Nan Goldin
In den späten Siebzigerjahren begann Nan Goldin, ihre Freunde zu fotografieren, in Bars, in Betten, nach durchfeierten Nächten. Die Kamera war dabei, nicht als Werkzeug der Distanz, sondern als Teil des Lebens selbst. Was sie festhielt, war keine Szene von außen, sondern eine Welt, der sie angehörte. Dragqueens, Liebhaber, Süchtige, sie alle blickten zurück, ohne Pose. Goldin kam aus Boston, hatte dort mit anderen jungen Fotografen eine Haltung entwickelt, die das Persönliche nicht scheute. In New York fand sie das Umfeld, in dem diese Haltung zur Kunst wurde. Ihre Arbeiten gelten heute als bahnbrechendes Kapitel der Gegenwartskunst, doch damals waren sie vor allem eines: radikal nah.
Wichtige Werke und Ausstellungen
Goldins Schaffen kreist um Porträts, Diashows und Rauminstallationen, die das Intime öffentlich machen. Ihre Arbeiten zeigen Körper, Beziehungen und Verlust ohne jede Distanz, eingebettet in Musik und Licht. Wiederkehrend sind Szenen aus Nachtleben und Subkultur, Freundschaften und deren Enden. Die Grenzen zwischen Dokument und Bekenntnis verschwimmen dabei bewusst.
- The Ballad of Sexual Dependency (ab ca. 1979, fortlaufend) – Museum of Modern Art, New York
- The Ballad of Sexual Dependency (1994) – Neue Nationalgalerie, Berlin
- Die andere Seite (1992) – DAAD-Galerie, Berlin
- I’ll Be Your Mirror (1996) – Whitney Museum of American Art, New York
- Le Feu Follet (2001/2002) – Centre Pompidou, Paris
- Sisters, Saints and Sibyls (2004) – Privatbesitz
- Poste Restante. Slide Shows/Grids (2009) – C/O Berlin, Berlin
- This Will Not End Well (2022–2024) – Moderna Museet, Stockholm
Nan Goldins künstlerische Entwicklung
Nan Goldins Weg als Künstlerin lässt sich nicht von ihrer Biografie trennen. Persönliche Verluste, Zugehörigkeit zu Subkulturen und die Erfahrung von Abhängigkeit haben ihre Arbeit von Anfang an geformt. Ihre künstlerische Entwicklung verlief dabei weniger in klar abgegrenzten Phasen als in Wellen, die sich gegenseitig überlagerten. Was in Boston als intuitive Suche nach Nähe begann, wurde in New York zur eigenständigen künstlerischen Form und entfaltete sich in Berlin, London und Paris zu einem Werk von internationaler Tragweite.
Frühe Prägung und die Boston School of Photography
Der Suizid ihrer älteren Schwester Barbara, als Nan elf Jahre alt war, prägte ihren Blick auf Verlust und Verletzlichkeit von Grund auf. Goldin hat diesen Verlust wiederholt als den Ursprung ihres Bedürfnisses beschrieben, Momente und Menschen festzuhalten, bevor sie verschwinden. Mit 14 verließ sie ihr Elternhaus und fand in der Fotografie ein Mittel, die Welt um sich herum zu ordnen und gleichzeitig offenzulegen.
Ausbildung und erste künstlerische Stimmen
Ab 1974 studierte Goldin an der School of the Museum of Fine Arts in Boston. Dort bewegte sie sich in einem Kreis junger Fotografinnen und Fotografen, der später als Boston School of Photography bekannt wurde. Zu ihren engsten Weggefährten zählten David Armstrong und Mark Morrisroe. Diese Gruppe teilte ein Interesse an der unmittelbaren, ungeschönten Darstellung des eigenen Lebens. Die Fotografien aus dieser Zeit zeigen bereits Goldins Grundhaltung, die Kamera als Werkzeug der Nähe einzusetzen, nicht als Instrument der Beobachtung von außen.
Einflüsse von Diane Arbus und Larry Clark
Zwei Einflüsse waren in dieser frühen Phase besonders prägend. Diane Arbus hatte gezeigt, dass Fotografie die Ränder der Gesellschaft mit Würde und ohne Voyeurismus abbilden kann. Larry Clarks Fotobuch Tulsa (1971), das Drogenkonsum und Gewalt in einer Gruppe junger Menschen dokumentierte, lieferte ein Modell dafür, wie der Fotografierende selbst Teil der dargestellten Welt sein kann. Goldin übernahm diese Haltung und trieb sie weiter. Sie fotografierte nicht Fremde, sondern Freunde und Liebhaber, und machte sich selbst zur Figur innerhalb ihrer eigenen Bilder.
Nan Goldin in New York und die 80er-Jahre
Mit dem Umzug nach New York 1978 fand Goldin das Umfeld, in dem ihre Kunst ihre volle Kraft entfalten konnte. Die Stadt war damals ein Schmelztiegel aus Punk, Underground-Kultur und queerer Szene. Goldins Freundeskreis, Dragqueens, Musikerinnen, Sexarbeiterinnen und Künstler, wurde zum Personal ihres Werks.
Die Diashow als erzählerisches Format
Die Ballad of Sexual Dependency begann Ende der 1970er-Jahre als Live-Diashow in Bars und Clubs der Lower East Side. Goldin projizierte hunderte von Fotografien, begleitet von Musik, etwa von The Velvet Underground, James Brown oder Charles Aznavour. Die Auswahl der Songs war kein Beiwerk, sondern integraler Bestandteil der Erzählung. Sie verstärkte die emotionale Wirkung der Bilder, setzte Rhythmus und Pausen.
Goldin editierte die Diashow über Jahre immer wieder neu, fügte Bilder hinzu, nahm andere heraus. Die Ballad ist kein abgeschlossenes Werk, sondern ein lebendiges Tagebuch, das mit seiner Schöpferin weiterwächst. Diese Form der Diashow mit Musik war neu. Sie machte aus dem Betrachten von Fotografien ein gemeinschaftliches, fast filmisches Erlebnis. Die Bilder zeigten queere Lebensrealitäten, intime Momente und die Realität von Drogenabhängigkeit, alles eingebettet in einen Strom aus Licht, Farbe und Klang.
Schnappschuss-Ästhetik und das Rohe des Augenblicks
Goldins Fotografien aus dieser Zeit wirken wie Schnappschüsse, und das ist Absicht. Die sogenannte Snapshot-Ästhetik (also das bewusste Arbeiten mit der spontanen, ungestellten Aufnahme) wurde zu ihrem Markenzeichen. Unscharfe Ränder, satte Farben, der harte Blitz in dunklen Räumen. Ihre Bilder sehen aus, als hätte jemand mitten im Geschehen die Kamera gehoben, ohne zu warten, bis alles perfekt sitzt. Genau darin liegt ihre Kraft. Sie vermitteln das Gefühl, dabei gewesen zu sein.
Berlin, die AIDS-Krise und kollektive Erinnerung
Berlin wurde in den frühen 1990er-Jahren zu einem wichtigen Ort in Goldins Schaffen. 1991 erhielt sie ein DAAD-Stipendium und lebte längere Zeit in der Stadt. Sie dokumentierte das Leben von Künstlerfreunden, die Clubszene und die Folgen der AIDS-Epidemie, die ihren Freundeskreis in New York bereits schwer getroffen hatte.
Nan Goldin und die Aids-Krise in der Fotografie
Goldins Fotografien aus dieser Zeit gaben der Krankheit ein persönliches Gesicht. Statt klinischer Distanz zeigte sie die Körper ihrer Freunde, ihre Erschöpfung, ihre Zärtlichkeit, ihren Tod. Diese Bilder waren Akte des Erinnerns und des Widerstands gegen das Vergessen. Die Ausstellung Die andere Seite (1992) in der DAAD-Galerie Berlin und die Präsentation der Ballad in der Neuen Nationalgalerie festigten ihren Ruf in Europa. In Berlin entstand auch die Arbeit, die unter dem Titel Berlin Work bekannt wurde und 2010/11 in der Berlinischen Galerie zu sehen war.
Grid-Präsentationen als neue Darstellungsform
Neben den Diashows entwickelte Goldin eine weitere Präsentationsform, die sogenannte Grid-Präsentation (also die Anordnung von Fotografien in einem Rasterformat an der Wand). Während die Diashows eine zeitliche Abfolge erzeugen, ein Bild nach dem anderen, laden die Grids zum simultanen Betrachten ein. Der Blick wandert frei, stellt eigene Verbindungen her. Die Ausstellung Poste Restante. Slide Shows/Grids (2009) bei C/O Berlin zeigte beide Formate nebeneinander und machte diesen Unterschied erfahrbar.
Abhängigkeit und Aktivismus gegen die Sackler-Familie
Nach einer Operation entwickelte Goldin eine Abhängigkeit von OxyContin, einem Opioid der Firma Purdue Pharma, die der Sackler-Familie gehört. Die eigene Erfahrung mit Sucht führte sie 2017 zur Gründung der Aktivistengruppe P.A.I.N. (Prescription Addiction Intervention Now). Mit Protestaktionen in renommierten Museen wie dem Metropolitan Museum of Art und dem Louvre in Paris machte sie auf die Verbindung zwischen Sackler-Spenden und der Opioid-Epidemie aufmerksam. Mehrere Institutionen, darunter die Tate in London und das Guggenheim, distanzierten sich in der Folge von Sackler-Geldern. Goldins Stimmen gegen diese Verstrickung verschränkten ihr Werk und ihr politisches Engagement untrennbar miteinander.
Stilmerkmale von Nan Goldin
Nan Goldins Stil lässt sich am besten verstehen, wenn man sich vorstellt, jemand würde sein persönlichstes Fotoalbum öffentlich machen, ohne ein einziges Bild zu retuschieren oder auszusortieren. Ihre Fotografien wirken wie visuelle Tagebucheinträge, die jede ästhetisierende Distanz verweigern.
Confessional Art und subkulturelle Perspektive
Im Zentrum steht die Confessional Art (also die bekenntnishafte Kunst, bei der das eigene Leben zum Material wird). Goldins autobiografischer Zugriff macht Beziehungen, Körper und Verletzlichkeit sichtbar, ohne sie zu inszenieren. Die subkulturelle Perspektive, queere Szene, Nachtleben, Randmilieus, bildet den konstanten Rahmen. Ihre Darstellungen zeigen Gewalt, Drogenkonsum und Verlust mit einer Ehrlichkeit, die auf jeden Schutzfilter verzichtet.
Das berühmte Selbstporträt Nan One Month After Being Battered (1984) bringt diese Haltung auf den Punkt. Ein geschlagenes Gesicht, direkt in die Kamera blickend, ohne Kommentar. Die Diashows fügen den Einzelbildern eine zeitliche und musikalische Struktur hinzu. Bilder werden zu Sequenzen, begleitet von Songs, die Stimmungen setzen und Übergänge schaffen. So entsteht ein erzählerischer Sog, der weit über die einzelne Fotografie hinausgeht.
Techniken und Materialien
Goldins technische Mittel stehen im Dienst der Unmittelbarkeit. Sie arbeitet vorwiegend mit Farbfotografie, ursprünglich analog mit Kleinbildkameras, die sie wie ein Notizbuch immer bei sich trug.
Licht, Blitz und die Kraft des vorhandenen Raums
Ein zentrales Element ist der Einsatz von Available Light (also dem vorhandenen Licht eines Raumes), kombiniert mit direktem Blitzlicht. In dunklen Bars, Schlafzimmern oder Hotelzimmern erzeugt der Blitz jene charakteristischen, satten Farben und harten Schatten, die ihre Ästhetik prägen. Die Komposition wirkt spontan, oft leicht angeschnitten, als wäre keine Zeit gewesen, den Bildausschnitt zu korrigieren.
Für Drucke und Ausstellungen nutzte Goldin häufig das Cibachrome-Verfahren (ein Druckverfahren, das besonders leuchtende, langlebige Farbabzüge erzeugt). Ihre Bücher erschienen unter anderem beim Verlag Steidl, der für hochwertige Reproduktionen bekannt ist.
Die Diashow als immersives Gesamtkunstwerk
Die Diashows, ihr eigentliches Medium, kombinieren hunderte Fotografien mit sorgfältig ausgewählter Musik zu einem immersiven Erlebnis, bei dem Projektion, Rhythmus und Raumwirkung zusammenspielen. Diese Verbindung von Bild und Ton hebt ihre Arbeit von der klassischen Ausstellungsfotografie ab.
Goldins Einfluss und Vermächtnis
Nan Goldin veränderte die Wahrnehmung dokumentarischer Fotografie grundlegend, indem sie das Private öffentlich und politisch machte. Ihre Arbeit zeigte queere Lebensrealitäten zu einer Zeit, als diese in der institutionellen Kunstwelt kaum vorkamen. Die Ballad wurde zum Referenzpunkt für eine ganze Generation von Künstlerinnen und Künstlern, die Fotografie als persönliches Bekenntnis verstehen.
Auszeichnungen und internationale Anerkennung
Goldins Bedeutung spiegelt sich in einer Reihe wichtiger Auszeichnungen. Der Hasselblad Award, eine der renommiertesten Ehrungen der Fotografie, und der Käthe-Kollwitz-Preis unterstreichen die Anerkennung ihres Werks über Genregrenzen hinweg. Das Magazin Monopol führte sie als einflussreichste Künstlerin in seinem Ranking.
Die große Retrospektive This Will Not End Well, kuratiert von Klaus Biesenbach, wurde unter anderem im Moderna Museet in Stockholm und in der Neuen Nationalgalerie in Berlin gezeigt. Die Filmemacherin Laura Poitras widmete Goldin den Dokumentarfilm All the Beauty and the Bloodshed (2022), der bei den Filmfestspielen in Venedig den Goldenen Löwen gewann. Der Film verwebt Goldins Lebensgeschichte mit ihrem Aktivismus und erreichte ein Publikum weit über die Kunstwelt hinaus.
Wirkung auf die zeitgenössische Fotografie
Goldins Einfluss auf jüngere Fotografinnen und Fotografen lässt sich konkret benennen. Ihre Snapshot-Ästhetik und der bekenntnishafte Ansatz wurden zur Vorlage für Arbeiten von Wolfgang Tillmans, Ryan McGinley und Corinne Day. Tillmans übernahm die Idee, das eigene soziale Umfeld als fotografisches Thema zu behandeln, und entwickelte daraus eine eigenständige Praxis. Auch in der Kunsthalle Wien und vergleichbaren Institutionen der Gegenwartskunst sind die Spuren ihres Einflusses in zahlreichen Gruppenausstellungen zur zeitgenössischen Fotografie sichtbar.
Nan Goldin Platz in der Kunstgeschichte
Nan Goldins Werk steht an der Schnittstelle von Dokumentation und Bekenntnis. Sie machte die Fotografie zu einem Mittel, mit dem Verletzlichkeit nicht versteckt, sondern gezeigt wird. Die Ballad of Sexual Dependency wurde zum Vorbild für die Confessional Art der 1990er-Jahre und beeinflusste die Ästhetik von Modemagazinen, Musikvideos und der zeitgenössischen Kunst gleichermaßen. Ihr Aktivismus gegen die Sackler-Familie veränderte die Debatte über die ethische Verantwortung von Kulturinstitutionen und Mäzenatentum. Nan Goldin lebt und arbeitet heute in New York und ist mit über 70 Jahren weiterhin als Fotografin und Aktivistin tätig.
QUICK FACTS
- 1953 – Geboren in Washington, D.C., als Nancy Goldin
- 1964 – Suizid der älteren Schwester Barbara, als Nan elf Jahre alt war. Ein prägender Verlust für Leben und Werk
- 1974–1978 – Studium an der School of the Museum of Fine Arts in Boston. Zugehörigkeit zur Boston School of Photography mit David Armstrong und Mark Morrisroe
- Ab ca. 1979 – Beginn der Arbeit an The Ballad of Sexual Dependency als Live-Diashow in New Yorker Bars und Clubs
- 1986–1996 – Ausstellung der Ballad im MoMA New York (1986). I’ll Be Your Mirror im Whitney Museum (1996). Internationale Anerkennung als führende Fotografin der Gegenwartskunst
- 1991 – DAAD-Stipendium und Aufenthalt in Berlin. Ausstellungen in der DAAD-Galerie und der Neuen Nationalgalerie. Dokumentation der AIDS-Krise
- 2001–2009 – Ausstellungen im Centre Pompidou Paris, bei den Rencontres d’Arles und bei C/O Berlin. Weiterentwicklung der Grid-Präsentationen
- 2017 – Gründung der Aktivistengruppe P.A.I.N. und Beginn des öffentlichen Kampfes gegen die Sackler-Familie und die Opioid-Epidemie
- 2022–2024 – Retrospektive This Will Not End Well in Stockholm, Berlin und weiteren Stationen. Laura Poitras‘ Dokumentarfilm All the Beauty and the Bloodshed gewinnt den Goldenen Löwen in Venedig
- 2024/25 – Ausstellung High Noon in den Deichtorhallen Hamburg
Erwähnte Künstler
Lust auf mehr? Hier findest du die im Text verlinkten Vorbilder, Zeitgenossen und Nachfolger mit eigenen Kurzbiografien.