Mike Kelley

Mike Kelley

In Detroit, einer Stadt, die vom Rhythmus der Autofabriken lebte, wuchs in den späten fünfziger Jahren ein Kind auf, das später die amerikanische Gegenwartskunst mit gebrauchten Kuscheltieren und Architekturmodellen aus Pappmaché verunsichern sollte. Mike Kelley kam aus einer Welt strenger katholischer Rituale und unterdrückter Emotionen, aus Arbeitervierteln, in denen Vorlieben und Ängste hinter geschlossenen Türen blieben. Was ihn zur Kunst trieb, war weniger der Wunsch nach Ausdruck als eine Neugier auf das Verdrängte, auf jene Dinge, die eine Gesellschaft lieber nicht anschaut. Er wurde zu einem Künstler, der Pop und Psychoanalyse, Punk und Philosophie zusammenzwang, ohne je eine Versöhnung anzubieten.

Wichtige Werke und Ausstellungen

Kelleys Schaffen bewegte sich durch Installationen, Skulpturen, Zeichnungen, Videos und Klangarbeiten, oft innerhalb eines einzigen Projekts. Wiederkehrend sind Auseinandersetzungen mit Kindheit, Erinnerung und den Institutionen, die beides formen, Schulen, Kirchen, Familien. Seine Arbeiten greifen in kulturelle Ablagerungen, in das, was übrig bleibt, wenn Rituale ihren Sinn verloren haben, und machen daraus etwas Beunruhigendes, das sich nicht leicht einordnen lässt.

  • More Love Hours Than Can Ever Be Repaid and The Wages of Sin (1987) – Whitney Museum of American Art, New York
  • Half-a-Man (1987–1991) – Privatbesitz
  • Pay for Your Pleasure (1988) – Museum of Contemporary Art (MOCA), Los Angeles
  • Deodorized Central Mass with Satellites (1991–1999) – Pinault Collection, Venedig
  • Educational Complex (1995) – Whitney Museum of American Art, New York
  • Kandor 10A (1999–2011) – Centre Pompidou, Paris
  • Day Is Done (2005) – LUMA Foundation, Arles
  • Mobile Homestead (2013) – Museum of Contemporary Art Detroit, Detroit

Mike Kelleys künstlerische Entwicklung

Mike Kelleys künstlerischer Weg lässt sich nicht als geradlinige Karriere beschreiben. Er bewegte sich ständig zwischen Medien, Disziplinen und kulturellen Registern, von Punk-Konzerten über Universitätsgebäude aus Pappmaché bis hin zu Superman-Städten aus Glas. Was diese Arbeiten verbindet, ist eine beharrliche Auseinandersetzung mit dem, was eine Gesellschaft verdrängt, und den Orten, an denen sich dieses Verdrängte ablegt.

Kindheit in Michigan und künstlerische Ausbildung am CalArts

Die frühen Jahre von Mike Kelley prägten sein späteres Werk auf eine Weise, die er selbst immer wieder reflektierte. Er wuchs in Wayne auf, einer Arbeiterstadt nahe Detroit, in einer streng katholischen Familie. Sein Vater arbeitete vermutlich als Hausmeister im Schulsystem, seine Mutter als Köchin bei Ford. Diese Herkunft, die Enge religiöser Moral, die Rituale des Schulalltags, die Vorlieben und Ängste einer amerikanischen Arbeiterfamilie, wurde zum Rohstoff seiner Kunst. Kelley sprach später oft davon, wie sehr ihn das Gefühl geprägt habe, in einer Kultur aufzuwachsen, die emotionale Ehrlichkeit systematisch unterdrückt.

Studium und prägende Lehrer in Kalifornien

Nach einem Grundstudium der bildenden Kunst an der University of Michigan in Ann Arbor zog Kelley nach Kalifornien. Dort absolvierte er 1978 den Master of Fine Arts am California Institute of the Arts (CalArts), einer Hochschule, die in den siebziger Jahren zum Experimentierfeld für Konzeptkunst, Feminismus und interdisziplinäre Praxis wurde. Zu seinen prägenden Lehrern gehörten John Baldessari, dessen nüchterne Konzeptkunst den Umgang mit Bildern und Bedeutung radikal hinterfragte, Douglas Huebler, der die Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion erforschte, sowie Miriam Schapiro, die als Pionierin feministischer Kunst den Wert handwerklicher und als „weiblich“ abgewerteter Techniken ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückte.

Diese drei Einflüsse, konzeptuelle Strenge, die Frage nach dem Dokumentarischen und die Aufwertung marginalisierter Materialien, lassen sich durch Kelleys gesamtes Werk verfolgen.

Destroy All Monsters und die Punk-Szene als Kunstform

Schon vor seinem Studium am CalArts bewegte sich Kelley zwischen verschiedenen Kunstformen. In den frühen siebziger Jahren war er Mitbegründer der Band Destroy All Monsters, zusammen mit Jim Shaw, Cary Loren und Niagara. Die Gruppe verband Noise-Musik, Performance und visuelle Collage zu einer Form, die sich bewusst jeder Kategorisierung entzog. Der Name, entlehnt aus einem japanischen Monsterfilm, war Programm. Es ging um Lärm, um das Zerstören kultureller Hierarchien, um die Energie des Punk als künstlerische Haltung.

Diese Erfahrung blieb für Kelleys gesamtes Schaffen entscheidend. Die Verbindung von Sonic (Klang und Musik) mit visueller Kunst, die Lust an der Provokation und die Überzeugung, dass sogenannte „niedere“ Kultur genauso viel Bedeutung tragen kann wie die Werke in Museen, all das wurzelt in den Jahren mit Destroy All Monsters. Viele seiner späteren Installationen kombinieren Klang, Video und performative Elemente. Kelleys Inszenierung von Raum funktionierte oft wie ein Konzert, bei dem mehrere Sinne gleichzeitig angesprochen werden.

Plüschtiere als Kunstwerk und die Sprache verdrängter Erinnerung

In den 1980er Jahren entwickelte Kelley seine charakteristische Bildsprache. Er begann, gebrauchte Plüschtiere, Häkeldecken und Stoffpuppen aus Flohmärkten und Secondhand-Läden zu sammeln und in großformatige Installationen zu verwandeln. Was auf den ersten Blick wie eine sentimentale Geste wirkt, entpuppte sich als scharfe kulturelle Analyse.

More Love Hours Than Can Ever Be Repaid

Das Schlüsselwerk dieser Phase ist More Love Hours Than Can Ever Be Repaid and The Wages of Sin von 1987. Die Installation zeigt eine chaotische, fast erdrückende Ansammlung von Kuscheltieren und handgefertigten Decken auf einer großen Leinwand, daneben einen Block aus geschmolzenen Kerzen. Der Titel verweist auf die unsichtbare emotionale Arbeit, die in jedem handgemachten Geschenk steckt, und auf die Schuld, die entsteht, wenn solche Zuwendung nicht angemessen erwidert werden kann.

Kelley selbst wehrte sich vehement gegen die Lesart, seine Arbeiten mit Stofftieren seien Ausdruck persönlicher Traumata. Er betonte, dass ihn die gesellschaftliche Projektion auf diese Objekte interessierte, nicht seine eigene Kindheit. Trotzdem hielt sich die psychologisierende Deutung hartnäckig, was Kelley zunehmend frustrierte und paradoxerweise zu noch intensiverer Beschäftigung mit dem Thema führte.

Das Abjekte und das Unheimliche in Kelleys Objektwelt

Die theoretische Dimension dieser Arbeiten reicht tief. Kelley griff bewusst auf Konzepte der Psychoanalyse zurück, insbesondere auf Julia Kristevas Begriff des Abjekten (also jenes Ekelhafte oder Verworfene, das eine Gesellschaft ausgrenzen muss, um ihre Ordnung aufrechtzuerhalten). Gebrauchte Stofftiere, fleckige Decken, Objekte mit den Spuren menschlicher Benutzung, all das gehört in diese Kategorie.

Gleichzeitig arbeiten diese Installationen mit dem Prinzip des Unheimlichen, einem Begriff aus Sigmund Freuds gleichnamigem Essay. Das Vertraute, etwa ein Teddybär, wird durch den Kontext des Museums und die Inszenierung plötzlich fremd und bedrohlich. Kelley machte diesen Kippmoment zum Werkzeug. Seine Arbeiten erzeugen ein Unbehagen, das sich nicht leicht einordnen lässt, ein Gefühl wie in einem Haus, in dem alle Möbel leicht verrückt stehen.

Erinnerungsräume, Architekturmodelle und Institutionskritik

In den 1990er Jahren wandte sich Kelley verstärkt komplexen Rauminstallationen zu, die Architektur als Speicher von Erinnerung und Macht untersuchten. Das zentrale Werk dieser Phase ist Educational Complex von 1995, ein weißes Architekturmodell, das sämtliche Schulen und Universitäten, die Kelley besucht hatte, zu einem einzigen labyrinthischen Gebäude verschmilzt.

Educational Complex als Analyse von Erinnerung und Macht

Die Besonderheit dieses Modells liegt in seinen Leerstellen. Alle Bereiche, an die sich Kelley nicht erinnern konnte, ließ er als leere weiße Blöcke stehen. Diese Lücken funktionieren als physische Metapher für verdrängte Erinnerung. Kelley verknüpfte diese Idee bewusst mit der damals kontrovers diskutierten Debatte um das „Recovered Memory Syndrome“ (die Vorstellung, dass therapeutisch wiedergewonnene Erinnerungen an Missbrauch zuverlässig seien).

Statt eine Position zu beziehen, legte er die Mechanismen offen, durch die Institutionen wie Schulen, Kirchen oder Familien Erinnerung formen und kontrollieren. Educational Complex ist damit ein Werk der Institutionskritik (also der künstlerischen Hinterfragung von Machtstrukturen innerhalb kultureller Einrichtungen), das nicht mit dem Zeigefinger arbeitet, sondern mit architektonischem Modellbau.

Kollaborationen mit Paul McCarthy, Tony Oursler und Jim Shaw

Ein wesentlicher Teil von Kelleys Praxis bestand in der Zusammenarbeit mit anderen Künstlern. Mit Paul McCarthy realisierte er zwischen 1992 und 2004 mehrere Videoprojekte und Performances, darunter die verstörende Heidi-Serie, in der alpine Heimatfilme mit Szenen von Almhütten und Ziegen in Albtraumszenarien verwandelt werden. Die beiden teilten eine Faszination für den Teufel im Detail der amerikanischen Unterhaltungskultur, für die Dämonen, die unter der harmlosen Oberfläche von Familienunterhaltung lauern.

Mit Tony Oursler arbeitete Kelley an Projektionen und Videopuppen, die das Motiv des sprechenden Objekts weiterentwickelten. Und Jim Shaw, sein alter Weggefährte aus der Destroy All Monsters-Zeit, blieb ein lebenslanger Gesprächspartner, dessen eigene Beschäftigung mit amerikanischen Subkulturen und religiösen Bildwelten Kelleys Denken ergänzte. Diese Kollaborationen waren keine Nebenprojekte. Sie verweisen auf Kelleys Überzeugung, dass künstlerische Praxis kein einsames Genieprojekt ist, sondern aus Austausch entsteht.

Das Kandor-Projekt und die Architektur der Sehnsucht

Ab 1999 begann Kelley mit einer Serie, die ihn bis zu seinem Tod beschäftigte. Das Kandor-Projekt greift die fiktive Stadt Kandor auf, Supermans Geburtsstadt auf dem Planeten Krypton, die in den DC-Comics von einem Bösewicht geschrumpft und in eine Flasche gesperrt wird. Superman bewahrt sie in seiner Festung der Einsamkeit auf, unfähig, sie wiederherzustellen.

Kelley baute verschiedene Versionen dieser Stadt als farbige Glasskulpturen und beleuchtete Architekturen nach, jede basierend auf einer anderen Darstellung aus den Comics. Kandor 10A, eine dieser Versionen, zeigt die Stadt als leuchtende, organische Form unter einer Glasglocke. Das Bild ist gleichzeitig poetisch und verstörend, eine eingefangene Welt, die wie ein Ghost (ein Geist, ein Nachhall) einer verlorenen Heimat wirkt.

Kelley nutzte Superman als Metapher für die unmögliche Sehnsucht, eine idealisierte Vergangenheit zu bewahren. Die Kandor-Serie verbindet Popkultur, Science-Fiction und psychoanalytische Theorie zu einer Meditation über Verlust, Erinnerung und die Grenzen der Wiederherstellung.

Kelleys Schriften und theoretische Arbeit

Kelley war weit mehr als ein Künstler, der Objekte herstellt. Er war ein produktiver Autor und Kritiker, dessen Essays, Vorträge und Interviews ein eigenständiges Werk bilden. Seine Texte, gesammelt unter anderem in den Bänden „Foul Perfection“ und „Minor Histories“, behandeln Themen von der Ästhetik des Karnevals über die Architektur von Einkaufszentren bis zur Kulturgeschichte des Geisterhaften (Spirit).

Kelley schrieb mit analytischer Schärfe und einem trockenen Humor, der seine Texte weit über den Rahmen üblicher Künstlerschriften hinaushebt. Diese theoretische Arbeit stand in direktem Austausch mit seiner Kunstpraxis. Viele Werkserien entstanden aus essayistischen Überlegungen heraus, und umgekehrt führten Installationen zu neuen textlichen Reflexionen.

Day Is Done und die Rituale amerikanischer Schulkultur

Ab Mitte der 2000er Jahre realisierte Kelley zunehmend große, multimediale Projekte. Day Is Done von 2005 ist eine monumentale Video- und Soundinstallation, die aus Fotografien von Schulveranstaltungen in amerikanischen Jahrbüchern entwickelt wurde. Kelley nahm diese scheinbar harmlosen Bilder, Schulaufführungen, Kostümfeste, Sportveranstaltungen, und verwandelte sie in düstere, ritualhafte Szenen. Die Arbeit behandelt die verborgenen Machtstrukturen und emotionalen Zwänge hinter der Fassade schulischer Gemeinschaftsrituale.

Mobile Homestead als Rückkehr nach Detroit

Mobile Homestead, posthum im Mai 2013 in Detroit eingeweiht, bildet den Schlusspunkt seines Werkes. Kelley ließ eine maßstabsgetreue Nachbildung seines Elternhauses in Wayne anfertigen, ein einfaches Arbeiterhaus, das als mobiles Kunstzentrum durch Detroit fuhr und schließlich vor dem Museum of Contemporary Art Detroit seinen festen Platz fand. Das Haus funktioniert auf mehreren Ebenen. Oberirdisch dient es als öffentlicher Versammlungsraum. Unterirdisch verbergen sich Kammern, die nur für ausgewählte Kunstprojekte zugänglich sind. Diese Aufteilung zwischen sichtbar und verborgen, zwischen öffentlichem Leben und verdrängter Erinnerung, fasst Kelleys lebenslanges Thema in einer einzigen Architektur zusammen.

Stilmerkmale von Mike Kelley

Mike Kelleys Werk entzieht sich jeder einfachen Zuordnung. Was seine Arbeiten verbindet, ist weniger ein visueller Stil als eine Haltung, die sich durch alle Medien zieht.

Zentral ist die Arbeit mit gefundenen und gebrauchten Objekten, eine Praxis, die in der Kunstgeschichte als Bricolage (also das Zusammenbauen aus vorhandenen, oft zweckentfremdeten Materialien) oder Assemblage (die Verbindung verschiedenartiger Fundstücke zu einem Kunstwerk) bezeichnet wird. Kelley wählte seine Materialien gezielt nach ihrem kulturellen Gewicht aus. Ein gebrauchtes Stofftier trägt Spuren von Zuwendung und Abnutzung, die kein neu gekauftes Objekt besitzt. Diese emotionale Aufladung nutzte er als Rohmaterial.

Gleichzeitig durchzieht eine gezielte Konfrontation von sogenannter Hochkultur und populärer Alltagskultur sein gesamtes Schaffen. Comics stehen neben psychoanalytischer Theorie, Punk-Ästhetik neben Museumsarchitektur. Diese Strategie der Postmoderne, also der bewussten Auflösung kultureller Hierarchien, war bei Kelley keine intellektuelle Pose, sondern Ausdruck seiner Herkunft. Er kannte beide Welten und misstraute beiden gleichermaßen. Seine Ironie wirkt nie zynisch, eher wie ein trockenes Achselzucken angesichts der Widersprüche, die eine Gesellschaft lieber nicht anschaut.

Techniken und Materialien

Die materielle Vielfalt in Kelleys Werk spiegelt seine Überzeugung, dass kein Material von Natur aus „künstlerischer“ ist als ein anderes. Diese anti-hierarchische Haltung, in der Kunsttheorie als Anti-Ästhetik bezeichnet, bestimmt seine Materialwahl.

Kelley arbeitete mit Zeichnung, Skulptur, Video, Sound, Fotografie, Architekturmodellen und großformatigen Rauminstallationen. Die Zeichnung nahm dabei eine eigenständige Rolle ein, nicht als Vorstudie, sondern als vollwertiges Medium, in dem er Ideen oft direkter und spontaner formulierte als in seinen Installationen. Besonders typisch ist der Einsatz von Textilien, gebrauchten Kuscheltieren, Häkelarbeiten und handgefertigten Decken, die er von Flohmärkten und aus Secondhand-Läden bezog.

Diese Alltagsmaterialien wurden durch die Inszenierung im Ausstellungsraum zu Bedeutungsträgern. Kelley nutzte Appropriation (also die bewusste Aneignung und Umkontextualisierung bereits vorhandener Bilder, Objekte oder kultureller Zeichen) als grundlegende Methode. Er nahm Dinge aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang und setzte sie in einen neuen Rahmen, der ihre verborgenen Bedeutungen sichtbar machte.

Kelleys Einfluss und Vermächtnis

Mike Kelleys Wirkung auf die zeitgenössische Kunst lässt sich an konkreten Entwicklungen ablesen. Seine Methode, Alltagsobjekte nicht als Ready-Mades im Sinne Marcel Duchamps, sondern als emotional und kulturell aufgeladene Bedeutungsträger einzusetzen, wurde von zahlreichen Künstlern der folgenden Generation aufgegriffen.

Wirkung auf die Abject Art und jüngere Künstlergenerationen

Kelleys Arbeiten der späten 1980er und frühen 1990er Jahre trugen wesentlich zur Entstehung dessen bei, was 1993 im Whitney Museum unter dem Begriff Abject Art (Kunst des Verworfenen, des körperlich Abstoßenden) ausgestellt wurde. Die Ausstellung „Abject Art. Repulsion and Desire in American Art“ verwies direkt auf Kelleys Umgang mit dem Verworfenen und Verdrängten. Künstler wie Cady Noland, Rachel Harrison oder Thomas Hirschhorn entwickelten eigene Ansätze, die ohne Kelleys Vorarbeit in der Verbindung von billigen Materialien, kultureller Analyse und emotionaler Aufladung schwer denkbar wären.

Auch als Lehrer am Art Center College of Design in Pasadena prägte Kelley eine Generation von Kunststudierenden. Seine Lehre betonte, dass künstlerische Arbeit immer auch intellektuelle Arbeit ist, dass Lesen, Schreiben und Diskutieren ebenso zur Praxis gehören wie das Arbeiten im Atelier.

Retrospektiven und Rezeption nach Kelleys Tod

Nach seinem Tod am 31. Januar 2012 organisierte das Stedelijk Museum in Amsterdam eine umfassende Retrospektive, die anschließend durch den Centre Pompidou in Paris und das Museum of Contemporary Art in Los Angeles wanderte. Der Münchner Hirmer Verlag publizierte begleitende Kataloge, die Kelleys Werk für ein europäisches Publikum erschlossen.

Die Ausstellungen zeigten die enorme Breite seines Schaffens und machten deutlich, wie eng Theorie und Praxis in seinem Werk verwoben waren. Der amerikanische Kurator und Kritiker John C. Welchman und die Kunsthistorikerin Ann Goldstein gehörten zu den wichtigsten Stimmen, die Kelleys Werk systematisch aufarbeiteten und kontextualisierten.

Mike Kelley Platz in der Kunstgeschichte

Mike Kelleys Bedeutung für die Kunstgeschichte liegt in der Verbindung von scheinbar unvereinbaren Welten. Er zeigte, dass Plüschtiere und Psychoanalyse, Punk und Philosophie, Schuljahrbücher und Institutionskritik in ein und demselben Werk zusammenfinden können, ohne sich gegenseitig zu neutralisieren.

Seine Methode, das Verdrängte und Verworfene einer Gesellschaft durch alltägliche Objekte sichtbar zu machen, eröffnete einen Weg, den Künstler wie Paul McCarthy, Thomas Hirschhorn und Rachel Harrison auf je eigene Weise weitergingen. Kelley prägte die Sprache der postmodernen Installation und bewies, dass Kunst gleichzeitig intellektuell anspruchsvoll und emotional zugänglich sein kann. Mike Kelley starb am 31. Januar 2012 in South Pasadena, Kalifornien, im Alter von 57 Jahren.

QUICK FACTS

  • 1954: Geburt in Wayne, Michigan, in einer katholischen Arbeiterfamilie nahe Detroit
  • 1973–1976: Mitbegründer der Noise-Band Destroy All Monsters mit Jim Shaw, Cary Loren und Niagara; Studium an der University of Michigan in Ann Arbor
  • 1976–1978: Master of Fine Arts am California Institute of the Arts (CalArts); Studium bei John Baldessari, Douglas Huebler und Miriam Schapiro
  • 1987–1991: Durchbruch mit Installationen aus Plüschtieren und Textilien, darunter More Love Hours Than Can Ever Be Repaid und die Serie Half-a-Man
  • 1992–2004: Kollaborationen mit Paul McCarthy, darunter die Heidi-Videoprojekte; Zusammenarbeit mit Tony Oursler
  • 1995: Educational Complex verbindet Architekturmodell und Erinnerungstheorie
  • 1999–2011: Arbeit am Kandor-Projekt, einer Serie von Glasskulpturen nach Supermans fiktiver Heimatstadt
  • 2005: Day Is Done, monumentale Video- und Soundinstallation auf Basis amerikanischer Schuljahrbücher
  • 2007: Verleihung des Wolfgang-Hahn-Preises für zeitgenössische Kunst
  • 2012: Tod am 31. Januar in South Pasadena, Kalifornien; Mobile Homestead wird 2013 posthum in Detroit eingeweiht

Erwähnte Künstler

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