Anselm Kiefer

Anselm Kiefer

In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs, im März 1945, kam in Donaueschingen ein Kind zur Welt, das später die Trümmer seiner Epoche in Bilder verwandeln sollte. Anselm Kiefer wuchs in einem Land auf, das seine Geschichte zunächst verdrängte und dann mühsam zu benennen begann. Was ihn früh prägte, war nicht das Schweigen selbst, sondern die Ahnung, dass in diesem Schweigen etwas lag, das nach Form verlangte. Der Maler und Bildhauer fand seine Mittel im Schweren, in Blei, Asche und Erde, in Materialien, die Widerstand leisten. Seine Kunst gehört keiner Schule, auch wenn man sie dem Neo-Expressionismus zurechnet. Sie fragt nach dem, was bleibt, wenn alles verbrannt ist.

Wichtige Werke und Ausstellungen

Das Werk bewegt sich zwischen Gemälde und Skulptur, zwischen Leinwand und begehbarer Installation. Wiederkehrend sind Landschaften, die zugleich Schlachtfelder und Gedächtnisräume sein können, Architekturen, die an Bunker oder Tempel erinnern, Bücher aus Blei, die sich dem Lesen verweigern. Mythologie, Dichtung und religiöse Überlieferung durchdringen die Arbeiten, ohne dass eine Deutung je abgeschlossen wäre. Die Oberflächen tragen Spuren von Feuer und Zeit.

 

  • Deutschlands Geisteshelden (1973) – Privatbesitz
  • Märkische Heide (1974) – Stedelijk Van Abbemuseum, Eindhoven
  • Siegfried vergisst Brünhilde (1975) – Privatbesitz
  • Wege der Weltweisheit – Die Hermannsschlacht (1978) – Hamburger Bahnhof, Berlin
  • Dein goldenes Haar, Margarete (1981) – Privatbesitz
  • Sulamith (1983) – Privatbesitz
  • Die Frauen der Revolution (1992) – Privatbesitz

Die sieben Himmelspaläste (2004) – Pirelli HangarBicocca, Mailand

Anselm Kiefers künstlerische Entwicklung

Anselm Kiefers künstlerischer Weg lässt sich als eine fortlaufende Erweiterung von Themen und Materialien beschreiben. Was mit einer provokativen Geste in der deutschen Nachkriegslandschaft begann, weitete sich über die Jahrzehnte zu einem Werk, das jüdische Mystik, ägyptische Mythologie und kosmische Zyklen einschließt. Jede Phase brachte neue Materialien und neue Fragen mit sich, doch der Ausgangspunkt blieb derselbe, die Frage, wie Erinnerung und Geschichte in ein Bild gefasst werden können.

 

Frühe Ausbildung und die Besetzungen von 1969

Die künstlerische Laufbahn begann mit einer bewussten Konfrontation. Kiefer studierte zunächst bei Peter Dreher in Freiburg und anschließend bei Horst Antes in Karlsruhe. Beide Lehrer vermittelten ihm ein solides handwerkliches Fundament, doch Kiefer suchte von Anfang an nach einer Kunst, die über formale Fragen hinausging.

 

Der Hitlergruß als künstlerische Befragung

1969 sorgte er mit der fotografischen Performance „Besetzungen“ für einen Skandal, der ihn schlagartig sichtbar machte. Auf Studienreisen durch Europa fotografierte sich Kiefer an historisch aufgeladenen Orten, in Frankreich, der Schweiz und Italien, während er den Hitlergruß zeigte. Die Geste war keine Affirmation des Faschismus, sondern eine radikale Befragung. Kiefer, selbst in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs geboren, wollte verstehen, wie eine ganze Generation in die Verstrickung geraten konnte. Er stellte seinen eigenen Körper in die Position des Täters, um die Frage physisch spürbar zu machen. Die Fotografie diente ihm dabei als Medium der Selbstbefragung, ein Verfahren, das sein gesamtes späteres Werk durchziehen sollte.

 

Der Einfluss von Joseph Beuys auf Kiefers Materialverständnis

Der Kontakt mit Joseph Beuys in Düsseldorf wurde für Kiefers Entwicklung entscheidend. Beuys hatte den sogenannten „erweiterten Kunstbegriff“ geprägt, die Idee, dass Kunst über das einzelne Objekt hinaus in gesellschaftliche Prozesse eingreifen kann. Noch wichtiger für Kiefer war Beuys‘ Materialtheorie. Beuys arbeitete mit Filz und Fett als Trägern von Energie und Erinnerung. Er behandelte Materialien nicht als neutrale Werkstoffe, sondern als Bedeutungsträger mit eigener Geschichte.

 

Kiefer griff diesen Gedanken auf und übertrug ihn auf Blei, Asche, Stroh und Erde. Bei ihm wurden diese Stoffe zu Sinnbildern für Schwere, Vergänglichkeit und Transformation. Wo Beuys Wärme und Isolation thematisierte, ging Kiefer in Richtung Zerstörung und Wiedergeburt.

 

Deutsche Mythen, Paul Celan und die Bildpaare Margarete und Sulamith

In den 1970er- und frühen 1980er Jahren setzte sich Kiefer obsessiv mit deutscher Geschichte und Mythologie auseinander. Werke wie „Märkische Heide“ oder „Deutschlands Geisteshelden“ verknüpfen Landschaft mit kollektiver Erinnerung. Der Odenwald, märkischer Sand, leere Atelierfluchten, Kiefer verwandelte deutsche Topografie in Gedächtnisräume, die gleichzeitig an Größe und Schuld erinnern.

 

Zitate und Schriften im Bild als Erinnerungsschicht

Die Gedichte von Paul Celan, besonders die „Todesfuge“, wurden zu einer zentralen Quelle. Celans Verse „Dein goldenes Haar, Margarete“ und „Dein aschenes Haar, Sulamith“ führten zu einem der eindrucksvollsten Bildpaare in Kiefers Werk. In „Margarete“ dominieren Strohhalme, die aus der Bildoberfläche herausragen. Das goldene Haar der deutschen Frauenfigur wird buchstäblich greifbar. In „Sulamith“ hingegen öffnet sich ein dunkler Raum, der an die Architektur von Wilhelm Kreis‘ Totenburg erinnert, ein düsteres Sinnbild der Vernichtung.

 

Kiefer malte Celans Worte häufig direkt in seine Bilder hinein. Schriftzüge, Namen und Zitate strukturieren die Bildfläche als Denkraum. Das Bild wird dadurch zum Palimpsest, also zu einer Fläche, auf der mehrere Bedeutungsschichten übereinanderliegen, ähnlich einem Pergament, das immer wieder beschrieben und nie ganz ausgelöscht wurde.

 

Parallel dazu entstanden Werke wie „Wege der Weltweisheit – Die Hermannsschlacht“, die germanische Mythologie und die Vereinnahmung dieser Mythen durch den Nationalsozialismus in einem einzigen Bildraum übereinanderlegen. Kiefer zeigte, wie Sagen und Heldenfiguren wie Notung, das Schwert Siegfrieds, zu ideologischen Werkzeugen umgedeutet worden waren.

 

Internationaler Durchbruch und Kontroversen der 1980er Jahre

1980 vertrat Kiefer gemeinsam mit Georg Baselitz Deutschland auf der Biennale di Venezia. Die Reaktionen fielen heftig aus. Kritiker warfen beiden vor, mit nationalistischen Sinnbildern zu operieren, während Befürworter gerade in der schonungslosen Auseinandersetzung mit deutschen Themen einen überfälligen künstlerischen Beitrag sahen. Die Kontroverse machte Kiefer international bekannt.

 

In den folgenden Jahren zeigte er Einzelausstellungen in großen Museen in London, Paris und New York. Sammlung und Galerie wetteiferten um seine Arbeiten. 2008 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, eine ungewöhnliche Ehrung für einen bildenden Künstler, die seine Rolle als intellektueller Vermittler zwischen Bild, Text und Erinnerung unterstrich.

 

Die Bleibücher als eigenständiges Medium

In dieser Phase entwickelte Kiefer auch die Künstlerbücher zu einem eigenständigen Werkblock. Seine Blei-Bücher, teils über hundert Kilogramm schwer, sind keine Bücher im herkömmlichen Sinn. Ihre Seiten lassen sich kaum umblättern, das Blei widersteht der Berührung. Gerade darin liegt ihre Wirkung. Die Bleibücher verkörpern die Schwere von Geschichte, die sich dem schnellen Zugriff entzieht. Fotografien, gepresste Pflanzen und Asche finden sich zwischen den Seiten. Diese Bücher funktionieren als dreidimensionale Archive, als skulpturale Objekte, die den Widerspruch zwischen Wissen und Unzugänglichkeit physisch erfahrbar machen.

 

Frankreich, kosmische Weitung und das Atelier in Barjac

1993 verließ Kiefer Deutschland und ließ sich in Barjac in Südfrankreich nieder. Der Ortswechsel war kein Rückzug, sondern eine Befreiung. In Barjac erwarb er ein verlassenes Seidenspinnereigelände und verwandelte es über die Jahre in ein begehbares Gesamtkunstwerk. Unterirdische Gänge, Türme aus Beton, Gewächshäuser voller Bleiskulpturen und verfallende Pavillons bildeten ein Labyrinth, das zugleich Atelier, Archiv und Installation war. Das Gelände wurde selbst zum Kunstwerk, ein Ort, an dem die Grenzen zwischen Schaffensprozess und fertigem Werk verschwammen.

 

Die Themen öffneten sich in Barjac. Jüdische Mystik, Kabbala und ägyptische Mythologie traten neben die deutsche Geschichte. Die Installation „Die sieben Himmelspaläste“ in der Pirelli HangarBicocca in Mailand verkörpert diese kosmische Erweiterung. Sieben Betontürme, bis zu 14 Meter hoch und mit Blei-Büchern bekrönt, verweisen auf die sieben Himmelspaläste (Hechalot) der jüdischen Mystik. Die Arbeit verbindet Architektur, Skulptur und religiöse Überlieferung zu einem Raum, in dem der Besucher körperlich zwischen Schwere und Aufstieg steht. Der Makrokosmos, die große Ordnung des Universums, spiegelt sich in der materiellen Wucht dieser Türme.

 

Von Barjac nach Paris und die jüngsten Werkphasen

2007 verlagerte Kiefer seinen Arbeitsort nach Croissy-Beaubourg bei Paris. Auch hier verwandelte er eine ehemalige Industrieanlage, diesmal ein riesiges Lagerhaus, in ein Atelierareal von enormem Ausmaß. Die Werke dieser Phase zeigen Sonnenblumen, Sternenfelder und kosmische Landschaften. Ein wiederkehrendes Motiv ist der Sternenfall, also das Bild herabstürzender Himmelskörper als Metapher für Vergehen und Neuanfang.

 

Werke wie „Sternenlager IV“ und „Sternenfall“ verdichten diese Vorstellung in Gemälden, deren Oberflächen mit Emulsion, Schellack und Sand bearbeitet sind. Die Fotografie blieb auch in diesen Jahren ein Ausgangspunkt. Kiefer fotografiert Landschaften, Atelierräume und Objekte und überarbeitet die Abzüge dann mit Farbe, Blei oder anderen Materialien, sodass die Grenze zwischen fotografischem Dokument und malerischer Erfindung verschwindet.

 

Stilmerkmale von Anselm Kiefer

Anselm Kiefers Stil verbindet extreme physische Präsenz mit gedanklicher Dichte. Seine Arbeiten lassen sich dem Neo-Expressionismus zuordnen, jener Bewegung der 1970er und 1980er Jahre, die nach Jahrzehnten der Abstraktion wieder figürliche und erzählerische Elemente in die Malerei brachte.

 

Kiefers Bilder sind Materialbilder im wörtlichen Sinn. Blei, Asche, Stroh und Sand sind keine Dekoration, sondern tragen eigene Bedeutung. Blei steht in der Alchemie für Saturn, für Schwere und Transformation. Asche verweist auf Zerstörung, aber auch auf den Boden, aus dem Neues wächst. Die Oberflächen seiner Gemälde wirken wie archäologische Schichten, aufgerissen, verbrannt, wieder übermalt.

 

Schriftzüge und Zitate durchziehen viele Arbeiten und verwandeln die Bildfläche in einen Denkraum, in dem Bild und Text sich gegenseitig kommentieren. Die Farbpalette bewegt sich überwiegend in erdigen Grau-, Braun- und Schwarztönen, häufig durch Feuer oder chemische Prozesse verändert. Kiefers Bilder sind Assemblagen, also Zusammenfügungen verschiedener Materialien auf einer Fläche, die den klassischen Rahmen der Malerei sprengen und in den Raum hineinwachsen.

 

Techniken und Materialien

Die Frage, was für Materialien Anselm Kiefer verwendet, führt weit über die üblichen Werkzeuge eines Malers hinaus. Kiefer arbeitet mit Öl, Acryl, Schellack und Emulsion auf Leinwand, doch das eigentliche Kennzeichen seiner Technik liegt in der Integration unkonventioneller Stoffe.

 

Blei, Stroh und Feuer als gestalterische Mittel

Blei nimmt eine Sonderstellung ein. Kiefer gießt, hämmert und faltet es zu Büchern, Flugzeugen und ganzen Rauminstallationen. Stroh, Haare, Sand, getrocknete Pflanzen und verkohltes Holz werden in die Bildoberfläche eingebettet. Die Leinwand wird geschichtet, verbrannt, aufgerissen und wieder zusammengefügt. Malerei wird bei Kiefer zum plastischen Prozess, vergleichbar mit dem Arbeiten eines Bildhauers, der sein Material formt, statt es nur zu bemalen.

 

Auch Verfahren aus der Druckgrafik, etwa Techniken, die dem Holzschnitt verwandt sind, fließen gelegentlich in die Oberflächenbehandlung ein. Die Fotografie dient als Grundlage, Kiefer überarbeitet fotografische Abzüge mit Farbe und Materialschichten, bis das Ausgangsbild nur noch als Spur erkennbar bleibt. Jedes Material trägt eigene Bedeutung und verändert sich mit der Zeit weiter, was den Werken eine lebendige, fast organische Qualität verleiht.

 

Kiefers Einfluss und Vermächtnis

Anselm Kiefer erneuerte die Historienmalerei, indem er Tabus sichtbar machte, die in der deutschen Nachkriegskunst jahrzehntelang ausgeklammert worden waren. Während viele seiner Zeitgenossen abstrakte oder konzeptuelle Wege einschlugen, stellte er sich der deutschen Vergangenheit mit figurativen Mitteln. Seine Gemälde zeigten Hakenkreuz-verseuchte Landschaften, Heldenhallen und verbrannte Erde zu einer Zeit, als solche Bilder in der Kunst als unzumutbar galten.

 

Ehrungen und internationale Resonanz

Der Dialog mit Celans Dichtung eröffnete eine neue Bildsprache für Erinnerung und Krieg, die weit über die deutsche Kunstszene hinaus wirkte. Große Einzelausstellungen im Kunstforum, in der Royal Academy in London, im Centre Pompidou in Paris und im Metropolitan Museum in New York festigten seinen Ruf. Der Goslarer Kaiserring, der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und zahlreiche weitere Ehrungen, darunter die Aufnahme in die Sammlung Würth, belegen die Breite seiner Anerkennung über Ländergrenzen und Disziplinen hinweg.

 

Seine Verbindung von Mystik, Kunst und Mythologie, von Material und Monumentalität machte ihn zu einer Bezugsfigur für Künstler, die sich mit Geschichte, Erinnerung und der physischen Präsenz von Malerei auseinandersetzen. Die Idee, dass ein Gemälde nicht nur betrachtet, sondern körperlich erfahren werden soll, hat er wie kaum ein Zweiter in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorangetrieben.

 

Anselm Kiefer Platz in der Kunstgeschichte

Anselm Kiefers Einfluss auf nachfolgende Künstlergenerationen zeigt sich konkret in der Rückkehr der Materialität in die Malerei. Künstler wie Matthew Barney, Julie Mehretu und Mark Bradford greifen auf Verfahren zurück, die Kiefer mit seinen geschichteten, aufgerissenen Oberflächen etabliert hat. Sein Werk bewies, dass figurative, geschichtsbeladene Malerei im Zeitalter von Konzeptkunst und Minimalismus bestehen konnte, und öffnete damit Türen für den gesamten Neo-Expressionismus des späten 20. Jahrhunderts. Anselm Kiefer lebt und arbeitet heute in Croissy-Beaubourg bei Paris.

 

QUICK FACTS

  • 1945: Geburt am 8. März in Donaueschingen, wenige Wochen vor Ende des Zweiten Weltkriegs
  • 1966–1969: Studium bei Peter Dreher in Freiburg und Horst Antes in Karlsruhe; Entstehung der fotografischen Performance „Besetzungen“ mit dem Hitlergruß an historischen Orten in Europa
  • 1970–1972: Kontakt mit Joseph Beuys in Düsseldorf; Übernahme der Materialtheorie und des erweiterten Kunstbegriffs
  • 1973–1983: Intensive Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte und Mythologie; Schlüsselwerke wie „Deutschlands Geisteshelden“, „Margarete“ und „Sulamith“ entstehen; Werkserien zu Paul Celans „Todesfuge“
  • 1980: Kontroverse Teilnahme an der Biennale di Venezia gemeinsam mit Georg Baselitz
  • 1984–1993: Internationaler Durchbruch mit Einzelausstellungen in London, Paris und New York
  • 1993–2007: Umzug nach Barjac in Südfrankreich; Ausbau des Ateliergeländes zum Gesamtkunstwerk; Entstehung der „Sieben Himmelspaläste“ für Mailand
  • 2007–heute: Verlagerung nach Croissy-Beaubourg bei Paris; kosmische und mythologische Themen; weiterhin große Ausstellungen und Ehrungen weltweit, darunter der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2008

Erwähnte Künstler

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