Marlene Dumas

Marlene Dumas

Es gibt Maler, die vom Sehen her kommen, und solche, die vom Wissen her malen. Marlene Dumas gehört zu keiner der beiden Gruppen. Ihre Bilder entstehen aus einer Unruhe, die sich weder im Auge noch im Kopf beruhigen lässt. Geboren 1953 in der Nähe von Kapstadt, aufgewachsen unter dem Apartheid-System, das Körper nach Hautfarbe sortierte, zog sie 1976 nach Amsterdam und blieb. Die figurative Malerei, die sie seither entwickelt, kreist um Geburt und Tod, um Liebe und Trauer, um Geschlechterbeziehungen und das Politische im Porträt. Ein Foto reicht ihr als Ausgangspunkt, doch was auf der Leinwand entsteht, hat die Vorlage längst hinter sich gelassen.

Wichtige Werke und Ausstellungen

Ihr Schaffen bewegt sich zwischen kleinen Papierarbeiten und raumgreifenden Leinwänden, zwischen Einzelporträts und Gruppenporträts, die sich zu thematischen Serien fügen. Die Gattungen wechseln, doch die Haltung bleibt: eine Befragung des Körpers, der Haut, des Blicks. Erotik und Verletzlichkeit, Unschuld und Verstörung liegen in diesen Bildern oft dicht beieinander, ohne dass die Malerei eine Auflösung anböte.

 

  • Jule-die Vrou (1985) – Privatbesitz
  • The Schoolboys (1987) – Privatbesitz
  • The Image as Burden (1993) – Stedelijk Museum, Amsterdam
  • Models (1994) – Privatbesitz
  • The Visitor (1995) – Privatbesitz
  • Miss January (1997) – Sammlung Rubell, Miami
  • Measuring Your Own Grave (2003) – Museum of Modern Art, New York
  • Tronies (2010) – Haus der Kunst, München

Marlene Dumas' künstlerische Entwicklung

Dumas‘ Weg vom Kunststudium in Kapstadt über die konzeptuellen Ateliers ’63 in Haarlem bis zur international ausstellenden Malerin in Amsterdam verlief keineswegs geradlinig. Zwischen Abstraktion, Collage und figurativer Malerei suchte sie über Jahre nach einer eigenen Sprache. Erst die bewusste Entscheidung, Fotografien als Ausgangsmaterial zu nutzen und die menschliche Figur ins Zentrum zu stellen, gab ihrem Werk die Richtung, die es bis heute prägt.

 

Lehrjahre zwischen Kapstadt und Amsterdam

Marlene Dumas wuchs in der Nähe von Kapstadt auf und studierte von 1972 bis 1975 visuelle Kunst an der University of Cape Town, wo sie ihren Abschluss als Bachelor of Arts erwarb. Bereits in dieser Phase arbeitete sie mit Zeichnungen, Collagen und Malerei. Die menschliche Figur war von Anfang an ihr zentrales Motiv.

 

Apartheid als prägender Hintergrund

Die politische Realität des Apartheid-Systems in Südafrika bildete einen Hintergrund, der sich nicht ausblenden ließ. Auch wenn Dumas dieses Thema selten direkt illustrierte, flossen die Spannungen zwischen Hautfarbe, Identität und gesellschaftlicher Struktur in ihre Arbeit ein. In späteren Interviews beschrieb sie, wie das Aufwachsen in einem System rassistischer Klassifizierung ihren Blick auf Körper, Haut und das Politische im Porträt schärfte.

 

Diese Erfahrung bildet eine Grundschicht ihres gesamten Werks, auch wenn sie sich nie auf eine einzige politische Botschaft festlegen ließ. Obwohl sie ihre Karriere in Europa aufbaute, bleibt die Verbindung zu Südafrika, von Kapstadt bis Johannesburg, ein wiederkehrender Bezugspunkt in der Rezeption ihres Werks.

 

Studium an den Ateliers ’63 und die europäische Avantgarde

1976 zog Dumas in die Niederlande und setzte ihre Ausbildung an den Ateliers ’63 in Haarlem fort, einer experimentellen Kunstakademie, die weniger auf technische Schulung als auf konzeptuelle Auseinandersetzung setzte. Dort begegnete sie Lehrern wie Jan Dibbets und Ger van Elk, die der Konzeptkunst nahestanden. In dieser Umgebung experimentierte sie mit abstrakter Malerei, Photocollagen und linearen Bildformen.

 

Gleichzeitig studierte sie Ende der 1970er-Jahre Psychologie an der Universität Amsterdam. Obwohl sie dieses Studium nicht abschloss, beeinflusste es ihren Blick auf Wahrnehmung, Projektion und die Rolle des Betrachters. Diese Themen haben in ihrer Malerei eine durchgehende Spur hinterlassen.

 

Die Rückkehr zur Figur und der Umgang mit Fotografie

Die konzeptuellen Experimente blieben eine Übergangsphase. Ab den frühen 1980er-Jahren kehrte die figurative Darstellung in Dumas‘ Werk zurück und wurde zum bleibenden Kern ihrer Kunst. Entscheidend war dabei ihr Umgang mit Fotografie. Anders als viele Maler, die Fotos als neutrale Vorlage nutzen, interessierte Dumas sich für die Spannung zwischen dem fotografischen Bild und seiner malerischen Übersetzung.

 

Sie sammelte systematisch Pressebilder, Filmstills, Polaroids und private Aufnahmen und baute daraus ein persönliches Bildarchiv auf, das ihr als Reservoir diente.

 

Das Bildarchiv als künstlerische Praxis

Dieses Archiv funktioniert wie ein visuelles Tagebuch. Dumas wählte Bilder nicht nach dokumentarischer Genauigkeit, sondern nach emotionaler Aufladung aus. Ein Zeitungsausschnitt eines toten Körpers konnte neben einem Babyfoto liegen, ein Filmstill neben einem Polaroid der eigenen Tochter. In der Übertragung auf Leinwand oder Papier veränderte sie Ausschnitt, Farbe und Format so, dass das ursprüngliche Foto seine Herkunft verlor und etwas Neues entstand. Diese Methode der Appropriation, also der bewussten Aneignung vorgefundener Bilder, wurde zum Motor ihres Schaffens.

 

Marlene Dumas‘ Zitate und Texte als Teil des Werks

Eine Besonderheit, die Dumas von vielen Malern unterscheidet, liegt in der Rolle von Text und Sprache in ihrem Werk. Ihre Titel sind selten beschreibend, sondern laden das Bild mit zusätzlicher Bedeutung auf. Ein Gemälde wie „The Image as Burden“ erzählt durch seinen Titel eine zweite Geschichte über die Last des Bildes selbst.

 

Dumas schreibt Texte, Essays und poetische Kommentare, die sie als gleichwertigen Teil ihrer Kunst versteht. In Katalogen und Ausstellungen stehen diese Texte neben den Gemälden und öffnen einen Raum, in dem Bild und Wort sich gegenseitig befragen.

 

Wiederkehrende Motive zwischen Geburt, Sexualität und Tod

Im Lauf der 1980er- und 1990er-Jahre kristallisierten sich Motivgruppen heraus, die Dumas‘ Werk bis heute durchziehen. Babys, Leichen, erotische Körper, historische Figuren wie Pier Paolo Pasolini oder Ulrike Meinhof – sie alle tauchen in wechselnden Konstellationen auf. Die Malerin behandelt diese Motive nicht illustrativ. Ein Baby kann ebenso verletzlich wie unheimlich wirken, ein toter Körper ebenso würdevoll wie verstörend. Diese bewusste Erzeugung von Ambiguität, also der Vieldeutigkeit eines Bildes, das zwischen Schlaf und Tod, Opfer und Täter, Zärtlichkeit und Gewalt schwankt, gehört zu den Grundprinzipien ihres Schaffens.

 

Internationale Anerkennung und große Ausstellungen

Seit den 1980er-Jahren wurden Dumas‘ Werke in wichtigen Gruppenausstellungen und Einzelpräsentationen gezeigt. Sie nahm an der documenta in Kassel und an der Biennale von Venedig teil. Große Retrospektiven fanden im Stedelijk Museum Amsterdam, im Centre Pompidou in Paris, in der Tate Modern in London und der Fondation Beyeler in Basel statt.

 

Die Galerie Paul Andriesse in Amsterdam und die Galerie Zeno X in Antwerpen begleiteten ihre Karriere über Jahrzehnte. Auch Galerist Jack Tilton in New York spielte eine frühe Rolle bei der Vermittlung ihres Werks in den USA. Ihre Gemälde befinden sich heute in zahlreichen internationalen Sammlungen und Museen, von der Kunsthalle in Kiel bis zu Privatsammlungen weltweit.

 

Stilmerkmale von Marlene Dumas

Dumas‘ Malstil und Technik entziehen sich einfachen Kategorien. Ihr Werk verbindet figurative Darstellung mit einer malerischen Freiheit, die an Abstraktion grenzt, ohne den Bezug zum menschlichen Körper je aufzugeben.

 

Ihre Porträts zeigen Gesichter und Körper, die weniger realistisch abgebildet als emotional verdichtet sind. Die Figuren tragen selten individualisierte Züge, stattdessen arbeitet Dumas mit dem Typischen, dem Archetypischen, manchmal dem Klischeehaften, um es dann zu unterlaufen. Der Bildausschnitt spielt dabei eine zentrale Rolle. Oft fragmentiert sie den Körper, zeigt nur einen Kopf, eine Hand, einen Torso.

 

Diese Ausschnitte erzeugen eine Nähe, die gleichzeitig Distanz schafft, weil dem Betrachter das vollständige Bild verweigert wird. Ihre Farbpalette ist charakteristisch reduziert und wurde wiederholt als „schmutzig“ beschrieben, gebrochene Hauttöne, verwässerte Blau- und Grautöne, die sich mit dunklen Akzenten mischen. Themen wie Intimität, Schuld, Sexualität und gesellschaftliche Rollen durchziehen das Werk.

 

Dumas malt keine Geschichten im traditionellen Sinn, aber ihre Figuren erzählen durch Haltung, Blick und die Art, wie Farbe auf ihren Körpern liegt. Die Spannung zwischen Schönheit und Verstörung, zwischen Anziehung und Abwehr, ist dabei kein Nebeneffekt, sondern Programm.

 

Techniken und Materialien

Die technische Seite von Dumas‘ Arbeit ist untrennbar mit der emotionalen Wirkung ihrer Bilder verbunden. Werkzeuge und Verfahren dienen keinem Selbstzweck, sondern formen den Ausdruck.

 

Dumas arbeitet mit Öl auf Leinwand sowie mit Tusche und Aquarell auf Papier. Für ihre Papierarbeiten nutzt sie häufig Lavierung (Ink Wash), also das Auftragen stark verdünnter Tusche, die in unkontrollierbaren Rinnsalen über das Papier läuft. Die sogenannte Wet-on-wet-Technik, bei der Farben nass in nass ineinander verlaufen, erzeugt weiche Übergänge und zufällige Formbildungen. Manche Passagen wirken alla prima gemalt, also in einem Zug ohne Übermalung, was den Bildern eine Direktheit verleiht, die an Skizzen erinnert.

 

Charakteristisch ist auch ihr physischer Malprozess. Dumas arbeitet häufig mit der Leinwand flach auf dem Boden liegend, sodass die verdünnten Farben frei fließen und der Zufall mitgestaltet. Die Zeichnung steht in ihrem Gesamtwerk als eigenständiges Medium neben der Malerei. Ihre Zeichnungen und Aquarelle sind keine Vorstudien, sondern vollwertige Arbeiten, die oft in großen Serien wie „Models“ zusammengefasst werden.

 

Die Formate variieren gezielt, von kleinformatigen Papierarbeiten, die man in der Hand halten könnte, bis zu raumgreifenden Leinwänden, die den Betrachter körperlich konfrontieren.

 

Dumas‘ Einfluss und Vermächtnis

Marlene Dumas hat die figurative Malerei ab den 1990er-Jahren in eine Richtung gelenkt, die weder dem Fotorealismus noch der expressionistischen Tradition folgte. Ihr spezifischer Beitrag liegt in der Verbindung von fotografischem Ausgangsmaterial mit einer Malweise, die das Foto gleichzeitig nutzt und auflöst.

 

Wirkung auf eine jüngere Generation von Malern

Maler wie Luc Tuymans, Peter Doig und Elizabeth Peyton haben sich in unterschiedlicher Weise mit der Frage auseinandergesetzt, wie Fotografie und Malerei zusammenwirken. Dumas‘ Praxis, aus einem persönlichen Bildarchiv heraus zu arbeiten und die Vorlage durch den Malakt zu transformieren, wurde für viele jüngere Künstlerinnen und Künstler zu einem Orientierungspunkt.

 

Besonders ihr Umgang mit dem weiblichen Körper, der weder idealisiert noch voyeuristisch ausgestellt wird, hat Malerinnen wie Celia Hempton oder Chantal Joffe beeinflusst. Auch die Art, wie Dumas Gruppenporträts und Serien konzipiert, also nicht als Variation eines Motivs, sondern als Befragung eines Themas aus wechselnden Blickwinkeln, hat Spuren hinterlassen.

 

Dumas‘ Rolle auf dem internationalen Kunstmarkt

Die Preisentwicklung von Dumas‘ Kunstwerken spiegelt ihre wachsende Bedeutung wider. Als „The Visitor“ 2008 bei einer Auktion für über 6 Millionen Dollar versteigert wurde, machte dies Dumas zeitweilig zur teuersten lebenden Künstlerin. Dieser Marktrekord lenkte den Blick auf die grundsätzliche Unterrepräsentation von Frauen im oberen Segment des Kunstmarkts und gab der Diskussion über Geschlechterbeziehungen im Kunstbetrieb neue Sichtbarkeit.

 

Ihr Galerist Paul Andriesse in Amsterdam und die langjährige Zusammenarbeit mit Zeno X Gallery prägten die Vermittlung ihres Werks in Europa. Die Fotografin Carel Garnatz dokumentierte Dumas bei der Arbeit und trug so zur visuellen Wahrnehmung ihres Malprozesses bei.

 

Marlene Dumas Platz in der Kunstgeschichte

Dumas‘ Einfluss auf die Malerei nach 2000 zeigt sich in der Selbstverständlichkeit, mit der eine jüngere Generation figurativer Maler heute zwischen Foto, digitaler Vorlage und gemaltem Bild wechselt. Ihre Arbeit hat gezeigt, dass das gemalte Porträt weder nostalgisch noch ironisch sein muss, sondern als direktes Medium für politische, erotische und existenzielle Fragen funktioniert.

 

Dass Dumas dabei immer auch die Gemachtheit des Bildes sichtbar ließ, die Spuren des Pinsels, die Ränder der Vorlage, die Lücken in der Darstellung, machte sie zu einer zentralen Figur der Malerei-Debatte der letzten Jahrzehnte. Marlene Dumas lebt und arbeitet seit 1976 in Amsterdam.

 

QUICK FACTS

  • Im Jahr 1953 wurde Dumas in der Nähe von Kapstadt, Südafrika, geboren. Ihre Biografie ist geprägt vom Aufwachsen unter dem Apartheid-System.
  • Von 1972 bis 1975 absolvierte sie ihr Kunststudium an der University of Cape Town und erwarb den Abschluss als Bachelor of Arts.
  • Im Jahr 1976 zog sie in die Niederlande. Sie studierte an den Ateliers ’63 in Haarlem bei Jan Dibbets und Ger van Elk.
  • Ende der 1970er-Jahre begann sie ein Psychologiestudium an der Universität Amsterdam, das sie nicht abschloss. In dieser Zeit begann auch die Zusammenarbeit mit der Galerie Paul Andriesse in Amsterdam.
  • In den 1980er-Jahren kehrte sie zur figurativen Malerei zurück. Sie nahm an der documenta in Kassel und der Biennale von Venedig teil. Werke wie „Jule-die Vrou“ (1985) und „The Schoolboys“ (1987) entstanden.
  • Zwischen 1993 und 1995 schuf sie zentrale Hauptwerke wie „The Image as Burden“ (1993) und „The Visitor“ (1995). In diese Zeit fiel auch die Geburt ihrer Tochter Helena, deren Kindheit in zahlreiche Arbeiten einfließt.
  • Im Jahr 2008 fand die Retrospektive „Measuring Your Own Grave“ im Museum of Modern Art, New York, statt. „The Visitor“ erzielte bei einer Auktion einen Rekordpreis für eine lebende Künstlerin.
  • Von 2014 bis 2015 war die große Retrospektive „The Image as Burden“ im Stedelijk Museum Amsterdam, der Tate Modern London und der Fondation Beyeler Basel zu sehen.
  • Im Jahr 2024 lebt und arbeitet Dumas weiterhin in Amsterdam. Ihre Werke befinden sich in internationalen Museumssammlungen, von der Kunsthalle Kiel bis zum Centre Pompidou in Paris.

Erwähnte Künstler

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Peter Doig – Maler zwischen Fotografie und malerischer Transformation

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