voran Frederic Edwin Church und Asher Brown Durand, entwickelten seine Ideen weiter und trugen sie in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Church übernahm Coles Faszination für das Dramatische und Erhabene, steigerte sie jedoch ins Spektakuläre, während Durand den kontemplativen, fast meditativen Aspekt von Coles Naturbetrachtung fortführte. Die Hudson River School wurde zur ersten genuinen amerikanischen Kunstbewegung, die internationale Anerkennung fand und einen eigenen, vom europäischen Einfluss distinkten Stil entwickelte.
Coles Einfluss manifestierte sich nicht nur in direkten stilistischen Nachfolgern, sondern auch in einer breiteren kulturellen Wirkung. Seine Gemälde wurden zu visuellen Argumenten in der Debatte über Amerikas Identität und Zukunft. Die Art, wie er unberührte Wildnis als moralisch überlegen gegenüber zivilisatorischer Entwicklung darstellte, beeinflusste Denker wie Henry David Thoreau und Ralph Waldo Emerson.
Seine Warnung vor der Zerstörung der Natur durch Industrialisierung klang in den späteren Naturschutzbewegungen nach, die zur Gründung der ersten Nationalparks führten. In gewisser Weise schufen Coles Bilder die visuelle Grammatik, mit der Amerikaner über ihre Landschaft sprachen und nachdachten – eine Grammatik, die bis heute in Fotografie, Film und Tourismus nachhallt.
Vom moralischen Gleichnis zur reinen Naturdarstellung
Coles Einfluss reichte über direkte Nachahmung hinaus. Er etablierte die Landschaftsmalerei als eigenständige, philosophisch bedeutsame Kunstform in Amerika. Während europäische Landschaften oft als Hintergründe für mythologische oder religiöse Szenen dienten, machte Cole die amerikanische Natur selbst zum Protagonisten seiner Bilderzählungen.
Diese Erhebung der Landschaft zum Hauptakteur prägte nachhaltig das amerikanische Kunstverständnis und trug zur Entwicklung einer eigenständigen nationalen Kunstidentität bei.
Interessanterweise entwickelte sich die Hudson River School nach Coles Tod in eine Richtung, die er selbst kritisch beäugt hätte. Während Cole stets auf der allegorischen und moralischen Dimension seiner Landschaften bestand, tendierten seine Nachfolger zunehmend zu rein ästhetischen Naturdarstellungen ohne explizite philosophische Botschaft.
Diese Verschiebung von der bedeutungsbeladenen zur „reinen“ Landschaft spiegelt eine breitere kulturelle Entwicklung wider. Während Cole noch in einer Welt lebte, in der Kunst primär als Träger moralischer und spiritueller Wahrheiten verstanden wurde, bewegte sich die amerikanische Gesellschaft zunehmend in Richtung eines säkularen, ästhetizistischen Kunstverständnisses.
Dennoch blieb Coles grundlegende Innovation – die Landschaft als würdiges Hauptthema der Malerei – bestehen und ermöglichte es späteren Künstlern wie Albert Bierstadt, Thomas Moran und den Luminist, ihre eigenen Visionen amerikanischer Natur zu entwickeln. Selbst in der amerikanischen Moderne, bei Künstlern wie Georgia O’Keeffe oder den regionalistischen Malern der 1930er Jahre, lassen sich Echos von Coles grundlegender Überzeugung finden, dass die amerikanische Landschaft ein Spiegel der amerikanischen Seele sei.
Thomas Coles Platz in der Kunstgeschichte
Die eigentliche Leistung Thomas Coles liegt nicht allein in seinen technischen Fähigkeiten oder seiner romantischen Sensibilität – sie liegt in einer revolutionären Idee: dass Landschaft selbst Bedeutung tragen kann. Vor ihm waren Berge, Flüsse und Wälder Kulissen; nach ihm wurden sie zu Akteuren einer nationalen Erzählung. Cole bewies, dass ein Gemälde gleichzeitig präzise Naturbeobachtung und philosophische Meditation sein konnte, dass Schönheit und Botschaft sich nicht ausschließen müssen. Seine Warnung vor der Zerstörung der Wildnis durch menschliche Gier klingt heute aktueller denn je, und seine Vision einer Natur als moralischem Kompass bleibt eine kraftvolle Gegenstimme zum rein ökonomischen Blick auf unsere Umwelt. Thomas Cole starb am 11. Februar 1848 in Catskill, New York, im Alter von 47 Jahren an einer Lungenentzündung.
QUICK FACTS
- 1801-1818: Geboren am 1. Februar in Bolton-le-Moors, England; Emigration mit der Familie in die Vereinigten Staaten im Alter von 17 Jahren
- 1818-1825: Erste künstlerische Ausbildung bei dem Wandermaler Stein in Ohio; Umzug nach Philadelphia und New York; Entwicklung autodidaktischer Fähigkeiten
- 1825-1826: Durchbruch mit Gemälden der Catskill Mountains; Anerkennung durch etablierte Künstler; Wahl in die National Academy of Design
- 1829-1832: Erste Europareise; Studium bei Turner und den Alten Meistern in England und Italien; Entwicklung seiner philosophischen Kunstkonzeption
- 1833-1836: Schaffung des monumentalen Zyklus „The Course of Empire“ im Auftrag von Luman Reed; Verfassung des „Essay on American Scenery“
- 1836-1840: Entstehung ikonischer Einzelwerke wie „The Oxbow“ und „The Architect’s Dream“; zweite Europareise (1841-1842)
- 1842-1848: Vollendung des Zyklus „The Voyage of Life“; Arbeiten an religiösen Themen wie „Garden of Eden“ und „Expulsion from Eden“